„Es gibt Grund zur Annahme, dass die offiziellen Inflationszahlen zu niedrig sind“

27. Juli 2020 – Interview mit Karl-Friedrich Israel zum Thema ‚Preisinflation‘.

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Herr Israel, Sie haben in jüngster Zeit zahlreiche Schriftbeiträge zum Thema ‚Preisinflation‘ veröffentlicht. Was ist der größte Irrtum, das größte Missverständnis, wenn die Menschen das Wort ‚Inflation‘ verwenden?

Karl-Friedrich Israel

Es wird oft vergessen, dass sich die Bedeutung des Wortes ganz grundlegend verändert hat. In der vorklassischen und klassischen Ökonomik hat das Wort „Inflation“ eine Ausweitung der Geldmenge bezeichnet. Daran erkennt man sehr schön den etymologischen Ursprung des Wortes, das sich aus dem lateinischen inflatio ableitet und „Aufblähen“ oder „Anschwellen“ bedeutet. Kommt es zu einer Vergrößerung (einem Aufblähen oder Anschwellen) der Geldmenge innerhalb einer Volkwirtschaft, so würde man im klassischen Sinne von Inflation sprechen. Der Vorteil dieser Definition liegt auf der Hand. Sie ist eindeutig. Inflation, verstanden als das Wachstum der Geldmenge, ist empirisch genau bestimmbar. Man kann sie objektiv messen. Zum Beispiel haben die Zentral- und Geschäftsbanken der Eurozone im Jahr 2019 die Geldmenge M1 um etwa 7% ausgeweitet. Würde man also die klassische Definition zugrunde legen, so könnte man eindeutig sagen, dass es eine Inflationsrate von 7% gegeben hat. Diese Messung ist einfach und transparent. Hier kann es keine zwei Meinungen geben.

Dennoch wird der Begriff ‚Inflation‘ heute anders definiert …

Richtig, mit der heute gängigen Definition von Inflation ist das anders. Eine Geldmengenausweitung führt unter bestimmten Voraussetzungen zu einer Erhöhung der Geldpreise für Güter und Dienstleistungen. Wird die Geldmenge stark genug ausgeweitet, werden Güter und Dienstleistungen also teurer. In der modernen Ökonomik bezeichnet der Begriff Inflation genau diesen Effekt der Geldmengenausweitung. Er bezeichnet nicht mehr die Geldmengenausweitung an sich. Man kann also sagen, dass sich rein begrifflich der Fokus von der Ursache (der Geldmengenausweitung) zur Wirkung (der Preiserhöhung) verschoben hat. Und das wiederum hat schwerwiegende Folgen. Die Inflation im modernen Sinne – verstanden als Rate der Preiserhöhung – lässt sich eben nicht mehr so einfach messen und quantifizieren. Statt einer einzigen Variable, nämlich der Geldmenge, fasst man nun zehntausende Variablen gleichzeitig ins Auge: die Verkaufspreise verschiedenster Güter und Dienstleistungen. Manche dieser Preise fallen, manche steigen. Einige steigen schneller als andere, da natürlich nicht nur die Geldmenge, sondern verschiedene andere Faktoren Einfluss nehmen auf die individuelle Preisbildung. Die Frage ist: Wie kann man diese unterschiedlichen Entwicklungen in einer einzigen Zahl zusammenfassen? Die Antwort ist ernüchternd. Es gibt kein einwandfreies Verfahren, um die Inflationsrate im modernen Sinne zu berechnen. Die Werte, die von den statistischen Ämtern herausgegeben werden, basieren auf zahlreichen Annahmen und Konventionen, von denen nicht alle transparent sind. Am Ende kommt eine Zahl heraus, von der man gar nicht genau weiß, was sie eigentlich bedeutet. Für die Eurozone wurde für das Jahr 2019 eine Inflationsrate von 1,2% berechnet. Das heißt aber nicht, dass dieser Wert der „einzigen“ und „wahren“ Inflationsrate entspricht. Die einzig wahre Inflationsrate gibt es nicht.

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Von der Art und Weise der Berechnung abgesehen, darauf möchte ich noch zu sprechen kommen … kann es überhaupt eine Inflationsrate für alle und jeden geben?

Nein. So unterschiedlich wie die Menschen in Ihren Kauf- und Konsumneigungen sind, so unterschiedlich sind auch ihre individuellen Inflationsraten. Die amtliche Statistik zielt auf eine durchschnittliche Inflationsrate ab. Sie versucht also die Inflationsrate für einen „repräsentativen Haushalt“ zu berechnen. Man kann sich aber zurecht fragen, wer oder was da eigentlich repräsentiert werden soll. Die überwiegende Mehrheit der Haushalte schätzt die eigene Inflationsrate deutlich höher ein als sie von der amtlichen Statistik ausgewiesen wird.

Worin könnte diese ‚höhere Einschätzung‘ begründet sein?

Nun, das ist die große Frage. Es gibt im Wesentlichen zwei Möglichkeiten. Entweder ist die subjektive Wahrnehmung der Menschen verzerrt oder die amtliche Statistik ist verzerrt. Oder natürlich beides.

Was die Wahrnehmung der Menschen angeht, so kann man sicherlich sagen, dass die meisten Menschen dazu tendieren, die Lage etwas negativer zu sehen als sie ist. Diese Art des Pessimismus ist im Grunde ganz normal und in vielerlei Hinsicht auch ein gutes Zeichen, denn sie zeugt von einer gewissen Vorsicht. Und Vorsicht ist ja bekanntlich die Mutter der Porzellankiste.

Allerdings ist die Diskrepanz zwischen der Inflationswahrnehmung der Menschen und der offiziell gemessenen Inflation so groß, dass man es kaum allein auf die verzerrte Wahrnehmung schieben kann. Laut Umfragen der EU Kommission liegt der Median der Inflationswahrnehmung in der Eurozone für das Jahr 2019 bei 5,7%. Das sind 4,5 Prozentpunkte mehr als die offiziell ausgewiesene Inflationsrate von 1,2%. Das ist schon eine erstaunlich hohe Abweichung, auch wenn man der subjektiven Wahrnehmung der Menschen vielleicht nicht ganz trauen kann.

Nun gibt es aber auch ganz unabhängig von diesen Umfragewerten gute Gründe dafür, eine Verzerrung in der amtlichen Statistik zu vermuten. Wahrscheinlich sind die ausgewiesenen Inflationszahlen zu niedrig, um wirklich „repräsentativ“ zu sein.

Kommen wir nun auf die ‚Annahmen und Konventionen‘ zu sprechen, die Sie eingangs erwähnt haben. Was haben Sie damit gemeint?

Die erste und wahrscheinlich schwerwiegendste Konvention ist, dass bei der offiziellen Inflationsmessung ausschließlich die Preise von Konsumgütern in Betracht gezogen werden. Schaut man einmal außerhalb der Konsumgüterindustrien nach, so findet man sehr schnell deutlich höhere Inflationsraten. Der Flossbach von Storch Vermögenspreisindex, der u.a. die Preise von Aktien und Immobilien berücksichtigt, ist für die Eurozone über das Jahr 2019 um 6,3% gestiegen. Betrachtet man allein Deutschland ist der Index sogar um 8% gestiegen. Diese disproportionale Vermögenspreisinflation ist von der lockeren Geldpolitik getrieben und schadet natürlich insbesondere all denjenigen, die ein reales Vermögen erst noch aufbauen wollen, aber eben noch keines besitzen.

Die Zentralbanken orientieren sich an den Konsumgüterpreisen, die sehr viel langsamer steigen. Damit rechtfertigt man den expansiven geldpolitischen Kurs. Solange die Konsumentenpreisinflation nicht auf über 2% ansteigt, könne man ruhig so weitermachen.

Aber selbst dann, wenn man ausschließlich die Konsumentenpreise ins Auge fasst, gibt es Grund zur Annahme, dass die offiziellen Inflationszahlen zu niedrig sind. Zum Beispiel werden oftmals nicht einfach die ausgewiesenen Verkaufspreise von Gütern im Index aufgenommen, sondern qualitätsbereinigte Preise. Wenn bei bestimmten Gütern also eine Qualitätsverbesserung festgestellt wird, so subtrahiert man den geschätzten Geldwert dieser Verbesserung vom ausgewiesenen Verkaufspreis des Gutes, was die gemessene Inflationsrate nach unten drückt. Mögliche Qualitätsverschlechterungen werden nicht im gleichen Maße berücksichtigt. Dies ist nicht zuletzt deshalb der Fall, weil Produzenten einen starken Anreiz haben Qualitätsverschlechterungen zu verschleiern. Jede Qualitätsverbesserung wird hingegen offen kommuniziert und beworben. Sie finden deshalb leichter in der Statistik Berücksichtigung.

Qualitätsverbesserungen sind aber nicht wirklich objektiv messbar. Auch wenn man durchaus komplizierte statistische Schätzverfahren dafür anwendet, bleibt das ganze Unterfangen ein Rätselraten. Was den kritischen Beobachter dabei besonders stutzig machen kann, ist der Umstand, dass die statistischen Behörden keinerlei Auskunft über das Ausmaß der Qualitätsbereinigung geben. Die öffentlich zugänglichen Daten sind bereits alle bereinigt, ohne dass man es ihnen ansieht. Die Rohdaten (ohne Qualitätsanpassungen) werden nicht zur Verfügung gestellt. Die Qualitätsanpassungen sind also im höchsten Maße intransparent.

Da kommt einem der Begriff ‚Verschleierungstaktik‘ in den Sinn …

Das wirkt schon etwas verdächtig, aber ich denke nicht, dass eine beabsichtigte Verschleierung dahintersteckt. Es hat nur bislang noch niemand laut genug gefordert, den Prozess offen zu legen und transparent zu gestalten. Aber grundsätzlich sollte das kein Problem sein. Die Daten sind ja da und könnten relativ leicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Meine Hoffnung ist, dass das auch irgendwann geschieht. Dann könnte man sehen, wie stark sich die Qualitätsanpassungen auf die gemessene Preisinflation auswirken. In den 90er Jahren hatte man eine Verzerrung von etwa 0.4 Prozentpunkten in der Preisinflationsmessung aufgrund von Qualitätsänderungen diagnostiziert. Man kam also zu dem Ergebnis, dass die Preisinflation im Schnitt um 0.4 Prozentpunkte überschätzt wurde. Daraufhin wurden die sogenannten hedonischen Verfahren der Qualitätsanpassung eingeführt und die offiziell gemessenen Inflationsraten waren fortan niedriger als sie sonst gewesen wären. Die Frage ist um wieviel? Genau 0.4 Prozentpunkte? Vielleicht mehr, vielleicht weniger. Es wäre interessant zu wissen, wie hoch die offizielle Inflationsrate wäre, ließe man die Qualitätsanpassungen einmal ganz weg.

Inwieweit haben steigende Preise Einfluss auf das Kaufverhalten der Konsumenten?

Die steigenden Vermögenspreise erschweren es denjenigen, die noch nicht über reales Vermögen verfügen, für die Zukunft vorzusorgen. Will man trotzdem vorsorgen, muss man größere Anstrengungen unternehmen bzw. in der Gegenwart größere Opfer in Form von Konsumverzicht erbringen, als es ohne die disproportionale Vermögenspreisinflation der Fall wäre.

Aber natürlich verändern auch unterschiedlich stark steigende (und fallende) Preise bei Konsumgütern das Verhalten der Menschen. Güter, deren Preise über die Zeit sehr stark ansteigen, werden tendenziell ersetzt durch Güter, deren Preise nicht so stark ansteigen. Es kommt zu sogenannten Substitutionseffekten.

Den meisten Menschen ist klar, dass zum Beispiel hochwertige Lebensmittel „ihren Preis haben.“ Wenn ein allgemeiner Inflationsdruck besteht, können die Kosten für die Produktion oft nicht niedrig gehalten werden, weil bestimmte Techniken, Reifungsprozesse und Zutaten unersetzbar sind, um die Qualität zu gewährleisten. Also müssen die Preise steigen, damit die Produzenten weiterhin rentabel arbeiten können. Aber wenn die Preise steigen, geht die Nachfrage zurück.

Die Konsumenten können dann auf die günstigen Discounter umsteigen. Hier können Kosten und Preise relativ niedrig gehalten werden, weil man einerseits durch die Größe der Unternehmen gewisse Effizienzvorteile hat, aber andererseits natürlich auch deshalb, weil an bestimmten Stellen bei der Qualität Abstriche gemacht werden. Das ist manchmal für den einzelnen Konsumenten deutlich spürbar, aber oftmals fällt es auf den ersten Blick gar nicht so auf.

Dazu muss man sagen, dass das, unter den gegebenen Umständen, natürlich auch eine gute Seite hat. Discounter und andere Großunternehmen schaffen es durch Effizienzgewinne und geschickten Qualitätsabbau, der beim Konsumenten nicht so ins Gewicht fällt, die sichtbare Preisinflation einzudämmen. In gewisser Weise machen sie den Abstieg in die Inflationswirtschaft erträglicher.

Aber auch Skaleneffekte erschöpfen sich irgendwann …

Das ist natürlich richtig. Es gibt auch da eine Grenze, ab der größer nicht unbedingt besser oder effizienter ist. Aber es scheint doch so zu sein, dass wir in den letzten Jahrzehnten ganz erhebliche Effizienzgewinne zu verzeichnen hatten. Wesentliche Treiber dieser Entwicklung waren enorme Fortschritte in der Computer- und Informationstechnik, sowie die Intensivierung der internationalen Arbeitsteilung. In Anbetracht dieser Produktivitätsgewinne hätten die Güterpreise im Schnitt eigentlich deutlich sinken müssen. Aber genau das wird durch die expansive Geldpolitik unterbunden.

Vielen Dank, Herr Israel.

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Das Interview wurde per email geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

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Dr. Karl-Friedrich Israel hat Volkswirtschaftslehre, Angewandte Mathematik und Statistik an der Humboldt-Universität zu Berlin, der ENSAE ParisTech und der Universität Oxford studiert. Er wurde 2017 an der Universität Angers in Frankreich bei Professor Dr. Jörg Guido Hülsmann promoviert. An der Fakultät für Recht und Volkswirtschaftslehre in Angers unterrichtete er von 2016 bis 2018 als Dozent. Seit Herbst 2018 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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