Warum die „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ wichtiger denn je ist

24.11.2014 – von Richard M. Ebeling.

Richard M. Ebeling

Vor achtzig Jahren im Herbst 1934 erschien Ludwig von Mises‘ Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel zum ersten Mal auf englisch [auf deutsch bereits 1912 – Anmerk. d. Übersetzers]. Es bleibt eines der wichtigsten Bücher über Geld und Inflation, das im zwanzigsten Jahrhundert verfasst wurde, und liefert selbst acht Jahrzehnte später immer noch die klarste Analyse und das klarste Verständnis von Aufschwung und Niedergang sowie von Inflation und Depression.

Mises beharrte darauf, dass die volkswirtschaftliche Achterbahn der Konjunkturzyklen nicht der Schwäche oder den Widersprüchen des kapitalistischen Systems der freien Marktwirtschaft innewohnt. Vielmehr folgen wirtschaftlicher Niedergang und Depression einem inflationären Aufschwung ursprünglich aus dem Grund, dass der Staat regulierend in das Bank- und Geldwesen eingreift.

Geld ist ein Kind des Marktes – nicht des Staates

Mises stützte sich auf Carl Mengers frühere Arbeiten und zeigte, dass Geld nicht die Schöpfung oder Erfindung des Staates ist. Geld ist eine gesellschaftliche Institution, die auf dem Markt beruht und von ihm erzeugt wird. Es bildet sich spontan im zwischenmenschlichen Austausch, der danach strebt, die Hürden und die Mühsal des direkten Tausches zu überwinden.

Die Menschen erkennen, dass bestimmte Güter Eigenschaften und Merkmale in sich vereinen, die sie marktgängiger als andere machen, und daher leichter gegen die unterschiedlichsten anderen Güter eingetauscht werden können, welche man von potentiellen Tauschpartnern erwerben will.

Im Laufe der Geschichte kristallisierten sich Gold und Silber als geeignetste Tauschmittel mit den gewünschten Eigenschaften heraus, um das stetig wachsende Netzwerk vielschichtiger Marktgeschäfte zu ermöglichen, welches wiederum stetige Produktivitätszuwächse durch Arbeitsteilung ermöglichte.

Geld und der Ersparnis- und Investitionsprozess

Geld erleichtert nicht nur den Austausch von Gütern und Dienstleistungen in der Gegenwart – etwa vorhandener Äpfel gegen vorhandene Bananen -, sondern erleichtert oder ermöglicht einen zeitversetzten Austausch bei der Übertragung von Gütern und Gebrauchsrechten.

Investoren können sich mit Sparern darauf einigen, dass sie deren Ersparnisse zum Erwerb und zur Anwerbung verschiedener Produktivkräfte verwenden darunter Kapitalgüter, Mitarbeiter und benötigte Rohstoffe, um sie zur Produktion zukünftiger Konsumgüter einzusetzen, welche sich hoffentlich als vermarktbar und gewinnbringend erweisen.

Aus dem Erlös derartiger Verkäufe zahlt der Investor das angelegte Geld mit dem vereinbarten Zins zurück, in welchem die Zeitpräferenz der Sparer zum Ausdruck kommt, also ihre Bereitschaft, über den Darlehenszeitraum auf Teile ihres Einkommens zu verzichten.

In einem Warengeldsystem – etwa einem marktbasierten Goldstandard – besteht kaum eine Lücke zwischen Einkommen und Konsumausgaben sowie zwischen Ersparnissen und den Krediten für Investitionen.

Angenommen die Menschen verdienen in einem bestimmten Zeitraum 1000 $ und entschließen sich dazu, 750 $ für ihren Konsum auszugeben und die übrigen 250 $ zu sparen.

Diese aufgesparten 250 $ können gegen Zinsen an jene verliehen werden, die Investitionsprojekte in Angriff nehmen wollen. Betriebsmittel – bestehend aus Kapital, Arbeitskräften und Rohstoffen – im Wert einer Kaufkraft von 250 $ werden von den Sparern an die Investoren übertragen. Die restlichen Betriebsmittel der Volkswirtschaft im Umfang von 750 $ Kaufkraft sind darauf ausgerichtet, alsbald verfügbare Konsumgüter herzustellen und zu vermarkten, weil die Einkommensbezieher diese Mittel lieber unmittelbar ausgeben wollen.

Die knappen und wertvollen Betriebsmittel einer Gesellschaft werden also gewissermaßen den beiden grundsätzlichen Verwendungsarten zugeteilt, welche darin bestehen, entweder Gegenwartsgüter herzustellen (etwa ein vorhandener Backofen, welcher zusammen mit Arbeit und Rohmaterial das tägliche Brot der Menschen herstellt) oder solche Güter, die erst später verfügbar und nützlich sein werden (wie die Herstellung neuer Backöfen, welche verschlissene Backöfen ersetzen oder die Gesamtmenge aller Backöfen erhöhen, so dass die zukünftige Brotproduktion gesteigert werden kann).

Wie alle anderen Marktpreise stimmen die Zinssätze die Entscheidungen von Sparern und Kreditnehmern aufeinander ab und bringen so Angebot und Nachfrage für Konsumgüter und langfristige Investitionsgüter miteinander in Einklang.

Prinzipiell deutet nichts darauf hin, dass in einer freien Marktwirtschaft Kräfte vorhanden sind, welche auf ein Ungleichgewicht oder ein Auseinanderlaufen der Entscheidungen der Marktteilnehmer zusteuern – und das sowohl in Bezug auf vorhandene Konsumgüter als auch auf Sparanstrengungen in der Gegenwart im Austausch für bessere und reichlichere Güter in der Zukunft, welche gewinnorientierte Unternehmer durch informierte und erfolgreiche Investitionsentscheidungen ermöglichen.

Zentralbanken als Auslöser von Konjunkturzyklen

Doch Ludwig von Mises zeigte in seiner Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel und anschließend ausführlicher in seinem Magnum Opus Nationalökonomie, wie das Zusammenspiel des wettbewerbsorientierten freien Marktes durch die Geldpolitik der Regierungen und Zentralbanken aus dem Tritt gerät.

Zum einen können Zentralbanken unter einem verwässerten Goldstandard und schließlich unter einem rein staatlichen Papiergeld den Anschein erwecken, volkswirtschaftlich werde mehr zur Fortführung von Investitionen angespart, als es tatsächlich der Fall ist.

Beispielsweise ist die US-Notenbank berechtigt, Staatsanleihen und andere „Vermögenstitel“ wie Hypothekenbriefe zu kaufen, indem sie Geld „aus der Luft“ schöpft und anschließend auf dem Kreditmarkt des Bankensystems verleiht.

Zwar können die Menschen ihre Einkünfte weiterhin im selben Verhältnis auf den Konsum und das Sparen verwenden, aber die Kreditinstitute bieten potentiellen Kreditnehmern nun künstlich geschaffene Darlehen zu Zinssätzen ab, die unterhalb derer liegen, die sich auf dem Markt gebildet hätten, was eine Verschuldung für Investitionsvorhaben attraktiver macht.

Setzen wir das obige Beispiel fort und nehmen an, dass die Menschen weiterhin 750 $ ihres Einkommens von 1000 $ für Konsumgüter ausgeben und die restlichen 250 $ sparen. Doch die Zentralbank bietet auf dem Kreditmarkt zusätzliche Darlehen im Umfang von 250 $ an.

Für Investitionen verschulden sich die Kreditnehmer aufgrund der niedrigen Zinsen mit insgesamt 500 $ – davon sind 250 $ „echte Ersparnisse“ und 250 $ künstlich erzeugte Darlehen. Sie versuchen knappe realwirtschaftliche Mittel einer Volkswirtschaft im Wert von 500 $ in Investitionsvorhaben zu lenken, welche die wirtschaftliche Produktionsleistung erst zu einem späteren Zeitpunkt erhöhen.

Doch die Einkommensbezieher geben weiterhin 750 $ ihres Einkommens für Konsumgüter aus. Dies führt dazu, dass die knappen und begrenzten Kapital-, Arbeits- und Rohstoffressourcen einer Volkswirtschaft zugleich in zwei unterschiedliche Richtungen „gezogen“ werden – in die Herstellung von Konsumgütern im Wert von 750 $ und von Investitionsgütern im Wert von 500 $, wobei ursprünglich nur echte und knappe Betriebsmittel im Wert von 1000 $ vorhanden sind.

Preisinflation und Fehlleitung von Ressourcen

Dies erhöht unausweichlich das Preisniveau der Volkswirtschaft über den Stand hinaus, der sich gebildet hätte, wäre die Geldmengenerhöhung der Zentralbank über zusätzliche Bankdarlehen ausgeblieben. Konsumenten und Investoren überbieten sich nämlich gegenseitig beim Versuch, die Güter und Dienstleistungen an sich zu ziehen. Daher legt eine solche Geldmarktintervention stets die Saat für eine spätere Preisinflation.

Zugleich legt Mises dar, dass der Umstand, dass neu geschaffenes Geld in Form von Investitionsdarlehen über das Bankensystem in die Wirtschaft fließt, zur Fehlinvestition von Kapital und zur Fehlleitung von Arbeit und anderen Ressourcen führt, weil die Darlehensnehmer in unserem Beispiel versuchen 50 % der volkswirtschaftlichen Ressourcen in Zukunftsinvestitionen zu lenken (500 $), wogegen die Einkommensbezieher nur 25 % ihrer Einnahmen anlegen wollen (250 $).

Obgleich die Preisinflation das nominale Einkommen in Dollar erhöht, macht sich das Spannungsverhältnis zwischen Sparen und Investieren, welches die Geldpolitik der Zentralbank erzeugt, bemerkbar im Auseinanderlaufen des Einkommensanteils (und den damit verknüpften Ressourcen), den die Menschen in Sparanlagen stecken wollen, und des Anteils der realen Ressourcen der Volkswirtschaft, den Kreditnehmer aufgrund der Geldschöpfung durch die Zentralbank für Investitionen einsetzen wollen.

Auf die Fehlleitung während der Inflation folgt die Korrektur in der Rezession

Diese Fehlleitung von Kapital, Arbeit und Rohstoffen durch die Entkopplung von den tatsächlichen Konsum- und Sparentscheidungen der Menschen bedeutet, dass jeder Aufschwung, der auf einer Ausweitung der Geldmenge beruht, bereits die Saat für den späteren unausweichlichen Niedergang in sich trägt.

Weshalb? Weil ab dem Moment, in dem man die Geldmengenausweitung entweder verlangsamt oder beendet, die Zinsen sich den tatsächlichen Sparanstrengungen anpassen, welche volkswirtschaftlich für die Aufrechterhaltung von Investitionen notwendig sind. Von da an stellt man fest, dass Kapital und Arbeit in Investitionsprojekte und Beschäftigungsverhältnisse gelenkt wurden, welche in einem Umfeld ohne Geldmengenausweitung nicht fertiggestellt oder instandgehalten werden können.

Beim wirtschaftlichen Niedergang handelt es sich daher um einen Zeitabschnitt, in welchem die Fehlleitung knapper Ressourcen zum Vorschein kommt, und sich Angebot und Nachfrage neu ausrichten und aufeinander einpendeln müssen, um zu einer Harmonie des Marktes und des Wettbewerbs im Wirtschaftsgeschehen einer Gesellschaft zurückzukehren und so dauerhaftes Wachstum, Beschäftigung und eine Erhöhung des Lebensstandards zu gewährleisten.

Der derzeitige Konjunkturzyklus, welchen die Vereinigten Staaten und die Weltwirtschaft seit einem Jahrzehnt durchmachen, bildet ein Anwendungsbeispiel für Mises‘ Überlegungen, welche er vor Jahrzehnten in der Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel dargelegt hat, und belegt, dass ein Verständnis dieses wahren Klassikers der Geldtheorie und Geldpolitik von unschätzbaren Wert ist, um die Konjunkturzyklen unserer Zeit zu beenden.

Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Leske (seine website ist www.minimalstaat.de). Der Originalbeitrag mit dem Titel Why The Theory of Money and Credit Is More Important Than Ever ist am 8.11.2014 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Lesen Sie einen weiteren Beitrag von Richard M. Ebeling: Mission Moskau: Die verlorenen Dokumente des Ludwig von Mises

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Richard M. Ebeling lehrt Volkswirtschaft an der Northwood Universtity. Er war Präsident der Foundation for Economic Education und ist Adjunct Scholar des Mises Institut, Auburn, US Alabama.

 

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