Es gibt viele gute Gründe, Sezessionsbewegungen zu begrüßen

5.9.2016 – von Murray N. Rothbard.

Murray N. Rothbard (1926-1995)

General de Gaulle wurde von der gesamten US-Presse beschimpft und verspottet, weil er bei seinem Besuch der kanadischen Provinz Quebec aufgestanden und „Vive le Quebec Libre“ (Lang leben ein freies Quebec!) gerufen hat. Die Amerikaner scheinen nicht in der Lage zu sein, das Prinzip der Sezession zu verstehen oder den Wunsch einer unterdrückten ethnischen Minderheit nachzuvollziehen, sich von der Tyrannei der Mehrheit zu befreien.

In den Vereinigten Staaten haben alle gelacht und de Gaulle als senilen alten Trottel verspottet; aber in Kanada, und insbesondere in Quebec, hat niemand gelacht. Dort war man entweder aufgebracht und wütend, oder brach in Jubel aus; aber gelacht hat keiner. Denn dort weiß jeder, dass Kanada aus zwei Nationen besteht, und dass die Briten die Franzosen seit der Zeit beherrschen, als Britannien Mitte des 18. Jahrhunderts in Neufrankreich (wie Kanada damals hieß) einmarschiert ist und es erobert hat.

Weshalb sollten die Franzosen Quebecs nicht das Recht haben, sich von Kanada abzuspalten und ihren eigenen Staat zu gründen, in dem ihre eigene Sprache und Kultur dominiert? Keine einzige heutige Staatsgrenze ist gottgegeben; sie sind alle die Folge geschichtlicher Ereignisse, von denen die meisten mit Unrecht und Gewalt einhergingen und die Unterdrückung von Minderheiten und Plünderungen durch Mehrheiten zur Folge hatten. Deshalb gibt es tausend gute Gründe, diese Grenzen und Staatsgebiete zu ändern, damit sie eher den Prinzipien der Freiheit und Gerechtigkeit entsprechen.

Viele Libertäre können nicht verstehen, wie man bei einem Thema wie Sezession klar Stellung beziehen kann. Würden die Franzosen nicht lediglich einen Staat Quebec gründen, der um nichts besser wäre als der Staat Kanada? Eine Antwort darauf lautet, dass Dezentralisierung an sich schon eine gute Sache ist, weil der Staat Kanada dadurch geschwächt wird und die Kontrolle über ein Gebiet verliert; je mehr Staaten es auf der Welt gibt, desto weniger Macht kann ein einzelner Staat anhäufen, sowohl über die eigenen wehrlosen Untertanen, als auch durch Kriege über Menschen in anderen Ländern.

Eine andere Antwort lautet, dass es, solange Staaten existieren, stets ein Gewinn ist, wenn ein Staat die Kontrolle über eine ethnische Minderheit verliert. Deshalb stellt die Sezession einer ethnischen Minderheit und die Neugründung eines Staates durch diese stets einen bedeutenden Nettogewinn an Freiheit dar. Außerdem gibt es einen weiteren wichtigen Grund, das Prinzip der Sezession an sich zu befürworten: wenn nämlich einem Teil eines Staates erlaubt wird, sich abzuspalten, und sich dieses Prinzip durchsetzt, dann muss es auch einem noch kleineren Teil erlaubt sein, sich ebenfalls abzuspalten, wodurch die Staaten noch kleiner und schwächer werden … bis sich zuletzt auch das Prinzip der Sezession von Individuen durchsetzt – und dann werden wir endlich wahrhaft frei sein.

Es gibt so viele Gründe für wirklich freiheitsliebende Menschen, Sezessionsbewegungen zu begrüßen, wo immer und wie immer sie entstehen: aus Prinzip, wegen der ethnischen Freiheit, ganz pragmatisch wegen der Zerstörung der Macht des Leviathans und wegen des ultimativen Prinzips der individuellen Sezession.

Darum lasst sie uns alle begrüßen: die Freiheitsbewegung Quebecs, die schottischen Nationalisten, die walisischen Nationalisten, die Abspaltung der Ibo aus Ost-Nigeria und ihrer unabhängigen Republik Biafra, die „linke“ Sezession des östlichen Kongo und die „rechte“ Sezession von Katanga, und letztendlich auch die Aussicht auf eine schwarze Republik, die sich von den USA abspaltet. Deshalb war es auch eine Tragödie, dass der Süden im US-Bürgerkrieg verloren hat, was dazu geführt hat, dass schon alleine der Gedanke an Sezession seitdem in den USA geächtet ist. Aber Macht verleiht kein Recht, und das Prinzip der Sezession kann wieder sein Haupt erheben.

Quelle: Murray N. Rothbard, NEVER A DULL MOMENT – A LIBERTARIAN LOOK AT THE SIXTIES, Mises-Institute Auburn (2016), Herausgeber Justin Raimondo.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne.

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Murray N. Rothbard wurde 1926 in New York geboren, wo er an der dortigen Universität Schüler von Ludwig von Mises wurde. Rothbard, der 1962 in seinem Werk Man, Economy, and State die Misesianische Theorie noch einmal grundlegend zusammenfasste, hat selbst diese letzte Aufgabe, die Mises dem Staat zubilligt, einer mehr als kritischen Überprüfung unterzogen.

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