Eine Reise durch die Welt der Österreicher in 12 Schriften – Folge 1

27. März 2020 – Das Ludwig von Mises Seminar 2020 vergegenwärtigt bahnbrechende Bücher der Österreichischen Schule der Nationalökonomie | Ein Seminarbericht in 2 Teilen – Folge 1 

von Rainer Bieling

Rainer Bieling

Es war ein Freitag, der 13. Kein guter Tag für Abergläubige. Zu denen zählen Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie indes nicht, ganz im Gegenteil: An diesem Freitag, dem 13. März 2020, versammelten sich zu ihrem Ludwig von Mises Seminar 2020 in Kronberg im Taunus aufgeklärte Bürger, die mit wachen Augen und offenen Ohren das verfügbare Wissen aufnehmen, das menschliches Denken und Handeln hervorbringt, vermehrt und teilt. Allerdings ist die Verteilung dieses Wissen nichts, das von selbst geschieht, und auch die Bewahrung vorhandenen Wissens vor dem Vergessen will bewerkstelligt sein.

Der Gedanke, „12 Vorlesungen über bahnbrechende Bücher und ihre Bedeutung“ zu veranstalten, sollte der Bewahrung und Weitergabe von Wissen über die Österreichische Schule der Nationalökonomie dienen. Rund 60 Teilnehmer waren zu dem Seminar in die Stadthalle nach Kronberg gekommen, um an zwei Tagen, dem besagten Freitag und am folgenden Samstag, dem 14. März 2020, diese zwölf Vorlesungen zu hören, vorgetragen von fünf Dozenten.

Der Vorstand des Ludwig von Mises Instituts, Andreas Marquart, der zugleich dem Seminar vorstand, nennt eingangs eine Zahl: 4200. So viele Buchseiten haben die elf bahnbrechenden Bücher der Österreichischen Schule zusammengerechnet, die in den folgenden zwölf Stunden des Mises Seminars vorgestellt werden – in zwölf Vorlesungen, weil ein Buch gleich zweimal drankommen wird, von dem es zwei verschiedene Fassungen in zwei unterschiedlichen Sprachen unter jeweils eigenem Namen gibt, also gewissermaßen doch zwölf Bücher von Bedeutung, für jede Vorlesung eines.

Andreas Marquart begrüßt die Seminarteilnehmer

Vorlesung 1: Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, Wien 1871. Von Carl Menger, vorgestellt von Philipp Bagus, Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid.

Umstände (Wer schreibt was für ein Buch, wann und wo macht er das, und warum tut er es?): Carl Menger von Wolfensgrün, kurz Carl Menger, 1840 geboren und aufgewachsen in einer Kleinstadt südlich von Krakau im österreichischen Galizien, studiert Rechts- und Staatswissenschaften in Wien und Prag, arbeitet anschließend wieder in Galizien als Redakteur der Lemberger Zeitung, Schwerpunkt Marktbeobachtung und -beurteilung, und promoviert 1867 in Krakau. 1871 geht er endgültig nach Wien, wo sich er im Folgejahr mit einer Schrift habilitiert, die bereits vorliegt: Sein Buch Grundsätze der Volkswirtschaftslehre ist erschienen im Wien des Jahres 1871, in dem Preußen einen Krieg gegen Frankreich beginnt und gewinnt und mit dem Deutschen Reich einen kleindeutschen Nationalstaat ohne Zugehörigkeit Österreichs gründet.

Auch wenn Wien kein Bestandteil des neuen Reiches wird – Mengers Augen sind bis dahin ganz auf Deutschland gerichtet, an dessen Gebrauchswertschule er sich orientiert. Mit der staatlichen Trennung des deutschen Sprach- und Wissensraums in zwei eigenständige Reiche und der Berufung Carl Mengers an den neu geschaffenen Lehrstuhl für Politische Ökonomie an der Universität Wien beginnt 1879 die eigenständige Entwicklung einer Österreichischen Schule der Nationalökonomie.

Inhalt: Wie argumentiert Carl Menger? Worum geht es in den Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre?

Carl Menger schreibt, zunächst ganz in der Tradition der deutschen Gebrauchswertschule, gegen den Objektivismus der klassischen Nationalökonomie der Briten und setzt ihm einen alternativen Ansatz entgegen, der das menschliche Handeln zum Ausgangspunkt einer subjektiven Wertlehre nimmt, die den Gebrauchswert einer Ware, deren Nutzen, wertbestimmend sieht. Er nimmt also das handelnde Individuum in den Blick, und da dieses stets mit anderen interagiert, die handelnden Individuen oder Subjekte.

Menger gliedert seine Grundsätze in 8 Kapitel, die von der „Lehre vom Gute“ über die „Lehre vom Werte“ und die „Lehre vom Preise“ zur „Lehre von der Ware“ und der „Lehre vom Gelde“ vorarbeiten. In seinem 6. Kapitel erörtert er den Zusammenhang und die Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert und gelangt von hier zu einer grundlegenden Weiterentwicklung der deutschen Gebrauchswertlehre, indem er den für die Österreichische Schule wichtigen Gedanken des Grenznutzens ausbaut und ihn mit dem Faktor Zeit in Verbindung setzt, der später zum Begriff der Zeitpräferenz weiterentwickelt werden wird.

Professor Dr. Philipp Bagus

Nutzen: Wozu soll das Lesen des Buches heutzutage gut sein?

Philipp Bagus sagt in seiner Vorlesung, Carl Menger sei „radikal anders“ als die deutschen Gebrauchswertlehrer, indem er den theoretischen Ansatz von Wilhelm Roscher, des Leipziger Professors für Staats- und Kameralwissenschaften, dem die Erstausgabe von 1871 „in achtungsvoller Verehrung zugeeignet“ ist (so die Widmung im Buchinneren), konsequent weiterentwickle. Die „Lehre vom Gelde“ (Kapitel 8) definiert Geld als ein von jedermann angenommenes Gut und lege damit einen der Grundsteine dessen, was alsbald als Österreichische Schule der Nationalökonomie gelten werde. Die Lektüre der Grundsätze der Volkswirtschaftslehre verschaffe den Genuss der Wiederbegegnung mit einem „neuen Level“ der Nationalökonomie – eine Art Geburtsurkunde von etwas Eigenem.

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Vorlesung 2: Kapital und Kapitalzins, Innsbruck 1884. Von Eugen von Böhm-Bawerk, vorgestellt von Jörg Guido Hülsmann, Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich.

Umstände: Eugen Böhm Ritter von Bawerk, kurz Eugen von Böhm-Bawerk, geboren 1851 in Brünn im österreichischen Mähren, studiert Rechts- und Staatswissenschaften in Wien und tritt zunächst in den niederösterreichischen Finanzdienst ein. Nach einer Habilitation in Politischer Ökonomie wird er 1881 Privatdozent an der Universität Innsbruck. Sein Buch Kapital und Kapitalzins entsteht und erscheint in Innsbruck in dem Jahr 1884, in dem er dort eine Professur für Politische Ökonomie übernimmt, mit der eine weitere Stimme der Österreichischen Schule der Nationalökonomie erklingt.

Inhalt: Eugen von Böhm-Bawerk schreibt sein anfangs (1884) auf zwei Bände angelegtes Werk Kapital und Kapitalzins so lange fort, bis es am Ende (1909) drei Bände unter diesem Obertitel sein werden. Der Band 1 von 1884 behandelt unter dem Titel Geschichte und Kritik der Kapitalzins-Theorien die dogmengeschichtliche Entwicklung und ist mit 546 Seiten der umfangreichste; der Band 2 erscheint fünf Jahre später, 1889, und enthält Böhm-Bawerks eigene Positive Theorie des Kapitals auf 485 Seiten. Als Nachzügler erscheint 1909 Band 3, der auf 350 Seiten Exkurse zur Positiven Theorie des Kapitals ausbreitet und sich mit der Rezeption der Kapitaltheorie befasst.

Der erste Band sorgt 1884 bei seinem Erscheinen für Aufmerksamkeit, weil sich Böhm-Bawerk in seiner Dogmengeschichte auch mit Karl Marx befasst und dessen Werttheorie zurückweist, ja von der „gänzlichen Unhaltbarkeit“ des Marxschen Arbeitswertgesetzes spricht. Marx war im Vorjahr 1883 verstorben und konnte sich nicht mehr wehren, aber Friedrich Engels lebte noch und mit ihm zahlreiche jüngere akademisch gebildete Marxisten. In den Folgejahren wird es zu einer intensiven Fehde zwischen Böhm-Bawerk und den Sozialisten kommen, als deren Wortführer sich Rudolf Hilferding profiliert, ein Österreicher, der später im Deutschen Reich sozialdemokratischer Finanzpolitiker werden wird. So hat die Österreichische Schule der Nationalökonomie auch ihr Gegenstück, den Austromarxismus, hervorgebracht, eine zweite Besonderheit des Wiener Geisteslebens nach der Trennung der beiden Reiche.

Professor Dr. Jörg Guido Hülsmann

Nutzen: Jörg Guido Hülsmann sagt, Böhm-Bawerk sei „der bedeutendste Menger-Schüler“ und anders als dieser „ein gefälliger Autor“. Er habe es geschafft, die Lehren von Menger zu verbreiten, ohne sie zu verflachen, sondern sie im Gegenteil dabei zu systematisieren und weiter zu entwickeln. Schon 1902 sei Böhm-Bawerk ins Englische übersetzt worden – Carl Mengers Buch habe erst 1950 eine englische Übersetzung erlebt.

Als bleibende Erkenntnis des zentralen zweiten Bandes von Kapital und Kapitalzins hebt Hülsmann das Kostengesetz hervor, demzufolge „der Marktpreis von beliebig reproduzierbarer Waren langfristig dazu tendiert, sich den Produktionskosten anzugleichen“. So komme es durch Böhm-Bawerk zu einer Synthese von klassischer Preislehre (Adam Smith) und der Menger’schen Preislehre. Die Lektüre von Kapital und Kapitalzins lasse die „Geburt der modernen Makroökonomie“ nacherleben, den Zusammenhang aller Märkte und Einkommen, und verhelfe zu der Einsicht: „Es gibt eine spontane Ordnung der Marktwirtschaft.“

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Vorlesung 3: Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, Wien 1912. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Thorsten Polleit, Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Chefvolkswirt der Degussa und Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland.

Umstände: Ludwig Heinrich Edler von Mises, kurz Ludwig von Mises, geboren 1881 in Lemberg in Galizien, studiert Rechtswissenschaft in Wien, promoviert dort 1906 und tritt als Mitarbeiter, bald Leiter, der Finanzabteilung der Handels- und Gewerbekammer in den österreichischen Staatsdienst ein. Für die Tätigkeit in der Kammer qualifiziert ihn, seit er 1903 erstmals Carl Mengers Grundsätze der Volkswirtschaftslehre gelesen hat, ein ausgiebiges Privatstudium der Volkswirtschaftslehre. Seine Schrift Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, mit der er sich habilitieren wird, erscheint 1912 in Wien und öffnet ihm nach der Habilitation 1913 die Tür zur universitären Lehrtätigkeit anfangs als Privatdozent, dann als außerordentlicher Professor für Politische Ökonomie an der Juridischen Fakultät der Universität Wien.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt 1912 seine Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel in einer Zeit, in der dem Geld als Umlaufmittel noch eine Golddeckung zugrunde liegt, teilweise jedenfalls. Wenig später, im Verlauf des großen Krieges von 1914, den wir heute Ersten Weltkrieg nennen, kommt dem Geld die Golddeckung erstmals abhanden – nach dem Zweiten Weltkrieg wird es nur 26 Jahre dauern, bis sie 1971 auf Nimmerwiedersehen verschwunden sein wird.

1912 kann Mises noch vom Geld als einem „Gut sui generis“ schreiben, einem Gut eigener Art, das allgemein als Tauschmittel akzeptiert ist, weil liquide – anders als ein Konsumgut oder ein Produktionsgut. Diese Tauschmittelfunktion ist es, die Geld zu Geld macht und dafür sorgt, dass Märkte als Markt funktionieren. Selbst aus dem Markt hervorgegangen, wird Gold zum Grundgeld; später werden es (gold- oder silberhaltige) Scheidemünzen sein, die diese Tauschmittelfunktion übernehmen.

Mit dem Aufkommen von Scheidemünzen beginnt jedoch ein Prozess, der am Ende zum Fiat-Geld führen wird, zu jenem staatlichen Papiergeld ohne eigenen Wert, das im Hier und Heute von 2020 lebende Menschen U50 als einziges kennen. Dieses wiederum kennt Mises 1912 noch nicht, kann allerdings am Beispiel der Scheidemünzen zeigen, was geschieht, wenn der Nennwert einer Münze höher ist als ihr Materialwert, sei es der Goldwert oder der ihres Silbergehalts.

Professor Dr. Thorsten Polleit

Nutzen: Thorsten Polleit sagt, dass Mises’ Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel „eines seiner Meisterwerke“ sei, in dem er sich mit seinen Vorgängern Menger und Böhm-Bawerk „hart, aber fair“ auseinandersetze und eine konsistente Geldtheorie entwickle, auf deren Grundlage die spätere Entwicklung des Geldes zu Fiat-Money sich schlüssig erklären – und kritisieren lasse.

Die Praxeologie, jener für Ludwig von Mises kennzeichnende erkenntnistheoretische Ansatz, hingegen sei 1912 zwar erkennbar, aber noch nicht ausgearbeitet. Was die Lektüre der Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel heute noch lohnenswert mache, sei das „sound money principle“, das darin herausgearbeitete Prinzip des soliden Geldes, dessen Verständnis es überhaupt erst ermöglicht, Papiergeld als Zwangsgeld eines staatlichen Monopolisten zu verstehen, als unsolides Geld, das von seinem Emittenten nach Belieben, willkürlich und einseitig vermehrt und verteilt werden kann und tendenziell die Rechte und Freiheiten des Einzelnen aushebele und jede Tyrannei erlaube.

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Vorlesung 4: Die Gemeinwirtschaft, Jena 1922. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Dr. Karl-Friedrich Israel, Senior Researcher am Institut für Wirtschaftspolitik (IWP) der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

Umstände: Ludwig von Mises, in seinen Anfängen vorgestellt bei der Vorlesung 3, ist 1922 beim Erscheinen des Buches Die Gemeinwirtschaft im Verlag von Gustav Fischer, Jena, bereits seit vier Jahren (1918) außerordentlicher Professor für Politische Ökonomie an der Universität Wien. Allerdings lebt er in diesen politisch turbulenten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Habsburger Vielvölkermonarchie nicht im akademischen Elfenbeinturm, sondern engagiert sich politisch gegen revolutionäre sozialistische Umsturzbestrebungen und berät Österreichs sozialdemokratische Regierung. Die Gemeinwirtschaft versammelt seine Untersuchungen über den Sozialismus, so der Untertitel, und verdeutlicht erstmals und sehr früh auch dessen theoretische Unmöglichkeit.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt zu einem Zeitpunkt über die Undurchführbarkeit des Sozialismus, als dieser erst wenige Jahre nach Lenins Staatsstreich von 1917 eine politische Realität ist, allerdings Russland eher propagandistisch als realökonomisch bestimmt und noch bevor Stalin 1924 die Parole vom „Sozialismus in einem Land“ prägen und die Umwälzung der Produktionsverhältnisse tatsächlich in Angriff nehmen wird – und lange bevor der Große Terror, wie der spätere staatliche Massenmord der Jahre 1936-38 heute heißt, knapp eine Million Bürger für ihre gelebte Unmöglichkeit des Sozialismus zur Rechenschaft ziehen und ihr „sozial schädliches“ Verhalten mit dem Tod ahnden wird.

1922, als Mises sein Buch veröffentlicht, steht der sozialistische Demozid den Bürgern Russlands noch bevor. Dass die Undurchführbarkeit des Sozialismus bis 1953, Stalins Todesjahr, Millionen Menschen das Leben kosten wird, ahnt trotz der Schrecken des 1922 allmählich zu Ende gehenden Bürgerkriegs niemand, auch nicht Ludwig von Mises. Sein Gedanke der Unmöglichkeit speist sich allein aus wirtschaftlichen Überlegungen.

Er gliedert sein Buch Die Gemeinwirtschaft in fünf Hauptteile, die sich etwa mit dem Unterschied zwischen „Liberalismus und Sozialismus“ befassen oder der Behauptung, es gebe so etwas wie „Die Lehre von der Unentrinnbarkeit des Sozialismus“ oder einen „Sozialismus als sittliche Forderung“. Der Teil über „Die Wirtschaft des sozialistischen Gemeinwesens“ aber bildet das Zentrum der Schrift. Er basiert auf einem Text von 1920, Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen, in dem Mises erstmals begründet, warum eine Wirtschaftsrechnung im Sozialismus nicht möglich ist.

Die Wirtschaftsrechnung ist ein Kerngedanke zum Verständnis von Mises – und von Märkten. Eine Wirtschaftsrechnung ist nur möglich, wenn drei Voraussetzungen vorliegen:
1. Privateigentum an Konsumgütern und Produktionsfaktoren,
2. freier Handel der Konsumgüter und Produktionsfaktoren,
3. stabiles Geld als allgemein anerkanntes Tauschmittel.
Nur wenn die Berechnung der Kosten eine Gewinn- und Verlustrechnung ermöglicht, lassen sich Geldpreise bilden, Knappheitssignale erkennen und Ressourcen erfolgversprechend zuordnen und verteilen. Das ist die Wirtschaftsrechnung.

Sozialismus erlaubt keine Wirtschaftsrechnung: Produktionsfaktoren sind Gemeineigentum, freien Handel gibt es nicht mehr und Geld, obzwar auch im Sozialismus vorhanden, ist kein Maßstab als Tauschmittel und verliert seine Funktion, Maßeinheit der Wirtschaftsrechnung zu sein. Die im Sozialismus für die Wirtschaft zuständige Planungsbehörde mag die besten Absichten haben, tugendhaft und unbestechlich sein, Weitsicht, Weisheit und obendrein Fleiß an den Tag legen – ihr fehlen die Mittel der Wirtschaftsrechnung, mit denen Unternehmer in einer Marktwirtschaft wie selbstverständlich eine Versorgung der Bevölkerung mit den Gütern sicherstellen, nach denen sie verlangt. Vom Scheitern der Sowjetunion 1990 bis zum Drama von Venezuela 2020 reicht die Kette der praktischen Belege für Ludwig von Mises’ theoretische Erkenntnis von 1920: Sozialismus ist undurchführbar.

Mises gelingt es, mit einem Update dieses Gedankens von 1920 und seiner Integration in Die Gemeinwirtschaft von 1922 als Teil 2 des Buches einen Kerngedanken zu verankern und zu verbreiten, der zwar kein einziges sozialistisches Experiment (und dessen wirtschaftlich logisches Scheitern) verhindert hat, aber in jeder neuen Generation von Intellektuellen eine Minderheit unter den „Meisterdenkern“ gegen den Sozialismus immunisiert.

Dr. Karl-Friedrich Israel

Nutzen: Karl-Friedrich Israel sagt, dass es Die Gemeinwirtschaft war, die Friedrich August von Hayek gleich nach deren Erscheinen gelesen und deren Lektüre ihn von seinem Liebäugeln mit sozialistischen Ideen abgebracht und zum Liberalismus hingeführt habe. Neben dem 2. Teil hinterlasse besonders der 5. und letzte Teil des Buches nachhaltigen Eindruck, überschrieben mit Der Destruktionismus. Diesen Begriff führe Mises ein und bestimme ihn so: Der Sozialismus „baut nicht auf, er reißt nieder. Nach dem Erfolg seines Wirkens müsste man ihm den Namen Destruktionismus geben. Denn sein Wesen ist die Zerstörung.“ (Einen Auszug aus Der Destruktionismus finden Sie hier.)

Ludwig von Mises hat die Zerstörung von Werten im Auge, die Aufzehrung von Kapital – die Zerstörung von Menschenleben muss nicht, aber sie kann hinzukommen, wie sich bald herausstellen sollte. Karl-Friedrich Israel nennt den größten Gewinn der Lektüre, dass der Leser den abschließenden Hinweis auf den Destruktionismus kennenlernt, der immer zur Verarmung führt, sei es durch Vermögenspreisinflation, sei es durch „Reallohnrepression“. Sein guter Rat: „auf der Hut sein“, wenn Regierungen Privateigentum, freien Handel und stabiles Geld zur Disposition stellen, um gegen die nächste beispiellose Herausforderung zu kämpfen.

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Vorlesung 5: Nationalökonomie, Genf 1940. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Jörg Guido Hülsmann, Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich.

Umstände: Ludwig von Mises, vorgestellt bei Vorlesung 3 und 4, lebt 1940 beim Erscheinen des Buches Nationalökonomie in Genf, wohin er nach dem Österreichischen Bürgerkrieg vom Februar 1934 und dem folgenden Ende der Ersten Republik noch 1934 übergesiedelt war. Eine Berufung an das Genfer Institut Universitaire de Hautes Etudes Internationales ermöglicht ihm, die Nationalökonomie „in Angriff zu nehmen und zu vollenden“, wie er im April 1940 im Vorwort zu dieser grundstürzenden Theorie des Handelns und Wirtschaftens, so der Untertitel, bekennt.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt seine Nationalökonomie als Sechsteiler mit sehr unterschiedlichen Umfängen der einzelnen Teile, die um ein 404 Seiten starkes Zentrum kreisen: „Die Marktwirtschaft“ (Teil 4). Dahin führt er in drei Schritten:
Teil 1 „Das Handeln“ (114 Seiten) stellt den handelnden Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung, die Mittel seines Handelns und dessen Zweck.
Teil 2 „Das Handeln in der Gesellschaft“ (74 Seiten) beleuchtet die Kooperation – und den Konflikt: „Die gesellschaftliche Arbeitsvereinigung und Arbeitsteilung beruht auf dem friedlichen Sichvertragen; nicht der Krieg, der Frieden ist der Vater aller gesellschaftlichen Dinge.“ (Seite 144)
Teil 3 „Rechnen im Handeln“ ist nur 36 Seiten kurz, markiert aber, so Hülsmann, einen „epistemologischen Sprung“, einen wissenschaftstheoretischen Fortschritt der Erkenntnis der Bedeutung der Geldrechnung als gedanklichem Werkzeug menschlichen Handelns.

Von seinem Zentrum „Die Marktwirtschaft“ führt das Buch zu zwei weiteren kürzeren Teilen, die sich auch der Sache nach von der Marktwirtschaft entfernen:

Teil 5 „Die verkehrslose arbeitsteilige Wirtschaft“ (18 Seiten) meint den Sozialismus, der dem Absolutismus so verblüffend ähnelt: „Jener gute Vater Staat […] wolle doch das Wohl des Ganzen und Aller, das Gemeinnützige und Beste. In ihm regiert nicht der Eigennutz, nicht der schwache Mensch mit allen seinen Fehlern und Lastern, sondern das Sittengesetz selbst.“ (Seite 629/30) Dieser Sozialismus sei zwar unmöglich, so Hülsmann, „aber nicht absurd“, eher wie ein Schiff ohne Kompass. Teil 5 bleibt kurz, weil eine ausführliche Sozialismus-Kritik mit der Gemeinwirtschaft von 1922 bereits vorliegt.

Teil 6 „Die gehemmte Marktwirtschaft“ (94 Seiten) beschreibt den Interventionismus – und der, so Hülsmann, sei anders als der Sozialismus hingegen tatsächlich „absurd“. Wie absurd, macht Ludwig von Mises am seinerzeit ultimativen Interventionismus deutlich, der Kriegswirtschaft nach 1914: „Der totale Krieg verlangt den totalen Staat […] Er macht das bürgerliche Leben, wie es die Kultur geformt hat, unmöglich. Der Bürger verschwindet und wird durch den Soldaten ersetzt. Das Leben aller Menschen wird zu einem permanenten Dienst in einer stets marschbereiten Armee. Der Krieg und der Sieg werden zum einzigen Zweck aller gesellschaftlichen Kooperation.“ (Seite 738)

Nutzen: Jörg Guido Hülsmann sagt, der 6. und letzte Teil der Nationalökonomie beschreibe „ein eigenes Problemfeld“, den staatlichen Interventionismus, das „bis heute vernachlässigt“ sei. Stattdessen dominiere die vermeintliche Dualität von Kapitalismus und Sozialismus einen Diskurs, in dem alles Übel dem Kapitalismus angelastet werde. Dabei verdankten sich die meisten Übel dem Interventionismus „als dem Dritten“, das sich bevorzugt des Geldes als Interventionsmittel bediene. Hinzu komme die Verstaatlichung des Kredits, auch ermangele es einer Theorie der Bürokratie, ohne deren Wirken Staatsinterventionismus nicht auskomme.

Den Gewinn aus seiner Re-Lektüre der Nationalökonomie zieht also zuerst der Dozent selbst mit der Erkenntnis eines Desiderats der Forschung, wie es im akademischen Jargon heißt, also eines noch unzureichend bearbeiteten Themas, von dem er sich wünscht, dass sich ein Forscher seines annimmt. Den zentralen 4. Teil der Nationalökonomie werde er in seiner nächsten, der 6. Vorlesung behandeln, die sich mit ihrer Weiterentwicklung zu einem eigenständigen englischsprachigen Werk befassen werde, der Human Action.

Hülsmann lässt aber keinen Zweifel, dass die Lektüre der original Nationalökonomie von 1940 für Erstleser „eine Freude“ sein werde, weil sie hier einem „Denkgebäude aus einem Guss“ begegneten, das sich auch deshalb so gewinnbringend lese, weil Ludwig von Mises „ein Mann der Praxis“ und von großer Detailkenntnis war und schon sprachlich und in der Gedankenführung angenehm unakademisch schreibe. Und nicht zuletzt sei die Praxeologie, Mises’ erkenntnistheoretischer Ansatz, mittlerweile ausgereift und mit ihr die Werttheorie, die sich in der Nationalökonomie ganz beiläufig nachvollziehen lasse.

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Vorlesung 6: Nationalökonomie, Genf 1940. | Human Action, New Haven 1949. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Jörg Guido Hülsmann, Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich.

Umstände: Ludwig von Mises, vorgestellt bei Vorlesung 3, 4 und 5, lebt 1949 beim Erscheinen der englischen Ausgabe der Nationalökonomie unter dem Titel Human Action in New York City, wohin er bald nach dem Erscheinen der Nationalökonomie, aus Genf kommend, im August 1940 emigriert ist. Anfangs in finanziell prekärer Lage, erhält er 1945 eine Teilzeitgastprofessur an der New York University und 1946 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und kann eine aktualisierte, verbesserte und erweiterte englische Ausgabe der Nationalökonomie erstellen, die statt 756 Seiten nun 912 Seiten stark ist (plus XXV Seiten Vorwort), den Titel Human Action. A Treatise on Economics trägt und 1949 bei der Yale University Press, New Haven, Connecticut, erscheint.

Neben den inhaltlichen Unterschieden, die in erster Linie auf einer Erweiterung der Inhalte, nicht auf einer Änderung von Mises’ Positionen beruhen, ist die Rezeption der große Unterschied: Die Nationalökonomie, 1940 in der von totalitären Staaten umzingelten, ängstlich geduckten Schweiz zum Beginn eines zweiten totalen Krieges erschienen, wird bis 1981 insgesamt 13 Besprechungen erhalten. Human Action, 1949 im Ankerland der freien Welt, den Vereinigten Staaten, zum Beginn eines ersten Kalten Krieges erschienen, wird bis 1981 insgesamt 81 Besprechungen erleben. (Im Jahr 1981 wird in seiner alten und neuen Heimat des 100. Geburtstags des Autors gedacht.)

Es ist dieses Buch, die Human Action, das Ludwig von Mises in die Hall of Fame der Austrian School führt und ihn nach seinem Tod im Oktober 1973 zum Namenspatron des Mises Institute erst in Auburn, Alabama, und dann zu dessen deutschem Pendant werden lässt, dem Ausrichter des Ludwig von Mises Seminars 2020.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt einige neue Kapitel und erweitert vorhandene Kapitel der Nationalökonomie. Neu ist im Teil 6 Die gehemmte Marktwirtschaft das Kapitel The Welfare Principle versus the Market Principle, in dem er sich dem 1949 bereits klar abzeichnenden Wohlfahrtsstaat westlicher Prägung zuwendet, der erst 70 Jahre später seinem Ende zusteuern wird – wie auch der real existierende Sozialismus in der Sowjetunion 70 Jahre brauchte, um seine Undurchführbarkeit einzugestehen, wenn nicht verbal, so doch faktisch. Ganz neu fügt Mises einen Teil 7 hinzu: The Place of Economics in Human Society.

Der Ruf dieses neuen Schlussteils, der Wirtschaft in der menschlichen Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit zu schenken, verhallt in den Vereinigten Staaten des Jahres 1949 nicht ungehört. Der New Deal der Jahre 1933 bis 1938 unter US-Präsident Franklin D. Roosevelt und die folgende Kriegswirtschaft bis zur Kapitulation Japans im September 1945 glichen einer Interventionsspirale mit ungehinderter Expansion des Staates, der jede freie Markregung im Keim erstickte. Dass nun, 1949, ein Buch erscheint, dessen zentraler Teil 4 Die Marktwirtschaft auf Englisch Catallactics or Economics of the Market Society heißt, kommt dem Bedürfnis vieler entgegen, „Vater Staat“ wieder einzudämmen und seine Interventionsgelüste zu zügeln. Mit dem im Deutschen wenig benutzten Begriff der Katallaktik meint Mises die freie menschliche Marktinteraktion als treibende Kraft zur Findung von wirtschaftlichen Entscheidungen.

Das verweist auf den Kern seiner Lehre von der Marktwirtschaft, die Ludwig von Mises in dem auf 452 Seiten angewachsenen zentralen Teil 4 der Human Action vor dem englischsprachigen Publikum der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs ausbreitet. Im Teil 4 legt er seine Werttheorie dar, die vom subjektiven Wert ausgeht. Nicht dem Ding an sich haftet ein Wert an, das auch keine quantitativen Konstanten aufweist, sondern ein Wert entsteht aus einer dreiseitigen Beziehung, Hülsmann spricht von einer „ordinalen Beziehung“, zwischen einem Ding und zwei Handelnden. Dieser Vorgang erst ermöglicht die Wirtschaftsrechnung, bestimmt den Geldtausch und ist in Umfang und Menge historisch bedingt und somit veränderlich und nichts Konstantes.

Nutzen: Jörg Guido Hülsmann sagt, mit der Theorie der Marktwirtschaft, die seit der englischen Ausgabe der Nationalökonomie in Gestalt der Human Action auch für Leser jenseits des Ärmelkanals und des Atlantiks verfügbar ist, habe Ludwig von Mises das Denken etlicher angloamerikanischer Ökonomen beeinflusst, verändert und geprägt.

Die Lektüre der deutschen oder der englischen Fassung sei in keinem Fall ein Irrtum, ganz im Gegenteil führe sie geradewegs zur Erkenntnis der Bedeutung des Irrtums: Wer irrt, verliert, wer sich nicht irrt, gewinnt. Unternehmergewinn sei das Gegenteil des Irrtums, ein Verlust zeige ihn an. Gewinne und Verluste als das Ergebnis von richtig und falsch getroffenen Entscheidungen wiesen darauf hin, dass unternehmerisches Handeln das Unvorhersehbarste ist, was Marktwirtschaft zu bieten habe und woher ihre einzigartige Fähigkeit stamme, den Zuwachs an Erkenntnis aus dem permanenten Prozess von Versuch und Irrtum in Wohlstand für alle zu übersetzen. Bis dass der Staat ihn vernichtet – und alle wieder verarmen.

Die Teilnehmer des 5. Ludwig von Mises Seminar

Folge 2 mit den Vorlesungen 7 bis 12 folgt in einer Woche am Freitag, dem 3. April 2020.

Dr. Rainer Bieling ist Journalist und freier Autor. Bis Dezember 2018 war er Redaktionsdirektor des Informations- und Hintergrunddienstes Der Hauptstadtbrief. Dort publizierten namhafte Vertreter Österreichischen Schule in den Jahren 2012 bis 2017 regelmäßig; die Beiträge sind im Archiv weiter online verfügbar, ebenso die Editorials des Berichterstatters: www.derhauptstadtbrief.de/cms/archiv

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Fotos: Rainer Bieling und Andreas Marquart

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