Gemeinschaft ohne Staat – Staat ohne Gemeinschaft
13. April 2026 – von Rainer Fassnacht
Diskutiert man als freiheitsliebender Mensch intensiv mit Befürwortern eines „starken Staates“ und tritt für Freiwilligkeit und Markt statt Politik und Zwang ein, hört man früher oder später in unterschiedlicher Form die Aussage, dass es ohne Staat keine Krankenhäuser, keine Straßen und keine Hilfe für Bedürftige gäbe.
Die Befürworter eines „starken Staates“ können sich also offensichtlich nicht vorstellen, dass Gemeinschaftsaufgaben (also solche, die ein Mensch allein nicht bewältigen kann) ohne staatliche Intervention realisiert würden.
Diese Position verrät viel über deren Denken. Ist es tatsächlich so, dass es ohne Staat keine Gemeinschaft und keine Realisierung solcher Aktivitäten gäbe? Und ist es wirklich so, dass der Staat quasi der „Gewährleister“ von Gemeinschaft ist?
Gemeinschaft ohne Staat
Die Annahme, dass es ohne Staat keine Krankenhäuser, keine Straßen und keine Hilfe für Bedürftige gäbe, ist schnell widerlegt. Einerseits zeigt ein Blick in die Geschichte, dass zahlreiche Gemeinschaftsaufgaben ursprünglich auf freiwilliger Basis – beispielsweise in Form von Selbsthilfeeinrichtungen oder Aktiengesellschaften oder dergleichen – realisiert wurden.
Historische Aktien zeigen exemplarisch und sehr anschaulich (oft in künstlerisch ansprechender Form), dass Brücken, Straßen und Wasserwege aber auch Bildungseinrichtungen und Stätten der Hilfe für Kranke und Bedürftige durch das Zusammenwirken interessierter Aktionäre realisiert wurden.
Andererseits werden auch in heutiger Zeit zahlreiche Infrastrukturprojekte und Sozialeinrichtungen nicht vom Staat geschaffen und unterhalten. Es existieren nicht wenige Privatstraßen oder durch Spenden finanzierte und durch Ehrenamtliche aufrechterhaltene Sozialeinrichtungen im In- und Ausland. Auch Genossenschaften, Stiftungen, private Vorsorgekassen und Vereine sind hier zu nennen.
Darüber hinaus erleben wir tagtäglich, dass Gemeinschaft ohne Staat nicht nur existiert, sondern fundamental ist. Wir erleben echte Gemeinschaft im Kreis der Familie, unter Freunden und Nachbarn. Bei Naturkatastrophen oder menschengemachten Problemlagen zeigt sich häufig besonders klar, dass die Hilfe auf Basis von Nächstenliebe und gegenseitigem Verständnis oft schneller und besser funktioniert als „staatliche Hilfe“.
Treffend formulierte Ludwig von Mises (1881 – 1973):
Gesellschaft ist Vereinigung des Handelns, ist Zusammenwirken und Zusammenhandeln von Menschen.
(„Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens“, S. 115)
Es ist unglaublich, dass einige Menschen tatsächlich glauben, dass es ohne Staat keine Gemeinschaft gäbe. Wie kann ein sozialer, mitfühlender und offenherziger Mensch annehmen, dass das Zusammenwirken und Kooperieren nur mit Zwang funktionieren würde?
Nachvollziehbar wäre dieses Denken allenfalls, wenn man davon ausgeht, dass die Menschen in der Regel unsoziale rücksichtslose Gestalten wären. Halten sich Menschen, welche sich Gemeinschaft ohne Staat nicht vorstellen können (also Zwangsbefürworter sind), selbst für solche Wesen oder glauben sie, die Ausnahme von dieser unterstellten Regel zu sein?
Staat ohne Gemeinschaft
Dass es keinen positiven Zusammenhang zwischen Gemeinschaft und starkem Staat gibt, zeigt sich unter anderem auch daran, dass viele stark „politisierte“ Länder wie beispielsweise Deutschland zunehmend mit Spaltung und Polarisierung zu kämpfen haben.
Wird nicht (mehr) wahrgenommen, dass Gemeinschaft – und auch Freiheit – nur auf freiwilligem Zusammenwirken tatsächlich gedeiht, bilden sich unterschiedliche Lager. Je politisierter die Gesellschaft ist, umso ausgeprägter wird diese Spaltung. Links gegen Rechts, Arbeiter gegen Unternehmer, Atheisten gegen Gläubige, Jung gegen Alt, Frauen gegen Männer oder Einheimische gegen Zugezogene sind nur eine kleine Auswahl der durch Politik verursachten Polarisierung und Zerstörung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Der Zusammenhang zwischen starkem Staat und Spaltung rührt daher, dass politische Interventionen Gewinner und Verlierer kennen. Daher gibt es einerseits ein Interesse, die Politik im eigenen Sinne zu beeinflussen, und andererseits dafür zu sorgen, dass deren negative Konsequenzen möglichst bei anderen Menschen auftreten.
Dadurch zerstört ein starker Staat beziehungsweise politischer Interventionismus die Grundlage für echte Gemeinschaft. Nehmen sich die Menschen nicht mehr als Mensch unter Mitmenschen wahr, sondern vor allem als Teil einer spezifischen Gruppe, die sich gegen andere Gruppen durchsetzen muss, wird aus nützlichem Miteinander ein schädliches Gegeneinander.
Es gibt also einen Zusammenhang zwischen Gemeinschaft und starkem Staat, aber er ist nicht positiv, sondern negativ. Ein „starker Staat“ ist daher nicht der Gewährleister von Gemeinschaft, sondern deren Zerstörer.
Fazit
Die Fakten zeigen, dass Krankenhäuser, Straßen und Hilfe für Bedürftige (sowie zahlreiche andere Aufgaben, die ein Mensch allein nicht bewältigen kann) durch freiwillige Kooperation realisiert werden können. Diese Selbstverständlichkeit wäre nicht besonders erwähnenswert, wenn es keine Menschen gäbe, die glauben, dass Gemeinschaft nur mit Staat – beziehungsweise der Möglichkeit, Zwang gegen friedliche Menschen auszuüben – existieren könnte.
Solche Menschen realisieren nicht, dass die Marktwirtschaft, die sie nährt, kleidet, bedacht und mit sonstigen Gütern versorgt, auf freiwilliger Kooperation basiert. Sie übersehen, dass sie auch durch Familie, Freunde und Nachbarschaft eingebunden sind in ein schützendes soziales Umfeld, das ohne Zwang auskommt.
Nicht selten sind die Befürworter von staatlichem Zwang zur Realisierung von Gemeinschaftsaufgaben durchaus nette Menschen, denen ihre Mitmenschen nicht egal sind. Vielleicht hilft es, darauf aufmerksam zu machen, dass auch andere Menschen – wie sie selbst – ein Herz haben und bereit sind, freiwillig zusammenzuarbeiten, um Verbesserungen zu bewirken.
Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.
Rainer Fassnacht ist Ökonom und freier Journalist. Er schreibt für verschiedene Printmedien und Onlineplattformen im In- und Ausland. Hauptthema seiner Artikel über ökonomische Themen ist die Bewahrung der individuellen Freiheit.
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