Interventionismus aufgrund vollen Vertrauens in den perfekten Markt – Volkswirtschaftslehre auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit
23. März 2026 – von Eduard Braun
Wer die öffentlichen Debatten in Deutschland schon etwas länger verfolgt, der wird sich daran erinnern können, daß es früher häufig Volkswirte waren, die die Politik der Bundesregierung auf eine grundsätzliche Art und Weise kritisierten: Kritik an Staatseingriffen; Kritik an Interventionismus; Kritik an zu hohen Steuern; das Ganze oft verbunden mit dem Aufruf, gewisse Dinge doch einfach dem Markt zu überlassen, weil die Politik mehr kaputtmache, als sie richten könne.
Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Einführung des Euro. 62 deutsche Professoren der Wirtschaftswissenschaft veröffentlichten 1992 in der FAZ ein Manifest mit dem Titel „Die währungspolitischen Beschlüsse von Maastricht: Eine Gefahr für Europa“. Sie haben damals schon vorausgesehen, welche Probleme der Euro in den schwächeren Ländern verursachen würde, und daß daher Rettungsmaßnahmen (sie nannten es „Finanzausgleich“) nötig sein werden. Sie argumentierten so, wie Ökonomen traditionell argumentieren: Man kann nicht einfach willkürlich Währungsräume festlegen, ohne die Auswirkungen auf den Markt und die Reaktionen des Marktes zu berücksichtigen.
Auch heute gibt es natürlich noch Volkswirte, die sich regelmäßig in diesem kritischen bzw. konstruktiv kritischen Sinne zu Wort melden. Am bekanntesten in Deutschland ist wahrscheinlich Hans-Werner Sinn. Auch die Mitglieder der Österreichischen Schule der Nationalökonomie wird man dazuzählen dürfen.
Das Fach als Ganzes ist aber deutlich ruhiger und fügsamer geworden. Das ist übrigens nicht nur mein persönlicher Eindruck. Ab 2009 gab es einen kleinen Methodenstreit unter den deutschen Volkswirten. Grob gesagt war die eine Seite in diesem Streit für die Beibehaltung von wirtschaftspolitischen und ordnungsökonomischen Lehrstühlen; die andere war für die Abschaffung oder Umwidmung dieser Lehrstühle und die Orientierung an der mathematisierten, amerikanischen Wirtschaftstheorie.
Man kann sagen, daß sich die letztere Gruppe im wesentlichen durchgesetzt hat. Wirtschaftspolitik – und insbesondere die Ordnungsökonomik – spielt in Forschung und Lehre an den deutschen Universitäten eine immer geringere Rolle. Dementsprechend fehlt immer mehr Ökonomen das Werkzeug, das nötig wäre, um sich überhaupt zu grundsätzlichen wirtschaftspolitischen Fragen angemessen äußern zu können.
Und zwar handelt es sich hier um ein systematisches Problem.
Die Ordnungsökonomik ist oder war der klassisch deutsche Ansatz zur Wirtschaftspolitik nach dem 2. Weltkrieg. Sie lehrt zunächst einmal, daß ein funktionierender Markt entscheidend ist, wenn man eine freie und wohlhabende Gesellschaft haben will. Eine Marktwirtschaft hat aber andererseits auch wichtige Voraussetzungen, ohne die sie nicht funktionieren kann.
Sie setzt eine stabile Währung voraus; sie setzt die Sicherung der Eigentumsrechte voraus; sie setzt voraus, daß niemand über allzu große Marktmacht verfügt; sie setzt voraus, daß Unternehmer sich auf die Wirtschaftspolitik verlassen können, daß diese also berechenbar ist; und noch einiges mehr.
Der Markt setzt also einen gewissen institutionellen Rahmen voraus, der nicht einfach willkürlich manipuliert oder gestört werden darf. Der Markt ist demnach ein empfindliches Gebilde, und ein Herumspielen an seinen institutionellen Grundbedingungen kann verheerende Folgen haben. Der Politik das immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, war demnach eine zentrale Aufgabe von Volkswirten.
Die Bedeutung dieser institutionellen Fragen geht in der heutigen Volkswirtschaftslehre immer weiter zurück. Es gibt zwar Spezialveranstaltungen zu Institutionen, aber die behandeln im Regelfall nicht die grundlegenden Themen der Wirtschaftspolitik.
Das Fehlen der ordnungsökonomischen Grundlagen hat nun eine eigenartige Folge. Diese erklärt, warum Volkswirte als Kritiker – auch konstruktive Kritiker – von Regierungsmaßnahmen immer weniger in Betracht kommen.
Heutige Ökonomen scheinen in ihrer Argumentation häufig davon auszugehen, daß der Markt ein in sich geschlossenes, voraussetzungsloses und grundsätzlich perfekt funktionierendes System ist – so, wie es in vielen ihrer theoretischen bzw. mathematischen Modelle angenommen wird.
Und zwar tun das tendenziell eher nicht die liberalen oder sogenannten marktgläubigen Ökonomen. Gerade Volkswirte, die liberale Lösungen grundsätzlich ablehnen und den meisten Staatseingriffen zustimmen, scheinen auf einer bestimmten Ebene volles Vertrauen in die Funktionstüchtigkeit des Marktes zu haben.
Das Ganze ist geradezu paradox. Daß Interventionen, ja selbst massive Staatseingriffe in den Markt für fast völlig unproblematisch gehalten werden, hat vielfach etwas mit einem grenzenlosen Vertrauen in den voraussetzungslosen und wie ein Modell funktionierenden Markt zu tun.
Um ein aktuelles Beispiel zu nehmen: Derzeit soll die gesamte deutsche Wirtschaft und die gesamte deutsche Industrie dekarbonisiert, ihre Energieversorgung komplett umgestellt, und zu diesem Zweck die Volkswirtschaft flächendeckend mit planwirtschaftlichen Maßnahmen überzogen werden. Trotzdem gibt es gegen dieses Vorgehen keinen allgemeinen Protest der Volkswirte. Im Gegenteil, manchen kann es nicht schnell genug gehen. Man muß daraus schließen, daß diese radikalen Maßnahmen aus ihrer Sicht unproblematisch sind und insbesondere die Koordinationsfähigkeit des Marktes nicht beeinträchtigen.
Dazu würde ich sagen: Wenn man die institutionellen Voraussetzungen für einen funktionierenden Markt nicht kennt, oder präziser gesagt – ich will ja nicht ungerecht sein –, wenn sie in der eigenen Wissenschaft und den eigenen Modellen keine Rolle spielen, dann hat man auch keine Scheu, an diesen Institutionen herumzudoktern.
Wenn die mathematischen Marktmodelle nichts über die zentrale Wichtigkeit einer stabilen Währung sagen, kann man guten Gewissens geldpolitische Experimente empfehlen; wenn in Marktmodellen Eigentumsrechte keine Rolle spielen, kann man guten Gewissens Vermögenssteuer, hohe Einkommensteuer, Verbote und Gebote empfehlen; wenn die Marktmodelle nichts über die Rolle der dezentralen Wirtschaftsrechnung der Unternehmen sagen, kann man guten Gewissens planwirtschaftliche Maßnahmen empfehlen. Der Markt funktioniert ja annahmegemäß völlig unabhängig von diesen Institutionen. Er kann also alle Eingriffe in diese Institutionen verdauen, kann alles verarbeiten, was die Politik ihm vorgibt.
Durch die Zurückdrängung der Ordnungsökonomik, des Ordoliberalismus und der Wirtschaftspolitik als universitäres Fach fehlt scheinbar einer größer werdenden Zahl von Ökonomen ein grundlegendes Verständnis für das Wirken von Institutionen und Ordnungen und insbesondere für ihre Rolle in einer funktionierenden Marktwirtschaft.
Es ist zu befürchten, daß sich die Volkswirtschaftslehre dadurch von einem Fach, das die Politik kritisch beratend begleitet, immer weiter in ein Fach verwandelt, das im Grunde alle politischen Maßnahmen für marktwirtschaftlich akzeptabel und durchführbar hält und somit aktiv seine eigene Existenzberechtigung untergräbt.
*****
Der Beitrag beruht auf einem Vortrag für den Verein „Fortschritt in Freiheit“ vom 22.11.2025.
Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.
Eduard Braun ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Clausthal. Sein neues Buch Capital and Capitalism baut den Kapitalbegriff von Ludwig von Mises aus und befaßt sich eingehend mit der Rolle der Wirtschaftsrechnung im Marktprozeß. Sein Buch Finance Behind the Veil of Money beantwortet aus Sicht der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, welche Rolle Finanzmärkte in der Volkswirtschaft spielen. Die meisten seiner wissenschaftlichen Beiträge kann man auf Researchgate herunterladen.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Das Ludwig von Mises Institut Deutschland e.V. setzt sich seit Jahren für die Verbreitung der Lehre der Österreichischen Schule der Nationalökonomie ein. Freiheit gibt es nicht geschenkt, sie muss stets neu errungen und erhalten werden. Bitte unterstützen Sie daher das Ludwig von Mises Institut Deutschland mit einer Spende, damit wir uns weiterhin für unser aller Freiheit einsetzen können!
Spendenkonto:
Ludwig von Mises Institut Deutschland e. V.
IBAN: DE68 7003 0400 0000 1061 78
BIC: MEFIDEMM
Merck Finck A Quintet Private Bank (Europe) S.A. branch
Verwendungszweck: Spende
Titel-Foto: Adobe Stock Fotos (bearbeitet)


