WEF 2026 | Milei in Davos: Warum der Utilitarismus ausgedient hat

Kommentar von Philipp Bagus

26. Januar 2026

Die dritte Rede von Javier Milei beim World Economic Forum (WEF) in Davos 2026 knüpft an seine beiden ersten Reden an. In seiner ersten Rede 2024 führte Milei aus, dass der Westen durch Sozialismus, Kollektivismus und staatlichen Interventionismus moralisch und ökonomisch in Gefahr sei. In seiner zweiten Davos-Rede 2025 kritisierte Javier Milei ausdrücklich die Wokeness als ideologischen Überbau des heutigen Sozialismus. Er argumentierte, dass identitätspolitische und moralistische Narrative genutzt würden, um staatliche Eingriffe, Umverteilung und Einschränkungen individueller Freiheit zu legitimieren. Damit ordnete er Wokeness nicht als kulturelles Randphänomen, sondern als zentrales Herrschaftsinstrument einer neuen kollektivistischen Agenda ein.

Die dritte Rede von Javier Milei in Davos 2026 markiert einen weiteren bemerkenswerten Bruch mit dem üblichen Ton dieses Forums. Wo sonst technokratische Effizienzargumente, Nachhaltigkeitsrhetorik und wohlklingende Appelle an „globale Governance“ dominieren, setzt Milei an einer tieferen Ebene an: bei der Ethik. Seine zentrale These ist ebenso schlicht wie radikal – der vermeintliche Zielkonflikt zwischen Effizienz und Gerechtigkeit ist ein Trugschluss.

Diese Argumentation ist genuin österreichisch. Milei knüpft explizit an das Konzept der dynamischen Effizienz an, wie es insbesondere von Jesús Huerta de Soto entwickelt wurde. Effizienz ist demnach kein statisches Optimierungskriterium, sondern das Ergebnis eines institutionellen Rahmens, der unternehmerische Kreativität, Eigentumsschutz und freiwilligen Tausch ermöglicht. Ohne diese Voraussetzungen ist Effizienz nicht nur unerreichbar, sondern begrifflich sinnlos.

Jesús Huerta de Soto definiert dynamische Effizienz als die Fähigkeit einer Wirtschaftsordnung, den unternehmerischen Entdeckungs- und Schöpfungsprozess dauerhaft zu ermöglichen und zu fördern. Effizient ist eine Ordnung nicht dann, wenn sie gegebene Ressourcen optimal verteilt, sondern wenn sie es Individuen erlaubt, neue Informationen, neue Ziele und neue Mittel durch unternehmerisches Handeln zu entdecken und zu schaffen. Voraussetzungen dafür sind insbesondere Privateigentum, Vertragsfreiheit, stabile Regeln und die Abwesenheit staatlicher Zwangseingriffe, da nur so der Marktprozess koordiniert und fortlaufend an veränderte Bedingungen angepasst werden kann.

Bemerkenswert in der 2026 Rede ist auch die klare Absage an den politischen Utilitarismus. Milei begann provokativ: „Machiavelli ist tot.“ Er stellt sich damit gegen eine Denktradition, die politische Maßnahmen nach ihrer Zweckmäßigkeit beurteilt, selbst wenn sie systematische Eigentumsverletzungen implizieren. Genau hier setzt die österreichische Kritik an: Sobald Gerechtigkeit dem politischen Nutzenkalkül geopfert wird, zerstört man jene Institutionen, die überhaupt erst Wohlstand ermöglichen.

In diesem Zusammenhang ist Mileis Rekurs auf Murray Rothbard (1926 – 1995) konsequent. Die wirtschaftliche Ordnung kann nicht wertneutral gedacht werden. Eigentumsrechte, Vertragsfreiheit und das Nicht-Aggressionsprinzip sind keine bloßen Mittel zum Zweck, sondern ethische Voraussetzungen jeder funktionierenden Marktordnung. Wer sie relativiert, öffnet der politischen Willkür Tür und Tor – und damit langfristig auch dem ökonomischen Niedergang.

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Interessant ist zudem Mileis Angriff auf die paretianische Wohlfahrtsökonomik. Die Vorstellung, man könne Effizienz und Verteilung analytisch trennen, dient seit Jahrzehnten als Rechtfertigung für Regulierung und Umverteilung. Aus österreichischer Sicht ist diese Trennung illusorisch. Eingriffe in Eigentumsrechte verändern zwangsläufig den unternehmerischen Entdeckungsprozess und schwächen die dynamische Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft. Regulierung „im Namen der Gerechtigkeit“ erweist sich damit als dynamisch ineffizient – und letztlich auch als ungerecht.

Mileis Bezug auf Hans-Hermann Hoppe ist einer der theoretisch schärfsten Momente der Davos-Rede 2026. Mit dem Eigentumsargument macht er klar, dass jede Abweichung vom Privateigentum zwangsläufig Umverteilung, geringere Produktivität und damit dynamische Ineffizienz bedeutet – ganz ohne Rückgriff auf utilitaristische Wohlfahrtskalküle. Dass ein amtierender Staatspräsident diese radikale Eigentumsethik offen in Davos zitiert, markiert einen bemerkenswerten Bruch mit dem herrschenden technokratischen Diskurs.

Milei verbindet Überlegungen mit konkreten Reformen in Argentinien. Deregulierung ist kein technisches Detail, sondern die moralisch gebotene Rückkehr zu einer Ordnung, die auf Verantwortung, Haftung und unternehmerischer Initiative beruht. Das fördert die dynamische Effizienz.

Der Staat ist kein wohlmeinender Lenker, sondern eine systematische Störquelle des Marktprozesses. Gerechtigkeit und Effizienz sind damit zwei Seiten derselben Medaille – ebenso Freiheit und die Empfehlungen der Österreichischen Schule.

Davos ist traditionell ein Ort des Elitenkonsens. Mileis Rede durchbricht diesen Konsens, indem sie die Frage nach den normativen Grundlagen der Wirtschaftspolitik stellt. Gerade darin liegt ihre Provokation – und ihre Stärke. Sie erinnert daran, dass Kapitalismus nicht verteidigt werden sollte, weil er „funktioniert“, sondern weil er gerecht ist. Alles andere ist, frei nach Milei, nur eine neue Variante des alten sozialistischen Irrtums.

Dass Milei den Kampf um die besseren Ideen, den Kulturkampf,  mit offenem Visier auf der globalen Bühne führt, ist sein größter Verdienst für die Sache der Freiheit. Das intellektuelle Momentum, das er für den Libertarismus und den Anarchokapitalismus erzeugt, verleiht der libertären Bewegung einen spürbaren Rückenwind. Wir sollten ihn nutzen.

Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.  Sein Buch „Die Tragödie des Euro“ (*) erscheint in 14 Sprachen. Philipp Bagus ist ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Im September 2024 erschien sein Buch „Die Ära Milei“ (*).

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Titelfoto: World Economic Forum auf YouTube, Milei-Rede 2026 (bearbeitet)

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