Der Todestrieb des Anarchokommunismus

3. August 2020 – von Murray N. Rothbard

[Dieser Artikel erschien erstmals am 1. Januar 1970 im Libertarian Forum.]

Murray N. Rothbard (1926 – 1995)

Nachdem die Neue Linke ihre frühere flexible, ideologiefreie Haltung aufgegeben hat, haben sich zwei Ideologien als theoretische Fundamente der Neuen Linken herauskristallisiert: Marxismus-Stalinismus und Anarchokommunismus.

Der Marxismus-Stalinismus hat unglücklicherweise den SDS übernommen, aber der Anarchokommunismus konnte viele Linke für sich gewinnen, die nach einem Ausweg aus der bürokratischen und etatistischen Tyrannei des Stalinismus suchen.

Und viele Libertäre, die nach Möglichkeiten suchen, aktiv zu werden, und nach Verbündeten bei solchen Aktivitäten, fühlen sich vom Bekenntnis zum Anarchismus angezogen, das scheinbar den Weg der Freiwilligkeit preist und die Abschaffung des Staates anstrebt.

Es ist jedoch fatal, auf der Suche nach Verbündeten und bestimmten taktischen Aktivitäten die eigenen Prinzipien aus den Augen zu verlieren.

Anarchokommunismus – sowohl die ursprüngliche Form nach Bakunin und Kropotnik, als auch die gegenwärtige irrationalistische ‚Nach-Knappheits‘ Variante – sind meilenweit entfernt von echten libertären Prinzipien.

Wenn es eines gibt, das der Anarchokommunismus mehr hasst als den Staat, dann ist es das Recht auf Privateigentum; so ist einer der Hauptgründe für den Hass der Anarchokommunisten auf den Staat, dass sie fälschlicherweise glauben, er sei der Schöpfer und Beschützer von Privateigentum. Deshalb bestünde der einzige Weg, Privateigentum abzuschaffen, darin, den Staatsapparat zu zerstören.

Sie verstehen dabei überhaupt nicht, dass der Staat schon immer der größte Feind und die größte Bedrohung des Rechts auf Privateigentum war.

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Außerdem verabscheuen Anarchokommunisten den freien Markt, die Gewinn- und Verlustwirtschaft, Privateigentum, materiellen Wohlstand – die alle aufeinander beruhen – und verbinden Anarchismus fälschlicherweise mit kommunalen Lebensweisen, der Gemeinwirtschaft primitiver Stämme und anderen Aspekten der entstehenden Drogen- und Rock-‚Jugendkultur‘.

Das einzig Gute, das sich über den Anarchokommunismus sagen lässt, ist, dass seine Spielart des Kommunismus im Gegensatz zum Stalinismus vorgeblich auf Freiwilligkeit beruht. Niemand werde gezwungen, den Kommunen beizutreten, und die, die lieber individuell leben möchten und Marktaktivitäten nachgehen wollen, würden dies weiterhin können.

Oder doch nicht?

Anarchokommunisten waren stets sehr vage und unspezifisch, wenn es um die genaue Ausgestaltung ihrer angestrebten, anarchistischen Gesellschaft geht. Manche vertreten die fundamental antilibertäre Vorstellung, dass die anarchokommunistische Revolution alles Privateigentum konfiszieren und abschaffen soll, um allen die psychische Abhängigkeit von ihrem Eigentum zu nehmen.

Außerdem lässt sich schwer vergessen, dass die spanischen Anarchisten (Anarchokommunisten der Bakunin-Kropotkin-Schule), die während des Spanischen Bürgerkrieges der 1930er große Teile Spaniens unter ihre Kontrolle brachten, alles Geld konfiszierten und zerstörten, und die Todesstrafe für die Verwendung von Geld verhängten. Das weckt wenig Vertrauen in die guten, voluntaristischen Absichten des Anarchokommunismus.

In allen anderen Angelegenheiten bewegt sich der Anarchokommunismus zwischen Boshaftigkeit und Absurdität.

Philosophisch gesehen handelt es sich dabei um einen Frontalangriff auf Individualität und Vernunft. Der Drang des Individuums nach Privateigentum, persönlicher Verbesserung, Spezialisierung, Gewinn und Einkommen ist bei allen Spielarten des Kommunismus verhasst. Stattdessen sollen alle in Kommunen leben, die spärlichen Besitztümer mit allen anderen teilen und peinlichst darauf achten, die anderen Kommunenmitglieder nicht in irgendeiner Art zu übertreffen.

Der Grundgedanke aller Arten des Kommunismus, egal ob erzwungen oder freiwillig, ist der Hass auf individuelle Leistung, die Leugnung natürlicher oder intellektueller Überlegenheit einiger Menschen über den Rest, und der Wunsch, alle herausragenden Individuen herabzuziehen auf das gemeinsame Niveau des kommunalen Ameisenhaufens. Im Namen eines falschen ‚Humanismus‘ soll ein zutiefst inhumaner und irrationaler Egalitarismus jedem Individuum seine ganz eigene und wertvolle Menschlichkeit rauben.

Außerdem verabscheut der Anarchokommunismus die Vernunft, und ihre Begleiterscheinungen langfristige Planung, harte Arbeit und individuelle Leistung; stattdessen verehrt er irrationale Gefühle und Launen im Namen der ‚Freiheit‘. Die ‚Freiheit‘ der Anarchokommunisten hat nichts zu tun mit der echten libertären Abwesenheit von zwischenmenschlichen Ein- und Übergriffen; stattdessen handelt es sich um eine ‚Freiheit‘, die Sklavin der Unvernunft, der unhinterfragten Launen und kindischen Torheiten ist. Sozial und philosophisch gesehen bedeutet Anarchokommunismus Unglück.

Wirtschaftlich gesehen ist Anarchokommunismus eine Absurdität. Der Anarchokommunist will Geld, Preise und angestellte Beschäftigung abschaffen und eine moderne Wirtschaft alleine durch automatische Registrierung von ‚Bedürfnissen‘ in irgendeiner zentralen Datenbank betreiben. Niemand, der auch nur einen Funken Verständnis von Wirtschaft hat, kann dies auch nur eine Sekunde lang ernst nehmen.

Vor fünfzig Jahren bewies Ludwig von Mises die vollständige Unmöglichkeit einer geplanten, geldlosen Wirtschaft, oberhalb eines absolut primitiven Niveaus zu funktionieren. Er zeigte, dass Geldpreise für die rationale Verteilung aller knappen Ressourcen wie Arbeit, Grund und Kapitalgüter dorthin, wo sie von den Konsumenten am dringendsten nachgefragt und am effizientesten eingesetzt werden können, unverzichtbar sind. Die Sozialisten gaben zu, dass Mises Recht hat, und machten sich – vergeblich – auf die Suche nach einem System von Marktpreisen innerhalb einer sozialistisch geplanten Wirtschaft.

Die Russen experimentierten kurz nach der bolschewistischen Revolution mit einer geldlosen Wirtschaft in Form des ‚Kriegskommunismus‘. Als dessen katastrophale Auswirkungen sichtbar wurden, wandten sie sich entsetzt ab. Selbst Stalin unternahm nie wieder einen ähnlichen Versuch. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich die osteuropäischen Länder vollkommen von diesem kommunistischen Ideal ab- und freien Märkten zugewendet – einschließlich freien Preissystemen, Gewinn- und Verlustwirtschaft und der Förderung des Konsumentenwohlstandes.

Es ist kein Zufall, dass gerade die Ökonomen in den kommunistischen Ländern die Bewegung weg von Kommunismus, Sozialismus und Zentralplanung und hin zu freien Märkten angeführt haben. Es ist kein Verbrechen, von Ökonomie, einer als kompliziert verrufenen Spezialdisziplin, keine Ahnung zu haben. Aber es ist vollkommen unverantwortlich, im Zustand dieser Unwissenheit laut eine Meinung zu Wirtschaftsthemen zu vertreten. Diese aggressive Unwissenheit zeichnet jedoch den Anarchokommunismus aus.

Das selbe lässt sich über den bei vielen Neuen Linken und allen Anarchokommunisten weit verbreiteten Glauben sagen, es sei nicht mehr nötig, sich über Ökonomie Gedanken zu machen, da wir in einer Welt leben würden, die die Knappheit überwunden habe. Unser Zustand der Knappheit ist zwar weit weniger dramatisch als der des Höhlenmenschen, und doch leben wir immer noch in einer Welt der allumfassenden wirtschaftlichen Knappheit.

Woran werden wir erkennen, dass die Welt die Knappheit überwunden hat? Ganz einfach: Wenn alle Güter und Dienstleistungen, die wir begehren, in so großer Menge vorhanden sind, dass ihre Preise auf null gefallen sind; wenn uns alles, was wir uns wünschen, so zufliegt wie im Garten Eden – ohne Mühe, ohne Arbeit, ohne den Einsatz knapper Ressourcen.

Der anti-rationale Geist des Anarchokommunismus wird von Norman O. Brown, einem Guru der neuen ‚Gegenkultur‘, gut zum Ausdruck gebracht:

Der große Ökonom von Mises hat versucht, den Sozialismus zu widerlegen, in dem er gezeigt hat, dass der Sozialismus die Wirtschaftsrechnung und somit die wirtschaftliche Rationalität unmöglich macht, indem er den wirtschaftlichen Austausch abschafft. … Aber wenn er Recht hat, hat von Mises nicht den Sozialismus widerlegt, sondern ihn psychoanalytisch gerechtfertigt. … Es handelt sich um eine traurige Ironie des gegenwärtigen intellektuellen Lebens, dass die Antwort sozialistischer Ökonomen auf von Mises Argumente in dem Versuch bestand, zu beweisen, dass der Sozialismus doch nicht unvereinbar sei mit ‚rationaler Wirtschaftsrechnung‘ – also zu sagen, er könne das inhumane Prinzip des Ökonomisierens beibehalten. (Life against Death, Random House, ungebundene Ausgabe, 1959, Seite 238 – 39)

Die Tatsache, dass die Abschaffung von Rationalität und Ökonomie zugunsten von ‚Freiheit‘ und Launen die moderne Produktion und Zivilisation zu Fall bringen und uns zurück in die Barbarei führen würde, scheint unseren Anarchokommunisten und anderen Vertretern der ‚Gegenkultur‘ egal zu sein. Was ihnen jedoch nicht klar zu sein scheint, ist, dass diese Rückkehr zum Primitivismus für fast die gesamte Menschheit Hunger und Tod bedeuten würde, und eine karge Subsistenz für die Überlebenden.

Sollten sie ihren Willen bekommen, werden sie herausfinden, dass es einem schwerfällt, fröhlich und ’nicht unterdrückt‘ zu sein, während man verhungert. All das führt uns zurück zu der Weisheit des großen spanischen Philosophen Ortega y Gasset:

Während der durch Nahrungsmangel verursachten Unruhen macht sich der Pöbel auf die Suche nach Essbarem, und sein Mittel der Wahl besteht üblicherweise darin, die Bäckereien zu zerstören. Dies ist symbolhaft für die Einstellung, die die heutigen Massen sich gegenüber der Zivilisation, die sie ernährt, zu eigen gemacht haben, wenn auch in größerem Maßstab und mit höherer Komplexität. Zivilisation ist nicht einfach ‚vorhanden‘ – sie unterhält sich nicht selbst.

Sie ist künstlich. … Wer von ihren Segnungen Gebrauch machen, sich aber nicht um ihren Unterhalt kümmern will, der ist erledigt. Schneller als man denkt steht man nämlich ohne Zivilisation da. Einmal umgedreht, und schon ist sie verschwunden. Die primitive Wildnis zeigt sich in ihrem natürlichen Zustand, als würde man einfach nur den Vorhang, der sie verdeckt, zurückziehen. Der Dschungel ist stets primitiv, und umgekehrt ist alles Primitive stets nur Dschungel. (José Ortega y Gasset, The Revolt of the Masses, New York: W.W. Norton, 1932, Seite 97)

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel The Death Wish of the Anarcho-Communists ist am 16.7.2020 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Murray N. Rothbard wurde 1926 in New York geboren, wo er an der dortigen Universität Schüler von Ludwig von Mises wurde. Rothbard, der 1962 in seinem Werk Man, Economy, and State die Misesianische Theorie noch einmal grundlegend zusammenfasste, hat selbst diese letzte Aufgabe, die Mises dem Staat zubilligt, einer mehr als kritischen Überprüfung unterzogen.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Adobe Stock

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