Piketty liegt falsch. Der Kapitalismus ist ein Segen für die Menschen

16.12.2015 – von Louis Rouanet.

Louis Rouanet

Die alte marxistische Angst vor einer ständig größer werdenden Ungleichheit in kapitalistischen Gesellschaften ist wieder auf dem Vormarsch. Es heißt, die kapitalistische Elite mache sich die Dynamik der unbegrenzten Vermögensakkumulation zunutze, und bald wäre sie in der Lage sein, alles und jeden zu kaufen, inklusive der Regierung. Diese Angst vor der unbegrenzten Akkumulation von Vermögen durch nur wenige Menschen war das Hauptthema von Thomas Piketty’s Kapital im 21. Jahrhundert, herausgegeben im Jahr 2013 in Frankreich. Beispielsweise schreibt Piketty:

Es wäre ein schwerer Fehler, die Bedeutung des Knappheitsprinzips für das Verständnis  der weltweiten Vermögensverteilung im 21. Jahrhundert zu vernachlässigen. Um sich davon zu überzeugen reicht es aus, den Preis von Ackerflächen in Ricardos Modell durch den Preis von städtischem Bauland in den wichtigsten Hauptstädten der Welt zu ersetzen …

Sicherlich existiert im Prinzip ein einfacher ökonomischer Mechanismus, der das Gleichgewicht bei dem Prozess wieder herstellen sollte: der Mechanismus von Angebot und Nachfrage. Wenn die Versorgung mit irgendeinem Gut nicht ausreichend ist und sein Preis zu hoch ist, dann sollte die Nachfrage nach diesem Gut sinken, was wiederum zu einem Sinken seines Preises führen sollte. Mit anderen Worten, wenn Immobilienpreise und der Ölpreis steigen, dann sollten die Menschen aufs Land ziehen und anfangen, das Fahrrad zu benutzen (oder beides). Nicht nur könnten solche Anpassungen jedoch unangenehm und kompliziert sein; sie könnten auch Jahrzehnte dauern, währenddessen Grund- und Ölquellenbesitzer möglicherweise Forderungen gegen den Rest der Bevölkerung ansammeln, die so umfangreich sind, dass sie leicht alles umfassen könnten, was besessen werden kann, inklusive ländlichen Grundstücken und Fahrrädern, ein für allemal.(Piketty 2013)

Lassen wir einmal das alberne Beispiel von Fahrrädern als Antwort des Marktes auf Knappheit beiseite – was ein negativer technologischer Schock wäre, obwohl wir heute in einer hochinnovativen Welt leben. Piketty glaubt tatsächlich, das mögliche Ergebnis der kapitalistischen Marktwirtschaft könnte sein, dass eine einzelne Person oder Körperschaft „alles“ besitzt. Ihm zufolge gibt es, wenn r > g (wenn also die Kapitalertragsrate größer als das wirtschaftliche Wachstum ist) eine „unendliche antiegalitäre Spirale“. Wenn Piketty die Ökonomen der Österreichischen Schule gelesen hätte und die Debatte über die Wirtschaftsrechnung im Sozialismus verstanden hätte, hätte er festgestellt, dass der freie Markt nie zu einer Situation der Vermögensakkumulation führen kann, in der nur ein einziges Individuum oder Kartell alles besitzt. In der Tat wäre eine Situation mit nur einem großen Kartell oder Eigentümer gleichbedeutend mit echtem Sozialismus, und folglich mit einer Situation, in der rationale Ressourcenallokation unmöglich ist, wie Ludwig von Mises in seinem Buch Die Gemeinwirtschaft: Untersuchungen über den Sozialismus gezeigt hat. Es war Murray Rothbard, der genialerweise darauf hingewiesen hat, dass die Kostenrechnung dem Wachstum einer Firma nach oben Grenzen setzt. Dieses Argument kann ebenso angewandt werden, wenn sich Besitz auf einen Einzelnen konzentriert. So zeigt Rothbard folgendes:

[D]er freie Markt setzte der Größe eines Unternehmens  konkrete Grenzen, und somit setzte er auch der Kostenrechnung im Markt Grenzen. Um Gewinn und Verlust für jede einzelne Sparte zu berechnen, muss ein Unternehmen seine internen Vorgänge für jeden einzelnen Produktionsfaktor und jedes Zwischenprodukt auf externe Märkte beziehen. Wenn irgendeiner dieser externen Märkte aufhört zu existieren, weil er komplett in dem einen Unternehmen aufgegangen ist, ist Kostenrechnung hier nicht mehr möglich, und das Unternehmen ist nicht mehr in der Lage, für diesen speziellen Bereich rationale Ressourcenallokation zu betreiben. Je mehr man sich dieser Grenze nähert, umso größer wird die Sphäre der Irrationalität, und umso schwerer wird es, Verluste zu vermeiden. Ein einziges großes Kartell wäre nicht in der Lage, Produktionsgüter rational zu verwenden, und Verluste wären somit unvermeidbar. Deshalb könnte es überhaupt nicht gebildet werden und würde schnell zerfallen, sollte man es trotzdem versuchen.

Deshalb ist unbegrenzte Vermögenskonzentration im Gegensatz zu dem, was Piketty und andere Egalitaristen glauben, in einer Marktwirtschaft technisch gar nicht möglich. Dies ist der Grund, warum es die Situation, dass ein einziges großes Kartell die ganze Wirtschaft kontrolliert, im freien Markt nie gegeben hat, und dies ist auch der Grund, warum Vermögensakkumulation immer begrenzt sein wird.

Der Mangel an theoretischer Genauigkeit in Piketty’s Buch ist erstaunlich. Wo er die Dynamiken der Einkommensungleichheit in kapitalistischen Gesellschaften untersuchen sollte, untersucht er kaum die Rolle des Unternehmertums, und wo er es doch tut, liefert er keinerlei Definition, was Unternehmertum überhaupt ist. Dieser Mangel an Genauigkeit ermöglicht es ihm, einen ideologischen Kampf gegen die Reichen, deren Reichtum er als „unverdient“ bezeichnet, zu führen. Gleichermaßen erwähnt niemand dieser modernen Egalitaristen, egal ob Piketty oder Anthony Atkinson, die Rolle der Arbeitsteilung bei der Verteilung des Vermögens.

Wir wissen jedoch, dass die Arbeitsteilung ein unverzichtbarer Bestandteil der Marktwirtschaft ist. In der Tat ist die reine Existenz von reichen Kapitalisten kein Ergebnis von Erbschaften oder unverdienten Besitzes, sondern Ergebnis des Gesetzes des komparativen Vorteils. Ein Kapitalist ist jemand, der einen komparativen Vorteil bei Entscheidungen über die Verwendung von Kapital besitzt und sich deswegen auf diese Aufgabe spezialisiert hat. Im freien Markt sind die, die am reichsten sind, tendenziell auch diejenigen, die am effizientesten bei der Kapitalallokation sind. Wenn ihre Eigentümerfähigkeiten hingegen zu wünschen übrig lassen, werden die Konsumenten sie bestrafen. Wenn ihre Eigentümerfähigkeiten hingegen gut sind, werden sie sie belohnen.

Als Frédéric Bastiat in Rom auf dem Sterbebett lag, machte er trotz seiner schweren Krankheit seinem Freund Prosper Paillottet klar, dass Ökonomen sich hauptsächlich auf den Konsumenten konzentrieren sollten. Der Konsument, so sagte er, sei die Hauptquelle aller ökonomischen Phänomene. Der Hauptfehler von Piketty’s Buch ist, dass er Ungleichheit nicht ausgehend von den Konsumentenentscheidungen, sondern ausgehend von Kapitaleigentümerschaft erklärt. Kapitaleigentümer, so Piketty, profitieren von der Kapitalertragsrate, und wenn diese Ertragsrate größer ist als die Rate wirtschaftlichen Wachstums, so steigert dies die Einkommensungleichheit. Für Piketty ist die Ertragsrate ein mythischer Einkommensstrom, der nicht von den Eigentümerfähigkeiten abhängt, sondern davon, wie viel Kapital jemand besitzt. Die Verteilung von Vermögen ist jedoch nicht so willkürlich, wie Piketty gerne glaubt. Der Konsument hat das letzte Wort bei der Entscheidung darüber, wer die Produktionsmittel besitzen soll. Wie Ludwig von Mises in seinem Werk Human Action erklärte, „steht es den Reichen nicht frei, Geld auszugeben, welches die Konsumenten nicht bereit sind, ihnen wiederzugeben, in dem sie mehr für ihre Produkte zahlen“. Im freien Markt kann der Reiche nur mehr Reichtum ansammeln, wenn er effizient bei der Aufgabe der Kapitalallokation ist, zum Nutzen aller. Wir müssen zugeben, dass wir nichts unmoralisches darin sehen. Ganz im Gegenteil, wir begrüßen es.

Weil die wirtschaftliche Theorie, auf der Piketty’s Werk fußt, schwach ist, passen seine Erklärungen nicht zur Faktenlage. In der Tat musste Piketty 2015 selbst zugeben, dass er nicht „r > g als das einzige oder auch nur das wichtigste Mittel bei der Betrachtung von Änderungen in Einkommen und Vermögen im 20. Jahrhundert, oder bei der Vorhersage der Entwicklung der Ungleichheit im 21. Jahrhundert betrachtet“. Und r > g ist wirklich kein geeignetes Mittel für Überlegungen zur wachsenden Ungleichheit der Arbeitseinkommen. Überraschenderweise gab Piketty selbst die Schwäche seines Modells zu, da der Anstieg der obersten Einkommensklassen in den USA von 1980 – 2010 hauptsächlich auf wachsende Ungleichheit bei den Arbeitseinkommen zurückzuführen ist.

Wir sollten auch darauf hinweisen, dass 56 Prozent der US-Amerikaner zumindest für einen Moment ihres Lebens in puncto Einkommen zu den obersten 10 Prozent (eine Rate von 5,6), und 12 Prozent zu den obersten 1 Prozent gehören (eine Rate von 12). Daraus können wir schlussfolgern, dass das Vermögen umso unbeständiger ist, je reicher man ist. Dies ist ein stichhaltiger Kritikpunkt, den man Piketty, Atkinson und vielen anderen Egalitaristen vorhalten kann.

Wenn Vermögen unter dem obersten Prozent in der Tat so unbeständig ist, können wir zu dem Schluss kommen, dass grenzenlose Vermögensakkumulation unter marktwirtschaftlichen Bedingungen ein Mythos ist und nicht vorkommt. Im Gegenteil neigen kapitalistische Gesellschaften eher zur generationenübergreifenden Durchlässigkeit, sowohl nach oben als auch nach unten. Deshalb kann die Tatsache, dass die Einkommensungleichheit zu einem bestimmten Zeitpunkt in kapitalistischen Gesellschaften höher ist als in eher sozialistischen Gesellschaften, sehr wohl bedeuten, dass die Marktwirtschaft mehr Gleichheit bietet, wenn wir lebenslange Einkommensungleichheiten zwischen Individuen betrachten.

Vor mehr als 100 Jahren publizierte ein französischer Ökonom ein Buch über Ungleichheit. Genau wie Piketty’s Kapital im 21. Jahrhundert wurde dieses Buch in den Vereinigten Staaten gefeiert. Im Gegensatz zu Piketty versuchte Paul Leroy Beaulieu in seinem Buch Essai sur la Répartition des Richesses (1881) zu erklären, weshalb er glaubte, die Ungleichheit würde sich in kapitalistischen Gesellschaften verringern, ohne komplett zu verschwinden. Der radikale Unterschied im Ton zwischen diesen beiden Büchern veranschaulicht gut den intellektuellen Bankrott sowohl der Vereinigten Staaten als auch Frankreichs seit dem Untergang der Belle époque. Vom klassischen Liberalismus kommend, sind wir der Illusion des Egalitarismus erlegen. Vom liberalen Optimismus des freien Marktes sind wir beim egalitären und sozialistischen Pessimismus gelandet. Heutzutage sind gewalttätige Staatseingriffe in den Markt die Ursache vieler Ungleichheiten. Wir sollten deshalb überlegen, ob es nicht weiser ist, auf Paul Leroy Beaulieu statt auf Thomas Piketty zu hören.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel Piketty Is Wrong: Markets Don’t Concentrate Wealth ist am 11.12.2015 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Louis Rouanet ist Student am Institute of Political Studies in Paris und studiert dort Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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