Ein Sommer in Auburn

31.7.2015 – von Karl-Friedrich Israel.

Karl-Friedrich Israel

Das amerikanische Mises Institute vergibt seit etwa 15 Jahren Stipendien an Doktoranden und Forscher aus verschiedenen Fachrichtungen, vor allem aber der Ökonomik, Philosophie, und Politikwissenschaft. Auch diesen Sommer kamen wieder neun Stipendiaten an den Institutssitz nach Auburn, Alabama, im Südosten der Vereinigten Staaten, um an verschiedenen Forschungsprojekten mit Bezug zur Österreichischen Schule der Nationalökonomie, sowie klassisch liberalen und libertären philosophischen Strömungen zu arbeiten. Im Zuge meiner Doktorarbeit an der Universität Angers bekam ich die Möglichkeit, selbst zweieinhalb Monate am Institut zu verbringen. Im Folgenden möchte ich über meine Erlebnisse vor Ort berichten.

Am Abend des 25. Mai bin ich am Flughafen in Atlanta, Georgia, gelandet, um von dort in das 170 Kilometer entfernte Auburn zu fahren. In der Stadt wohnen knapp 60.000 Einwohnern, darunter 24.000 Studenten. Das feuchtheiße subtropische Klima, mit durchschnittlich über 30°C und einer Luftfeuchtigkeit von über 70%, kann für Nordeuropäer gelegentlich zur Herausforderung werden. Hat man sich jedoch erst einmal in die Hallen des Mises Institutes gerettet, macht es die Klimaanlage erträglich. Womöglich war es aus rein akademischer Sicht sogar ein gewiefter Schachzug, das Institut aus Washington, D.C. nach Auburn zu verlegen, einer kleinen Provinzstadt, die nicht allzu viel Ablenkung bietet. Es bleibt einem im Grunde nichts anderes übrig, als sich im klimatisierten Büro auf die Bücher der umfangreichen Institutsbibliothek zu stürzen. Und genau dazu war ich da.

Sitz des Mises Institute in Auburn, Alabama

 

Mit über 30.000 Exemplaren ist die Bibliothek des Instituts eine der größten privaten Bibliotheken des gesamten Südostens der USA. Viele Forscher in der klassisch liberalen Tradition, darunter Gary North, Robert Higgs, und Ralph Raico, haben ihre privaten Büchersammlungen dem Institut vermacht. Das Herz bildet jedoch die umfangreiche und mit unzähligen handschriftlichen Notizen versehene Büchersammlung des 1995 verstorbenen Murray N. Rothbard. Zahlreiche neuere Bände komplettieren die Sammlung.

Die Zielsetzung des Instituts ist klar. Man möchte die öffentliche und akademische Diskussion um die besseren Ideen vorantreiben. Deshalb wird dem Sommerstipendium große Bedeutung beigemessen. Es bildet den Kern im akademischen Kalender des Instituts. Die gesamte Belegschaft ist bemüht, den Stipendiaten ein Umfeld zu schaffen, das es ihnen ermöglicht, sich voll und ganz auf ihre jeweiligen Forschungsprojekte zu konzentrieren: Ein Apartment unweit des Instituts, ein Büro, ein kleines Salaire, und viel Zeit.

Ich habe in den letzten Wochen am Thema der Währungsabwertung zur Krisenbewältigung gearbeitet, welches gerade im Hinblick auf die Probleme in Griechenland und dem viel diskutierten „Grexit“ von Relevanz ist. Die Idee ist, dass Griechenland nach dem Austritt aus dem Euro, die Drachme gegen den Euro abwerten lassen könne, um so wieder konkurrenzfähig auf dem internationalen Markt zu werden. Die größte Gefahr, die ich dabei sehe, ist jedoch, dass es dem griechischen Staat gewissermaßen erlauben würde, die bitter nötigen strukturellen Reformen weiter herauszuschieben: Abbau des öffentlichen Sektors, Verkauf von Staatseigentum, Privatisierung, und Liberalisierung der Arbeitsmärkte. Dies alles kann ohne Inflationierung einer unabhängigen nationalen griechischen Währung geschehen.

Mises Summer Felllows 2015, hinten von links: Jingjing Wang (University of Missouri, USA), Tate Fegley (Boise State University, USA), Karl-Friedrich Israel (Université d’Angers, Frankreich), Mariana Piaia Abreu (Universidade Federal Fluminense, Brasilien), Louis Rouanet (SciencesPo Paris, Frankreich) – unten von links: Dr. Mark Thornton (Mises Institute, senior fellow), Jonathan Newman (Auburn University, USA), Dr. Lukasz Dominiak (Nicolaus Copernicus Universität, Polen), Demelza Hays (Toulouse School of Economics, Frankreich), Daniel Fernandez (Universidad Rey Juan Carlos, Spanien), Dr. Joseph Salerno (Mises Institute, academic vice president)

 

Die anderen Stipendiaten arbeiteten an Themen wie der Zypernkrise von 2013, der Lohnfondstheorie, Kryptowährungen und Blockchain-Technologie, der klassisch liberalen Tradition in Frankreich, oder der Frage, ob eine libertäre Privatrechtsgesellschaft eher kulturell konservativ ausgerichtet wäre oder nicht. Es ist klar, dass die libertäre Philosophie zunächst einmal nur das Grundgerüst des zwischenmenschlichen Zusammenlebens liefern kann. Wie dieses ausgeschmückt werden würde, bleibt eine viel diskutierte Frage zwischen sogenannten Linkslibertären und kulturkonservativen Libertären. Dr. Lukasz Dominiak (Nicolaus Copernicus Universität, Polen) widmet sich in seiner Arbeit genau diesem Problem. Die Arbeiten wurden in regelmäßigen wöchentlichen Seminaren vorgestellt und diskutiert. Dabei haben die Koordinatoren des Programms, Mark Thornton und Joseph Salerno, hilfreiche Hinweise für Verbesserungen, weiterführende Recherchen und Analysen an die Stipendiaten weitergegeben.

In der Woche vom 7. bis 14. Juni fand das Rothbard Graduate Seminar statt, zu dem Dr. Jeff Herbener (Grove City College, USA), Dr. Peter Klein (University of Misssouri, USA), und Dr. David Gordon (Mises Institute) als Lehrkräfte, sowie weitere acht Studenten aus Brasilien, Deutschland, Bahrein, und den USA zu der Gruppe hinzustießen. Innerhalb dieses kleinen Kreises wurde in Vorträgen und Diskussionsrunden eine Auswahl von Artikeln und Essays Murray Rothbards besprochen.[1] Dieses alljährliche Seminar richtet sich speziell an Studenten, die bereits ein fundiertes Grundlagenwissen über die Österreichische Schule der Nationalökonomie mitbringen.

Teilnehmer und Verantwortliche der Mises University 2015

 

Den Höhepunkt des Sommers bot jedoch wie immer die Mises University, die in der vergangenen Woche, vom 19. bis 25. Juli, stattfand. In diesem Jahr sind auch wieder die Professoren Jörg Guido Hülsmann und Philipp Bagus als Referenten nach Auburn gereist. Sie bereicherten das Kurrikulum mit sieben beeindruckenden Vorträgen. Professor Bagus sprach zu den rund 150 anwesenden Studenten über die Tragödie des Euro, über die ökonomischen Ursachen und Folgen von Deflation, sowie der Stabilität eines Systems freier Banken. Professor Hülsmann erläuterte in seinem ersten Vortrag den Zusammenhang zwischen subjektiven Bewertungen und Marktpreisen, und widmete sich dann der Rolle von Finanzmärkten in einer freien Gesellschaft, sowie den Folgen der Fiatgeldproduktion auf die Finanzmärkte. Als Biograph hielt er außerdem einen Vortrag über das Leben und Werk des Namensgebers des Instituts – Ludwig von Mises.

Die Mises University ist ausgerichtet für alle, die ein Interesse an der Österreichischen Schule und libertärer Philosophie mitbringen. Ob man erst ganz neu in diese Denkschule eintaucht, oder bereits mit etwas intellektuellem Rüstzeug ausgestattet ist, spielt keine Rolle. Jeder findet etwas im reichhaltigen Angebot. Es gibt sowohl Grundlagenvorlesungen, als auch Seminareinheiten im kleineren Kreise zu spezifischeren Themen. Das Institut stellt jedem Teilnehmer eine Unterkunft und Verpflegung für die gesamte Woche zur Verfügung. Es sei also jedem wärmstens ans Herz gelegt, eine Reise nach Auburn im nächsten oder übernächsten Jahr anzutreten, um an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Das Ludwig von Mises Institut Deutschland hat in diesem Jahr mit dem ersten Mises Seminar in Frankfurt am Main einen ersten Schritt gemacht, um dem großen Vorbild nachzueifern.[2]

Das Sommerstipendium des Mises Institutes erlaubt es jungen, aufstrebenden Forschern in Kontakt mit führenden Vertretern der Österreichischen Schule und der klassisch-liberal-libertären Tradition zu treten. Es bietet eine äußerst willkommene Abwechslung zum sonst sperrigen und zähen Alltag an öffentlichen Universitäten. Es ist faszinierend zu sehen, mit welcher Fürsorge die Beziehung zwischen Förderern und Geförderten gepflegt wird. Es gibt keinen anonymen Gehaltsscheck am Monatsende. Jedem Stipendiaten ist klar, von wem er gefördert wird und jeder tritt mit seinem Förderer persönlich in Kontakt und tauscht sich aus. Damit liefert das Mises Institute ein Paradebeispiel dafür, wie eine gänzlich privat finanzierte Bildungs- und Forschungseinrichtung aussehen kann, und dass es eine Alternative zur öffentlichen Zwangsfinanzierung gibt.

Heute, am 31. Juli, endet mein Fellowship am Mises Institute. Mein größter Dank gilt den Verantwortlichen und Gönnern des Instituts, allen voran Lew Rockwell, Pat Barnett, Joseph Salerno, Mark Thornton, Don Printz, und Doug French, die es mir ermöglicht haben, an diesem Programm teilzunehmen.

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[1] Es wurden Economic Controversies und Strictly Confidential: The Private Volker Fund Memos of Murray N. Rothbard besprochen.

[2] Für einen detaillierten Erfahrungsbericht von der Mises University 2014, siehe hier. Für einen Bericht vom Mises Seminar in Frankfurt, siehe hier.

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Karl-Friedrich Israel, 26, hat Volkswirtschaftslehre, Angewandte Mathematik und Statistik an der Humboldt-Universität zu Berlin, der ENSAE ParisTech und der Universität Oxford studiert. Zur Zeit absolviert er ein Doktorstudium an der Universität Angers in Frankreich.

 

 

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