Der Gold-als-Recheneinheit-Standard

16.2.2018 – Wie eine Vielzahl privater Währungen mit einer einzigen Recheneinheit vereinbar ist

von Kristof Berking.

Dieser Artikel erschien 2011 in dem Smart Investor Sonderheft „Gutes Geld“. Mit einem Klick auf das Bild können Sie das PDF herunterladen.

Gutes Geld ist gedecktes Geld. Gedecktes Geld ist entweder Sachgeld, das unmittelbar durch seinen intrinsischen Wert gedeckt ist, oder aber echtes Kreditgeld, das durch ein konkretes, zeitlich terminiertes und auf Sachgeld oder -leistung lautendes Zahlungsversprechen des Emittenten gedeckt ist (z.B. ein Handelswechsel). In einer gesunden, marktwirtschaftlichen Geldordnung gibt es nur diese beiden Sorten von Geld. Jedes Geldsystem dagegen, das bloße Geldzeichen, für die der Emittent keinerlei Sachwert vorhält oder auf Termin verspricht, per Gesetz zum allgemeinen Zahlungsmittel macht, ist ein schlechtes, ein grundsätzlich krisenhaftes und ungerechtes System. Warum ist das so? Vor allem weil niemand, auch nicht eine noch so kluge Behörde, wissen kann, wie groß die Geldmenge und wie die Kaufkraft des Geldes sein muss. Die monetäre Planwirtschaft, die die zwangsläufige Folge eines an keinen Sachwert gebundenen Scheingeldes ist, zerstört durch ihre permanente Verfälschung der Preise die Marktwirtschaft. Jede zentrale Geldmengensteuerung bedeutet Preisfixing.

Geld als das marktgängigste Gut

In einer marktwirtschaftlichen Geldordnung wäre Geld tatsächlich ein Tauschgut, und zwar per definitionem das marktgängigste Gut. Welches Gut sich am besten als Geld eignet, ist im Laufe der Geschichte längst entschieden worden. Von allen marktgängigen Gütern, die als Sachgeld in Frage kommen, haben Gold und Silber unterm Strich mit Abstand die besten Geldeigenschaften; Gold wegen seines großen überirdischen Bestandes und weil es nicht verbraucht wird noch etwas mehr als Silber. Deshalb ist bei allen, die für eine marktwirtschaftliche Geldordnung plädieren, immer von Gold als Geld die Rede und nicht selten auch von einem „Goldstandard“. Dies wirft die berechtigte Frage auf, ob denn überhaupt genug Gold vorhanden ist. Muss die Geldmenge nicht mit der Wirtschaft, der Warenmenge und der Weltbevölkerung wachsen können?

Eine Antwort, die man zuweilen darauf erhält, lautet: Jede Goldmenge ist ausreichend, um die Geldmenge zu decken bzw. die Geldmenge zu sein. Diese Antwort ist zwar logisch nicht verkehrt, aber dennoch falsch. Natürlich könnte man die Weltgeldmenge auch mit einem Hosenknopf aus Gold decken – genug isolierbare Moleküle hat er vermutlich –, aber das wäre offensichtlich nicht sinnvoll. Ebenso ist es nicht sinnvoll und widerspräche sogar den eigenen marktwirtschaftlichen Prämissen der Marktgeld-Befürworter, wenn der Staat oder eine Staatengemeinschaft die Geldmenge auf die zufällig gerade über der Erdoberfläche befindliche und als Geld verwendbare Menge eines Gutes fixieren würde, zum Beispiel indem man Gold zum alleinigen gesetzlichen Zahlungsmittel erklärte. Auch das wäre eine Form des zentralen Preisfixing, das es zu vermeiden gilt.

Allein Angebot und Nachfrage dürfen über die Geldmenge entscheiden

Der Grund, weshalb zuweilen gesagt wird, dass jede Menge Gold als Geldmenge ausreiche, ist der, dass man auf jeden Fall eine Inflationierung des Geldes, das heißt eine Ausweitung der Menge ungedeckten Geldes, unterbinden muss, und dazu ist eine Beschränkung der Geldmenge auf Gold tatsächlich geeignet, denn Gold kann nicht beliebig vermehrt werden. Außerdem sei Preisdeflation nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Auch das ist richtig, denn wenn Güter durch eine Effizienzsteigerung der Produktion allgemein billiger werden, wie dies in der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert der Fall war, so ist das nur normal und erfreulich, und es wäre verkehrt und schädlich, die Geldmenge künstlich zu erhöhen, d.h. ungedecktes Geld zu emittieren, nur damit die alten, höheren Preise der weniger effizient produzierten Güter gehalten werden können.

Aber: Es wäre auch nicht richtig, eine Preisdeflation mutwillig herbeizuführen, indem man die Geldmenge künstlich etwa auf die vorhandene Menge Gold fixiert, während zum Beispiel die Weltbevölkerung wächst oder die Nachfrage nach einem allgemeinen Tauschmittel, also Geld, aus anderen Gründen steigt, wie dies zum Beispiel in dem ungeheuer prosperierenden 12. und 13. Jahrhundert der Fall war, als hunderte von Städten gegründet und Kathedralen gebaut wurden, die deutsche Ostsiedlung stattfand und die Hanse aufblühte.

Die Geldmenge muss floaten können

Wie groß die Geldmenge sein muss, soll also allein Angebot und Nachfrage bestimmen und nicht ein Monopol, weder durch ungedeckte Geldmengenvermehrung, die nur den damit privilegierten Kreditinstituten dient, noch durch Fixierung der Geldmenge auf einen einzigen Rohstoff, was eine Preisdeflation künstlich verursachen könnte. Bereits dies ist ein hinreichender Grund, die Wiedereinführung eines gesetzlichen Goldstandards abzulehnen. Es gibt aber noch weitere Gründe.

Wenn der Staat vorschreibt, dass nur Gold als Geld zu verwenden ist, dann entsteht in der Tat das Problem der Hortung. Da in einer arbeitsteiligen Wirtschaft jeder zum Wirtschaften auf Geld angewiesen ist, wird es für die Goldbesitzer attraktiv, das Gold zurückzuhalten und nur gegen Zinsen zu verleihen. Wenn die Menschen jedoch jederzeit auf ein anderes Sachgeld, zum Beispiel Silber, ausweichen könnten, wäre es nicht möglich, Gold zu „cornern“, wie es in der Börsensprache heißt. Da die Verfügung über das bereits vorhandene Gold und die Goldminen heute nicht gleichmäßig über die Welt verteilt ist, wäre es auch aus geopolitischen Gründen bedenklich, sich der Möglichkeit zu begeben, etwas anderes als Gold als Geld zu verwenden.

Ein gesetzlicher Goldstandard ist abzulehnen

Eine staatliche Goldwährung, die zum alleinigen gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt wird, würde auch bedeuten, dass der Staat jederzeit mit einem Federstrich die Volldeckung wieder aufheben könnte, und das Pyramidenspiel des zinsbelasteten Scheingeldes ginge von vorne los. Eine Emanzipation der Wirtschaft von staatlicher Lenkung verlangt vollkommene Geldfreiheit.

Vermutlich ist auch tatsächlich nicht genug Gold vorhanden, um alles Geld der Welt zu decken, ohne dass dadurch die Kaufkraft des Goldes extrem ansteigen würde. Wir wissen seit Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden, was eine Unze Gold kauft, nämlich zum Beispiel einen Herrenanzug bzw. eine Toga oder ein Gewand; so beurteilt der Markt das Wertverhältnis. Wenn man nun sieben Milliarden Menschen oder auch nur die Bevölkerung der Industrienationen zwingen würde, ausschließlich Gold als Tauschmittel zu verwenden, so würde das eine derartige Steigerung der Nachfrage nach Gold bewirken, dass eine Unze vielleicht einen Mercedes kauft oder zehn oder zwanzig Mercedes. Aber das steht in keinem Verhältnis zu der seit Jahrtausenden bekannten Kaufkraft des Goldes, die natürlich auch mit dem Aufwand zusammenhängt, den es kostet, eine Unze Gold herzustellen. Die Menschen würden die Gesetze umgehen und Silber oder andere Tauschgüter als Bezahlung verlangen, weil jeder weiß, dass ein Mercedes mehr wert ist als ein Krügerrand.

Auch würden die Gold- und Goldminenbesitzer durch diese erzwungene Nachfrage nach Gold ungerecht bereichert. Wie hoch die Kaufkraftsteigerung ausfallen würde, wenn Gold zum alleinigen gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt würde, kann niemand genau wissen, schon deshalb nicht, weil die immer wieder kolportierte Zahl von 160.000–170.000 Tonnen Gold, die sich auf der Erdoberfläche befinden sollen, falsch sein kann. Aber diese Frage muss auch gar nicht beantwortet werden, da bereits die oben genannten Gründe ausreichen, einen gesetzlichen Goldstandard entschieden abzulehnen. Die Geldmenge muss nach Bedarf der Menschen und des Marktes wachsen und schrumpfen können.

Die Bestimmung von Gold zum alleinigen Zahlungsmittel wäre schließlich auch deshalb schädlich, weil die künstliche Nachfrage nach Gold, die damit erzwungen wird und die die Kaufkraft des Goldes nach oben manipuliert, auch seine Funktion als Recheneinheit beeinträchtigen würde. Dieser Rolle als möglichst unveränderlicher Maßstab, die Gold mit seiner unschlagbar stabilen Kaufkraft über die Jahrhunderte und Jahrtausende tatsächlich gespielt hat, kann es am besten gerecht werden, wenn der Goldmarkt vollständig frei und unmanipuliert ist, wozu eben auch gehört, dass keine unnatürliche Nachfrage erzwungen wird. Es klingt paradox, aber um gutes Geld sein zu können, darf Gold nicht zum alleinigen Geld gemacht werden.

Freiheit der Geldproduktion ist die Lösung

Die einzig richtige Lösung kann also nur eine völlige Deregulierung des Geldmonopols und Freigabe der Geldproduktion sein, was man als Free Banking bezeichnen könnte und wofür noch eine geschmeidige deutsche Bezeichnung fehlt. Staat und Geldproduktion müssen getrennt werden, wie Staat und Kirche im Mittelalter getrennt wurden. Jede Generation hat ihren Freiheitskampf zu kämpfen, denn der Typus Ausbeuter stirbt nie aus und sucht sich immer neue Pfründe. Den monetären Laizismus durchzusetzen, ist der Freiheitskampf unserer Zeit. Die Bereitstellung und Definition eines allgemeinen Tauschmittels ist keine Aufgabe des Gewaltmonopols und würde unglaublich viel effizienter und billiger von privaten Anbietern bewerkstelligt werden, wenn der Staat seinen Kreditgebern keinen Freibrief zur Geldschöpfung aus dem Nichts ausstellen würde. Dazu müssten die Zentralbanken und alle Gesetze abgeschafft werden, die das heutige Geldmonopol konstituieren, vor allem das schuldrechtliche Institut des gesetzlichen Zahlungsmittels und das Teilreserveprivileg der Banken.

Ein hocheffizientes und gerechtes Geldwesen könnte allein nach den allgemeinen Rechtssätzen des Zivil- und Strafrechts betrieben werden, wie pacta sunt servanda, Betrug ist strafbar usw. Überhaupt bedarf eine natürliche Geldordnung gesetzestechnisch so gut wie keiner neuer Regeln, sondern nur der ersatzlosen Streichung unzähliger Sondergesetze, die in den letzten ein bis drei Jahrhunderten für das Geschäftsmodell der Scheingeldverleiher geschaffen wurden. Nach diesem Geschäftsmodell geht es bei der Vergabe von Bankkrediten – etwa an den Staat – gar nicht um die Rückzahlung; das ginge ja auch gar nicht, da es in einem Schuldgeldsystem kein Geld mehr gibt, wenn alle Schulden zurückgezahlt werden. Bankkredit ist in diesem System vielmehr nur ein Vehikel zur Generierung permanenter Einnahmen, der sogenannten Zinsen. Tatsächlich nutzt das heutige Geldsystem mehr noch, als dass es den Politikern nützt, den Banken.

Von dem Duo, das das heutige Scheingeldsystem geschaffen hat, nämlich einerseits den Bankern, die durch Schuldgeldvergabe aus dem Nichts dauerhafte Zinseneinnahmen generieren wollen, und den Politikern andererseits, die mehr Geld ausgeben wollen, als sie durch Steuern einnehmen können, sind die Banker der intelligentere und langfristiger denkende Spieler. Sie sind es historisch auch gewesen, die sich den Kreditgeber letzter Instanz (lender of last resort) geschaffen haben, nicht umgekehrt. Die Zentralbanken sind der Büttel der privaten Geschäftsbanken. Die heutigen Banken sind daher auch die größten Feinde einer Deregulierung des Geldmonopols und werden sich gegen Free Banking wehren.

Bankenfreiheit in praxi

Was würde nun also passieren, wenn das derzeitige Scheingeldsystem beendet, eine marktwirtschaftliche Geldordnung mit Bankenfreiheit zugelassen und auch kein gesetzlicher Goldstandard eingeführt würde? Es würde tatsächlich als erstes Gold als Geld angeboten und verwendet werden, weil es besser geeignet ist als alles andere. Praktisch hat man sich das natürlich nicht so vorzustellen, dass Goldmünzen von Hand zu Hand gehen, sondern dass Banken Einlagen annehmen, sie sicher verwahren und als Dienstleistung den Zahlungsverkehr elektronisch abwickeln oder vielleicht auch Banknoten herausgeben, natürlich jederzeit 100% gegen Gold einlösbar. Neben diesen Depositen- und Girobanken würde es auch Investmentbanken geben, die zwischen Sparern und Kapitalsuchern vermitteln.

Wie oben ausgeführt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass zu der realistischen, aus der Geschichte bekannten Kaufkraft des Goldes genügend Gold vorhanden ist, um den globalen Bedarf an allgemeinem Tauschmittel zu decken, zumal das Goldgeld in gewissem Grade auch als Wertaufbewahrungsmittel dem Geldkreislauf entzogen werden kann. Kein Problem. Da Geldfreiheit herrscht, kann, wer kein Gold hat – zum Beispiel auch eine ganze Nation – oder wem die Kaufkraft des Goldes zu hoch erscheint, ein anderes Sachgeld verwenden, zum Beispiel Silber. Die heutigen elektronischen Kommunikationsmittel machen es möglich, praktisch jeden Sachwert fungibel zu machen, sogar Immobilien. Free Banking ist heute einfacher denn je.

Jeder Sphäre ihr eigenes Geld

Dass Gold das am besten geeignete Sachgeld sei, darf auch kein Dogma sein. Für bestimmte Wirtschaftsbereiche ist vielleicht Silber das bessere Geld. Tatsächlich war Silber immer das Geld der täglichen Geschäfte – auf Französisch heißt Geld sogar Silber, argent, und auch die indische Währungsbezeichnung Rupie kommt von Silber –, und Gold war das Geld für größere Transaktionen. Es ist sogar unwahrscheinlich, dass das Geld, das beim Kaufmannsladen an der Ecke über die Theke geht, dasselbe Geld ist, das im internationalen Großhandel verwendet wird. Es würde wahrscheinlich viele Gelder geben. Auch die heute vielerorts ausprobierten „Komplementärwährungen“, wie z.B. Gutscheinsysteme, haben eine Chance. All das wird der Markt erweisen.

In einer freiheitlichen Geldordnung mit freiem Marktgeld kann die Geldmenge also mit der Wirtschaft, dem Warenangebot und der Geldnachfrage wachsen. Die kurzfristige Flexibilität der Geldmenge ist zudem durch echtes Kreditgeld, insbesondere Handelswechsel, gewährleistet. Das konkrete Versprechen eines Kaufmanns, in 91 Tagen so und so viel Gold zu zahlen, kann bis zum Zahltag als Zahlungsmittel kursieren. Dieses echte Kreditgeld, bei dem der Aussteller selbst für einen bestimmten späteren Zeitpunkt die Zahlung von (Sach-)Geld verspricht, das er jetzt noch nicht hat, ist legitime, zeitlich begrenzte Geldschöpfung, die mit den allgemeinen Rechtsprinzipien vereinbar ist.

So können wir also als Zwischenergebnis festhalten: Bei völliger Geldfreiheit in einer Rechtsordnung, die das Eigentum schützt, ist immer genug Geld da im Sinne einer bedarfsgerechten Geldmenge – wenn nicht Gold, dann Silber oder Handelswechsel oder eben irgendetwas anderes, was am Markt akzeptiert wird.

„Wie möchten Sie zahlen?“

Damit ist der eine wichtige Vorbehalt der Gegner von Gold- und Sachgeld ausgeräumt. Jedoch stellt sich sogleich eine zweite große Frage: Wenn jeder bezahlen bzw. auspreisen dürfen soll, womit er will – der eine mit Gold, der andere mit Silber, der nächste vielleicht mit Bernstein –, was ist denn dann die Recheneinheit? Wie soll man bei einer Vielzahl von kursierenden Währungen die Preise vergleichen können? – Berechtigte Fragen! Auch sie werden durch den Markt sehr schnell beantwortet werden, und zwar höchstwahrscheinlich auf folgende Art und Weise.

Zunächst einmal ist es nicht gar so schlimm, wenn in einer Region mehrere Geldsorten bei der Auspreisung Anwendung finden. Das kennt man aus Grenzgebieten, in denen man mit zwei oder sogar drei staatlichen Währungen bezahlen kann. Entsprechend wird auch in mehreren Valuten ausgepreist. Elektronische Preisschilder an den Regalen erlauben es heute sogar, eine Vielzahl von Preisen in unterschiedlichen, sich im Kursverhältnis zueinander ständig ändernden Währungen auf Knopfdruck abzurufen. Und auch die bargeldlose Bezahlung in unterschiedlichen Währungen ist technisch überhaupt kein Problem. Aber: Keine primäre Recheneinheit zu haben, ist sehr wohl ein Problem und wäre ein gravierender Rückschritt gegenüber dem heutigen Zustand, in dem alle Preise etwa auf Euro lauten und somit sehr leicht zu vergleichen sind.

Hier die Lösung: Da Gold aus den genannten Gründen das erste und meistverwendete Geld sein wird und da der Markt in der Tat auf möglichst wenige, idealerweise nur eine Recheneinheit hindrängt, wird allgemein in Gold ausgepreist werden, aber – und das ist der springende Punkt – es wird nicht unbedingt in Gold bezahlt werden müssen. Auf dem Preisschild steht ein Preis in Gold – auf Knopfdruck vielleicht auch Preise in anderen Währungen –, und an der Kasse wird geschaut, in welcher Währung von denen, die der Laden akzeptiert, der Kunde zahlen möchte. Die Umrechnung findet automatisch elektronisch zum aktuellen Umrechnungskurs statt, und es wird entsprechend zum Beispiel von dem Silberkonto des Kunden abgebucht.

So kann mit allem Möglichen bezahlt werden, doch gerechnet und ausgepreist wird nur in Gold. Auch alle anderen Währungen, deren Wechselkurse ja nicht fixiert sind, sondern sich frei gegeneinander verändern können, werden in Gold notiert. Gold ist der Nagel in der Wand.

Der Gold-als-Recheneinheit-Standard

Für einen Gold-als-Recheneinheit-Standard müssen noch zwei Fragen geklärt werden. Erstens: Welche Gewichtseinheit ist die Grundeinheit der Goldwährung? Es kommen nur in Frage ein Gramm oder eine Feinunze (31,103 Gramm). Da wir nicht in einem Land leben, in dem man auf der linken Straßenseite fährt und in Yards oder Inches misst, bedarf es vermutlich keiner großen Diskussion, dass selbstverständlich ein Gramm Gold die ideale Grundeinheit ist, unterteilt in 100 Pfennig oder Cent. Das Währungszeichen für Goldgramm ist AUG (AU als Zeichen für das chemische Element Gold und G für Gramm). Entsprechend ist die Währungseinheit für Silbergeld AGG, was für ein Gramm Silber steht. (Aus dem angelsächsischen Raum wurden übrigens auch schon „GAU“ und „GAG“ vorgeschlagen.) Ein AUG, sprich: Goldgramm, entspricht im August 2011 etwa 40 Euro und ein Goldpfennig entsprechend 40 Eurocents. Und wie ist die Kaufkraft von einem Silbergramm (AGG)? 1 AGG = 0,88 EUR.

Zweitens muss für die Vergleichbarkeit von Goldpreisen noch festgelegt werden: Gold in welcher Form? Wenn ein Kaufpreis z.B. 300 AUG lautet und auch in Goldgeld bezahlt werden soll, was ist dann geschuldet? 300 Gramm Gold in Form von Granulat oder von 1/2 Unzenstücken oder ganzen Unzen oder 100 Gramm Barren? Wegen der Formkosten ist die Kaufkraft etwa von zwei 1/2 Unzen Krügerrand größer als die Kaufkraft von einer ganzen Unze Krügerrand; je kleiner die Stückelung, desto größer das durch die Formkosten bedingte Agio. Am geringsten ist das Agio bei großen Barren. Ein 12,5 kg- bzw. 400-Unzen-Barren Gold, wie er bei den Goldreserven der Zentralbanken üblich ist, ist weniger Wert als 12,5 kg Gold in Form von Ein-Unzen-Münzen.

Was genau ist der Nagel in der Wand?

In der Praxis gehen natürlich keine Goldstücke über den Ladentisch, sondern werden Geldkarten durch den Kartenleser gezogen, oder es wird mit Banknoten bezahlt. Doch auch die Depositenbanken, die das Gold verwahren, mit denen die Noten und die Sichteinlagen gedeckt sind, müssen sich festlegen, in welcher Form sie das Gold auszahlen, wenn Auszahlung gewünscht wird. Damit die verschiedenen Goldwährungen verschiedener Emittenten vergleichbar sind, d.h. 1 AUG von der Bank A gleich 1 AUG von der Bank B ist, muss und wird sich ein Standard ergeben. Wiederum gibt es zwei Möglichkeiten, die Sinn ergäben.

Wegen der existierenden großen Anzahl von Ein-Unzen-Münzen (= 31,103 Gramm), die die Kunden bei den Depositenbanken abliefern, um über sie in Form von Giralgeld verfügen zu können, könnten 31,103 Gramm Münzen auch der Auszahlungsstandard sein. Bei Neuprägungen wird man wegen der Umstellung auf die Gramm-Rechnung nach einer Weile vermutlich nur noch 30-Gramm-Münzen herstellen, was vom Agio her auf dasselbe hinausläuft, so dass auch 30-AUG-Münzen – und beim Silbergeld 30-AGG-Münzen – als Standarddeckung dienen würden. Die Banken würden den Konto- und Banknoteninhabern also beim Abheben eines Betrages die Herausgabe in Form von 30-Gramm- oder den alten 31,103-Gramm- Münzen schulden. Verlangt der Bankkunde kleinere Stücke, z.B. 10-AUG- oder 20-AUG-Münzen, so muss er sich das höhere Agio abrechnen lassen, und möchte die Bank einen größeren Betrag in Barren auszahlen, so muss das geringere Agio dem Kunden gutgeschrieben werden. Die Recheneinheit AUG wäre also definiert als ein Gramm Gold in Form von 1-Unzen- oder 30-Gramm- Münzen.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass es bei der Definition der Recheneinheit AUG auf den 400-Unzen-Barren-Standard hinausläuft, der ja auch heute der Goldpreisnotierung etwa an der Comex oder beim Londoner Fixing zugrunde liegt. Dies vor allem deshalb, weil die Goldreserven insbesondere der Zentralbanken in diesen sogenannten Standardbarren vorliegen und diese Barren auch in der hier skizzierten natürlichen Geldordnung den Hauptteil des Deckungsgoldes ausmachen würden, denn es ist unwahrscheinlich, dass es zu einer Goldumlaufwährung kommen würde und die großen Standardbarren eingeschmolzen und zu 30-Gramm-Münzen geprägt würden. Unwahrscheinlich ist es zwar auch, dass Bankkunden 12,5 kg-Barren von ihrem Konto abheben, aber das zu zahlende Agio auf das Abheben von kleineren Barren und Goldmünzen kann und würde als Frage der Bankkonditionen geregelt werden, die man bei Eröffnung eines Kontos vergleichen kann.

Die Recheneinheit AUG, in der Preise primär angegeben und auch alle Währungen notiert werden, könnte somit wie folgt präzisiert werden: Der Nagel in der Wand ist ein Gramm Gold in Form von Standardbarren, die als Deckung bei den Banken liegen.


Die Rolle des Staates

Dies alles ist nur eine Prognose, wozu Geldfreiheit führen würde. Der Gold-als-Recheneinheit-Standard ist nicht als Auftrag an den Gesetzgeber zu verstehen, seine Einführung zu verordnen; eine solche Forderung müsste sich den Vorwurf des Konstruktivismus gefallen lassen. Allerdings spielt der Staat, ob man es will oder nicht, bei der Etablierung eines Geldstandards stets und in jedem Falle eine gewichtige Rolle, auch wenn er sich selbst aus der Geldproduktion komplett zurückzieht. Denn was sind die größten Rechnungen, die die Bürger in einer Volkswirtschaft zu zahlen haben? Die Steuern und Abgaben natürlich. Die Entscheidung des Rechnungsausstellers, also des Staates, in welcher Währung er sich bezahlen lässt, hat daher faktisch eine ausschlaggebende Wirkung auf die Etablierung des Geldstandards. Die Art von Geld, die man an den Staat abführen muss, muss man selbst erlangen und entsprechend auch seinen eigenen Kunden in Rechnung stellen.

Die Libertären, die es überwiegend sind, die sich mit Free Banking beschäftigen, mögen über diesen Aspekt der Etablierung eines Geldstandards nicht nachdenken, weil es in ihrer Welt den Staat am liebsten gar nicht gäbe. Es ist nun aber ganz und gar unwahrscheinlich, dass es nächstes Jahr keinen Staat mehr gibt, auch wenn man es sich vom Weihnachtsmann wünscht. Daher ist es auch nicht konstruktivistisch, sondern schlichtweg notwendig, bei einer Geldreform hin zu einer marktwirtschaftlichen Geldordnung auch die Frage zu regeln, wie der Staat seine Rechnungen auspreist. Diese Frage wird so oder so entschieden, ob man sich an der Entscheidung beteiligt oder nicht.

Gehen wir also von einem bereitwilligen Gesetzgeber aus, der die Deregulierung des Geldmonopols beschließt und umsetzt (und gerne auch eine sonstige drastische Verschlankung des Staates). Worin soll er seine Steuern und Abgaben einnehmen? Wenn es richtig ist, dass die Geldmenge nicht auf einen zufälligerweise vorhandenen Sachwert (Gold) fixiert werden darf, sondern sich frei an den Bedarf nach allgemeinem Tauschmittel anpassen können muss, dann muss der Staat alle von den Menschen verwendeten und am Markt verwendeten Währungen akzeptieren, soweit sie seinen Qualitätsanforderungen genügen. Die Qualität – Einhaltung der Deckungsgarantien, Transparenz, solide Geschäftsführung etc. – können private Zertifizierungsinstitute fortlaufend prüfen und feststellen, oder auch der Staat selbst mit einer Behörde (wozu sich in Deutschland die heutige BaFin anbietet). So wird der Staat also eine Liste der Währungen veröffentlichen, die er akzeptiert, und die Liste kann sich von Zeit zu Zeit auch ändern, wenn die Goldwährung von der Bank A wegen Qualitätsmängeln rausfliegt oder die zunehmend populäre Silberwährung der Bank B hinzukommt.

Nun wissen wir also, mit welchem Geld wir unsere Steuern bezahlen können. Aber in welcher Recheneinheit wird der Steuerbescheid ausgestellt? Diese höchst wichtige Frage muss bei der Geldreform mitbedacht werden, und die Antwort sollte lauten: in AUG, definiert als ein Gramm Gold in Form der 12,5 kg Standardbarren. Zahlbar ist die Steuerschuld in jeder der akzeptierten Währungen, also nicht nur in goldgedeckten Währungen, sondern auch in silber- oder anderweitig gedeckten Währungen, soweit sie auf der Liste der akzeptierten Währungen stehen, und die Summe errechnet sich nach dem AUG-Wechselkurs zum Zeitpunkt der Fälligkeit.

Fazit

Unter den Bedingungen der Geldfreiheit, d.h. nach Deregulierung des Geldmonopols und Freigabe der Geldproduktion, würde sich höchstwahrscheinlich ein Gold-als-Recheneinheit-Standard etablieren. Mit der Auspreisung der Staatsrechnungen und Steuerbescheide in Goldgramm (AUG) bei gleichzeitiger Akzeptanz aller für gut befundenen Währungen – und irgendeine Regelung muss der Staat in dieser Hinsicht treffen – wäre der AUG-Standard beschlossene Sache.

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Das Heft „Gutes Geld – Wie Geld in die Welt kommt, woran das herrschende System krankt und was eine gesunde Geldordnung ausmacht“, in dem dieser Artikel 2011 erschien, kann bei Smart Investor Media oder zum Beispiel Amazon bezogen werden.

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Nachtrag 2018:

Dass nicht die Feinunze (= 31,1034768 Gramm), sondern genau ein Gramm die ideale Grund- und Recheneinheit der Goldwährung ist und sich als Standard etablieren sollte, wurde mittlerweile dadurch bestärkt, dass China beim Edelmetall auf die Grammrechnung umgestiegen ist und seine Pandamünzen seit 2016 nicht mehr in Bruchteilen oder Vielfachen von Feinunzen prägt, sondern in metrischen Stückelungen auf Grammbasis, siehe https://www.gold.de/artikel/china-panda-2016-neues-design-gewicht/. Dem sollten auch andere Münzhersteller folgen. Die in großer Zahl vorhandenen alten 31,1034768-Gramm-Münzen können natürlich auch unter dem neuen Goldstandard weiter umlaufen; man muss nur gut im Kopfrechnen sein, so wie wenn es neben den 5-, 10-, 20-, 50- und 100-Euro-Scheinen auch noch etwa einen 12,7492806-Euro-Schein gäbe. Tatsächlich setzen sich heute bei Goldinvestments immer mehr die Stückelungen in geraden Grammzahlen durch. Für die Etablierung der Grammrechnung wäre der nächste logische Schritt, dass das Fixing des Goldpreises und die Notierung des Goldpreises an der Comex und anderen Metallbörsen und überhaupt alle Goldkursangaben nicht mehr in Feinunzen, sondern in Gramm erfolgen.

Die andere notwendige definitorische Festlegung der hier geforderten und vorgeschlagenen Recheneinheit einer Goldwährung, in welcher Form nämlich AUG geschuldet sind, muss möglicherweise und erfreulicherweise korrigiert werden. Bisher galt der 400-Unzen-Barren (12,5 Kg), in dem die Goldreserven der Zentralbanken überwiegend vorliegen, als Standardeinheit im Goldhandel, und wir hatten daher vorgeschlagen, diesen Großbarren auch als Hinterlegungsstandard der – selbstverständlich 100%ig gedeckten – Goldwährung AUG festzulegen. Nun strebt das World Gold Council (WGC), eine bedeutende Lobby-Organisation großer Goldminen-Gesellschaften, aber offenbar an, den 1-Kilogramm-Barren zum Standardbarren zu machen, um so den Goldhandel zu erleichtern und zu beflügeln, siehe https://www.rt.com/business/416838-gold-kilobars-standard-coming/. Diese Neuerung, die nicht nur bei der Neuproduktion von Anlagegold eine Ausgabe von vorzugsweise Kilogrammbarren bedeuten würde, sondern in gewissem Grade und sukzessive wahrscheinlich auch ein Umschmelzen von 400-Unzen-Barren in Kilogrammbarren zur Folge hätte, wäre sehr zu begrüßen und begünstig die Wiedereinführung von Goldgeld.

Die Recheneinheit des neuen Goldstandards wäre mithin zu definieren als 1 Gramm Gold in Form von Kilogrammbarren. Bei einer auf Goldgramm (AUG) lautenden Zahlung ist also, wenn physische Auszahlung gewünscht ist, einen Aushändigung von Kilogrammbarren geschuldet. Wünscht man kleinere Stücke, z.B. 100-Gramm-Barren oder 30-Gramm-Münzen oder noch kleinere Münzen ausgezahlt zu bekommen oder bei seiner Depositen- und Girobank vom Konto abzuheben, so muss man sich das durch die höheren Formkosten bedingte höhere Agio gegenüber den Kilogrammbarren abrechnen lassen. Umgekehrt wird einem, wenn man auf sein Bankkonto Münzen oder kleinere Barren als die Standardbarren von 1 Kg einzahlt, das höhere Agio vergütet oder gutgeschrieben. Lässt man sich hingegen größere AUG-Summen von der Bank in Großbarren aushändigen, z.B. in 5-Kg-Barren, so wird einem das geringere Agio eines 5-Kg-Barrens gegenüber dem Agio von fünf 1-Kg-Barren vergütet. – Da die neue Goldgeldordnung sehr wahrscheinlich keine Goldumlaufswährung sein wird, sondern der Zahlungsverkehr über Depositen- und Girobanken laufen wird (vielleicht sogar durch Verbriefung von Golddepositen mittels der Blockchain-Technologie), wird in der Praxis die Aushändigung von physischem Gold und damit die Zurechnung oder der Abzug der Formkosten für die verschiedenen Stückelungen nur eine geringe Rolle spielen; in der Regel erfolgen Zahlungen durch Überweisung von und auf Girokonten bei Depositenbanken, d.h. das Gold bleibt an derselben Stelle liegen und wechselt nur den Eigentümer, wird vom Konto des Zahlers abgezogen und auf dem Konto des Empfängers gutgeschrieben. Der physische Auszahlungsstandard muss aber dennoch genau und allgemeinverbindlich definiert sein, damit aus AUG eine allgemeingültige Recheneinheit wird, und als Standard sollte der 1-Kilogramm-Barren bestimmt werden.

Wenn alle Banken bzw. Emittenten von Goldgeld diesen Hinterlegungs- und Auszahlungsstandard haben, dann ist ein Goldgramm (AUG) bei der einen Bank gleich einem Goldgramm (AUG) bei einer anderen Bank, und AUG kann als Recheneinheit fungieren, in der Preise, Kurse und Zahlungsverpflichtungen angegeben werden. Gold ist dann nicht mehr bloß Investment und Wertaufbewahrungsmittel, sondern tatsächlich Geld, allgemeines Tauschmittel mit Recheneinheitfunktion.

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Kristof Berking ist Produzent historischer Dokumentarfilme und schreibt als freier Autor vor allem über Geldtheorie, Geopolitik und Ökologie. Er studierte Geschichte und Jura (1. jur. Staatsexamen, Universität Hamburg) sowie Ökonomik (Master in Austrian Economics, Universität Rey Juan Carlos in Madrid).

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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