Für „öffentliche Güter“ braucht es keinen Staat

17. Juni 2020 – von Philipp Bagus 

Philipp Bagus

Die Theorie der öffentlichen Güter dient üblicherweise als wesentliches Argument für die Notwendigkeit des Staates.

Wenn man neoklassische Begriffe verwendet, besteht die Gefahr, dass sich die Denkweise von gesunder Ökonomie entfernt. Lassen Sie uns dennoch um des Arguments willen die in der Hauptstromökonomie akzeptierte Definition eines öffentlichen Gutes verwenden.

Erstens kann ein öffentliches Gut von zusätzlichen Konsumenten verbraucht werden, ohne dass zusätzliche Kosten entstehen. Dieses Merkmal ist als Nicht-Rivalität im Konsum bekannt. Wenn zum Beispiel ein Leuchtturm erst einmal errichtet ist, weist er weiteren Schiffen ohne zusätzliche Kosten den Weg.[1]

Zweitens können Konsumenten nicht zu vertretbaren Kosten vom Verbrauch des öffentlichen Gutes ausgeschlossen werden, sobald es einmal hergestellt worden ist. So können einem Schiffseigner, der nicht für den Leuchtturm bezahlen möchte, nicht dessen Dienste versagt werden, weil niemand den Leuchtturm sehen kann, wenn er abgeschaltet wird – auch nicht die Schiffe, die dafür bezahlt haben. Deshalb gibt es das sogenannte Trittbrettfahrer-Problem: Konsumenten, die nicht für das öffentliche Gut bezahlen, aber trotzdem davon profitieren wollen, konsumieren auf Kosten anderer. Weil jeder versuchen würde, so zu handeln, gäbe es auf einem freien Markt zu wenig öffentliche Güter – so die orthodoxe Meinung. Deshalb muss der Staat einspringen, die Trittbrettfahrer besteuern, und mit den Steuermitteln das öffentliche Gut finanzieren.

Kritik der Theorie der öffentlichen Güter

Diese Argumente klingen einigermaßen vernünftig. Trotzdem gibt es viele gewichtige Gegenargumente.

Erstens gibt es keine objektive Trennung zwischen privaten und öffentlichen Gütern. Viele öffentliche Güter werden privat hergestellt, wie zum Beispiel Straßenmusik in einer Fußgängerzone.[2] Und viele staatlich erzeugte Güter erfüllen nicht die Kriterien eines öffentlichen Gutes, wie zum Beispiel Postdienstleistungen. Am wichtigsten ist jedoch, dass Güter einen subjektiven Charakter haben. Etwas als ein Gut zu betrachten, ist weder objektiv noch zeitlich unbegrenzt gültig. Die Lieder eines Straßenmusikanten können von jemandem, dem sie nicht gefallen, auch als öffentliches Ärgernis betrachtet werden. Walter Block hat einst provokativ festgestellt, dass Socken als öffentliches Gut betrachtet werden könnten, falls die Farbe der Socken, die andere tragen, den Menschen wichtig wäre. Außerdem könnten fehlende Socken die öffentliche Gesundheit beeinträchtigen und so Dritte negativ betreffen.

Drittens ist die Möglichkeit, andere auszuschließen, ebenfalls nicht objektiv gegeben. Neue Erfindungen könnten es in Zukunft ermöglichen, Trittbrettfahrer fernzuhalten. So haben Unternehmer zum Beispiel neue Geschäftsideen erdacht, um Menschen von Deichen auszuschließen, die nicht für sie bezahlen wollen.

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Viertens können wir auch nicht automatisch schlussfolgern, dass etwas vom Staat hergestellt werde sollte, nur weil der freie Markt es nicht in der Menge bereitstellt, die einige Betrachter gerne hätten. Um zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen, müsste man erst eine ethische Theorie entwickeln. Eine Norm, die staatliche Gewalt rechtfertigt, um öffentliche Güter zu produzieren, gibt es üblicherweise nicht. In der Tat zeigt Hans-Hermann Hoppe in seinem Artikel „Irrtümer der Theorie der öffentlichen Güter und der Produktion von Sicherheit“, dass solch eine Norm im wesentlichen zu einem Krieg aller gegen alle führen würde.

Fünftens führt die staatliche Erzeugung öffentlicher Güter stets auch zu geringerer Erzeugung privater Güter. Staatseingriffe verhindern eine effektive Kostenrechnung. Der durch Steuerfinanzierung öffentlicher Güter entgangene Nutzen kann nur willkürlich gegen ihren Mehrwert aufgerechnet werden. Darum kann man genauso gut von öffentlichen Übeln sprechen wie von öffentlichen Gütern.

Schlussendlich bleibt die Menge der staatlich zu erzeugenden öffentlichen Güter völlig willkürlich.

Staatliche Eingriffe behindern die Produktion „öffentlicher Güter“

Es gibt einen weiteren Punkt im Zusammenhang mit öffentlichen Gütern und Trittbrettfahrertum, auf den ich in diesem Artikel eingehen möchte.

Der Staat verhindert oder sabotiert oft die Produktion öffentlicher Güter auf dem freien Markt. Genauer gesagt erschwert er die Lösung des Trittbrettfahrer-Problems auf dem freien Markt, in dem er den Menschen Ressourcen nimmt.

Zum Beispiel verleitet das inflationäre Geldsystem die Menschen dazu, sich höher zu verschulden, als sie es in einem guten Geldsystem tun würden. Und wer verschuldet ist, muss sich eher auf bezahlte Arbeit konzentrieren und wird entsprechend weniger ehrenamtlich tätig sein.

Steuern bewirken das selbe. Je mehr die Menschen besteuert werden, desto weniger freie Zeit haben sie unter gleichen Bedingungen für ehrenamtliche Arbeit. Ehrenamtliche Arbeit ist aber entscheidend für die Produktion öffentlicher Güter auf dem freien Markt, wie Hilfe für die Armen, Nachbarschaftswachen, die Teilnahme an Schulversammlungen oder das Pflegen eines schönen Gartens. Weil sie Steuern zahlen müssen, steht den Menschen weniger Geld zur Verfügung für Dinge, von denen auch Dritte profitieren würden, wie zum Beispiel das Anbringen von Beleuchtung auf dem eigenen Grund, welche auch die Straße beleuchten würde, oder von Sicherheitstechnik, die Kriminelle abschrecken würde.

Manchmal beeinträchtigen staatliche Vorschriften die private Produktion von öffentlichen Gütern auch auf viel direktere Weise. Privater Waffenbesitz schreckt Kriminelle ab und kann die Sicherheit erhöhen. Trittbrettfahren ist bei einer bewaffneten Bevölkerung möglich. So muss nicht jeder Geld für Waffen und Training ausgeben. Manche können sich darauf verlassen, dass andere für dieses öffentliche Gut aufkommen.[3] Unglücklicherweise behindert der Staat die Produktion dieses öffentlichen Gutes durch Verbote.

Das Trittbrettfahrer-Problem

Eine harmonischere Gesellschaft dank freiwilliger Hilfe, eine sicherere Gesellschaft dank freiwilliger Wächter, eine schönere Gesellschaft dank gepflegter Gärten und Beleuchtung – auf all dies trifft die Definition des öffentlichen Gutes zu. Wir sehen hier auch, dass das Trittbrettfahrer-Problem gelöst werden kann. Wenn es einen Markt gibt, werden Geschäftsmodelle entwickelt, die die gewünschten Dienste zur Verfügung stellen. Dank Besteuerung, egal ob inflationär oder nicht, ist der Lebensstandard niedriger und es werden weniger öffentliche Güter auf dem freien Markt erzeugt, als es sonst der Fall wäre.

Soziale, religiöse oder politische Bewegungen liefern eine weitere Lösung des Trittbrettfahrer-Problems. Jeffrey Hummel weist darauf hin, dass die amerikanischen Revolutionäre einen positiven Einfluss auf diejenigen Amerikaner ausübten, die von den Handlungen der Revolutionäre profitierten, ohne selbst ihr Leben zu riskieren. Das selbe Phänomen gab es bei den Kreuzzügen. Die Kreuzfahrer riskierten ihr Leben, um sicherzustellen, dass christliche Pilger sicher ins Heilige Land gelangen konnten, wovon potentielle Pilger profitierten, ohne ihr eigenes Leben auf einem Kreuzzug aufs Spiel setzen zu müssen.[4] Religiöse Bewegungen erzeugen in der Regel öffentliche Güter wie eine friedlichere, harmonischere und gebildetere Gesellschaft, indem sie Bildungsleistungen erbringen und den Armen helfen. Davon haben alle etwas.

Genau so finanzieren Unterstützer von Institutionen, die unsere Freiheit verteidigen, wie das Mises-Institut Deutschland, die Produktion eines öffentlichen Gutes. Wenn Sie das Mises-Institut finanziell fördern, erhalten Sie dafür eine freiere Gesellschaft, als es sonst der Fall wäre. Alle profitieren davon; niemand wird ausgeschlossen. Mit anderen Worten haben andere etwas von den Spenden, obwohl sie selbst nicht spenden. Trotzdem gibt es das Mises-Institut, und es gedeiht sogar. Es würde jedoch noch mehr gedeihen, wenn die Steuern nicht so hoch wären, und die Menschen deshalb reicher wären und mehr spenden könnten. Auf diese Weise verringert und behindert der Staat die Produktion öffentlicher Güter.

Heute befinden sich Demonstranten gegen Freiheitseinschränkungen durch den Coronalockdown in einer ähnlichen Situation. Wenn es genug Menschen gibt, die gegen diese Vorschriften auf die Straße gehen, und die zivilen Ungehorsam gegen sie üben, können diese Vorschriften nicht aufrechterhalten werden.[5] So üben die Demonstranten einen positiven Einfluss auf den Rest der Menschen aus.

Auch hier gibt es allerdings Trittbrettfahrer. Menschen können einfach zuhause bleiben, anstatt ihre Zeit mit Protestieren zu verbringen und Strafen zu riskieren. Wenn jeder Widerstand leisten würde, wäre der Lockdown nicht durchsetzbar. Wenn jedoch zu viele Menschen Trittbrettfahrer sind, egal ob bewusst oder unbewusst, wird das öffentliche Gut der Freiheit nicht entstehen. Das ist dann natürlich kein Marktversagen, weil ohne den Staat der zivile Ungehorsam gar nicht nötig wäre. Der Staat verhindert unter Androhung von Polizeigewalt die Produktion dieses Gutes.

Unterm Strich gibt es öffentliche Güter, die ohne den Staat nicht hergestellt würden, aber es gibt auch öffentliche Güter, deren Produktion der Staat verhindert. Wegen den Staatseingriffen gibt es zu viel an bestimmten öffentlichen Gütern, und zu wenig andere, wie zum Beispiel eine Coronavirus-Herdenimmunität.

Welche öffentlichen Güter sind nun wichtiger? Die, die der Staat erzeugt, oder die, die er zerstört? Welche öffentlichen Güter sollen erzeugt werden? Es gibt zwei grundlegende Methoden, dies zu entscheiden. Politiker können willkürlich entscheiden, was hergestellt werden soll, und was nicht, oder die Menschen können selbst mit den Mitteln des freien Marktes entscheiden, was hergestellt werden soll.

[1] Ronald Coase hat bekannterweise infrage gestellt, dass Leuchttürme öffentliche Güter sind.

[2] Wir stellen fest, dass keinesfalls objektive Merkmale den Wert eines Gutes bestimmen. Das macht vielmehr der subjektive Wert, den ein Konsument einem Gut beimisst.

[3] Bedenken Sie, dass es vollkommen subjektiv ist, ob Waffenbesitz ein öffentliches Gut ist oder ein öffentliches Übel, da sich manche Menschen unwohl fühlen, wenn Waffenbesitz uneingeschränkt möglich ist. Kriminelle würden freien Waffenbesitz sicher für ein öffentliches Übel halten.

[4] Rodney Stark hat die Kreuzzüge im wesentlichen als Abwehrhandlungen verteidigt.

[5] Étienne de La Boétie hat darauf hingewiesen, dass die Macht des Staates letztendlich auf Zustimmung und Gehorsam beruht.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel Why „Public Goods“ Don’t Justify Government Intervention ist am 11.6.2020 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem O.P.Alford III Prize in Libertarian Scholarship, dem Sir John M. Templeton Fellowship und dem IREF Essay Preis. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps (“Deep Freeze: Island’s Economics Collapse” mit David Howden). Sein Buch “Die Tragödie des Euro” erscheint in 14 Sprachen. Philipp Bagus ist ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Hier Philipp Bagus auf Twitter folgen. Im Mai 2014 ist sein gemeinsam mit Andreas Marquart geschriebenes Buch “WARUM ANDERE AUF IHRE KOSTEN IMMER REICHER WERDEN … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen” erschienen. Zuletzt erschienen, ebenfalls gemeinsam mit Andreas Marquart: Wir schaffen das – alleine!

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Adobe Stock

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