Die Triebkräfte des Destruktionismus

5.9.2012 – von Ludwig v. Mises.

Ludwig von Mises

Dem sozialistischen Denken stellt sich die Überführung der Gesellschaftsverfassung in den Sozialismus als ein Übergang von irrationeller zu rationeller Wirtschaft dar. Die Anarchie der Produktion wird durch planmäßige Leitung der gesamten Wirtschaft abgelöst; die Gesellschaft, die man sich als Fleischwerdung der Vernunft denkt, tritt an die Stelle, die bisher von den unvernünftigen und nur auf den eigenen, dem allgemeinen entgegenstehenden Vorteil bedachten Individuen eingenommen wurde. Die ungerechte Verteilung der Güter macht einer gerechten Platz. Not und Elend verschwinden, Wohlstand für alle erblüht. Vor uns liegt ein seliges Paradies, und die Erkenntnis der Gesetze der geschichtlichen Entwicklung gibt uns die Gewissheit, dass wir oder doch unsere Nachfahren dorthin gelangen müssen. Denn alle Wege der Geschichte führen in jenes gelobte Land, und alles Geschehen der Vergangenheit war nur Vorstufe zum Heil, das dort verheißen ist.

So sehen unsere Zeitgenossen den Sozialismus und glauben an ihn. Man ist im Irrtum, wenn man meint, dass die Herrschaft der sozialistischen Ideologie auf die Anhänger derjenigen Parteien beschränkt ist, die sich selbst als sozialistische oder — was in den meisten Fallen dasselbe heißen soll — als soziale bezeichnen. Auch alle anderen politischen Parteien der Gegenwart sind von den leitenden Ideen des Sozialismus durchtränkt. Und selbst die wenigen entschiedenen Gegner des Sozialismus stehen im Banne seiner Gedankenwelt. Auch sie sind überzeugt davon, dass die sozialistische Wirtschaftsweise rationeller sei als die kapitalistische, dass sie eine gerechtere Verteilung der Einkommen verbürge und dass die geschichtliche Entwicklung mit Notwendigkeit zu ihr hintreibe. Wenn sie sich gegen den Sozialismus wenden, so tun sie es im Bewusstsein dessen, dass sie in Verteidigung von Sonderinteressen eine vom allgemeinen Standpunkte richtige und ethisch allein zu billigende Entwicklung bekämpfen, und sind innerlich von der Aussichtslosigkeit ihres Widerstandes überzeugt.

Und doch ist die Ideologie des Sozialismus nichts anderes als die großartige Rationalisierung kleinlichen Ressentiments. Keine seiner Theorien kann vor der Kritik der Wissenschaft bestehen, alle seine Deduktionen sind hohl und nichtssagend. Seine Auffassung der kapitalistischen Wirtschaftsweise ist schon längst als durchaus unhaltbar erkannt worden; sein Entwurf einer künftigen Gesellschaftsordnung erweist sich als innerlich widerspruchsvoll und darum undurchführbar. Der Sozialismus würde nicht nur die Wirtschaft nicht rationeller machen, er würde alles Wirtschaften überhaupt aufheben. Dass er Gerechtigkeit bringen könnte, ist nichts als eine willkürliche Behauptung, deren Herkunft aus dem Ressentiment und aus falscher Deutung der Vorgänge innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft gezeigt werden konnte. Und dass die Geschichte uns keinen anderen Weg gelassen hätte als den zum Sozialismus, erweist sich als eine Weissagung, die sich von den chiliastischen Träumen altchristlicher Sektierer nur durch den Anspruch unterscheidet, den sie auf die Bezeichnung ,,Wissenschaft“ erhebt.

Der Sozialismus ist in Wahrheit nicht das, was er zu sein vorgibt. Er ist nicht Wegbereiter einer besseren und schöneren Zukunft, sondern Zertrümmerer dessen, was Jahrtausende der Kultur mühsam geschaffen haben. Er baut nicht auf, er reißt nieder. Nach dem Erfolg seines Wirkens müsste man ihm den Namen Destruktionismus geben. Denn sein Wesen ist die Zerstörung. Er bringt nichts hervor, er zehrt nur auf, was die auf dem Sondereigentum an den Produktionsmitteln beruhende Gesellschaftsordnung geschaffen hat. Da es sozialistische Gesellschaftsordnung nicht geben kann, es wäre denn als ein Stück Sozialismus inmitten einer im übrigen auf dem Sondereigentum beruhenden Wirtschaftsverfassung, muss jeder Schritt, der zum Sozialismus hinführen soll, sich in Zerstörung des Bestehenden erschöpfen.

Die destruktionistische Politik ist Aufzehrung von Kapital. Das sehen freilich nur wenige. Kapitalaufzehrung kann zwar rechnerisch festgestellt und vom geistigen Auge erfasst werden, doch sie tritt nicht sinnfällig jedermann entgegen. Um eine Politik, die den Verbrauch der Massen auf Kosten des vorhandenen Kapitalreichtums hebt und damit die Zukunft der Gegenwart opfert, zu durchschauen und in ihrem Wesen zu erkennen, bedarf es tieferer Einsicht als den Staatsmännern und Politikern und den Massen, die sie auf den Schild erhoben haben, in der Regel gegeben ist. Solange die Mauern der Fabriksgebäude noch stehen, die Maschinen noch gehen, die Eisenbahnzüge noch über die Schienen rollen, glaubt man, dass alles in Ordnung sei. Die wachsenden Schwierigkeiten, den gehobenen Lebensstandard zu erhalten, schiebt man anderen Ursachen zu, nur nicht dem Umstand, dass man eine Politik der Kapitalaufzehrung treibt.

Im Problem der Kapitalaufzehrung begegnet uns in der destruktionistischen Gesellschaft bereits eines der Kernprobleme sozialistischer Wirtschaftspolitik. Auch im sozialistischen Gemeinwesen wäre die Gefahr der Kapitalaufzehrung außerordentlich groß, weil auch dort der Demagoge durch nichts leichter Erfolg erzielen konnte als durch Erhöhung der dem Verbrauch zugeführten Quote auf Kosten der weiteren Kapitalbildung und der Erhaltung des schon bestehenden Kapitals.

Im Wesen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung liegt es, dass Kapital stets neu gebildet wird. Je größer der Kapitalfonds wird, desto höher steigt die Grenzproduktivität der Arbeit, desto höher wird daher absolut und relativ der Arbeitslohn. Die fortschreitende Kapitalbildung ist der einzige Weg, um jene Gütermenge zu mehren, die die Gesellschaft jährlich ohne Schmälerung der künftigen Produktionsertrage verbrauchen kann, und zugleich der einzige Weg, um den Verbrauch des Arbeiters dauernd und ohne Schaden für die kommenden Arbeitergeschlechter zu erhöhen. Darum hat der Liberalismus als das einzige Mittel zur dauernden Hebung der Lage der breiten Schichten das Fortschreiten der Kapitalbildung bezeichnet. Der Weg, den Sozialismus und Destruktionismus gehen wollen, ist ein anderer: sie wollen Kapital aufzehren, um die Gegenwart reich zu machen auf Kosten der Zukunft. Die Politik des Liberalismus gleicht dem Vorgehen des sorgsamen Hausvaters, der für sich und seine Nachkommen sammelt und baut. Die Politik des Destruktionismus gleicht dem Vorgehen eines Verschwenders, der unbekümmert um das Morgen das Ererbte verjubelt.

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aus „Die Gemeinwirtschaft – Untersuchungen über den Sozialismus“ von Ludwig v. Mises, Verlag Lucius & Lucius

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