„Ich bin die Revolution“ – Im Ring des Nibelungen lässt es Richard Wagner Machtpolitikern und Geldmonopolisten dämmern

15.6.2015 – Eine Interpretation des Rings im Lichte der aktuellen Finanz- und Staatsschuldenkrise.

von Andreas Tiedtke.

Andreas Tiedtke

„Die Täter im gewaltigsten Drama der Musikgeschichte sind eigentlich ganz nette Leute. Nur eine gemeinsame Leidenschaft wird ihnen zum Verhängnis. Sie wollen mehr besitzen, als sie sich leisten können, mehr Macht als ihnen zusteht. In blindem, lieblosen Gewinnstreben vernichten sie sich selbst und ihre Welt.“ So beginnt Loriots Hörspiel „Der Ring an einem Abend“, und ironisch fügt er an: „Zum Glück gibt es ja dergleichen nur auf der Opernbühne.“

Dass Richard Wagners Ring des Nibelungen tatsächlich eine Kritik der Macht ist, ist selbst bei Kennern des Werkes zum Teil in Vergessenheit geraten. Kann uns das zeitlose, 16-stündige Musikdrama helfen, die Staats- und Finanzkrise am Anfang unseres 21. Jahrhunderts besser zu verstehen?

Ursünden

Der Ring des Nibelungen beginnt mit zwei Ursünden. Der Zwerg Alberich raubt von den Rheintöchtern das Rheingold und schmiedet aus dem Gold den Ring, der ihm grenzenlose Macht über die Gold- und damit Geldproduktion verleiht, womit er in etwa die Stellung einer Notenbank erlangt. Das Geldmonopol ist geboren. Die Götter, Monopolisten politischer Macht, haben sich derweil von den Riesen Fasolt und Fafner, kapitalistischen Bauunternehmern, eine Burg, genannt Walhall, errichten lassen, um sich ihre Macht dauerhaft zu sichern. Problem ist nur, dass ihnen die finanziellen Mittel fehlen, die Burg zu bezahlen, was Wotan, der Oberpolitiker, schon bei Beauftragung wusste.

Treffend sind Götter und Zwerge als Täter des Mythos gewählt, denn wie Körperschaften, also Staaten oder Aktiengesellschaften, sind sie unsterblich und symbolisieren die mächtigen Institutionen der Neuzeit.

Aus der Patsche hilft den bankrotten Göttern Loge, der (Natur-)Gott des Feuers, der als Außenseiter von Wotan erst in den Kreis der Götterfamilie aufgenommen wurde. Der gewitzte Loge hilft dem Göttervater, sich den Ring der Macht und das Rheingold vom Zwerg Alberich vermittels einer List zu gewinnen, um mit Ring und Gold die Schulden bei den Riesen zu bezahlen. Am Ende des ersten Teils des Ringes, der Oper Das Rheingold, wird der Staatschef protzig mit seiner Gattin in die trutzige Burg Walhall, das Symbol ewiger Macht, einziehen.

„Ihrem Ende eilen sie zu …“

Allerdings war Feuergott Loge rückblickend nicht gerne Helfershelfer der Politik, und er sieht auch, wozu das maßlose Machtstreben am Ende führen muss. Zu sich selbst spricht er: „Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen. Fast schäm’ ich mich, mit ihnen zu schaffen … Sie aufzuzehren, die einst mich gezähmt, statt mit den blinden blöd zu vergehen … . Bedenken will ich’s … .“ Kein reines Gedankenspiel, wie sich später herausstellen wird.

Derweil hat es mit dem Ring so seine Tücke. Denn unbeschränkte Macht und grenzenloser Reichtum haben Folgewirkungen, die der ehemalige Geldmonopolist Alberich dem Regierungschef Wotan nach dessen Raub erklärt: „Wer ihn (den Ring, A. d. V.) besitzt, den sehre die Sorge, und wer ihn nicht hat, nage der Neid! Jeder giere nach seinem Gut, doch keiner genieße mit Nutzen sein’; … des Ringes Herr als des Ringes Knecht … .“

Wie der Fluch des Ringes wirkt, zeigt sich sogleich. Die Riesen, gerade erst von Wotan bezahlt, geraten über den Ring der Macht in Streit. Fafner erschlägt Fasolt, reißt den Ring an sich, um sich unter dem Einfluss des Ringes von einem Riesen in einen mächtigen Drachen, einen Lindwurm, zu verwandeln. Er legt sich auf das Gold, um sich fortan nur noch zum Essen und Trinken zu erheben. „Hier liege ich – und besitze, lass mich schlafen“, sagt Fafner später zu Siegfried.

Von der Finanz- und Politikbranche instrumentalisiert

In den nächsten beiden Teilen des Dramas, Die Walküre und Siegfried, versündigt sich die Regierung an der Liebe und der Menschheit, dargestellt durch das Halbgötter- und Zwillingspaar Siegmund und Sieglinde, die dadurch kurzerhand ausgelöscht werden, was die Walküre Brünhilde, Wotans Lieblingstochter, noch erfolglos zu verhindern sucht. Siegfried, der Spross des Paares (und Enkel Wotans), wird von der Finanz- wie von der Politikbranche instrumentalisiert. Durch ihn versuchen Zwerge wie Götter an den Ring zu gelangen. Der Held Siegfried erschlägt Fafner, bringt den Ring an sich, verwehrt sich allerdings dagegen, den Ring herauszugeben. Daraufhin tötet er noch seinen Pflegevater, Alberichs Bruder, den Zwerg Mime, und heiratet seine Tante Brünhilde. Das Finale ist vorbereitet.

Im letzten Teil des Rings, der Götterdämmerung, sind die Unsterblichen auf der Bühne den Menschen gewichen. Die dekadenten Gibichungen, ein Adelsgeschlecht am Rhein, also die neuen politischen Herrscher, wollen sich des Helden Siegfried zum Zwecke der Mehrung ihres Ruhmes bemächtigen, wohingegen es Hagen, Sohn des Finanzmoguls Alberich und Halbbruder des nunmehrigen Oberpolitikers König Gunter, auf den Ring der Macht abgesehen hat. Hagen fädelt ein Komplott gegen Siegfried ein, in dessen Verlauf er den Helden schließlich ermordet.

Verheerende Spuren

Nach vier Opern hat das Streben nach unbeschränkter finanzieller und politischer Macht durch die Unsterblichen und ihre menschlichen Repräsentanten verheerende Spuren hinterlassen.

Vermittels Raub, Betrug, Mord und Verrat versuchten die Gegenspieler, sich ein Machtmonopol zu erringen, und ein entsetzliches Schlachten nahm seinen Lauf. Jetzt reicht es Brünhilde, Siegfrieds Frau, und sie befiehlt Loge, dem Feuergott, dem Treiben ein Ende zu setzen. Im Weltenbrand vernichtet Loge Walhall, die ewige Burg. Der Rhein tritt über die Ufer, die Rheintöchter erlangen den Ring zurück und Hagen wird von den Fluten verschlungen. „Nicht gerade ein Happy-End also“, meint Loriot, „aber der Urzustand der Unschuld ist fast wieder hergestellt. Die Partitur lässt einen neuen Anfang zu. Noch bleibt uns die Hoffnung, es werde so manches auch unseren Göttern dämmern, ehe der Vorhang endgültig gefallen ist.“

Ähnliches in „Der Herr der Ringe“

Dem Ring des Nibelungen nicht unähnlich ist J.R.R. Tolkiens literarisches Epos Der Herr der Ringe. In Tolkiens Roman muss der Ring der Macht im Feuer des Schicksalsberges vernichtet werden. Solange der Ring in der Welt ist, so wissen die Helden des Herrn der Ringe, ist die Gefahr nicht gebannt. Es kommt auch nicht darauf an, wer Träger des Ringes ist. Auch ein Guter könnte sich dem Fluch des Ringes nicht entziehen. Der Ring ist ein Symbol dafür, dass sich die Macht in einem Punkt zusammenballt. Solange der Ring in der Welt ist, ist der verheerende Prozess, den er in Gang setzt, nicht zu stoppen.

Macht darf nicht zentralisiert werden

Macht darf also nicht zentralisiert werden. Nur wenn ein Machtmonopol von vornherein ausgeschlossen ist, sind dem ehrgeizigen Streben nach ihm und der Furcht, es zu verlieren, der Nährboden entzogen. Denn ein Machtmonopol kennt nur einen Sieger. Wer nicht Beherrschter, Untertan sein will, muss selbst Herrscher sein. Loriots Hoffnung ist daher vergebens, wenn er meint, dass es unseren Göttern dereinst dämmern könnte. Solange ein Machtmonopol nicht durchbrochen ist, kann sich auch kein noch so guter Mensch seiner Dynamik entziehen.

Heute verfügen wir dank der Erkenntnisse der überragenden Ökonomen des 20. Jahrhunderts Ludwig von Mises (1881 – 1973) und Murray N. Rothbard (1926 – 1995) über die wissenschaftlichen Beweise dafür, dass Zentralisierung und Monopolisierung staatlicher und finanzieller Macht aus ökonomischen Gründen in den Ruin führen müssen. Diese Dynamik zeigt sich zum Beispiel in fortschreitendem Zentralismus, zunehmenden politischen Interventionen in die Zivilgesellschaft, wie staatlicher Preisfixierung (Mindestlohn, Höchstmiete) und Regulierung, wachsender Staatsverschuldung, steigender Abgabenlast oder den Hegemoniebestrebungen mancher Staaten, um nur einige Symptome anzuführen.

Aber auch die Lösung des Problems ist bekannt: Ein Staat ohne Geldschöpfungsmonopol, der es den Bürgern, Städten und Regionen auf „seinem“ Territorium gestattet, den Herrschaftsverband zu verlassen (Sezession), ohne das Gebiet räumen zu müssen, beendeten die Zusammenballung der Macht in einem Punkt und der verheerende Prozess käme zum Erliegen. Schlagwortartig kann man eine solche neue Gesellschaftsarchitektur wie folgt beschreiben: Dezentralisierung, Vielfalt und freiwillige Kooperation statt Zentralismus, Vereinheitlichung und Kommando von oben. Eine solche neue Gesellschaftsstruktur würde freilich nicht das Paradies auf Erden bedeuten. Aber sie führte jedoch zur Mehrung des Wohlstandes der gesamten Bevölkerung und zur Vermeidung derjenigen Katastrophen, die von einem Machtmonopol herrühren.

Richard Wagner, von dem der Ausspruch Ich bin die Revolution stammt und der mit dem Anarchisten Michail A. Bakunin (1814 – 1876) befreundet war, war ein politischer Mensch. Freilich hätte er den Ring des Nibelungen nicht wie hier interpretiert, standen ihm doch auch die Erkenntnisse Ludwig von Mises nicht zur Verfügung. Zu Wagners Zeiten geisterten zahlreiche diffuse Vorstellungen neuer Ordnungen durch die politrevolutionäre Szene. Nichtsdestotrotz, der Ring des Nibelungen ist ein weltdeutender Mythos, mit dem Wagner den Mächtigen seiner Zeit den Spiegel vorhielt. Und tatsächlich kam die Creme des Deutschen Reichs nach Bayreuth, auch der Kaiser. Sie sahen sich den Ring an – und beklatschten ihn. Dass es ein Spiegel war, sahen sie nicht. Wagners Enttäuschung war nicht gering. „Ich und mein Werk haben keinen Boden in dieser Zeit“, stellte er ernüchtert fest.

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Dr. iur. Andreas Tiedtke ist Unternehmer und Rechtsanwalt.

 

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