Das Geheimnis der Freiheit
2. Februar 2026 – von Rainer Fassnacht
Freiheit hat innere und äußere Facetten. Werfen wir zunächst einen Blick auf diese beiden Seiten der Freiheit, bevor wir deren Geheimnis mit Handlungslogik lüften.
Äußere Freiheit
Wenn es um das Thema Freiheit geht, denken die meisten Menschen an jene Seite, die hier als äußere Freiheit beschrieben wird. Diese äußere Freiheit zeigt sich beispielsweise daran, ob man auch kontroverse Meinungen äußern kann, ohne von Politaktivisten attackiert zu werden oder mit unerwartetem Besuch der Polizei rechnen zu müssen.
Auch die Häufigkeit und Intensität erzwungener Handlungen sind ein Aspekt der äußeren Freiheit. Ein anderer Indikator – von zahlreichen weiteren – ist die Steuer- und Abgabenlast. Nimmt der Staat viel vom Erarbeiteten, reduziert dies die Möglichkeiten, das Geld freiwillig entsprechend den eigenen Bewertungen ausgeben zu können. Die Anzahl von Vorschriften, die individuell gewollte Handlungsoptionen einschränken, gehört ebenfalls zur äußeren Freiheit.
Am offensichtlichsten ist die äußere Freiheit eingeschränkt, wenn ein Mensch im Gefängnis landet. Es gibt nur wenige Mechanismen, die äußere Freiheit stärker einzuschränken. Handlungslogisch ist hier anzumerken, dass es einen wesentlichen Unterschied macht, ob ein überführter Mörder einsitzt (Vergeltung) oder ob ein unterstelltes „Meinungsdelikt“ zur Untersuchungshaft führt (Aggression).
Äußere Freiheit ist jener Teil der Freiheit, der grundsätzlich für alle Menschen sichtbar gegeben ist, eingeschränkt wird oder gänzlich fehlt. Man könnte diese Form der Freiheit als sichtbaren Handlungsspielraum betrachten. Insofern ist äußere Freiheit die Differenz, die übrigbleibt, wenn von der naturgegebenen Handlungsfreiheit des Menschen die durch Macht und Zwang bedingten Einschränkungen abgezogen werden. Demgegenüber ist die innere Freiheit gar nicht oder nur bedingt von außen sichtbar.
Innere Freiheit
Die „Unsichtbarkeit“ der inneren Freiheit ist der Grund, warum die meisten Menschen, wenn es um Freiheit geht, diesen Aspekt nicht im Sinn haben. Während eingeschränkte Bewegungsfreiheit im Gefängnis oder reduzierter finanzieller Spielraum durch politische Umverteilung direkt sichtbare Tatsachen sind, ist die geistige Verfasstheit kaum zu erkennen und wenn, dann nur indirekt.
Beispielsweise kann die individuelle Disposition dazu führen, dass jemand sich nicht traut, seine Meinung in der Öffentlichkeit zu äußern. Diese innere Beschränkung kann so weit gehen, dass ein Mensch selbst im Kreis der eigenen Familie oder der engsten Freunde Hemmungen hat, offen zu sein.
Die Gründe für den Verzicht auf die Nutzung der jedem Menschen innewohnenden Freiheit können vielfältig und sehr unterschiedlich sein. Doch in jedem Fall sind es innere Einstellungen, welche dieses Verhalten bewirken.
Das führt zur zweiten Erschwernis bei der Identifikation der inneren Freiheit: Man kann aus einem beobachtbaren Verhalten nicht auf dessen konkrete innere Ursachen schließen. Wenn ein Mensch seine Meinung nicht äußert, kann dies auf Selbstzensur zurückzuführen sein (die berühmte Schere im Kopf), aber auch andere Gründe haben.
Wir können nur schlussfolgern, dass der Handelnde, in diesem Fall der Schweigende, eine individuelle subjektive Bewertung vorgenommen hat. Insofern ist innere Freiheit der Mut, den eigenen Bewertungen entsprechend zu handeln, auch wenn angenommene oder tatsächliche äußere Widerstände vorliegen.
Die Kontaktstelle zwischen innerer und äußerer Freiheit
Die Kontaktstelle zwischen innerer und äußerer Freiheit lässt sich am besten mit einem Beispiel verdeutlichen. Zwei Menschen fahren auf einem Teilstück der Autobahn, dessen Höchstgeschwindigkeit auf einhundert Kilometer pro Stunde beschränkt ist. Einer der beiden hält sich an diese Geschwindigkeitsbeschränkung und fährt nicht schneller als Hundert, der andere hält sich nicht daran und fährt deutlich schneller.
Die sichtbare äußere Freiheit ist durch das Schild beschränkt. Doch ob der einzelne konkrete Mensch die vorgegebene Einschränkung hinnimmt, ist abhängig von dessen innerer Einstellung. Der gleiche Mechanismus wirkt, wenn es darum geht, die eigene Meinung öffentlich zu äußern, auch wenn der Einzelne aufgrund der aktuellen gesellschaftlichen Situation erwartet, damit bei bestimmten (vielleicht einflussreichen, lautstarken und/oder rücksichtlosen) Menschen anzuecken.
Ohne die Bereitschaft, äußere Freiheitsbeschränkungen (beziehungsweise Versuche der Freiheitsbeschränkung) anzunehmen, zu gehorchen, funktionieren diese nicht. Es gibt Menschen, die den Zwangsbeitrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht zahlen, obwohl sie dafür vielleicht ins Gefängnis kommen könnten. In der Covidzeit gab es Menschen, die sich trotz damit verbundener Einschränkungen und politischem Druck nicht haben impfen lassen. Insofern weitet oder verengt die innere Freiheit den Raum der äußeren Freiheit.
Doch Vorsicht, es wäre falsch nun anzunehmen, dass jene Menschen am freiesten seien, die jegliche Normen ignorieren. Es gibt zahlreiche Regelungen, die sich im Laufe der Zeit aus dem Zusammenleben der Menschen heraus entwickelt haben. Beispielsweise ist „Du sollst nicht töten“ mehr als eine gesetzliche oder religiöse Forderung. Es ist eine fundamentale Voraussetzung dafür, dass Menschen freiwillig arbeitsteilig miteinander am gemeinsamen Wohlergehen arbeiten können.
Insofern ist es ein Warnzeichen für eine hochkritische Entwicklung, wenn vermehrt Menschen auf den Plan treten, die es normal finden, Gewalt gegen Menschen auszuüben, deren Meinungen oder Handlungen ihnen nicht gefallen. Wenn solche Gewalttäter zusätzlich noch politisch gedeckt werden, steht es schlecht um die Freiheit.
Markt, Macht und Freiheit
Der stärkste Zwang wird durch Menschen mit Macht und/oder Menschen ohne Akzeptanz gesellschaftserhaltender Normen ausgeübt. Das Umfeld, in welchem freiwillige Kooperation zum gegenseitigen Nutzen passiert, ist der Markt. Interventionen führen dazu, dass aus Win-win-Situationen des Marktes Win-lose-Situationen werden. Passend dazu formulierte Ludwig von Mises (1881 – 1973):
Wo es keine Marktwirtschaft gibt, sind alle gesetzlichen Garantien der Freiheitsrechte wertlos …
Interventionen (= zwangs- und fallweises Eingreifen des Staates in das Marktgeschehen) wiederum hängen an politischer Macht oder sind pure Gewalt, in jedem Fall schädigen sie die Gesellschaft – verstanden als die Gemeinschaft zahlreicher Individuen. Die ökonomische Theorie hat bewiesen und die wirtschaftliche Praxis wiederholt gezeigt, dass die Abweichung vom Markt unvermeidlich böse endet.
Das Geheimnis der Freiheit wird gelüftet
Macht man sich bewusst, dass Interventionen nichts anderes sind als (versuchte) äußere Freiheitsbeschränkungen, wird deutlich, dass die größtmögliche Freiheit dann erreichbar ist, wenn diese ausbleiben, die innere Freiheit ausgeprägt ist und gesellschaftserhaltende Normen akzeptiert werden.
Markt statt Macht – also äußere Freiheit – ist eine notwendige Bedingung für Freiheit. Doch umfassende Freiheit ist erst gegeben, wenn als weitere hinreichende Bedingungen die innere Freiheit und die Akzeptanz gesellschaftserhaltender Normen hinzukommen. Hierin liegt das Geheimnis der Freiheit.
Doch wer sorgt für die Akzeptanz gesellschaftserhaltender Normen? Die politische Antwort lautet der Staat. Aber wenn die Freiheit von Zwang, also Markt statt Macht eines der Elemente ist, um die Freiheit zu bewahren, kann dies ohne handlungslogischen Widerspruch nicht gelingen.
Freiheit handlungslogisch widerspruchsfrei zu bewahren, erfordert insofern die Arbeit an mehreren Baustellen: Stärkung der inneren Freiheit, damit nicht nach dem Staat gerufen wird, wo der Markt wirken kann, Widerstand gegen die Erosion gesellschaftsstabilisierender Normen und Markt statt Macht auch dort wirken zu lassen, wo heute staatliche Institutionen zum Einsatz kommen. Schon wenn nur eine dieser Facetten ignoriert oder missachtet wird, ist die Freiheit in ernster Gefahr.
Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.
Rainer Fassnacht ist Ökonom und freier Journalist. Er schreibt für verschiedene Printmedien und Onlineplattformen im In- und Ausland. Hauptthema seiner Artikel über ökonomische Themen ist die Bewahrung der individuellen Freiheit.
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