Boom, Bust und der Irrweg des Hyper-Interventionismus

20. Juli 2026 – Interview mit Benjamin Mudlack

Olaf Janotta (OJ): Der historische Methodenstreit zwischen Historischer Schule und Österreichern ist legendär. Welche Bedeutung hat dieser Konflikt heute noch?

Benjamin Mudlack (BM): Der Methodenstreit ist vielleicht in Fachkreisen legendär, aber der breiten Masse der Bevölkerung ist der Vorgang nach meiner Beurteilung bedauerlicherweise eher unbekannt. Die „Historische Schule“ sah sich voller Stolz als die „intellektuelle Leibgarde“ des Hauses Hohenzollern, also der preußischen Herrschaftsdynastie an. Den Ursprung nahm diese Denkschule in der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin. Gegründet wurde diese, seit jeher staatliche Bildungseinrichtung im Jahre 1809 als Friedrich-Wilhelms-Universität. Der Methodenstreit ereignete sich zwischen Gustav Schmoller, ab 1908 von Schmoller, und Carl Menger, der als Begründer der Österreichischen Schule gilt. Die Historische Schule beobachtet, wie der Name schon sagt, historische Ereignisse, sammelt Daten und erstellt dann von den Vorgängen ein Modell, welches die Realität abbilden soll. Aus den vergangenen Ereignissen und aktuellen Krisenlagen werden dann Handlungsanweisungen an die Regierenden abgeleitet oder gar Regierungshandeln bzw. Zentralbankinterventionen gerechtfertigt. Vertreter der Österreichischen Schule, und somit auch meine Wenigkeit, sehen einige logische Widersprüche, und diese Kritikpunkte wurden in Briefwechseln zwischen Menger und Schmoller inhaltlich ausgetragen, gingen als Methodenstreit in die Geschichte ein. Erlauben Sie mir zentrale Kritikpunkte kurz darzulegen:

Ein PKW ist ein kompliziertes Erzeugnis, aber mit detaillierten Bauplänen und gut ausgebildeten Ingenieuren und Facharbeitern, sind Sie in der Lage, permanent wiederholbar diese Güter mit entsprechender Qualität zu reproduzieren. Menschliches Handeln ist jedoch ein extrem dynamisches und vor allem komplexes und nicht wiederholbares gesellschaftliches Phänomen. Menschen sind lernende Wesen und sie handeln heute anders als gestern und anders als sie vor 100 Jahren gehandelt haben. Auch die Technologien der heutigen Zeit sind andere als jene der Vergangenheit. Der technische Fortschritt verändert die Art und Weise, wie Menschen handeln, urteilen, werten und interagieren. Es drängen sich viele Fragen auf: Wie soll das historische Wissen zusammengetragen werden? Welche Faktoren sollen wie prozentual gewichtet werden? Zudem sammeln unterschiedliche Menschen unterschiedliche Daten, kommen zu unterschiedlichen Urteilen und Ergebnissen, da höchst individuelle Bedeutsamkeitsurteile mit einfließen. Es sollte also klar sein, dass menschliches Handeln aufgrund der subjektiven Werturteile von unzähligen Menschen nicht objektivierbar ist. Die subjektive Wertlehre ist übrigens eines der Kernelemente der Österreichischen Schule. Menschen wählen subjektiv und je nach Lebenskontext sich ständig dynamisch verändernder Zielsetzungen. Um diese Ziele zu erreichen, wählen die Menschen subjektiv Mittel aus, um die Ziele durch einen Tauschvorgang (Kauf) entweder direkt zu erreichen oder ihnen beispielsweise durch einen Spar- oder Investitionsprozess näher zu kommen. Mithilfe der subjektiven Wertlehre können Sie jede Form der zentralen Planung und Zuteilung in das Reich der Fabel verweisen. Die Österreichische Schule ist zudem sehr staatskritisch und lehnt in letzter Konsequenz aufgrund der Begleiterscheinungen und Verzerrungen jede Form der Intervention ab. Allein die staatskritische Haltung führte bis heute jedoch dazu, dass sie als staatskritische Denkrichtung im staatlich dominierten Bildungsapparat – und den herkömmlichen Medien –kaum bis keinerlei Berücksichtigung findet.

Der Konflikt bzw. Methodenstreit ist deshalb bis heute relevant, weil auch heutige Regierungen Staatsökonomen, Wirtschaftsforschungsinstitute und „Wirtschaftsweise“ nutzen, um ihre Interventionen (Wirtschaftspolitik) wissenschaftlich zu rechtfertigen. Die staatlich entlohnten Ökonomen befinden sich in einem monetären Abhängigkeitsverhältnis. Logisch betrachtet können sie nicht wissenschaftlich frei sein oder agieren. Über die staatlich dominierten Medien erhalten Staatsökonomen, also heutige Vertreter der Historischen Schule, dann die Möglichkeit die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Kurz gesagt schafft man Akzeptanz für die verschiedenen staatlichen Markteingriffe. Vertreter der Österreichischen Schule finden überhaupt nicht in den genannten Medien statt, sondern nahezu ausschließlich in den freien Medien via YouTube und Co.

Die Historische Schule war und ist die ökonomische Lehre der Macht und die Österreichische Schule ist die Lehre der wirtschaftlichen wie auch persönlichen Freiheit. Diesen Konflikt und das Wechselspiel zwischen Macht und Freiheit wird es wohl noch recht lange geben.

OJ: Ist die Praxeologie – also die deduktive Handlungslogik – in einer datengetriebenen Welt noch zeitgemäß?

BM: Wissenschaft sollte beschreiben was ist und nicht was sein soll. Exakt so arbeitet die Methode der Praxeologie, die von Ludwig von Mises als für mich herausragenden Vertreter der Österreichischen Schule in seinem Meisterwerk „Human Action“ (*) herausgearbeitet wurde. Sie arbeitet auf Basis von naturgegebenen Gesetzmäßigkeiten (Axiome), und so wird der kühne Versuch unternommen, menschliches Handeln ein wenig besser zu verstehen. So lange Menschen leben, handeln sie, und so lange wird auch die Praxeologie als Lehre des menschlichen Handelns weiterhin relevant sein. Ludwig von Mises hat die Praxeologie für die Ökonomie entwickelt. Andreas Tiedtke, Vorstand des Ludwig von Mises Instituts Deutschland, hat in seinem „Kompass zum lebendigen Leben“ (*) das Theoriegebäude deutlich weiterentwickelt und neue Maßstäbe gesetzt. Andreas Tiedtke stellt vor allem darauf ab, dass ungünstige Haltungen (Schuld, Scham, Ungenügen, Angst) der Menschen zu sich selbst sie anfällig für Manipulation machen. Die Menschen lassen sich so deutlich besser steuern und bewirtschaften. Sie lassen von eigenen Zielsetzungen ab und ordnen sich großen gesellschaftlichen Zielsetzungen (Narrativen) unter und lassen sich frei nach Kant in den geistigen Gängelwagen bzw. in die Unmündigkeit sperren. Die Praxeologie kategorisiert das menschliche Handeln in die Bereiche der freundlichen und feindlichen Handlungen. Freundlich in dem Sinne, dass die Menschen eine Handlung freiwillig (Win-win-Konstellationen) nur dann tätigen, wenn sie sich davon einen Vorteil versprechen. Auf der anderen Seite steht die feindliche Handlung, die ihrerseits unter Gewaltandrohung erzwungen wird und Win-lose-Konstellationen hervorbringt. Die freundlichen Handlungen sind freiheitlich-marktwirtschaftlicher Natur und die feindlichen Handlungen sind die Art, wie Zentralplaner oder staatliche Akteure agieren. Mit wachsender staatlicher Aktivität, höheren Staatsquoten, enormen Steuern und Abgaben und überbordender Bürokratie dominiert die Feindlichkeit. Die Relevanz der Praxeologie ist somit gerade in heutigen Zeiten gar nicht hoch genug aufzuhängen.

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Ich persönlich sehe die große Gefahr, dass man den Menschen in diesen Tagen einreden könnte, mittels künstlicher Intelligenz und heutiger Rechenleistung wäre es möglich, zentrale Planung erfolgreich durchzuführen. Die künstliche Intelligenz ist – zu Ende gedacht – die „Endausbaustufe“ der Historischen Schule. Aber auch die KI arbeitet lediglich mit vergangenem Wissen, und auch der künstlichen Intelligenz fehlt das Wissen über die Zukunft und die subjektiven Wertungen und Bedürfnisse der Menschen.

OJ: Welche wirtschaftspolitischen Fehlentscheidungen resultieren aus einer Missachtung subjektiver Wertmaßstäbe?

BM: Den wirtschaftspolitischen Zentralplanern fehlen die Informationen, welche Ressourcen wann, wo und in welcher Menge benötigt werden. Sie können nicht auf Preisverläufe zugreifen und folglich kommt es zur Fehlsteuerung und Verschwendung von wertvollen und knappen Ressourcen. Im Jahre 1989 konnte die Welt anhand des innerdeutschen Beispiels sehen, welcher Allokationsmechanismus Mensch und Umwelt zugewandter war und ist. In der BRD haben die Produkte auf die Menschen gewartet und in der DDR war es andersherum bzw. einige Produkte gab es schlichtweg gar nicht. Andere Produkte waren im Überfluss vorhanden, was wiederum die verschwenderische Komponente der zentralen Planung verdeutlicht. Ludwig von Mises war es, der bereits im Jahre 1919 in der Theorie nachgewiesen hat, dass die Planwirtschaft aufgrund der fehlenden Preissignale am Kalkulations- und Informationsproblem scheitern wird. Die Menschen erlebten es dann in der DDR, in der UDSSR und überall dort, wo man sich dem Kollektivismus zu sehr zuwendet.

Die Defizite der zentralen Planung können Sie heute hier in Deutschland in sehr vielen Bereichen der staatlichen Aktivitäten beobachten. Die Kosten explodieren, die Qualität lässt nach und in einzelnen Sektoren steht bereits das berühmte Schlangestehen an der Tagesordnung. Ich denke da zum Beispiel an die Situation im Fachärztebereich. Die Wohlstandsverluste sind allgegenwärtig und sie manifestieren sich im Qualitätsverlust und darin, dass die Produktivkräfte immer mehr zur Kasse gebeten werden. Die Menschen können in den vom Staat zwangsmonopolisierten Bereichen nicht Nein sagen. Das heißt, ihr subjektives Werturteil und ihre Bedürfnisse werden komplett ignoriert, mit Füßen getreten, und so weiß man gar nicht, was diese einzelne Dienstleistung oder das Produkt „wert“ ist. Die staatlichen Akteure stellen sich keinem Marktprozess und so kommt es auch heute zu dem von Ludwig von Mises ausgearbeiteten Phänomen. Neben der Situation im Krankensystem wären die desolaten Entwicklungen im Bildungsbereich oder die Erosion der inneren und äußeren Sicherheit Deutschlands als weitere Beispiele zu nennen.

OJ: Die österreichische Konjunkturtheorie erklärt Boom- und Bust-Zyklen als Folge künstlicher Kreditexpansion. Sehen Sie darin eine Erklärung für aktuelle wirtschaftliche Turbulenzen?

BM: Absolut, und darüber hinaus kommt es in Folge der Pleiten mit jedem künstlich herbeigeführten Boom- und Bust-Zyklus zu exorbitanten Zentralisierungseffekten. Der substanzlose Boom wird entfacht durch per Kreditausweitung neu geschaffenes Geld sowie durch herabgesetzte Zinsen der zentralen Geldplaner; in Euroland sind namentlich die Räte der Europäischen Zentralbank dafür verantwortlich. Da die Ressourcen auf der anderen Seite nicht zunehmen, kommt es unweigerlich zu Teuerungseffekten und diese wiederum führen dazu, dass die ursprünglich angestellten Kalkulationen nicht mehr aufgehen. Aus geplanten Gewinnen werden Verluste, Projekte werden abgesagt und es kommt vermehrt zu Pleiten. Nehmen die Insolvenzen Überhand, könnte es im Zuge der Kreditabschreibungen auch zu einer Banken- und sich anschließenden Staatsschuldenkrise kommen. Leider haben zu wenig Menschen den Mut, klar anzusprechen, dass eine zentrale Geldplanstelle (Zentralbank) nicht mit den Prinzipien einer freiheitlich-marktwirtschaftlichen Ordnung in Einklang zu bringen ist. Die Existenz der Zentralbanken ist einer der Ur-Fehler unserer heutigen Zeit und gewissermaßen der Gipfel der Anmaßung von Wissen. Der Zins ist als Preis des Geldes das wichtigste Preissignal der Volkswirtschaft, und deshalb sollte er sich auch am Markt durch freiwillige Übereinkunft bilden. Die Geldschöpfung ist heutzutage nichts weiter als ein Buchungssatz, und so gaukelt man dem nicht mehr vorhandenen Markt ein übermäßiges Geldangebot vor, dem allerdings weder Produktivitätszuwachs noch Ersparnisbildung zugrunde liegt. Dieser Effekt senkt den Zins künstlich ab. Es kommt zu Verzerrungen in der Produktionsstruktur, zum Aufbau von wirtschaftlichen Ungleichgewichten und zur Fehlsteuerung von Ressourcen, die dann irgendwann aufgrund der Überinvestition und des dargelegten Kalkulationsproblems in einem Bust münden. Es dreht sich eine fatale Abwärtsspirale, die unweigerlich irgendwann final zu Grunde gehen muss und wird. Mit jedem Boom- und Bust-Zyklus dreht sich die Interventionsspirale, die durch staatliche Eingriffe und Zentralbankinterventionen angetrieben wird, tiefer in das Mark von Menschen und Unternehmen hinein. Mit jeder Interventionsstufe gehen wirtschaftliche und persönliche Freiheiten verloren.

OJ: In Ihrem Buch „Neues Geld für eine freie Welt“ (*) entwickeln Sie geldtheoretische Perspektiven jenseits staatlicher Monopolstrukturen. Was läuft im heutigen Zentralbanksystem strukturell falsch?

BM: Zwangsmonopole können weder menschlichen noch freiheitlich-marktwirtschaftlichen Anforderungen gerecht werden. Die Zentralbanken dienen nicht den Menschen oder mittelständischen Unternehmen, sie dienen den staatlichen Akteuren und der Finanzlobby. Im Grunde sprechen wir von einer Art Milliardärs-Planwirtschaft. Unter anderem zu Zeiten der Finanz- und Eurokrise wurde die enge Verbundenheit deutlich. Die Regierungen haben sich von den Bankern beraten, lenken und zur Politik des Herauskaufens (Bail-out) verleiten lassen. Dabei waren es die Finanzinstitutionen, die zentral verantwortlich für die Fehlspekulationen rund um die Subprime-Krise waren. Gewaltige Umverteilungseffekte wurden im Rahmen der sogenannten Rettungspolitik und durch die Schaffung neuen Geldes in Gang gesetzt. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Deutschland muss heute ungefähr siebenmal so lange für eine Unze Gold arbeiten, als das 1999 zur Zeit der elektronischen Einführung des Euro der Fall war. Den Menschen wird schlichtweg Zeit gestohlen. Einfach so, per Buchungssatz oder Mausklick.

Der Entscheidungsfindung der Politik im Zuge der Finanz- und Eurokrise konnten die Menschen auch überhaupt nicht widersprechen, da Gesetze per herrschaftlicher Rechtsetzung in die Welt aufgezwungen werden. So ist der Euro in die Welt der Menschen gekommen und so könnten auch die digitalen Zentralbankgelder herbeidiktiert werden. Geld ist ursprünglich im Rahmen der Spezialisierung der Menschen und aus der Notwendigkeit eines Tauschmittels entstanden. Wenn die Menschen die Wahl hatten, dann haben sie vielfach mit Gold und Silber getauscht. Diese Ära des 1.000 Jahre währenden Bimetallismus (Gold- und Silberwährungen parallel) endete in Deutschland im Zuge der Reichsgründung. Seither ist das Geld vollends „vermachtet“ und durch die Unterbindung des Wettbewerbs zum Herrschaftsinstrument verkommen. Naturrechtlich betrachtet wird Recht gefunden und in Verträgen (Vertrag von „vertragen“) vereinbart, aber nicht – so wie heute – aufgezwungen. Wir sind umgeben von „Verträgen zu Lasten Dritter“, denen wir nicht widersprechen können. Auch die Zentralbanken sind nicht durch die Nachfrage der Menschen oder handelnden Wirtschaftssubjekte entstanden, sondern wiederum auch durch rechtliche Scheinlegitimierung.

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OJ: Welche Rolle spielen digitale Währungen und Kryptowährungen in Ihrem geldpolitischen Denken?

BM: Der Wettbewerb ist für mich, wie schon angeklungen, gleichermaßen Entmachtungsinstrument und Entdeckungsverfahren. Entmachtung deshalb, weil die Menschen zwischen verschiedenen Anbietern auswählen können und nicht einem Monopolisten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Entdeckungsverfahren in der Form, dass die Menschen gemäß ihrem Lebenskontext, ihrer subjektiven Wertungen und folglich ihrer Präferenzen frei wählen können.  Bitcoin und Co. helfen auf der einen Seite bei der Aufklärungsarbeit und bieten auf der anderen Seite Alternativen zu den staatlichen Geldern. Die Bitcoin-Community beobachte ich mit großer Freude und ich setze große Hoffnung in diese sehr positiv denkenden Menschen. Sie haben die Probleme der heutigen zwangsmonopolistischen Strukturen erkannt und machen sich auf den Weg hin zu einer Welt aus schadlos ablehnbaren Angeboten. Exakt das entspricht meinem freiheitlichen Fixstern!

Übrigens sind über Bitcoin sehr viele Menschen zu den Ideen der Österreichischen Schule gekommen. Auch das durch den Bitcoin-Algorithmus erzeugte absolute und nicht nur relative Knappheitsversprechen stellt für mich ein „österreichisches Attribut“ für gutes Geld dar. Zentimeter, Kilogramm, Liter und so weiter sind klar normiert und ein Koch ist so in der Lage, seine Rezepte an seine Lehrlinge weiterzugeben. So kann er seine Mahlzeiten wiederholbar und genießbar machen. Die Euro-Geldmenge wurde seit 1999 jetzt bald um den Faktor vier ausgedehnt bzw. inflationiert. Der quantitativen Erweiterung (Inflation) folgt unweigerlich die qualitative Herabsetzung des Geldes. Es kommt also zur Teuerung, auch als Kaufkraftminderung bekannt. So kann es dazu kommen, dass Kaufleute nicht mehr kalkulieren können und ihr Betriebsergebnis ist – um bei der Analogie mit dem Koch zu bleiben – komplett versalzen.

OJ: Sie sprechen von „Hyper-Interventionismus“. Wo sehen Sie aktuell die problematischsten staatlichen Eingriffe?

BM: Jede Form der staatlichen Intervention ist problematisch und zudem unnatürlich. Menschen sind nach meiner Auffassung Anreizwesen. Sie folgen also den Anreizen, die sich ihnen bieten, und sie versuchen, mit wenig Aufwand viel zu erreichen. Franz Oppenheimer, der Doktorvater Ludwig Erhards, hat es einmal sinngemäß sehr gut auf den Punkt gebracht. Er sprach davon, dass Politik die Bewirtschaftung des Menschen mit den politischen Mitteln des Zwangs und der Täuschung sei. Oppenheimer unterschied auch zwischen dem politischen (erzwungen = feindliche Handlung) und dem ökonomischen (freiwillig = freundliche Handlung) Mittel der Kooperation. Da schließt sich auch wieder der Kreis zur Praxeologie.

Bei einer Staatsquote von über 50 Prozent dominiert die erzwungene Kooperation und somit das politische Mittel. Ein derartig großer Staat lädt dazu ein, ihn für eigene Interessen einzuspannen, was ja auch viel einfacher ist, als die Menschen durch qualitativ hochwertige und preismäßig günstige Produkte oder Dienstleistungen im Zuge der freiwilligen Kooperation zu überzeugen. Auf die Spitze getrieben wird die Causa auf der Ebene der Europäischen Union. Das Parlament ist zwar wählbar – wenn auch nicht jede Wählerstimme gleich gewichtet ist –, aber nur die überhaupt nicht wählbare EU-Kommission ist in der Lage, Richtlinien und Verordnungen einzubringen. Laut EU-Transparenzregister waren 2012 rund 4.000 Lobbyorganisationen registriert. Heute wird die Zahl von über 17.000 veröffentlicht. Die Lobbyorganisationen repräsentieren Großkonzerne, Verbände, NGOs und staatliche Organisationen. Sie umgarnen die EU-Kommissare mit der Zielsetzung, Privilegien (Subventionen, Verbote, Regulierung) zu erwirken. Der Mittelstand ist in Berlin und Brüssel kaum vertreten und so geraten die kleinen und mittelständischen Unternehmen durch neue Regulierungen und Gesetze immer mehr ins Hintertreffen. Je größer der Staat und je verflochtener das engmaschige Netz aus Technokratie (IWF, BIS, FED, EZB, WHO, WTO, NATO, UN usw.) und Politik ist, desto wirksamer können Milliardärs-planwirtschaftliche Akteure die staatlichen Eingriffe für ihre Zwecke nutzen. Die Epoche des Hyper-Interventionismus nahm nach meiner Definition ihren Anfang in der Finanz- und Eurokrise und seither nehmen die Interventionen überhand. Einige wenige Finanzakteure profitierten zu Lasten der breiten Masse und so ist ein Durchschnittsverdiener heutzutage kaum noch in der Lage, sich ohne ererbtes Vermögen Immobilieneigentum zu schaffen. Die zentralen Keimzellen des Interventionismus sind die herrschaftliche Recht- bzw. Unrechtsetzung und das Handeln der Zentralbanken. Wenn die mittelständischen Unternehmer die Bedrohung des Hyper-Interventionismus nicht erkennen und sich ihr nicht entgegenstellen, werden sie vom Interventionismus vom Markt gefegt. Wobei man von Markt kaum noch sprechen kann. Es sind eher die Bruchteile einer ehemals freieren Marktwirtschaft zu Erhards Zeiten.

OJ: Wenn Sie jungen Menschen heute ein Werk der Österreichischen Schule empfehlen müssten – welches wäre es und warum?

BM: „Vom Wert der besseren Ideen: Sechs Vorlesungen über Wirtschaft und Politik“ (*) von Ludwig von Mises. Auf 144 Seiten erhält man einen recht komprimierten Einblick in die Ideenwelt der Österreichischen Schule. Diese sechs Vorlesungen hielt Ludwig von Mises übrigens im Jahre 1958 in Argentinien. Von Mises sprach in aller Klarheit über Kapitalismus, Sozialismus, Interventionismus, Inflation, Auslandsinvestitionen und über Politik sowie Ideen im Allgemeinen dann in der Abschlussvorlesung. Interessant ist, dass die Menschen in Argentinien mehr als sechs weitere Dekaden des kollektivistischen und interventionsgetriebenen Niedergangs erleiden mussten, bis es nun unter Präsident Javier Milei – bei aller berechtigten Kritik an ihm – endlich wieder freier und marktwirtschaftlicher wird. Hoffen wir, dass wir hier in Deutschland früher die Kurve bekommen.

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Dieses Interview wurde von Olaf Janotta für die Havanna Lounge geführt und am 28. Mai 2026 in gekürzter Form im exklusiven Mitgliedermagazin (online und Print) der Havanna Lounge und der Partnerclubs veröffentlicht. Die Havanna Lounge mit Sitz in Bremen ist ein Wirtschafts- und Gesellschaftsclub mit über 1.000 Mitgliedern, der seit 2001 besteht.

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Benjamin Mudlack ist gelernter Bankkaufmann und hat an der Fachhochschule Dortmund das Diplom zum Wirtschaftsinformatiker erworben. Er ist Vorstandsmitglied der Atlas Initiative, Mitglied der Friedrich August von Hayek Gesellschaft und begleitet aktiv einige andere freiheitliche Projekte, wie zum Beispiel das jüngst neu gegründete Free Economic Forum.

Zudem betreibt Benjamin Mudlack den YouTube-Kanal „Der ökonomische IQ“ mit der Zielsetzung, möglichst vielen Menschen die österreichische Schule der Nationalökonomie anhand von tagesaktuellen Themen zugänglich zu machen.

Benjamin Mudlack ist zudem Autor des im Lichtschlag Verlag erschienen Buches „Geld-Zeitenwende – vom Enteignungsgeld zurück zum gedeckten Geld“(*). Zuletzt erschien im Mai 2025 sein Buch „Neues Geld für eine freie Welt: Warum das Geldsystem kein Herrschaftsinstrument sein darf“ (*). Neben einigen Interviews sind zahlreiche Artikel von ihm erschienen zum Thema Geld bzw. Geldsystem und Mittelstand, wie beispielsweise im Substanz Investor, bei Tichys Einblick oder im Sachwert Magazin.

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