Hans-Hermann Hoppe über Marxistische und Österreichische Klassentheorie

29.4.2013 – von Karl-Friedrich Israel.

Karl-Friedrich Israel

Hans-Hermann Hoppes Artikel Marxist and Austrian Class Analysis wurde im Herbst 1990 im Journal of Libertarian Studies (Vol. IX, No. 2) veröffentlicht. Hoppe behauptet, dass die Kernthesen der marxistischen Geschichtstheorie weitestgehend korrekt sind, sie jedoch von einem falschen Ausgangspunkt erreicht werden, nämlich einer falschen Ausbeutungstheorie. Er benennt diese korrekten Kernthesen und stellt den Marxistischen und den Österreichischen Ansatz diese zu schlussfolgern gegenüber. Es macht einen erheblichen Unterschied, auf Basis welcher Prämissen man auf diese Thesen stößt. Die Konsequenzen können fundamental verschieden sein und deswegen lohnt es sich einen genaueren Blick auf Hoppes Arbeit zu werfen. Im Folgenden soll seine Analyse zusammengefasst werden.

Die Kernthesen der Marxistischen Theorie

Hoppe präsentiert das Herz der marxistischen Geschichtstheorie in 5 Punkten:[1]

1.    „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“, namentlich der Kampf zwischen einer kleinen regierenden Klasse und einer großen ausgebeuteten Klasse. Die wesentliche Form der Ausbeutung ist dabei eine ökonomische. Die regierende, ausbeutende Klasse konfisziert einen Teil der Produktion der ausgebeuteten Klasse für ihren eigenen Konsum.

2.    Die regierende Klasse vereinigt das gemeinsame Interesse, ihren ausbeutenden Status zu wahren und den Betrag ihrer Ausbeute zu maximieren. Sie wird diesen Status oder Teil dessen niemals freiwillig aufgeben. Er müsse ihr Stück für Stück im Klassenkampf abgerungen werden. Das Ergebnis dieses Kampfes wird entscheidend dadurch bestimmt, ob die Ausgebeuteten sich ihrer eigenen Stellung bewusst sind und ob und in welchem Umfang sie sich der Ausbeutung entgegenstellen.

3.    Die herrschende Klasse steuert den Staat als Institution der Unterdrückung. Mit ihm gelingt es ihr, eine gegebene ausbeutende (Produktions-)Struktur zu wahren und die Klassenherrschaft zu legitimieren.

4.    Innerhalb der regierenden Klasse führt der Wettstreit (Wettbewerb) tendenziell zur größeren Zentralisierung. Ein multipolares System wird durch ein oligarchisch bis monopolistisches System der Ausbeutung ersetzt. Weniger Herde der Ausbeutung bleiben bestehen und jene, die bestehen bleiben, fügen sich in ein hierarchisches Gebilde. Zwischen Regierungen führt der Prozess der Zentralisierung zu imperialistischen Kriegen und der territorialen Ausbreitung der ausbeutenden Klassenherrschaft.

5.    Wenn die Klassenherrschaft ihrer natürlichen Grenze, der Weltdominanz, näher kommt, so wird sie zunehmend unvereinbar mit der Weiterentwicklung und Förderung der produktiven Kräfte der Gesellschaft. Wirtschaftliche Stagnation und Rezessionen werden charakteristischer und schaffen eine Situation, die das revolutionäre Klassenbewusstsein der Ausgebeuteten befördert. Die Zeit sei dann reif für den Sturz der regierenden Klasse und einen Übergang von der Herrschaft von Menschen über Menschen zu einer bloßen Koordinierung der Umstände (eine „klassenlose“ Gesellschaft). Mit diesem Übergang werde ein nie dagewesenes ökonomisches Wohlstandswachstum einhergehen.

Für all diese Thesen liefert die österreichische Klassentheorie eine einwandfreie theoretische Rechtfertigung. Unglücklicherweise war es der Marxismus, der mit einer absurden Form der Ausbeutungstheorie diese weitestgehend korrekten Thesen auf falsche Weise herleitete und so diskreditierte.

Die Marxistische Ausbeutungstheorie und die Österreichische Antwort

Die marxistische Theorie basiert auf der Arbeitswertlehre, die besagt, dass aller Wert der Produktion sich aus dem Faktor Arbeit generiert. Nun werden im Kapitalismus dem Arbeiter jedoch Löhne gezahlt, die unterhalb des Verkaufswertes der Produktion liegen. Es kommt daher nach Marx im kapitalistischen System zur Ausbeutung der Arbeiter durch die Kapitalisten (Arbeitgeber). Die Differenz des Verkaufspreises der Produktion und der gezahlten Löhne ist der Mehrwert, den der Kapitalist dem Arbeiter entzieht.[2]

Im reinen, freilich hypothetischen, Kapitalismus, in dem legaler Wohlstandserwerb nur durch drei Arten erfolgt, Erstinbesitznahme von Land und Produktionsgütern, Produktion und Tausch, nicht also in einem System in dem Menschen wie Sklaven zur Arbeit gezwungen werden, gar Eigentum ihres Herren sind, kann es in einem Arbeitsverhältnis nicht kategorisch zu Ausbeutung kommen. Dies wird offenbar, wenn man sich die Frage stellt, warum ein Arbeiter zu einem solchen Verhältnis einwilligen sollte? Die Antwort der Österreichischen Schule liegt im Konzept der Zeitpräferenz. Zeitpräferenz ist ein universeller Bestandteil menschlichen Handelns. Dieses Komzept besagt, dass Menschen üblicherweise über Güter eher früher als später verfügen wollen, in jedem Fall aber, dass der Zeitpunkt der Verfügbarkeit von Gütern einen Unterschied macht. Der Lohn des Arbeiters stellt nichts anderes dar als die Möglichkeit, heute über Güter zu verfügen. Er kann sich damit heute Güter kaufen. Seine Arbeit, die in die Produktion einfließt, dient der Herstellung von zukünftigen Gütern. Das Arbeitsverhältnis ist also ein Tausch von gegenwärtigen Gütern für zukünftige Güter – eine Art Kredit vom Arbeitgeber für den Arbeitnehmer. Alternativ könnte der Arbeiter das Angebot ablehnen und selbst über die Früchte seiner Arbeit in der Zukunft verfügen. Wenn er dies nicht tut, ist das entstehende Arbeitsverhältnis lediglich Ausdruck seiner Zeitpräferenz.[3]

Auf der anderen Seite würde der Kapitalist oder Arbeitgeber üblicherweise nicht heute einen Lohn zahlen, der genau dem erwarteten Wert der Produktion in sagen wir einem Jahr entspräche. Warum? Er könnte die Produktion einstellen, den Lohn behalten, den Betrag ein Jahr lang aufbewahren und befände sich in der gleichen Situation. Darüber hinaus könnte er über das ganze Jahr hinweg über den Betrag verfügen. Dies erklärt warum der Kapitalist (genauer gesagt jeder Akteur) gegenwärtige Güter für zukünftige Güter üblicherweise nur zu einem Aufpreis bzw. zu einem Zinsertrag verkauft.

In einer rein kapitalistischen Ordnung ist das Verhältnis von Arbeiter und Kapitalist also eines, das beiden zum Vorteil gereicht. Trotzdem existiert nach der österreichischen Interpretation in der realen Welt so etwas wie eine regierende Klasse und mithin Ausbeutung.

Österreichische Klassentheorie – Parallelen und Gegensätze zum Marxismus

Die historischen Verhältnisse zwischen Sklavenhalter und Sklave oder auch Lehnsherr und Bauer sind durch Ausbeutung geprägt. Die Marxistischen und Österreichischen Theoretiker sind sich darüber einig. Jedoch kann es im Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer (Kapitalist und Proletarier) in einer rein kapitalistischen Gesellschaftsordnung nicht zu Ausbeutung im selben Sinne kommen. Was ist der fundamentale Unterschied? Der Unterschied ist die Beachtung und Nicht-Beachtung des Prinzips der Erstinbesitznahme (homesteading principle): Unter dem Lehnsherr hat der Bauer keine volle Kontrolle über das Land, welches er rechtmäßig erworben oder als erstes zur Landwirtschaft in Besitz genommen und genutzt hat, und der Sklave wird nicht als rechtmäßiger Eigentümer seines eigenen Körpers geachtet (den er auch als erster „in Besitz“ genommen hat). Es ist schierer Unsinn von Ausbeutung zu sprechen, wenn das Prinzip der Erstinbesitznahme und daraus resultierende Eigentumsrechte an seiner eigenen Person und den Früchten seiner Arbeit beachtet werden. Wenn Menschen im gegenseitigen Einvernehmen ihren Besitz und ihre Arbeit zur Produktion neuer Güter nutzen und dabei die Eigentumsrechte anderer nicht verletzten, wird niemand schlechter gestellt. Durch die Nicht-Beachtung des Prinzips der Erstinbesitznahme und der Verletzung von Eigentumsrechten kann es jedoch zur Ausbeutung im ökonomischen Sinne kommen. Es gehört also weiter nicht viel dazu, um zu erkennen, dass die Menschheitsgeschichte bis Heute über alle Maßen von Ausbeutung geprägt ist. Sie ist die Geschichte eines Klassenkampfes zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten (Punkt 1) – zwischen jenen die Eigentumsrechte achten und jenen, die dies nicht tun.

Wohlstand kann entweder durch Erstinbesitznahme, Produktion oder Handel erworben werden, oder durch Konfiszierung von Gütern bei eben jenen Menschen, die den drei vorangegangenen Tätigkeiten nachgehen. So wie sich Unternehmen bilden, die ersteren Weg wählen, können Kooperationen für die gewaltvolle Enteignung von Produzenten und Händlern entstehen, namentlich (Räuber-)Banden, mafiöse Strukturen, Regierungen oder Staaten. Sie haben ein gemeinsames Interesse, ihre parasitäre Position zu wahren und auszubauen und ihr Erfolg hängt dabei nicht nur von der zahlenmäßigen Konstellation von Ausbeutern gegenüber Ausgebeuteten ab, sondern auch, in der marxistischen Terminologie, vom Klassenbewusstsein. Sind sich die Ausgebeuteten ihrer Situation bewusst und sind sie bereit und fähig sich ihr entgegen zu stellen? (Punkt 2)

In der Tat birgt Konkurrenz innerhalb der ausbeutenden Klasse eine Gefahr in sich. Mehrere ausbeutende Gruppierungen müssen einander entweder verdrängen oder kooperieren um die Quelle ihres Wohlstandes – die Produzenten, Händler und Sparer – nicht vollständig auszubluten. Dies ist Grundlage für die Tendenz zur Zentralisierung von Macht, als auch für die imperialistischen Konflikte zwischen regierenden Gruppen bzw. Staaten. (Punkt 4) Hat sich eine ausbeutende Gruppe auf einem gegebenen Gebiet über einen gewissen Zeitraum etabliert, formt sie den Staat. Mit staatlicher Gewalt hält sie die sie nährenden Strukturen aufrecht. (Punkt 3)

Die schrittweise Abschaffung feudaler und absolutistischer Herrschaft und das Entstehen von zunehmend kapitalistischen Gesellschaften in Westeuropa und den Vereinigten Staaten von Amerika, einhergehend mit nie dagewesenem wirtschaftlichen Wachstum und Bevölkerungszahlen, war das Ergebnis eines zunehmenden Klassenbewusstseins der Ausgebeuteten, welches ideologisch aus den Doktrinen der Philosophie des Naturrechts und des Liberalismus gebildet wurde. Hierin sind sich Marxisten und Österreicher einig. Jedoch unterscheiden sie sich in der Bewertung und Interpretation der Umkehrung dieses Liberalisierungsprozesses ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und speziell ab dem ersten Weltkrieg. Nach der Österreichischen Theorie handelt es sich um eine erneute Senkung des Klassenbewusstseins. Ihr zu Folge ist diese bedauernswerte Entwicklung zu großen Teilen dem Aufblühen der marxistischen Ideologie geschuldet und der Propagierung ihrer falschen Ausbeutungstheorie.

Marxisten liegen allerdings richtig bei der Aufdeckung der Verstrickungen von Staat, Industrie und Großunternehmen, vor allem der Finanzelite. Sie liefern jedoch eine falsche Erklärung für diese Verstrickung. Der Staat wird nicht zur Durchsetzung von Eigentumsrechten und Vertragsfreiheit herangezogen, wie sie behaupten, sondern zum genauen Gegenteil: zur gezielten Brechung dergleichen. Großunternehmen versuchen, sich mit Hilfe des Staates Wettbewerbsvorteile zu verschaffen und evidenterweise nicht gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle durchzusetzen. Dieses Phänomen kann am anschaulichsten im Finanzsektor beschrieben werden, in dem die herrschende Klasse der Weltdominanz bereits am nächsten gekommen ist. Das globale, ungedeckte Fiat-Geldsystem, mit dem US-Dollar als der bislang noch bestimmenden Währung, ist eine inflationäre Umverteilungsmaschinerie nie dagewesener Dimension. Der Staat – die ausbeutende Klasse – nutzt nicht nur die Steuer als ein allen offensichtliches Mittel der Enteignung, sondern die Inflation. Er druckt Geld aus dem Nichts, entwertet die Papierwährung und enteignet seine Bürger – die ausgebeutete Klasse. Dieses inflationäre Fiat-Geldsystem ist gleichzeitig die Wurzel der modernen Konjunkturzyklen, der Krisen und wirtschaftlichen Rezessionen.[4] Wenn wir in der Lage sind, die Zeichen unserer Zeit richtig zu deuten, kann dies unser „Klassenbewusstsein“ erneut befördern und uns dem Utopia einer „klassenlosen“ Gesellschaft im österreichischen Sinne näher bringen. (Punkt 5)

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Karl-Friedrich Israel, 24, hat Volkswirtschaft an der Humboldt-Universität in Berlin studiert. Zur Zeit absolviert er in England an der Universität Oxford sein Masterstudium.  

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[1] Zu diesen Punkten vergleiche die klassischen Werke der marxistischen Ideologie: Karl Marx und Friedrich Engels Manifest der Kommunistischen Partei (1848), Karl Marx Das Kapital (3 vols. 1867; 1885; 1894), oder als zeitgenösserisches Werk Ernest Mandel Marx’s Economic Theory (1962).

[2] Natürlich ist die objektive Arbeitswertlehre hinreichend widerlegt worden. Hoppe jedoch präsentiert ein weiteres Argument, warum die marxistische Ausbeutungstheorie falsch ist und lässt für dieses eine Diskussion der Arbeitswertlehre außen vor.

[3] Es ist durchaus denkbar, dass der Arbeiter ohne eine etwaige Kapitalausstattung, die vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellt wird, nur eine ungleich weniger wertvolle Produktion hervorbringt, sein Lohn also womöglich gar den Wert übersteigt von dem, was er in Isolation produzieren könnte. Diese Tatsache lässt den Verdacht der Ausbeutung noch absurder erscheinen. Auf diesen Aspekt geht Hoppe in seinem Artikel gar nicht ein.

[4] Siehe zur Österreichischen Konjunkturtheorie etwa Ludwig von Mises Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel (1912) als grundlegendes Werk oder Thorsten Polleit Fiat-Geld zerstört die Marktwirtschaft als eine kurze Einleitung zum Thema.

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