Die Nullsummen-Lüge der Gegner der Marktwirtschaft

Rezension

Zero Sum Mindset. Die Nullsummenfalle – warum alle mehr gewinnen, wenn wir anders denken (*) (Autor: Rainer Zitelmann)

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22. Juni 2026 – von Andreas Tögel

Die vom Autor Rainer Zitelmann analysierte „Nullsummenmentalität“ zeigt sich im Gedicht „Alfabet“ (1934) des Kommunisten, Dichters und Dramatikers Bertolt Brecht (1898 – 1956):

Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sah´n sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.

Darin kommt die weit verbreitete und, wie die „Financial Times“ im Jahr 2023 schrieb, zunehmende (aber irrige!) Vorstellung zum Ausdruck, dass jedem wirtschaftlichen Gewinn der einen Seite ein ebensolcher Verlust der Gegenseite gegenüberstehen müsse. Diese Haltung prägt besonders das Denken der Sozialisten.

Die Nullsummenmentalität ist eng mit Neidaffekten verbunden. Eine in 13 Ländern durchgeführte Umfrage kommt zum Ergebnis, dass Neider häufiger zum Nullsummenglauben tendieren als Nicht-Neider.

Selbstverständlich existieren Nullsummenspiele: Ein Tennismatch oder eine Präsidentschaftswahl sind typische Beispiele. Nur einer kann dabei gewinnen, der andere verliert. Gerade aber im Bereich wirtschaftlicher Interaktionen überwiegen bei weitem jene Situationen, in der alle Beteiligten gewinnen. Schon Adam Smith (1723 – 1790) beschrieb das Phänomen in seinem Opus magnum „Der Wohlstand der Nationen“ (1776) und begründet es im Wesentlichen mit dem wohlstandssteigernden Effekt von Arbeitsteilung und Spezialisierung.

Mehrere Untersuchungen zur Nullsummenmentalität kommen zum Ergebnis, dass diese sich nicht nur im Bereich der Ökonomie, sondern auch auf vielen anderen Ebenen manifestiert. So werden etwa reichen Zeitgenossen, quasi zum Ausgleich, Egoismus, Kälte und Gier attestiert; besonders schönen Menschen werden Dummheit und Oberflächlichkeit zugeschrieben; und „Superintelligenzlern“ werden Arroganz, Weltfremdheit und soziale Unbeholfenheit attribuiert. Es ist für Nullsummengläubige einfach nicht zu ertragen, dass ein anderer sowohl attraktiv als auch klug und moralisch integer sein kann. Die dadurch zum Ausdruck kommende Überlegenheit über die neidgetriebenen Betrachter wird für diese zum Spiegel ihrer eigenen Defizite.

In vielen einschlägigen Untersuchungen wurde festgestellt, dass Menschen mit Nullsummenmentalität häufiger als andere ihren Mitmenschen feindliche Absichten unterstellen und sich diesen gegenüber entsprechend misstrauisch verhalten. Da eine arbeitsteilige, marktwirtwirtschaftliche Ordnung aber gegenseitiges Vertrauen voraussetzt, um reibungslos funktionieren zu können, stiftet diese Haltung Schäden – und zwar nicht nur für den Nullsummengläubigen selbst.

Dass das Nullsummendenken auch durchaus gefährliche Konsequenzen nach sich ziehen kann, beweist eine Studie, die zeigt, dass Nullsummengläubige eher bereit sind, den Einsatz von Gewalt gegen politisch Andersdenkende zu akzeptieren.

Menschen, die sich selbst als Systemverlierer sehen, neigen wesentlich stärker zum Nullsummendenken als ihre erfolgreichen Mitmenschen. Sie begreifen sich weniger als aktive Spieler, sondern als Opfer. Sie meinen, ihr Schicksal liege nicht in ihren eigenen Händen, sondern werde von feindseligen Akteuren fremdbestimmt. Eine Art von selbsterfüllender Prophezeiung, denn Leute dieses Zuschnitts können gewöhnlich auch keine Erfolge im Leben vorweisen – und das gilt nicht nur für wirtschaftliche Belange.

Laienhafte Vorstellungen vom Wirtschaftsleben münden häufig im Nullsummendenken und konzentrieren sich bevorzugt auf die Verteilung, nicht aber auf die Produktion von Wohlstand.

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Der nicht nur in linken Kreisen verbreitete Antikapitalismus fußt auf der Vorstellung, dass Ungleichheit das Ergebnis eines Nullsummenspiels sei – siehe Brecht. Wie unsinnig dieses Denken ist, beweist ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte, die den Triumphzug des Kapitalismus und dessen immense Bedeutung für die Wohlstandszunahme belegt. 1820 lebten noch 80 Prozent der Menschen weltweit in extremer Armut. Bis zum Jahr 1990 reduzierte sich diese Quote auf 37,0 Prozent. Bis 2024 sank sie auf 8,5 Prozent.

Generell kann gesagt werden, dass extreme Armut heute fast nur noch in jenen afrikanischen Ländern herrscht, die sich nach der 1960 zu Ende gegangenen Kolonialzeit für den Sozialismus entschieden, während einige ehemals asiatische Kolonien, wie Singapur oder Hong Kong – dank des dort herrschenden Kapitalismus – heute zu den einkommensstärksten Regionen der Welt zählen.

Wie irrig das Nullsummendenken in wirtschaftlicher Hinsicht ist, wird auch am Beispiel Chinas deutlich, wo die Zahl der extrem Armen auf heute unter ein Prozent gefallen ist, während sich die Zahl der Milliardäre auf aktuell 450 erhöht hat. Nur in den USA leben mehr Milliardäre als in China.

Nullsummengläubige können sich nicht erklären, wie so etwas möglich ist, obwohl die Antwort auf der Hand liegt: Wirtschaftswachstum. Wirtschaft ist eben nicht mit einem immer gleich großen Kuchen zu vergleichen, den es zu verteilen gilt. Denn der Kapitalismus ermöglicht das Backen immer größerer Kuchen – zum Vorteil aller.

Ein nicht geringer Teil des Nullsummendenkens und des daraus resultierenden Misstrauens, das dem Profitstreben entgegenschlägt, ist der Unterhaltungsindustrie geschuldet. Sie dämonisiert mit Produktionen wie „The Wolf of Wall Street“, „James Bond – Ein Quantum Trost“ oder „Maske des Zorro“ konsequent wirtschaftlich erfolgreiche Akteure, die durchgängig als gewissenlose, unmenschliche Ausbeuter und Gauner präsentiert werden. Otto Normalverbraucher ist im Film dagegen bieder und anständig, kommt aber zu nichts, weil der eiskalte Kapitalist ihm nichts übriglässt. Reiche sind demnach jederzeit bereit, zu Erreichung ihrer wirtschaftlichen Ziele über Leichen zu gehen. Die deutsche Krimiserie „Tatort“ schießt in dieser Hinsicht den Vogel ab. Schräges Motto: Der Mörder ist immer Unternehmer oder Manager.

Dass Handel kein Nullsummenspiel sein kann, erklärt sich aus der simplen Tatsache, dass er gar nicht erst stattfände, wenn sich nicht beide Seiten davon Vorteile versprächen. Der Bäcker gewinnt beim Verkauf eines Laib Brot ebenso wie dessen Käufer – eine klassische Win-win-Situation. Denn der Mensch tauscht nur dann, wenn er dasjenige, was er dafür erhält, höher bewertet als dasjenige, was er dafür aufgibt. Dasselbe Prinzip gilt auch für den grenzüberschreitenden Handel. Wer diesen – getrieben durch überkommene Autarkievorstellungen und unter Einsatz protektionistischer Zölle – behindert, legt die Axt an die Wurzel des „kollektiven“ Wohlstands.

Der herausragende Ökonom Ludwig von Mises (1881 – 1973) nannte das Nullsummendenken das „Montaigne-Dogma“, weil Michel de Montaigne (1533 – 1592) unter den nicht-antiken Schriftstellern der erste gewesen sei, der es neu formulierte. Mises schrieb in „Human Action“:

[Das Nullsummendenken] liegt allen modernen Lehren zugrunde, die innerhalb der Marktwirtschaft einen unversöhnlichen Interessenkonflikt zwischen verschiedenen sozialen Klassen einer Nation und zudem zwischen den Interessen einer Nation und denen aller anderen Nationen behaupten.

Und weiter:

In der Marktwirtschaft gibt es keine Konflikte zwischen den Interessen der Käufer und Verkäufer. […] Der Abschluss ist immer vorteilhaft sowohl für den Käufer als auch für den Verkäufer. Selbst ein Mann, der mit Verlust verkauft, steht immer noch besser da, als wenn er überhaupt nicht verkaufen könnte oder nur zu einem noch niedrigeren Preis. […] Wenn Käufer und Verkäufer den Tausch nicht als die vorteilhafteste Handlung unter den gegebenen Bedingungen betrachten würden, würden sie ihn nicht eingehen.

Vietnam liefert einen schlagenden Beweis für die positive Wirkung der Öffnung eines Landes für grenzüberschreitende Waren- und Kapitalströme: 1990 war Vietnam das ärmste Land der Welt. Heute leben dort nur noch drei Prozent unter der Armutsgrenze. Die beispielsweise von „Attac“ und anderen Nullsummengläubigen vertretene These, wonach die Globalisierung eine Ausbeutung der Entwicklungsländer bedeutet, ist, wie nicht nur Vietnam zeigt, rundweg falsch.

Die nicht nachweisbare positive oder gar kontraproduktive Wirkung von Entwicklungshilfe überrascht nicht, wenn man sich klarmacht, dass Kapitalismus einfach nicht von oben verordnet werden kann, sondern von den Bürgern getragen, von unten wachsen muss. Eine großangelegte Studie in 108 Empfängerländern kommt zum Schluss, dass Entwicklungshilfe sogar negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Demokratie hat. „Wenn die Diagnose der Probleme der armen Länder falsch ist, dann ist auch die Therapie falsch“, so Zitelmann.

Im vorletzten Kapitel entwickelt der Autor eine „Theorie des kompensatorischen Nullsummenglaubens“.  Damit analysiert er die unbewusste Annahme vieler Menschen, dass die Summe aller positiven und negativen Eigenschaften eines Menschen stets null ist. „Wähnt man sich einem anderen unterlegen (…), kann es trösten, wenn man dieser Person negative Eigenschaften zuschreibt.“ Dieses Phänomen wurde durch eine einschlägige Untersuchung des Insa-Instituts vom Januar 2026 bestätigt. „Unter dem Strich gleichen sich Vorteile und Nachteile für die meisten Menschen aus.“

Viele internationale, zum Teil auch ältere Untersuchungen bestätigen die These, die auch gruppenspezifische Stereotype betrifft – so etwa die Juden, welche zu „Victims of Success“ werden. Ihr geneideter wirtschaftlicher Erfolg wird emotional durch Zuschreibungen wie „Raffgier“, puren Materialismus oder „Eiseskälte“ kompensiert.

Ähnlich Stereotype existieren auch für „Streber“, Blondinen, Bodybuilder oder Hochintelligenzler. Positive Merkmale dieser Personen werden stets mit negativen Eigenschaften konterkariert. Mit empirischer Evidenz hat dieser kompensatorische Nullsummenglaube allerdings nichts zu tun. Was nicht überrascht: Besonders Menschen mit geringem Selbstwertgefühl sind dafür besonders anfällig, weil sie Erfolg, Attraktivität oder Klugheit anderer nur schwer ertragen können.

Nullsummendenken ist nicht immer falsch, sondern nur dann, wenn eine Situation, die objektiv kein Nullsummenspiel ist, als solche wahrgenommen wird.

Eine korrekte Situationsbeurteilung ist daher wichtig. Nullsummendenken führt häufig zu einer stärker konfrontativen Haltung, die aggressiv durchgesetzt wird. Wer diese Strategie in Fällen einsetzt, in denen Kooperation gefragt wäre, wird sich damit meist selbst schaden.

Nullsummenlogik führt auch zur Suche nach Sündenböcken. Denn wo es scheinbar Opfer gibt, muss es auch Schuldige geben. Nutznießer sind diesfalls diejenigen, die diese Strategie für sich politisch oder publizistisch auszuschlachten verstehen.

Im Geschäftsleben kann das Nullsummendenken gelegentlich zu kurzfristigen Erfolgen beitragen. Langfrstig erweist sich jedoch eine Win-win-Strategie meist als aussichtsreicher.

Unser Urteil über andere Menschen wird maßgeblich auf Basis moralischer Werte – etwa der Ehrlichkeit – gefällt. Ist der moralisch üble Typ zudem aber auch noch intelligent, wird er dadurch umso gefährlicher. In diesem Fall kann die positive Eigenschaft Intelligenz das moralische Defizit nicht kompensieren.

In Nullsummensituationen wirkt Entgegenkommen – „Appeasement“ – nicht deeskalierend, sondern wird als Schwäche gewertet und lädt damit zu weiteren Aggressionen ein. Es gilt daher, zu erkennen, ob man es mit einer Nullsummensituation zu tun hat oder nicht. Erfolgreich werden jene Menschen sein, die rasch erkennen, womit sie es zu tun haben, und die über das Verhaltensrepertoire verfügen, angemessen zu handeln.

Mises schrieb hierzu in Human Action (1949, S. 666):

Die Behauptung, dass der Vorteil des einen der Schaden des anderen sei, gilt für Raub, Krieg und Beute. Die Plünderung seitens des Räubers ist der Schaden des beraubten Opfers. Aber Krieg und Handel sind zwei verschiedene Dinge.

Die Menschheitsgeschichte zeigt, dass der Übergang von der Machtphase zur Marktphase einen gewaltigen Wohlstandsschub einleitete. Von 1750 bis 2000 – also nach dem Übergang zur Marktlogik –wuchs das Welt-Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um das 37-fache. 97 Prozent des Wohlstandes wurden in den letzten 250 Jahren, also in nur 0,1 Prozent der Menschheitsgeschichte erzeugt.  Wie das Beispiel Venezuelas zeigt, gibt es allerdings auch die Gegenrichtung. Dort haben die der Nullsummenlogik anhängenden Sozialisten es in nur 25 Jahren geschafft, eines der vormals reichsten Länder der Welt in ein Armenhaus zu verwandeln, aus dem 30 Prozent der Bevölkerung bereits geflohen sind.

Da das überall geschehen kann, ist Wachsamkeit gefragt und ein entschlossener Kampf gegen das Nullsummendenken angesagt, das jeglichen Fortschritt behindert oder gar umzukehren imstande ist. Rainer Zitelmanns neues Buch entlarvt die gefährliche Nullsummen-Lüge in Bezug auf freiwillige wirtschaftliche Transaktionen, zeigt ihre psychologischen Ursachen auf und wieso in der Marktwirtschaft das Gegenteil richtig ist. Ein absolut empfehlenswertes Buch, das mit einem „geistigen Missstand“ aufräumt, den sozialistische Verführer seit jeher für sich auszunutzen versuchen.

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Andreas Tögel

Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist gelernter Maschinenbauer, ausübender kaufmännischer Unternehmer und überzeugter ‚Austrian‘. Ende März 2022 ist sein Buch Inflation: Warum das Leben immer teurer wird (*) erschienen.

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