Ein Protest aus Frankreich

4. Mai 2020 – von Jörg Guido Hülsmann

Jörg Guido Hülsmann

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der angesehene britische Wirtschaftswissenschaftler Edwin Cannan etwas vorwurfsvoll gefragt, was er denn während der schrecklichen Kriegsjahre getan habe. Er antwortete: „Ich habe protestiert.“ Der vorliegende Artikel ist ein ähnlicher Protest gegen die derzeitige Abriegelungspolitik, die in den meisten Ländern der westlichen Welt eingeführt wurde, um der Coronavirus-Pandemie zu begegnen.

Hier in Frankreich, wo ich lebe und arbeite, hatte Präsident Macron am Donnerstag, dem 12. März, angekündigt, dass alle Schulen und Universitäten am folgenden Montag geschlossen würden. An jenem Montag trat er dann erneut im Fernsehen auf und kündigte an, dass die gesamte Bevölkerung ab dem nächsten Tag unter Hausarrest gestellt werden würde. Ausnahmen gäbe es allenfalls für „notwendige“ Aktivitäten, insbesondere medizinische Dienste, Energieproduktion, Sicherheit, sowie die Nahrungsmittelproduktion und -verteilung. Diese politische Reaktion wurde offenbar mit anderen europäischen Regierungen abgesprochen. In Italien, Deutschland und Spanien kamen im Großen und Ganzen die gleichen Maßnahmen zur Anwendung.

Ich denke, dass diese Politik verständlich und gut gemeint ist. Aber wie viele andere Kommentatoren halte auch ich sie für falsch, schädlich und potenziell katastrophal. Einem alten französischen Sprichwort zufolge ist der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert. Leider scheint es so, als ob die gegenwärtige Politik keine Ausnahme bildet.

Mein Protest betrifft die Grundgedanken, die diese Politik motiviert haben. Sie wurden von Präsident Macron in seiner Fernsehansprache vom 12. März klar zum Ausdruck gebracht. Hier machte er drei Behauptungen, die ich besonders verblüffend fand.

Die erste lautete, dass seine Regierung drastische Maßnahmen ergreifen werde, um „Leben zu retten“, weil sich das Land „im Krieg“ mit dem Covid-19 Virus befinde. Während seines gesamten Vortrags verwendete er wiederholt die Formulierung „wir befinden uns im Krieg“ (nous sommes en guerre).

Zweitens bestand er gleich zu Beginn darauf, dass man unbedingt den Rat „der Experten“ beherzigen müsse. Monsieur Macron sagte wörtlich, dass wir alle zuhören und dem Rat jener Menschen folgen sollten, „die es wissen“ – das heißt, die das Problem kennen und wissen, wie man am besten damit umgeht.

Sein dritter wichtiger Punkt war, dass diese Notsituation gezeigt habe, wie wichtig und nützlich das staatliche Gesundheitssystem sei. Wir sollten uns doch glücklich schätzen, über ein solches System zu verfügen, gerade jetzt, in der Hitze des Krieges gegen das Virus! Es ist nicht überraschend, dass der Präsident andeutete, dieses System in Zukunft ausbauen zu wollen.

Dies sind keinesfalls die privaten Ansichten von Monsieur Macron. Sie werden von allen wichtigen Regierungen in der EU und in anderen Regionen der Welt geteilt. Sie werden auch von allen großen politischen Parteien hier in Frankreich geteilt und ebenso von Präsident Macrons Vorgängern. Der Zweck der folgenden Bemerkungen besteht somit nicht darin, den Präsidenten dieses schönen Landes oder seine Regierung oder eine bestimmte Person zu kritisieren. Der Zweck besteht darin, die Ideen zu kritisieren, auf denen die gegenwärtige Politik basiert.

Ich habe kein epidemiologisches Fachwissen. Aber ich bin mit Fragen der gesellschaftlichen Organisation vertraut, und ich kenne mich auch mit der wissenschaftlichen Forschung und der Organisation der wissenschaftlichen Forschung recht gut aus. Mein Protest bezieht sich nicht auf die medizinische Beurteilung des Covid-19 Virus und seiner Ausbreitung. Er betrifft die öffentliche Politik, mit der diesem Problem begegnet werden soll.

Soweit ich sehen kann, beruht diese Politik auf einer außergewöhnlichen Behauptung und zwei grundlegenden Fehlern. Ich werde sie der Reihe nach erörtern.

Eine außergewöhnliche Behauptung

Die außergewöhnliche Behauptung ist, dass die Eindämmung und Einstellung geschäftlicher Tätigkeiten durch das Ziel gerechtfertigt werden, „Leben zu retten“, die durch die sich ausbreitende Coronavirus-Pandemie gefährdet sind.

Hier in Europa hören wir seit den 1960er Jahren, wie amerikanische Präsidenten vom „Krieg gegen die Armut“, „Krieg gegen Drogen“, „Krieg gegen den Terrorismus“ oder in jüngerer Zeit „Krieg gegen den Klimawandel“ sprechen. Dieser seltsame Sprachgebrauch schien immer eine der vielen Schrulligkeiten Amerikas zu sein. Es ist uns auch nicht entgangen, dass keiner dieser vermeintlichen Kriege jemals gewonnen wurde. Trotz der großen Geldsummen, die die US-Regierung für ihre Bekämpfung ausgegeben hat, trotz der neuen staatlichen Institutionen, die geschaffen wurden, und trotz der großen und zunehmenden Verletzungen der wirtschaftlichen und bürgerlichen Freiheiten der einfachen Amerikaner sind jene Probleme selbst nie beseitigt worden. Ganz im Gegenteil, sie hielten an und wurden immer schlimmer.

Die meisten europäischen Regierungen haben sich nun mit den Amerikanern zusammengetan und sind der Ansicht, dass auch sie sich im Krieg befinden, mit einem Virus. Es ist daher angebracht, darauf zu bestehen, dass dies eine metaphorische Ausdrucksweise ist. Ein Krieg ist ein militärischer Konflikt, der den Staat – und damit eben jene Institution, die gemeinhin als Garant für Leben und Freiheit der Bürger gilt – vor böswilligen Angriffen einer fremden Macht, in der Regel eines anderen Staates, schützen soll. In einem Krieg wird die Existenz des Staates selbst angegriffen. Davon kann im vorliegenden Fall jedoch nicht die Rede sein.

Außerdem kann es keinen Krieg mit einem Virus geben, allein deswegen nicht, weil ein Virus nicht handelt. Das Wort „Krieg“ kann hier also allenfalls metaphorisch verwendet werden. Es dient als Deckmantel und Rechtfertigung für die Verletzung eben jener bürgerlichen und wirtschaftlichen Freiheiten, die der Staat eigentlich schützen soll.

In seiner traditionellen Konzeption soll der Staat das Gemeinwohl schützen und fördern. Der Schutz des Lebens der Bürger könnte daher massive staatliche Eingriffe durchaus rechtfertigen. Doch dann sollte die allererste Frage lauten: Wie viele Leben stehen denn auf dem Spiel? Staatliche Epidemiologen haben in ihren düstersten Schätzungen angenommen – die genaue Faktenlage ist noch nicht geklärt –, dass etwa zehn Prozent der Infizierten möglicherweise eine Krankenhausbehandlung benötigen und ein großer Teil von ihnen sterben würde. Bereits Mitte März war auch bekannt, dass diese tödliche Bedrohung in der großen Mehrheit der Fälle sehr alte Menschen betrifft, wobei das durchschnittliche Opfer von Covid-19 etwa 80 Jahre alt war.

Die Behauptung, dass Kriegsmaßnahmen, die die wirtschaftliche Existenz der großen Mehrheit der Bevölkerung und auch das Leben der ärmsten und schwächsten Menschen der Weltwirtschaft bedrohen –  ein Punkt, zu dem ich weiter unten mehr sagen werde –, ergriffen werden müssen, um das Leben einiger weniger zu retten, von denen die meisten ohnehin dem Tode nahe sind, ist, gelinde gesagt, sonderlich.

Ohne ins Detail zu gehen, möchte ich nur hervorheben, dass diese Behauptung in krassem Widerspruch zu der Abtreibungspolitik steht, die westliche Regierungen seit den 1970er Jahren verfolgen. In jenem Fall war die Argumentation genau umgekehrt. Die persönliche Freiheit und das (auch wirtschaftliche) Wohlergehen der Frauen, die ihre Kinder abtreiben wollten, hatten Vorrang vor dem Lebensrecht dieser noch ungeborenen Kinder. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation werden jedes Jahr weltweit etwa 40-50 Millionen Babys abgetrieben. Allein im Jahr 2018 wurden hier in Frankreich mehr als 224.000 Babys abgetrieben. Auch in Deutschland waren es mehr als 100.000. Wie ernst die aktuelle Covid-19-Pandemie auch immer noch werden mag, sie wird bei einem Bruchteil dieser Todesopfer bleiben. Die Regierungen haben es nicht nur versäumt, „Leben zu retten“, wenn es um Schwangerschaftsabbrüche geht. Sie haben vielmehr die Tötung von Menschen in großem Umfang geduldet und finanziert.

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Das tun sie auch jetzt noch. Hier in Frankreich wurden alle Krankenhausdienste abgebaut, um Kapazitäten für die Behandlung der Opfer von Covid-19 freizusetzen – alle bis auf einen. Abtreibungen werden weiterhin durchgeführt und wurden vor kurzem durch die gesetzliche Verpflichtung des Krankenhauspersonals zur Durchführung von Abtreibungen sogar noch bestärkt (bislang war es dem medizinischen Personal möglich, solche Dienste aus Gewissensgründen abzulehnen).

Die Behauptung, dass drastische Politikeingriffe gerechtfertigt seien, um „Leben zu retten“, steht auch im Widerspruch zur bisherigen Politik in anderen Bereichen. Es wäre durchaus möglich gewesen, „Leben zu retten“ durch eine größere Bezuschussung staatlicher Krankenhäuser; oder durch stärkere Begrenzungen der Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen; oder durch höhere Hilfszahlungen im Rahmen der Entwicklungshilfe; oder durch ein rigoroses Rauchverbot und so weiter. Nun möchte ich mich an dieser Stelle keineswegs zum Fürsprecher solcher Maßnahmen machen. Mein Punkt ist, dass es nie das einzige oder höchste Ziel der Regierungspolitik war, „Leben zu retten“ oder menschliches Leben so weit wie möglich zu verlängern. In der Tat wäre eine solche Politik völlig absurd und unpraktisch, wie ich weiter unten erläutern werde.

Es ist schwierig, sich dem Eindruck zu entziehen, dass der „Krieg zur Rettung von Leben“ eine Farce ist. Die Wahrheit scheint zu sein, dass die Covid-19-Krise dazu benutzt wird, die Befugnisse des Staates auszuweiten. Die Regierung erhält die Macht, alle anderen menschlichen Belange im Namen der Verlängerung des Lebens einiger weniger Auserwählter zu kontrollieren und zu lähmen. Niemals kam dieser Grundsatz in einem freien Land zur Geltung. Nur wenigen Tyranneien ist es gelungen, ihre Macht so weit auszudehnen.

Die derzeitigen Nutznießer dieser neuen Befugnisse sind die älteren Bürger und einige wenige andere. Aber man täusche sich nicht. Es ist wahrscheinlich, dass ihre Schicksale nur als Vorwand dienen, um die Schaffung neuer und unerhörter Befugnisse für den Staat zu rechtfertigen. Sobald diese neuen Mächte erst einmal fest etabliert sind, gibt es keinen Grund, warum die Älteren den Machthabern weiterhin besonders am Herzen liegen sollten. Es ist zu befürchten, dass genau das Gegenteil der Fall sein wird.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich behaupte nicht, dass die französische Regierung versucht, unter dem Deckmantel von Covid-19 nun Macht über Entscheidungen auf Leben und Tod oder diktatorische Befugnisse zur Einführung des Sozialismus durch die Hintertür an sich zu reißen. Ich kann mir allen Ernstes nicht vorstellen, dass Monsieur Macron und seine Regierung von finsteren Beweggründen getrieben werden. Ich denke, sie haben von allen Absichten nur die besten. Aber hier geht es genau darum, dass Gutes tun und Gutes wollen nicht immer gleichzusetzen sind.

Ein schwerwiegender Fehler: Die Herrschaft von Experten

Bisher habe ich mich zu politischen Fragen geäußert. Aber es gibt auch Sachfragen. Und damit komme ich zu den beiden oben genannten Fehlern.

Der erste grundlegende Fehler besteht in der Ansicht, dass die Experten wissen, wo der Hase läuft, und alle anderen ihnen vertrauen müssen und tun sollten, was sie sagen.

Die Wahrheit ist, dass selbst die brillantesten Forscher und Ärzte nur auf einem sehr engen Gebiet über vertiefte Kenntnisse verfügen; dass sie keine besondere Expertise haben, wenn es darum geht, neue praktische Lösungen zu entwickeln; und dass ihre beruflichen Vorurteile sie zu verschiedenen Fehlern verleiten, wenn es darum geht, große gesellschaftliche Probleme wie die gegenwärtige Pandemie zu lösen. Das ist in meiner eigenen Disziplin, der Volkswirtschaftslehre, ganz offensichtlich der Fall, aber in anderen akademischen Disziplinen stehen die Dinge keineswegs anders. Lassen Sie mich dies etwas näher ausführen.

Die Art von Wissen, die durch wissenschaftliche Forschung erworben werden kann, ist nur eine Vorstufe zum Handeln. Forschung sammelt Fakten und liefert Teilwissen über kausale Zusammenhänge. Die Volkswirtschaftslehre sagt uns zum Beispiel, dass die Größe der Geldmenge in einem positiven Zusammenhang mit dem Niveau der Preise für Güter und Dienstleistungen steht. Doch dies ist nicht das Gesamtbild. Es kommen auch andere Ursachen ins Spiel. Die Entscheidungsfindung in der realen Welt kann sich nicht nur auf Fakten und anderes Teilwissen stützen. Sie muss den Einfluss einer Vielzahl von Umständen abwägen, von denen nicht alle gut bekannt sind und die nicht alle in direktem Zusammenhang mit dem betreffenden Problem stehen. Sie muss zu ausgewogenen Schlussfolgerungen kommen, manchmal unter sich rasch verändernden Umständen.

In dieser Hinsicht ist der typische Experte überhaupt kein Experte. Wie viele Wirtschaftsnobelpreisträger haben mit der Anlage ihrer persönlichen Ersparnisse nennenswertes Geld verdient? Wie viele Virologen oder Epidemiologen haben eine privat geführte Klinik oder ein Labor gegründet und betrieben? Ich würde niemals einem Kollegen trauen, der die Torheit hätte, freiwillig eine Zentralplanungskommission zu leiten. Ich traute keinem Epidemiologen, der die Unverfrorenheit besäße, als Covid-Zar aufzutreten. Ich glaube einer Regierung nicht, wenn sie mir sagt, sie kenne genau „die Experten“, die am besten wissen, wie man ein ganzes Land schützt und führt.

Bedenken Sie außerdem, dass wissenschaftliche Erkenntnisse bestenfalls dem jetzigen Stand entsprechen. Das Kostbare an der Wissenschaft ist aber nicht in ihren Ergebnissen zu sehen, die ja ohnehin fast nie endgültig sind. Entscheidend ist vielmehr der wissenschaftliche Prozess, der ein Wettbewerbsprozess ist, der auf Meinungsverschiedenheiten über die Gültigkeit und Relevanz verschiedener Forschungshypothesen beruht. Dieser Prozess ist besonders wichtig, wenn es um neue Probleme geht – wie zum Beispiel ein neues Virus, das sich auf ungeahnte Weise verbreitet und unerhörte Auswirkungen hat. Gerade unter solchen Umständen, wenn viel auf dem Spiel steht, ist die unvoreingenommene Konfrontation und konkurrierende Erforschung verschiedener Standpunkte von größter Bedeutung. Forschungszaren und zentrale Planer nützen hier überhaupt nichts. Sie sind Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.

Eine Regierung, die alles auf ein Pferd setzt und das Management einer Pandemie an eine einzige Person oder Institution übergibt, erreicht bestenfalls nur eines: dass alle Bürger die gleiche Behandlung erhalten. Aber sie verlangsamt damit genau den Prozess, der zur Entdeckung der besten Behandlungsmethoden führt und diese rasch einer möglichst großen Zahl von Patienten zugänglich macht.

Man darf auch nicht vergessen, dass Universitätsleute – und dazu gehören Epidemiologen ebenso wie Ökonomen und Juristen – in der Regel Regierungsangestellte sind und dass dies ihre Herangehensweise an jedes praktische Problem färbt. Sie neigen zu der Meinung, dass schwerwiegende Probleme, insbesondere große Probleme, die die meisten oder alle Bürger betreffen, durch staatliche Eingriffe gelöst werden sollten. Viele von ihnen sind unfähig, sich überhaupt etwas anderes vorzustellen.

Dieses Problem wird durch die Auswahl des wissenschaftlichen Führungspersonals auf verhängnisvolle Weise verstärkt. Es ist so gut wie ausgeschlossen, dass diejenigen Forscher, die sich für eine administrative oder politische Laufbahn entscheiden und die es auch bis in die höheren Ränge des öffentlichen Dienstes schaffen, nicht davon überzeugt sind, dass staatliches Handeln geeignet und notwendig wäre, um die wichtigsten Probleme zu lösen. Sonst hätten sie wohl kaum eine solche Laufbahn gewählt. Und sonst wären sie wohl auch kaum in Führungspositionen gelandet. Ein gutes Beispiel unter vielen anderen ist der jetzige Direktor der Weltgesundheitsbehörde, Tedros Adhanom, der nach Presseberichten früher einer kommunistischen Organisation angehörte. Es geht hier nicht darum, dass der Leiter der Weltgesundheitsbehörde keine politische Meinung haben sollte oder dass Dr. Adhanom ein schlechter oder inkompetenter Mensch ist. Es geht darum, dass es nicht überraschend ist, dass solche Leute Führungspositionen in staatlichen Organisationen bekleiden und dass ihre Herangehensweise an die Bekämpfung einer Pandemie auch von ihren persönlichen politischen Vorurteilen geprägt ist, nicht nur von medizinischen Informationen und guten Absichten.

Ein weiterer folgenschwerer Fehler: Die Vernachlässigung der Wirtschafswissenschaften

Mit einer solchen Auswahlverzerrung ist häufig eine eigentümliche Unkenntnis verbunden, die die Funktionsweise komplexer sozialer Ordnungen betrifft. Das bringt mich zu dem zweiten grundlegenden Fehler, der die Politik rund um Covid-19 beeinträchtigt. Er besteht darin zu glauben, dass die bürgerlichen und wirtschaftlichen Freiheiten eine Art Konsumgut sind, vielleicht sogar ein Luxusgut, das nur in guten Zeiten zugelassen werden kann. Wenn es hart auf hart kommt, muss die Regierung das Ruder übernehmen und alle anderen sollten dann zurücktreten – notfalls sogar in den Hausarrest.

Dieser Fehler ist typisch für Menschen, die zu viel Zeit mit Politikern und in öffentlichen Verwaltungen verbracht haben. Die Wahrheit ist, dass bürgerliche und wirtschaftliche Freiheit das wirkmächtigste Mittel ist, um praktisch jedem Problem zu begegnen. (Eine Ausnahme, die diese Regel bestätigt: Freiheit eignet sich nicht gut, um politische Macht zu festigen.) Und die Kehrseite derselben Wahrheit ist, dass Regierungen typischerweise scheitern, wenn sie sich daran machen, gesellschaftliche Probleme zu lösen, selbst ganz gewöhnliche Probleme. Denken Sie an das staatliche Bildungswesen oder den staatlichen Wohnungsbau. Ich werde weiter unten auf diesen Punkt zurückkommen.

Aufgrund der Mechanik des politischen Prozesses neigen Regierungen zum Überreagieren, sobald ein Problem groß genug wird, um in die Nachrichten zu gelangen und zu einem Thema für die Wähler zu werden. Regierungen werden sich dann in der Regel auf dieses eine Problem konzentrieren. In ihrer Wahrnehmung wird es zum wichtigsten aller Probleme, die die Menschheit zu lösen hat. Wenn eine solche Regierung keine Ahnung von Wirtschaft hat, ist sie geneigt, technische Lösungen nach Einheitsplan vorzuschlagen. Dadurch wird jedoch die gesellschaftliche und politische Dimension dessen, was eine Problemlösung wirklich ausmacht, völlig vernachlässigt. Im vorliegenden Fall haben die „Experten“ unbekümmert vorgeschlagen, die gesamte Wirtschaft abzuschalten, weil „das funktioniert“.

Nun bestreite ich nicht, dass Ausgangssperren die Übertragungsgeschwindigkeit einer Pandemie wirksam verlangsamen können. Ich habe überhaupt keine Meinung darüber, wie man am besten mit Pandemien oder anderen Problemen der Virologie oder Medizin umgehen sollte. Aber als Wirtschaftswissenschaftler weiß ich um die entscheidende Bedeutung der Tatsache, dass es im menschlichen Leben niemals nur ein einziges Ziel gibt. Es gibt immer eine große und vielfältige Palette von Zielen, die jeder von uns verfolgt. Das praktische Problem für jeden Menschen besteht darin, die richtige Balance zu finden, vor allem aber in der richtigen zeitlichen Abfolge zu handeln. Übertragen auf die Wirtschaft als Ganzes besteht das Problem darin, den verschiedenen Zielen die richtigen Mengen an Zeit und materiellen Ressourcen zuzuordnen.

Für die meisten Menschen hat der Schutz ihres eigenen Lebens und des Lebens ihrer Familien eine sehr hohe Bedeutung. Doch unabhängig davon, wie wichtig dieses Ziel ist, kann es in der Praxis nicht perfekt erreicht werden. Um mein Leben zu schützen, brauche ich Nahrung, also muss ich arbeiten, also muss ich mich allen möglichen Risiken aussetzen, die mit dem Verlassen des sicheren Heims und der Begegnung mit der Natur und anderen Menschen verbunden sind. Kurz gesagt, Menschenleben können nicht perfekt geschützt werden, auch nicht von denen, die bereit sind, diesem Ziel alles andere unterzuordnen. Es ist eine praktische Unmöglichkeit. Wenn es um den Schutz von Leben geht, stellt sich nur die eine Frage: wie sehr bin ich bereit, mein Leben und das Leben derer, die von mir abhängig sind, zu riskieren? Und es stellt sich dann häufig heraus, dass man Leben am besten schützt, wenn man viel riskiert. Was für das ewige Leben der eigenen Seele gilt („Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ – Matthäus 16:25) gilt auch für das alltägliche materielle Leben hier auf der Erde.

Nun ist für die meisten Menschen die Bewahrung ihres Lebens oder die Verlängerung ihrer Lebensspanne nicht wirklich das höchste Ziel. Raucher, Fleischesser und Trinker ziehen ein kürzeres, freudigeres Leben einem längeren Leben in Abstinenz vor. Polizisten, Soldaten und viele Bürger werden oftmals von der Liebe zu ihrem Land und von der Liebe zur Gerechtigkeit getrieben. Sie würden lieber sterben als unter Sklaverei oder Tyrannei zu leben. Priester würden eher ihr Leben riskieren, als ihr Bekenntnis aufzugeben. Ein gläubiger Christ würde eher den Tod riskieren als die Abtrünnigkeit. Matrosen riskieren ihr eigenes Leben, um für ihre Familien zu sorgen. Ärzte und Krankenschwestern sind bereit, ihr Leben zu riskieren, um Patienten mit Infektionskrankheiten zu helfen. Rugbyspieler und Rennfahrer riskieren ihr Leben nicht nur für den Ruhm des Sieges, sondern auch für die Aufregung und Zufriedenheit, die mit außergewöhnlichen Leistungen unter Gefahr einhergehen. Viele junge Männer und Frauen tauschen gerne die Aufregung des Tanzes gegen das Risiko, sich dabei Covid-19 einzufangen.

Alle diese Menschen leisten auf die eine oder andere Weise einen materiellen Beitrag zum Lebensunterhalt aller anderen. Raucher und Trinker bezahlen letztlich für ihren persönlichen Konsum nicht mit Geld (das ihnen ja nur als Tauschmittel mit anderen dient), sondern mit den Gütern und Dienstleistungen, die sie selbst für andere bereitstellen. Wenn sie ihrem Konsum nicht frönen könnten, würde ihre Motivation, anderen zu helfen, abnehmen oder ganz verschwinden. Wenn Polizisten, Soldaten, Matrosen und Krankenschwestern keine relativ geringe Risikoscheu hätten, würden ihre Dienste nur zu viel höheren Kosten und möglicherweise überhaupt nicht erbracht werden.

Die Präferenzen und Aktivitäten aller Marktteilnehmer sind voneinander abhängig. In der Marktordnung hilft jeder dem anderen bei der Verfolgung seiner Ziele, auch wenn diese Ziele letztlich den eigenen widersprechen können. Der Fleischesser kann ein Mechaniker sein, der die Autos von Vegetariern repariert, oder ein Buchhalter, der die Buchhaltung für eine vegetarische NGO führt. Der Soldat schützt auch Pazifisten. Zu den Pazifisten können Bauern gehören, die die von Soldaten konsumierten Nahrungsmittel anbauen usw.

Es ist unmöglich, alle diese Verbindungen zu entwirren, und es ist auch nicht notwendig. Der Punkt ist, dass in einer Marktwirtschaft die Faktoren, die die Produktion irgendeines Wirtschaftsgutes bestimmen, nicht nur technische Faktoren sind. Durch den Austausch, durch die Arbeitsteilung sind alle Produktionsprozesse miteinander verbunden. Die Effektivität von Ärzten und Krankenschwestern und ihren Helfern hängt nicht nur von jenen Menschen ab, die sie direkt mit den Materialien versorgen, auf die sie angewiesen sind. Indirekt hängt sie auch von den Aktivitäten aller anderen Produzenten ab, die nicht das Geringste mit der medizinischen Versorgung in Krankenhäusern zu tun haben. Selbst in einer Notfallsituation ist es daher notwendig, die Bedürfnisse und Prioritäten dieser Anderen zu respektieren. Sie wegzusperren, sie einzusperren, bedeutet keineswegs, den Betrieb von Krankenhäusern zu erleichtern. Vielmehr wird eine solche Politik letztlich auch die Krankenhäuser heimsuchen, wenn die Versorgungsketten absterben und es an grundlegenden Erzeugnissen mangelt.

Nun könnte man behaupten, dass solche Folgen erst auf lange Sicht eintreten. Eine Regierung, die mit einer Notsituation konfrontiert ist, sollte daher solche langfristigen Fragen vernachlässigen und sich lieber auf den kurzfristigen Notfall konzentrieren. Das klingt vernünftig, und deshalb wurden solche Argumente immer wieder herangezogen, vor allem zur Rechtfertigung einer expansiven Wirtschaftspolitik, die ebenfalls kurzfristige Linderung auf Kosten der Zukunft erkauft.

Aber eine solche Argumentation ist im vorliegenden Fall nicht statthaft. Die Wurzel des Irrtums liegt in der Annahme, dass einzig das Covid-19 Virus eine unmittelbare Bedrohung für Menschenleben darstelle, während die Abriegelungspolitik ausnahmslos schützend wirkt und kein Leben gefährdet. Das ist allerdings falsch. Wie viele Menschen haben Selbstmord begangen, weil die Abriegelungsmaßnahmen sie in Depression und Wahnsinn getrieben haben? Wie viele haben keine lebensrettenden Behandlungen erhalten, weil Krankenhausbetten und Personal für die Opfer von Covid-19 blockiert waren? Wie viele sind zu Hause zu Opfern geworden, weil ihre Ehepartner aufgrund der Ausgangssperren aggressiv geworden sind? Wie viele haben ihre Arbeit, ihre Unternehmen, ihr Vermögen verloren und werden in den kommenden Monaten in den Selbstmord und die Aggression getrieben werden? Wie viele Menschen in den ärmsten Ländern der Weltwirtschaft werden jetzt in den Hungertod getrieben, weil Haushalte und Firmen in der entwickelten Welt wegen der Abriegelung die Nachfrage nach ihren Produkten zurückgefahren haben?

Die unvermeidliche Schlussfolgerung ist, dass die Abriegelungspolitik selbst kurzfristig das Leben vieler Menschen kostet, die sonst noch nicht gestorben wären. Kurz- und langfristig dient die gegenwärtige Politik nicht dazu, „Leben zu retten“, sondern vielmehr das Leben einiger Menschen auf Kosten des Lebens anderer zu verlängern.

Schlussfolgerung

Die Abriegelungspolitik ist als Panikreaktion verständlich. Politische Führungskräfte wollten das Richtige tun und mussten Entscheidungen mit unvollständigen Informationen treffen. Aber bei reiflicher Überlegung – und sicherlich im Nachhinein – war das keine gute Politik. Die Politik des vergangenen Monats war dem Gemeinwohl nicht förderlich. Sie hat zwar das Leben vieler Menschen gerettet, aber sie haben auch das Leben und die Lebensgrundlagen vieler anderer gefährdet – und gefährdet sie immer noch. Sie hat einen neuen und gefährlichen politischen Präzedenzfall geschaffen. Sie hat die politische Regime-Unsicherheit – um Robert Higgs‘ treffenden Ausdruck zu verwenden – verstärkt, und das wird sich auf die Entscheidungen von Einzelpersonen, Familien, Gemeinschaften und Unternehmen in den kommenden Jahren auswirken.

Jetzt wäre es richtig, diese Politik rasch und vollständig aufzugeben. Die Bürger freier Länder sind in der Lage, sich selbst zu schützen. Sie können individuell und kollektiv handeln. Sie können aber nicht gut handeln, wenn sie eingesperrt sind. Sie werden jeden ehrlichen und kompetenten Rat darüber begrüßen, was sie tun können und sollten, und daraufhin verantwortungsvoll vorgehen, sei es allein oder in Abstimmung mit anderen.

Die größte Gefahr besteht jetzt in der Aufrechterhaltung der schlecht durchdachten Abriegelungen, vor allem unter dem Vorwand der „Bewältigung des Übergangs“ oder anderer fadenscheiniger Begründungen. Ist es wirklich notwendig, die allgemein bekannte Realität des Staatsversagens anhand der endlosen Liste von Einzelfällen deutlich zu machen? Ist es notwendig, daran zu erinnern, dass Menschen, die für das eigene Handeln nicht haften, im wahrsten Sinne des Wortes unverantwortlich sind? Diese Möchtegern-Manager hätten von Anfang an aus dem Spiel bleiben sollen. Stattdessen haben sie es bislang geschafft, alle anderen aus dem Spiel zu drängen. Wenn man sie weitermachen lässt, könnten sie sehr wohl das heutige Unglück – so groß es auch ist – in eine wahre Katastrophe verwandeln.

Der historische Präzedenzfall, der mir in den Sinn kommt, ist die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Auch damals sah sich die freie Welt mit einer schmerzhaften Rezession konfrontiert, als die Implosion der Aktienmarktblase ein deflationäres Zusammenbrechen der Finanzwirtschaft und eine massive Arbeitslosigkeit nach sich zog. Jene Rezession, so schlimm sie auch war, hätte kurz sein können, wie alle früheren Rezessionen in den USA und anderswo. Stattdessen verwandelte sie sich in eine mehrjährige Depression, weil Herbert Hoover und Franklin D. Roosevelt die Torheit besaßen, den Aufschwung mit Staatsausgaben, Verstaatlichungen und Preiskontrollen fördern zu wollen.

Es ist noch nicht zu spät. Es ist nie zu spät, einen ehrlichen Fehler zu erkennen und eine falsche Handlungsweise zu korrigieren. Hoffen wir, dass Präsident Macron, Präsident Trump, Bundeskanzlerin Merkel und alle anderen Menschen guten Willens schnell zur Vernunft kommen.

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Dieser Beitrag ist am 23. April 2020 zuerst erschienen auf LewRockwell.comAus dem Englischen übersetzt von Karl-Friedrich Israel.

Jörg Guido Hülsmann ist Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich und Senior Fellow des Ludwig von Mises Instituts in Auburn, Alabama. Er ist Mitglied der Europäischen Akademie für Wissenschaften und Künste sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Zu seinen umfangreichen Interessen- und Forschungsgebieten zählen Geld-, Kapital- und Wachstumstheorie. Er ist Autor von «Ethik der Geldproduktion» (2007) und «Mises: The Last Knight of Liberalism» (2007). Zuletzt erschienen «Krise der Inflationskultur» (2013). Seine Website ist guidohulsmann.com

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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