Das Erbe Alan Greenspans
24. Juni 2026 – von Thorsten Polleit
Am 22. Juni 2026 ist der ehemalige Vorsitzende der US-Zentralbank, Alan Greenspan, im hohen Alter von 100 Jahren gestorben. Greenspan gilt als einer der einflussreichsten Zentralbankräte der jüngeren Geschichte. Als Vorsitzender der US-amerikanischen Zentralbank (kurz: Fed) von 1987 bis 2006 prägte er das US-amerikanische Finanz- und Wirtschaftsgeschehen maßgeblich über fast zwei Jahrzehnte hinweg mit.
Leben und Karriere
Alan Greenspan wurde am 6. März 1926 in New York City geboren. In seiner Jugend interessierte sich Greenspan zunächst für Musik, spielte Klarinette und Saxophon in verschiedenen Bands, studierte Volkswirtschaftslehre an der New York University, machte dort 1948 seinen Bachelor-Abschluss mit Auszeichnung, erhielt 1950 seinen Master und 1977 seinen Doktorgrad. In den 1950er Jahren gründete Greenspan gemeinsam mit William Townsend die Wirtschaftsberatungsfirma Townsend-Greenspan & Co., die er lange leitete.
Greenspans politische Karriere begann in den 1970er Jahren. Unter US-Präsident Gerald Ford (1913–2006) war er von 1974 bis 1977 Vorsitzender des Council of Economic Advisers. US-Präsident Ronald Reagan (1911–2004) ernannte ihn im August 1987 zum Vorsitzenden der Fed, und Greenspan blieb, trotz einiger Präsidentenwechsel, bis Januar 2006 im Amt. Mit etwa 18 ½ Jahren war er damit der Fed-Vorsitzende mit der längsten Amtszeit jemals.
Während Greenspans Amtszeit gab es mehrere Krisen, die nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt erschütterten wie den Börsencrash 1987, die Rezession 1990-1991, die Asienkrise 1997, den Dotcom-Boom-und-Crash 2000/2001 sowie die wirtschaftlichen Folgen der Terroranschläge vom 11. September 2001.
Über die Jahre hinweg wuchs Greenspans Status und Bekanntheit, irgendwann verkörperte er gewissermaßen die Fed und ihre Geldpolitik, wurde zu ihrem allseits geheiligten Hohepriester. Viele seiner Aussagen waren verschleiert, manche auch mysteriös oder gar unverständlich. Man denke beispielsweise an:
Since I’ve become a central banker, I’ve learned to mumble with great incoherence. If I seem unduly clear to you, you must have misunderstood what I said.
(Seit ich Zentralbanker wurde, habe ich gelernt, mit großer Inkohärenz zu murmeln. Falls ich übermäßig eindeutig erscheine, müssen Sie mich missverstanden haben.)
Greenspans Worte wurden dennoch von den Finanzmarktakteuren mit allergrößter Aufmerksamkeit und Inbrunst verfolgt und gedeutet. Das Auslegen von Greenspans Gemurmel wuchs sich sogar zu einem neuen Berufszweig aus: Ein „Fed-Watcher“ zu sein, war die Edeldisziplin im Kreise der Finanzmarkt-Analysten.
Greenspan ist noch heute weithin bekannt für seine Warnung vor „Irrational Exuberance“, also einer „irrationalen Übertreibung“. Mit diesen Worten warnte Greenspan im Dezember 1996 vor den Folgen überhitzter Aktienmärkte während der Dotcom-Blase (die aber erst ab März 2000 begann in sich zusammenzufallen, zum Zeitpunkt, als Robert J. Shiller sein Buch mit eben diesem Titel veröffentlichte).
In jungen Jahren war Greenspans Denken stark von der Philosophin Ayn Rand (1905 – 1982) beeinflusst, die für Kapitalismus und individuelle Freiheit eintrat. Greenspan offenbarte sich als Befürworter des Goldstandards, sah in ihm die einzige Möglichkeit, um zu gutem Geld zu gelangen, das Vermögen vor der inflationären Konfiskation des Staates zu schützen.
Doch später, als Greenspan seine Karriere im Politikbetrieb begannt, relativierte er seine radikal-libertären Ansichten und wurde (diplomatisch ausgedrückt) pragmatischer. Man sollte wohl besser sagen: Greenspan wechselte das Lager, kompromittierte seine ehemaligen philosophischen und ethischen Überzeugungen, paktierte fortan mit anti-freiheitlichen Kräften, stellte sich in ihren Dienst.
Für den US-amerikanischen Ökonomen Murray N. Rothbard (1926 – 1995) war Greenspan (die beiden kannten sich persönlich) der klassische „Sell-Out“, ein Verräter der libertären Bewegung: Jemand, der libertäre Rhetorik nutzte, um an politische Macht zu gelangen, der diese aber nie für echte Freiheit einsetzte, sondern sogar bereit war, das Gegenteil zu tun. Rothbard verachtete Greenspans Entscheidung, als Vorsitzender der Fed zu dienen
Als Vorsitzender der Fed war Greenspan (wie alle Vorsitzenden vor ihm auch) das Oberhaupt des US-Bankenkartells und damit des US-Dollar-Fiatgeld-Regimes. Letzteres leidet bekanntlich an inakzeptablen ökonomischen und ethischen Defekten, die in der Ökonomik gut bekannt sind – Einsichten, die Greenspan, so muss man aus seiner Vita folgern, bekannt waren.
Greenspans geldpolitisches Erbe
Greenspans Einfluss auf die Fed-Geldpolitik sollte sich als besonders weitreichend erweisen, und er war alles andere als gut und harmlos. Die Fed hat zwar Ziele zu erreichen, die ihr vom US-Kongress vorgegeben sind – wie Beschäftigung fördern sowie die Preisinflationsrate und Zinsen niedrig halten. Unter Greenspan wurde die Fed jedoch zum großzügigen, verlässlichen Financier der Banken- und Finanzindustrie – die Greenspan, wen wundert es, als den größten Zentralbankleiter aller Zeiten verehrten und hochlobten; die ihn als „Maestro“ bezeichneten.
In Greenspans Amtszeit wurde das Zentralbankwesen noch rücksichtsloser eingesetzt als jemals zuvor, um „BigBanking“ und dem Staat zu dienen. Man denke beispielsweise nur an den „Greenspan Put“: Greenspans Fed nahm den Aktienmarktcrash 1987 zum Anlass, auf das Finanzmarktgeschehen zu reagieren, also die Zinsen zu senken und die Geldmenge zu erhöhen, weil die Kurse stark gefallen waren.
Das hat (bis zum heutigen Tag) gewaltige „Unmoralische Wagnisse“ (Englisch: „Moral Hazard“ = die Moral wird aufs Spiel gesetzt, gefährdet) provoziert: Die Investoren verlieren ihre Risikoaversion, sie gehen übermäßige Risiken ein, weil sie sich „versichert“ wissen, die Zentralbank paukt sie im Krisenfall heraus, fängt ihre Verluste auf, und die Kosten der Hilfsaktionen in Form von steigender Preisinflation sind nicht von ihnen selber, sondern von der breiten Bevölkerung zu tragen.
Die Greenspan Ära war, anders viele denken, eine Phase recht hoher Preisinflation. Zwar inflationierten die Konsumgüterpreise nicht allzu stark (nach offiziellen Statistiken betrug die Konsumgüterinflation 3,1 Prozent pro Jahr im Durchschnitt), jedoch inflationierten die Vermögensmärkte um so stärker.
Die Aktienmärkte legten in der Greenspan-Ära im Jahresdurchschnitt um 7,6 Prozent pro Jahr zu (ohne Berücksichtigung der Dividenden), die Häusermärkte um bis zu 6,5 Prozent. Greenspans Politik befeuerte also die sogenannte Vermögenspreisinflation – unter Jubelrufen der Banken- und Finanzindustrie und all derjenigen, die Aktien und Häuser besaßen. Die Geldhalter hatten entsprechend das Nachsehen. Sie bekamen immer weniger Aktien und Häuser für ihr Geld.
Greenspan war es auch, der die Zentralbankpolitik im Grunde von jedweder Regelbindung abgelöst hat. Nicht mehr die Kredit- und Geldmengenausweitung war der Maßstab für die Zinssetzung, sondern sein persönliches Deutungs- und Urteilsvermögen. Und weil die Greenspan-Fed quasi eine „Weltzentralbank“ repräsentierte und ihre Politik von den Zentralbankräten in anderen Währungsräumen nachgeeifert wurde, wurde auch im internationale Zentralbankwesen die Willkür, das persönliche Ermessen zur Basis der Geldpolitik erhoben.
Greenspan wird vielfach gelobt, die US- und auch die Weltwirtschaft durch schwierige Zeiten, durch Krisen, erfolgreich geführt, eine lange Phase von wirtschaftlicher Prosperität ermöglicht zu haben. Doch das ist eine Fehldeutung. Denn gerade Finanz- und Wirtschaftskrisen sind unweigerliche Folge des Fiatgeld-Regimes, das die Zentralbanken in enger Kooperation mit den Geschäftsbanken betreiben.
Die Markteingriffe der Zentralbanken sind die Ursache für Krisen, sie sind nicht die Lösung. Doch Greenspan vermochte wie wohl keiner vor ihm, den Menschen genau das Umgekehrte zu vermitteln: Die Krisen träten aus dem Nichts auf, ihre Ursache sei quasi unvorhersehbar – obwohl es in Wahrheit die Zentralbanken selbst sind, die mit ihren Zinsverzerrungen und Geldmengenausweitungen die Krisen verursachen.
So war etwa die große Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 (welche die Welt zu einer Zeit heimsuchte, als Greenspan schon abgetreten war) ein Erbe Greenspans, ein gewissermaßen zeitverzögertes Erbe seiner Geldpolitik: also des zügellosen Erhöhens der Kreditmengen; des Heruntermanipulierens der Marktzinsen; der Zusicherung, die Zentralbank werde im Krisenfall die Finanzmärkte auffangen, einschließlich der Wirkung der Unmoralischen Wagnisse, die das befördert und kultiviert.
Nach Ende seiner Amtszeit sprach Greenspan zumindest einige Wahrheiten offen aus. So sprach er in einem NBC-Interview im August 2011 unumwunden aus, dass die USA mit ihrem Fiat-Dollar nicht Pleite gehen werden:
The United States can pay any debt it has because we can always print money to do that. So there is zero probability of default.
(Die Vereinigten Staaten können all ihre Schulden bezahlen, weil wir immer das Geld drucken können, um dies zu tun. Also ist die Wahrscheinlichkeit der Zahlungsunfähigkeit null.)
Im hohen Alter, als er bereits über 90 war, wurde Greenspan auch zunehmend kritisch gegenüber der explodierenden US-Staatsverschuldung und den ungedeckten Sozialausgaben (also die Bezüge aus Social Security, Medicare und Medicaid). Er sah darin eine ernste langfristige Bedrohung für Wachstum und Produktivität in Amerika, eine wachsende Inflationsgefahr. Auch betonte er hier und da in Interviews die besondere Rolle des Goldes als verlässliches Geld, bezeichnete es als das „ultimative Zahlungsmittel“. Doch das Fiatgeld-Regime problematisierte er nie.
Was zu lernen ist
Viele Stimmen preisen Greenspan als einen großartigen Notenbank-Vorsitzenden. Kein Zweifel, Greenspan genießt Kultstatus, er ist geradezu zu einer Ikone der Fed-Geldpolitik verklärt worden. Doch aus ökonomischer Sicht drängt sich eine ganz andere Würdigung auf.
Die Greenspan-Ära ist im Grunde eine Lehrbuchillustration all der üblen Effekte, die das Fiatgeld-Regime, das Zentralbankgeldmonopol, nach sich zieht. Es sorgt unweigerlich für Preisinflation, für ungleiche und ungerechte Verteilungen von Einkommen und Vermögen; treibt die Volkswirtschaften in die Überschuldung; lässt die Staatsverschuldung auswuchern; ebnet den Weg zum „Tiefen Staat“, zur Allmacht des Staates; macht das Finanzieren von Kriegen einfacher, macht diese damit auch häufiger.
Greenspan war meisterhaft darin, die Übel des Fiatgeld-Regimes vor der Öffentlichkeit zu verbergen: Dass es einigen wenigen dient, viele andere auszuplündern, zu beherrschen und zu unterdrücken, sie geradezu abhängig zu machen von der Fortführung des Fiatgeld-Regimes. Greenspan gelang es, dass die Menschen in der Greenspan-Fed den „Retter in der Not“ erblickten; dass sie nicht erkannten, dass die Greenspan-Fed die Ursache für die beklagten Missstände wie Inflation und Krisen war; dass sie den ökonomischen „Brandstifter“ mit dem Feuerwehrmann verwechselten. Und so konnte das Fiatgeld-Regime ohne größere Kritik und Widerstand eingesetzt werden, um den Sonderinteressengruppen zu dienen – gegen die Interessen der breiten Bevölkerung.
Keine Frage: Das Kernproblem ist das staatliche Fiatgeld-System. Aber gerade die Personen, die sich in seinen Dienst stellen, die es der Öffentlichkeit als gut und richtig und als alternativlos verkaufen – wie insbesondere Alan Greenspan – sind ein sehr großer Teil dieses Problems.
Greenspans Erbe sollte nicht das verklärte Bild eines „Meisters der Geldpolitik“ sein, sondern vielmehr die Einsicht: Das Fiatgeld-Regime ist ein großes Übel, von dem sich eine Gesellschaft am besten so schnell wie möglich befreien sollte; und man sollte sich nicht blenden, hinreißen lassen von den erhofften Künsten und Weisheiten von einzelnen Personen, die vorgeben, das Fiatgeld-System beherrschen zu können, es balancieren und verlässlich machen zu können. Denn das alles ist eine Illusion, ein falsches, geradezu fatales Versprechen.
Professor Dr. Thorsten Polleit war als Ökonom 15 Jahre im internationalen Investment-Banking tätig und danach 12 Jahre im internationalen Edelmetallhandelsgeschäft. Er ist zudem seit 2014 Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. Thorsten Polleit ist Adjunct Scholar Mises Institute, Auburn, Alabama, Mitglied im Forschungsnetzwerk „ROME“ und Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Im Jahr 2012 erhielt er den The O.P. Alford III Prize In Political Economy. Thorsten Polleit ist Autor zahlreicher Aufsätze in referierten Journals, Magazinen und Zeitungen. Seine letzten Bücher sind: „Des Teufels Geld. Der faustische Fiatgeld-Pakt – wie wir ihn kündigen und zu gutem Geld zurückkehren“(*) (Oktober 2023), „The Global Currency Plot. How the Deep State Will Betray Your Freedom, and How to Prevent It“(*) (2023), „Ludwig von Mises. Der kompromisslose Liberale“(*) (2022) und „Der Weg zur Wahrheit. Eine Kritik der ökonomischen Vernunft“(*) (2022). Seit April 2024 gibt er Dr. Polleits BOOM & BUST REPORT heraus. Hier Thorsten Polleit auf X folgen.
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Titelbild: Canva stock photos; bearbeitet mit Canva (Zugeschnitten + Foto + Logo); Bild Alan Greenspan: gemeinfrei (Wikimedia Commons), bearbeitet mit Canva: Hintergrund entfernt


