Geld Zeitenwende – vom Enteignungsgeld zurück zum gedeckten Geld

Benjamin Mudlack

12. August 2022 – Interview mit Benjamin Mudlack über sein Buch „Geld Zeitenwende“, von LvMID

LvMID: Herr Mudlack, in Ihrem Buch „Geld Zeitenwende – vom Enteignungsgeld zurück zum gedeckten Geld“ legen sie umfangreiche logische, aber auch empirische Belege vor, wie das Fiat-Geld-System dazu führt, dass „der Staat“ wächst, die Verschuldung ansteigt, Wirtschaftskrisen heraufziehen, Vermögen von unten nach oben umverteilt wird und so weiter. Was hat Sie auf die Idee gebracht, dieses Buch zu schreiben?

Mudlack: Seit der Finanzkrise 2007 und der nahezu unmittelbar darauffolgenden Eurokrise beschäftige ich mich intensiv mit dem Geldsystem und den damit verbundenen durchaus komplexen, aber medial oft vereinfacht/verfälscht dargestellten Zusammenhängen. Im weiteren Verlauf stellte ich fest, dass viele Menschen in meinem Umfeld und darüber hinaus einfach ungeprüft das nacherzählen/adaptieren und für zutreffend halten, was Politik und Medien sehr einseitig darstellen.

Die tendenziöse Berichterstattung ist nur logisch, denn es geht darum, gewisse Narrative zu manifestieren, damit die politischen Entscheider u. a. über die staatlich finanzierten Medien Mehrheiten für ihren Weg versammeln können. Ich vermisste gerade bei der Euro-Politik, beispielsweise zu Zeiten der Pleite Griechenlands, eine kritische faktenbasierte Auseinandersetzung. Ein Prozess des Abwägens, der Diskussion und des Durchgehens verschiedener Szenarien war nicht zu erkennen. Stattdessen waren aus damaligen Regierungskreisen populistische nicht empirisch zu belegende Aussagen wie „scheitert der Euro, scheitert Europa“ zu vernehmen. Übersetzt heißt das: Wenn es nicht gelingt das Euro-Projekt fortzuführen, dann ist der Frieden in Europa gefährdet.

Seit den sogenannten Rettungsmaßnahmen sind die Schuldenstände explodiert, die Wirtschaftsleistung der Eurozone ist bereinigt um das Geldmengenwachstum dynamisch rückläufig und die Produktivität läuft selbst in Deutschland und trotz der Digitalisierung und den damit verbundenen eigentlich zu erwartenden Produktivitätsfortschritten seitwärts. Diese Fakten wurden weniger häufig wiederholt als die Alternativlosigkeit des Fortbestands der Gemeinschaftswährung. Leider bleibt tendenziell das in den Köpfen der Menschen, was öfter wiederholt wird. So etablierte man, zumindest auf Basis meiner Beobachtungen, innerhalb der Gesellschaft eine Art Euro-Narrativ und baute eine Barriere zu den Kritikern auf.

Die Medien und die politischen Rädelsführer gingen noch weiter und diffamierten kritische Zeitgenossen zum Beispiel als Euro-Abweichler, Querköpfe und sogar als „schlechte Europäer“. Anstatt zu diskutieren, wurde diffamiert; eine Herangehensweise, die ich in meinen Jugendzeiten nur mit totalitären Herrschafts- und Gesellschaftssystemen verbunden habe.

Mein Ziel war es, mit dem Buch den Menschen unaufgeregt und auf Basis von Fakten die verschiedenen Zusammenhänge möglichst einfach und eingängig anhand von über 80 Grafiken begreiflich zu machen. Ich wollte es, um eine Zielgruppenerweiterung herbeizuführen, anders erklären als andere hervorragende Autoren, die schon über das Thema Geld geschrieben haben. Daher auch der unkonventionelle Name Geld-Zeitenwende. Nach meiner Beobachtung gab es immer schon Zeitenwenden, wenn es um das Thema Geld ging. Leider waren diese Geld-Zeitenwenden sehr oft zum Nachteil der breiten Masse der Bevölkerung.

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Schauen wir uns die Entwicklung an, dann stellen wir fest, dass diese Zeitenwenden nicht durch eine evolutionsbedingte Entwicklung der dezentral handelnden Menschen herbeigeführt wurden. Was meine ich damit? Hätten die Menschen die Wahl zwischen gutem (hält die Kaufkraft) und schlechtem Geld (wird verschlechtert und büßt Kaufkraft ein), so würde das schlechte dem guten Geld weichen. Es hätte mangels Verwendung keine Existenzberechtigung mehr und würde vom Markt verschwinden. Aus Annehmen, wie auch Ablehnen verschiedener „Geldarten“ und unter Einbezug des technologischen Fortschritts würde sich automatisch eine Weiterentwicklung und damit Evolution ergeben.

Das heute vorherrschende Geld wurde jedoch per Diktat durch den Staat bzw. eine Zentralbank und unter Ausschaltung des Wettbewerbs etabliert. Das heutige Geldsystem ist, wie die Leser des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wissen, zwangsmonopolistischer Natur. Ein monopolistischer Anbieter hat – mangels Alternativen – keine Hemmungen das Geld schleichend oder auch mal auf extremere Art und Weise zu Lasten derjenigen, die es verwenden/halten, zu verschlechtern. Nach der Abschaffung des Goldstandards im Jahre 1914 entsprach eine Unze Gold exakt 20 US-Dollar. Es folgte der kreditbasierte Boom vor 1929 und der Bust nach 1929. Im Jahre 1934 wurde die Relation per Diktat und im Rahmen des sogenannten New Deals auf 35 US-Dollar verändert. Eine Geldverschlechterung von 75 Prozent, gemessen in Gold. Nach Aufhebung der ohnehin nur formal bestehenden Goldbindung 1971 erodierte die Goldkaufkraft des US-Dollar. Zwischenzeitlich (Anfang März 2022) notierte eine Unze Gold bei über 2.000 US-Dollar und jetzt nach der Korrektur liegt der Tauschkurs schwankend bei um die 1.700 US-Dollar. Würden alle Menschen der westlichen Welt diese fatale Entwicklung logisch und bewusst nachvollziehen, wäre es schwierig, die Menschen ruhig zu halten. Dass es überhaupt noch funktioniert, hat meiner Einschätzung nach mit den Glaubenssystemen der Menschen zu tun und nicht mit empirischem belegbarem Wissen; auch darüber habe ich in der Einleitung des Buches geschrieben.

Die Aussage vom durch das Geldsystem wachsenden Staat lässt sich anhand der Entwicklung der Staatsquote (Anteil des Staates an der Jahreswirtschaftsleistung) belegen. Seit 1914 mit der Einführung des ungedeckten Geldes und der Abkehr vom Goldstandard sind dynamische Zuwächse zu beobachten. Mittels Besteuerung der Bürger wären diese hohen Staatsquoten sicherlich nicht finanzierbar, das funktioniert nur über Geldmengenausweitung via Staatsverschuldung. Und auch wenn ein Marktteilnehmer gewillt ist, dem Staat durch Sparen liquide Mittel zur Verfügung zu stellen, wären der Verschuldung natürliche Grenzen gesetzt. Darüber hinaus wären viele Kriege im letzten Jahrhundert in einem Umfeld des gedeckten Geldes nicht finanzierbar gewesen. Es ist also kein Zufall, dass unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg die komplette westliche Welt vom Goldstandard zum ungedeckten Kreditgeld (Fiat-Geld) übergegangen ist.

Grafik aus dem Buch Geld-Zeitenwende
Datenquellen: Statista und Bundesministerium für Finanzen

LvMID: Momentan führt die Fiat-Geld-Ausweitung zu einer hohen Preisinflation. Wie wirkt sich das auf das Sparvermögen der Durchschnitts-Anleger aus? Denken Sie, dass Lohnerhöhungen im momentanen Dauer-Krisen-Modus der Wirtschaft durchsetzbar wären und wieso würde der Fiskus davon überproportional profitieren?

Mudlack: Seit Einführung des Eurosystems im Jahre 1999 bis Ende 2021 wurde die Geldmenge per Kreditvergabe, also durch die Schaffung neuen Geldes, weit mehr als verdreifacht. Die durchschnittlichen Nettolöhne (ledig, kinderlos) sind laut Statista nicht einmal um 60 Prozent gestiegen. Die Wirkungsgrade der durchschnittlichen Arbeitseinkommen wurden folglich massiv herabgesetzt. Oder anders und leicht provokant gesagt: Das neu geschaffene Geld ist ganz offensichtlich nicht bei der arbeitenden und durchschnittlich entlohnten Bevölkerung angekommen.

Die Lohnerhöhungen waren natürlich höher als 60 Prozent, aber durch die progressive Besteuerung profitiert eben leider zu einem großen Teil der Fiskus. Der Staat wird also nicht nur durch die Inflation bei der Tilgung seiner Schulden begünstigt, sondern auch indem die arbeitende Bevölkerung durch die höheren Bezüge in eine höhere durchschnittliche prozentuale Besteuerung rutscht. Diese sogenannte kalte Progression sollte nach Aussagen der politischen Akteure, solange ich das politische Schauspiel beobachte, beseitigt werden. Aber an die Versprechen konnte sich nach erfolgreicher Wahl keine der letzten Regierungsparteien erinnern.

Es gab jetzt schon Gehaltserhöhungen im Bereich von 5 Prozent. Aber da kommt beim Gehaltsempfänger eh schon nur die Hälfte an und durch die deutlich höheren Preissteigerungen bei Konsum- aber vor allem auch Vermögensgütern sinken die Reallöhne. Insbesondere die kleinen und mittelständischen Unternehmer sind, gerade jetzt aufgrund der gestiegenen Energiepreise und Kosten für Vorprodukte, aufgrund mangelnder Preisdurchsetzungsmacht nicht in der Lage ihre Preise nachzuziehen, um die Gewinnspanne zu halten. Übrigens müsste man die Gewinnmarge auch um die Ausdehnung der Geldmenge erweitern, um auch an der Stelle den Tauschwert (Kaufkraft) des Gewinns zu halten. Natürlich werden Arbeitnehmervertreter Lohnerhöhungen fordern, aber wenn die Margen zurückgehen, dann gefährdet man Arbeitsplätze, wenn man durch steigende Löhne die Kosten der Unternehmen noch weiter in die Höhe treibt. Überdies könnte sich eine sogenannte Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen. Die steigenden Löhne würden nach dieser These die Nachfrage nach Gütern ankurbeln und dieser verknappende Effekt hätte wiederum auch steigende Preise zur Folge, sodass die Lohnerhöhungen durch die steigenden Preise wieder zunichte gemacht würden.

LvMID: Heute entsteht Fiat-Geld durch Kreditvergabe und Ankauf von Vermögenswerten durch Banken. Welchen Beschränkungen beim „Gelddrucken“ unterliegt das Zentral- und Geschäftsbankensystem und wie haben sich diese verändert?

Auch die D-Mark hat, gemessen in Konsumgüterpreisen, ungefähr 75 bis 80 Prozent ihres Tauschwertes verloren.

Mudlack: Grundsätzlich ist die Aufgabe der Zentralbank, wenn es denn überhaupt eine derartige Institution geben muss, die Stabilität der Kaufkraft zu gewährleisten. Diesem Ziel ist folgerichtig alles unterzuordnen, denn es handelt sich um das einzig wirkliche Mandat der selbst ernannten Währungshüter. Auch zu Zeiten der Deutschen Bundesbank vor 1999 hat das, wenn auch in den Denkstrukturen der Menschen anders hinterlegt, nicht richtig gut funktioniert. Auch die D-Mark hat, gemessen in Konsumgüterpreisen, ungefähr 75 bis 80 Prozent ihres Tauschwertes verloren.

Mit dem Verweis auf den hervorragenden Artikel von Prof. Dr. Antony P. Mueller vertrete auch ich die Ansicht, dass es sich bei der Inflationsberechnung um eine beliebig veränderbare statistische Illusion handelt. Denklogisch und aufgrund des Befangenheitskonfliktes gut nachvollziehbar, wenn es das Ziel ist, den Menschen eine lockere Geldpolitik zu „verkaufen“. Die Menschen sind gut beraten, sich das Wachstum der gesamten Geldmenge (als Geldmenge M3 in der Eurozone und M2 in den USA) anzuschauen. Das Aufblähen (Latein: inflare) der Geldmenge ist das, was ursächlich als Inflation zu bezeichnen ist und die steigenden Preise sind dann die Folge hiervon, indem es zu einer Herabsetzung des Tauschwertes des Geldes kommt. Man könnte auch sagen: Das Gut Geld ist durch die quantitative Erweiterung weniger knapp im Tausch oder in Relation zu anderen relativ knapp gebliebenen Gütern.

Mittlerweile haben die Zentralbanken der westlichen Welt, inklusive Japan, die eigentlich „mandatsferne“ sogenannte monetäre Staatsfinanzierung übernommen. In einer tatsächlichen Marktwirtschaft ein nicht vorstellbarer Vorgang. In einer real existierenden Marktwirtschaft würden die Staaten über die Kapitalmärkte um Kapital werben. Je nach Kreditwürdigkeit zahlen die Staaten dann entsprechend Risikoaufschläge und somit höhere Zinsen bei schlechterer Bonität. Aus höheren Zinsen würden sich dann auch limitierende Faktoren ergeben, denn ab einem bestimmten Schuldenstand stößt die Kapitaldienstfähigkeit der Staaten an gewisse Grenzen. Weil aber ein Großteil der alten und auch neuen Staatsschulden bei den Zentralbanken platziert werden, ist dieser begrenzende Effekt nicht mehr zu beobachten. In der Folge ist eine zügellose Staatsverschuldung festzustellen. Welche Dimensionen erreicht wurden, belegt die nachfolgende Grafik.

Datenquelle: Macrobond

Mehr als 100 Prozent heißt nichts anderes, als dass auch ältere Anleihen aus den Portfolios von Banken, Versicherungen, Kapitalsammelstellen oder Ähnlichem herausgekauft wurden.

Bezogen auf das erste Halbjahr 2021 wurden 115 Prozent der Staatschulden der Eurozone auf der Vermögensseite (Aktiva) der Bilanz der Europäischen Zentralbank platziert. Mehr als 100 Prozent heißt nichts anderes, als dass auch ältere Anleihen aus den Portfolios von Banken, Versicherungen, Kapitalsammelstellen oder Ähnlichem herausgekauft wurden. Ganz offensichtlich sind den Marktteilnehmern die Risiken der Euroländer in Bezug auf Zahlungsausfälle zu hoch und sie stoßen die Papiere ab.

Würde die Zentralbank nicht kaufen, würde das Angebot an Staatsanleihen der Eurostaaten die Nachfrage massiv übersteigen. In der Folge würden die Anleihen im Kurs massiv abstürzen, die Zinsen würden ins für die Staaten Untragbare ansteigen und die Haushalte der Euroländer würden unter Druck geraten. Die daraus resultierenden massiven Liquiditätslücken könnten in Staatspleiten münden. Eine Marktwirtschaft sieht derartige Entwicklungen auch zwingend das wirtschaftliche Scheitern von Wirtschaftssubjekten und auch Staaten vor. Fallende Kurse und steigende Zinsen und Renditen wären eine Warnung und deuteten deutlich auf erhöhte Risiken hin. Die Vergütung für das Risiko eines Gläubigers wäre dann eine entsprechend höhere und es gäbe marktgerechte Zinsen.

Die Anleihekäufe werden nicht mit durch Konsumverzicht ersparten liquiden Mitteln getätigt, sondern durch die Schaffung neuen Geldes.

Die EZB greift also aktiv in den Anleihemarkt ein, schaltet wichtige marktwirtschaftliche Funktionen aus und hält so ein eigentlich dysfunktionales System auf Basis einer geldplanwirtschaftlichen Struktur künstlich „am Leben“. Die Anleihekäufe werden nicht mit durch Konsumverzicht ersparten liquiden Mitteln getätigt, sondern durch die Schaffung neuen Geldes. Wies die EZB in ihrer Eröffnungsbilanz zu Beginn des Eurosystems im Jahre 1999 etwas über 690 Mrd. Euro als Saldo aus, so erreicht sie in Kürze die 9.000 Mrd. Euro Marke. Wir sprechen von dem Faktor 13! Mit jedem Euro, der für die Staatenfinanzierung neu geschaffen wird, setzt die EZB den Tauschwert des Geldes herab und unterminiert ihr Mandat der Geldwertstabilität.

Um die Frage zu beantworten: Die Zentralbank ist mittlerweile nahezu in Gänze ausgerichtet auf die Staatenfinanzierung. In Fachkreisen spricht man folgerichtig von einer fiskalorientierten oder fiskaldominierten Zentralbankpolitik. Das Narrativ, den Euro zwingend zu erhalten, wiegt bedauerlicherweise deutlich schwerer als der eigentliche Auftrag, das Geld nicht zu verschlechtern.

LvMID: Mehrere Staaten und ihre Zentralbanken üben sich in der Einführung von Fiat-Geld 2.0, also digitalem Zentralbankgeld (CBDC), oder haben bereits damit begonnen. Welche Gefahren sehen Sie darin? Könnten hier nicht auch die letzten Hemmschwellen beim Gelddrucken fallen, sodass in Krisen einfach „Helikoptergeld“ auf die Konten der (sich ordentlich verhaltenden) Bürger gebucht werden könnte?

… je mehr Bürger in die Abhängigkeit von staatlichen Zuwendungen geraten, desto höher der Wirkungsgrad dieser Verknechtung.

Mudlack: Ein Blick auf China und das dort etablierte Sozialkreditsystem beantwortet die Frage recht schnell. Dabei beschränkt sich das nicht nur auf neu geschaffenes Helikoptergeld, sondern auch auf eigenes Erspartes. Verhält man sich nicht mehr konform oder politisch korrekt, wird die Wochenration der eigenen gesparten liquiden Mittel gekürzt. Durch ein derartiges System bekommt man die Menschen in eine gewisse Richtung gelenkt, und je mehr Bürger in die Abhängigkeit von staatlichen Zuwendungen geraten, desto höher der Wirkungsgrad dieser Verknechtung.

Auch Kreditvergabekriterien könnte man an gewisse Bedingungen knüpfen. Abermals: All das entspricht nicht dem ursprünglichen Mandat der Zentralbank. Final abgeschlossen wäre dieser perfide Plan, indem man die Geschäftsbanken aus dem Kredit- und Geldschöpfungsprozess ausschließt. Es könnte dann alles über die Zentralbank abgewickelt werden und aus den aktuell zwei Kreisläufen würde ein Kreislauf werden. Ein denkbares Szenario wäre eine Bankenkrise, die sich auf Basis einer rezessiven Phase entwickeln könnte. Unternehmen wie auch Privathaushalte könnten in einer derartigen Krise ihren Kapitaldienst nicht mehr leisten. In der Folge massiver Kreditausfälle müssten die Banken Wertberichtigungen und Abschreibungen vornehmen. Sobald die Bilanzen einiger Banken in Schieflage gerieten, könnte man einen Bailout durchführen und einige oder eventuell sogar alle Banken verstaatlichen und in der EZB aufgehen lassen. Dann haben wir einen Zustand der absoluten Geldzentralisation und überhaupt keinen Wettbewerb mehr. Das von Karl Marx formulierte Ziel der staatlich-zentralen Geldordnung wäre endgültig erreicht.

… der Name grundloses (weil leistungslos) Bedingungseinkommen (weil an politisch gewollte Kriterien geknüpft) [wäre] sicherlich treffender.

Natürlich sollte man auch über das bedingungslose Grundeinkommen sprechen. Eine epische Krise oder eine große Depression mit Massenarbeitslosigkeit könnte den Ruf nach einer staatlichen Grundversorgung für alle Bürger laut werden lassen. Es ist aber auch klar, dass die Vergabe sehr schnell an gewisse Kriterien und das Wohlverhalten der Empfänger geknüpft werden würde. Dann wäre der Name grundloses (weil leistungslos) Bedingungseinkommen (weil an politisch gewollte Kriterien geknüpft) sicherlich treffender. Nebenbei bemerkt, wäre eine derartige Entwicklung vermutlich auch das Ende der Arbeitsteilung. Wie wichtig die Arbeitsteilung für die Wohlstandsentwicklung der Menschheit ist, wird vielen Menschen vermutlich erst dann klar werden.

LvMID: Wir hören von den politischen Unternehmern, „uns“ ginge es eigentlich zu gut, wir lebten im „besten Deutschland aller Zeiten“ und so weiter. Stimmt das historisch gesehen im Hinblick beispielsweise darauf, wieviel Einkommen Menschen für ein Auto ausgeben müssen oder für Immobilien?

Gerade nach der Abkehr von der formalen Golddeckung im Jahre 1971 lässt sich eine Fehlentwicklung zu Lasten der arbeitenden Klasse beobachten.

Mudlack: Ein Satz, der eher populistischer Natur ist und den man unter Kenntnis der Fakten- und Datenlage so nicht stehen lassen kann. Gerade nach der Abkehr von der formalen Golddeckung im Jahre 1971 lässt sich eine Fehlentwicklung zu Lasten der arbeitenden Klasse beobachten. In den Vereinigten Staaten von Amerika waren beispielsweise 1970 ungefähr 2,4 Durchschnittsgehälter zu sparen, um ein durchschnittliches Einfamilienhaus zu erwerben. Bis Mitte 2021 wurde die US-Geldmenge M2 (analog zum Geldmengenaggregat M3 in der Eurozone) um den Faktor 30 aufgebläht. Im Zuge dieser Geldverschlechterung wurde der Wirkungsgrad der Arbeitseinkommen der US-Amerikaner deutlich herabgesetzt. Wie der nachfolgenden Grafik zu entnehmen ist, sind nunmehr fast 7 durchschnittliche Jahresgehälter notwendig, um ein Durchschnitts-Einfamilienhaus zu erwerben. Diese Entwicklung wird mit hoher Wahrscheinlichkeit an Dynamik gewinnen und zu Lasten der Lohn- und Gehaltsempfänger gehen. Allein von Anfang 2020 bis Mai 2022 wurde die Gesamtgeldmenge (M2) in den USA um mehr als 40 Prozent ausgedehnt und folgerichtig um diesen Prozentsatz, bezogen auf den angegebenen Zeitraum, verschlechtert. Die Arbeitseinkommen werden nur in den seltensten Fällen diese Steigerungsrate im identischen Zeitraum erfahren haben.

Grafik aus dem Buch Geld-Zeitenwende
Datenquellen: FRED und thepeopleshistory.com

Auch in Deutschland lässt sich ein Beispiel anführen. So kostete im Jahr 1974 der erste VW Golf in der Basisvariante umgerechnet ca. 4.100 Euro. Das Durchschnittsnettoeinkommen (ledige Person ohne Kinder) lag bei 7.500 Euro. Der Bezieher eines Durchschnittseinkommens konnte folglich 1,83 Golf von seinem Nettoeinkommen erwerben.

Im Jahr 2019 lag das Durchschnittsnettoeinkommen laut Statista bei 23.600 Euro und der Golf mit Basisausstattung kostete in dem Jahr ca. 20.000 Euro. Alleine bezogen auf das Auto können wir folglich eine Preissteigerungsrate von fast 400 Prozent errechnen. Die durchschnittlichen Nettoeinkommen sind aber nicht im gleichen Maße gestiegen und so konnte sich der Durchschnittsverdiener nicht mehr 1,83 Golf kaufen, sondern nur 1,18. Hinzu kommt, dass der Wert des Gutes eines Mittelklassewagens sich auch relativ zum Lebensstandard der Durchschnittsbevölkerung verändert hat. Heute ist es „normaler“ ein Auto zu besitzen als zu der damaligen Zeit. Insofern hätten technologische Fortschritte und Produktivitätssteigerungen eher eine zum Durchschnittseinkommen relative Vergünstigung erwirken müssen. Der Wohlstandsverlust durch das Geldmengenwachstum ist also sogar höher als die Differenz der Kaufkraft der Durchschnittseinkommen.

Der breiten Masse der Bevölkerung wurde systematisch Wohlstand vorenthalten. Ein Indiz für die leistungsungerechte Verteilung von Einkommen in einem Fiat-Geld-Umfeld.

Lohnenswert ist auch der Blick auf die Reallohnzuwächse und die Produktivitätsfortschritte in den USA. Nach dem Krieg bis zum Ende der formalen Golddeckung wurden die Angestellten noch nahezu 1 zu 1 an den Produktivitätsfortschritten beteiligt. Nach der Schließung des sogenannten Goldfensters öffnete sich die Schere und die sozialen Ungleichgewichte vergrößerten sich. Der breiten Masse der Bevölkerung wurde systematisch Wohlstand vorenthalten. Ein Indiz für die leistungsungerechte Verteilung von Einkommen in einem Fiat-Geld-Umfeld.

Grafik aus dem Buch Geld-Zeitenwende
Divergenz Produktivitätswachstum und Lohnzuwächse (USA)
Datenquelle: Economic Policy Institute

LvMID: Sie schreiben, dass hohe Preisinflationsraten die Kalkulation von beispielsweise Handwerkern oder Bauunternehmern erschwert bis verunmöglicht. Wenn jetzt noch die Energiekrise, Lieferengpässe und weitere Zwangsmaßnahmen, die mit Krankheitswellen oder Klimaveränderungen begründet werden, hinzukommen, wie sehen Sie dann die Entwicklung des deutschen Mittelstandes?

Mudlack: Große Teile des Mittelstands haben sich bislang sehr tapfer geschlagen und alle Hürden der Bürokratie, der Vorschriften und staatlichen finanziellen Belastungen durch unglaublichen unternehmerischen Geist, Einfallsreichtum, Produktivitätsfortschritt und auch Fleiß bewältigt. Die aktuelle Zeit ist gekennzeichnet von einer Politisierung, wohin man auch blickt. Kaum etwas ist noch planbar und die Preise kennen nur eine Richtung. Vorprodukte sind teilweise gar nicht verfügbar und Preiskalkulationen können in einem Umfeld der Tagespreise nicht vorgenommen werden.

Ludwig von Mises führte als zentralen Grund für das Scheitern des Sozialismus die Undurchführbarkeit der Wirtschaftsrechnung an. An diesem Punkte stehen wir …

Ludwig von Mises führte als zentralen Grund für das Scheitern des Sozialismus die Undurchführbarkeit der Wirtschaftsrechnung an. An diesem Punkte stehen wir und gerade der Mittelstand kann die gestiegenen Preise für Vorprodukte, Energie und Kraftstoffe kaum auf die Verkaufspreise aufschlagen. Teilweise bestehen Vertragsverhältnisse, die erst noch gekündigt werden müssen oder gar eine längere Laufzeit aufweisen. Die Marge schwindet und insbesondere produzierende Unternehmen leiden immens unter den Preisentwicklungen in den Energiemärkten.

Da die Energiepreise auf anderen Erdteilen nicht oder kaum gestiegen sind, können unsere am Weltmarkt tätigen Mittelständler nicht mehr mit den Wettbewerbern von anderen Kontinenten konkurrieren.

Da die Energiepreise auf anderen Erdteilen nicht oder kaum gestiegen sind, können unsere am Weltmarkt tätigen Mittelständler nicht mehr mit den Wettbewerbern von anderen Kontinenten konkurrieren. Sie sind schlichtweg zu teuer. Der Mittelstand wird von der Politik eiskalt im Stich gelassen und zugunsten fragwürdiger, teilweise utopischer Ideologien geopfert. Man kann nur hoffen, dass all die Zwangsmaßnahmen, Interventionen und sinn- wie auch erfolglosen Sanktionen bald die Akzeptanz in der Bevölkerung verlieren. Der Mittelstand hat ganz offensichtlich keine Lobby in der heutigen politischen Landschaft. Folglich ist es unerlässlich, die Unterstützung aus weiten Teilen der Bevölkerung zu erfahren. Eine Veränderung von „oben“ ist sehr unwahrscheinlich, sie wird von „unten“ aus der breiten Masse der Bevölkerung kommen müssen.

LvMID: Zum Abschluss noch die Frage nach dem Ausblick. In Ihrem Buch machen Sie am Ende Lösungsvorschläge, um aus der Fiat-Geld-Misere herauszukommen. Aber gerade im Krisenmodus scheinen viele Deutsche nicht weniger, sondern „mehr Staat“ zu wünschen. Denken Sie, dass unser Lebensstandard in den nächsten Jahren eher zu- oder abnehmen wird? Auf was steuern wir Ihrer Meinung nach zu?

Mudlack: Gute Produkte, zufriedenstellende Dienstleistungen und Fortschritt entwickeln sich am besten in einem marktwirtschaftlichen Umfeld und dem damit verbundenen positiven Druck bzw. Anreiz für die Anbieter. Leider haben wir in zentralen Märkten zu wenig bis gar keinen Wettbewerb. Dabei spreche ich von dem Markt um das beste Geld und von dem Markt um die beste „Staatsdienstleistung“, also der Gewährung von Sicherheit für Leib, Leben und Gesundheit und dem Besitz an den friedlich und freundlich erworbenen Sachen. Infolgedessen sehen wir in diesen besagten Märkten eine Art Kartell unter den Staaten und in jeglicher Hinsicht zwangsmonopolistische Strukturen und minderwertige Produkte/Güter (Geld) und Dienstleistungen (Staat).

Gerade im Hinblick auf das Geld und die schwindende Kaufkraft stelle ich fest, dass viele Augen und Ohren geöffnet sind, die noch vor Jahren verschlossen waren.

Mehr Staat mutet bei einer Staatsquote (Anteil des Staates an der Wirtschaftsleistung) von deutlich über 50 Prozent und unzähligen Vorschriften und Einschränkungen, die sich der Quantifizierung entziehen, eher wie ein schlechter Scherz an. Offen gestanden habe ich Hoffnung, dass aus dieser Krise eine positive Entwicklung hin zu mehr Marktwirtschaft und freiheitlichen, wie auch dezentralen Strukturen erwachsen kann. Gerade im Hinblick auf das Geld und die schwindende Kaufkraft stelle ich fest, dass viele Augen und Ohren geöffnet sind, die noch vor Jahren verschlossen waren. Damit verbunden werbe ich für eine Geld-Zeitenwende, die einen wettbewerblichen und freiheitlichen Charakter aufweist. Mein Vorschlag, um den Wettbewerb zu eröffnen, wäre, neben der hoffnungsvollen Entwicklung um den BITCOIN, eine edelmetallgedeckte Kryptoeinheit. Auch eine Deckung auf Basis von Produktivkapital oder elektrischer wie auch thermischer Energie halte ich für denk- und umsetzbar.

1619 wurde die Hamburger Bank gegründet und über 250 Jahre war die Mark Banco zu 100 Prozent wertstabil und somit ein echtes Erfolgsmodell auf dezentraler/regionaler Basis.

Ich verweise in meinem Buch im Lösungsblock auch auf das Beispiel der Hamburger Mark Banco. Die Hamburger Kaufleute hatten ein ähnliches Problem wie der heutige Mittelstand. Man konnte im Zuge der ausartenden Geldverschlechterung der sogenannten „Kipper- und Wipperzeit“ (Münzentwertung im 17. Jahrhundert) nicht mehr kalkulieren. Die Wirtschaftsrechnung war, ähnlich wie heute, quasi unmöglich geworden. Und so schuf man die Mark Banco als reine Verrechnungseinheit mit einer Silberdeckung von 8,66 Gramm Silber je Mark Banco. 1619 wurde die Hamburger Bank gegründet und über 250 Jahre war die Mark Banco zu 100 Prozent wertstabil und somit ein echtes Erfolgsmodell auf dezentraler/regionaler Basis. Sie ist nicht gescheitert, sondern bedauerlicherweise im Zuge der Zentralisation im Rahmen der Gründung des Deutschen Reiches nach 1871 in der Reichsbank aufgegangen. Ein offenkundiger Evolutionsirrtum, den nicht die Verwender durch verändertes Nachfrageverhalten herbeigeführt haben, sondern eine Obrigkeit.

Im schlechtesten Szenario wird der Weg so wie aktuell weitergegangen und dann sind totalitäre Zustände mit vollständiger Kontrolle und weiterer Einschränkung oder gar Abschaffung des Privateigentums vorprogrammiert. Wohlstandverluste ungekannten Ausmaßes wären die Folge. Es braucht keinen weiteren Versuch einer Befehls- und Lenkungswirtschaft. Das damit einhergehende Staats- und Gesellschaftsmodell ist im Ostteil Deutschlands nach dem Krieg, im damaligen Ostblock und auch in einigen anderen Ländern bereits zu Hauf gescheitert. Die Menschheitsfamilie sollte nicht nur aus den wirtschaftlichen Schäden und Umweltschäden dieser Zeit lernen, sondern auch aus den Hunderten Millionen von Hungertoten und Opfern staatlicher Gewalt die richtigen Rückschlüsse ziehen.

LvMID: Sehr geehrter Herr Mudlack, herzlichen Dank für dieses Interview!

Benjamin Mudlack ist gelernter Bankkaufmann und hat an der Fachhochschule Dortmund das Diplom zum Wirtschaftsinformatiker erworben. Er ist Vorstandsmitglied der Atlas Initiative, Mitglied der Friedrich August von Hayek Gesellschaft und begleitet aktiv einige andere freiheitliche Projekte, wie zum Beispiel das jüngst neu gegründete Free Economic Forum.

Zudem betreibt Benjamin Mudlack den YouTube-Kanal „Der ökonomische IQ“ mit der Zielsetzung, möglichst vielen Menschen die österreichische Schule der Nationalökonomie anhand von tagesaktuellen Themen zugänglich zu machen.

Durch seine unternehmerischen Tätigkeiten, unter anderem auch in dem seit mehr als fünf Generationen bestehenden mittelständischen Familienunternehmen, erhielt Benjamin Mudlack tiefe Einblicke in die reale Wirtschaftswelt. Die theoretischen Kenntnisse und der praktische Bezug zum Mittelstand haben ihn zu einem Befürworter von kleinen effizienten Einheiten auf Basis dezentraler („vor Ort“) Strukturen werden lassen, mit den damit verbundenen sinnvollen emotionalen wie auch wirtschaftlichen Haftungsprozessen.

Benjamin Mudlack ist zudem Autor des im Lichtschlag Verlag erschienen Buches „Geld-Zeitenwende – vom Enteignungsgeld zurück zum gedeckten Geld.“ Neben einigen Interviews sind zahlreiche Artikel von ihm erschienen zum Thema Geld bzw. Geldsystem und Mittelstand wie beispielsweise im Smart Investor, bei Tichys Einblick oder im Sachwert Magazin.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Titel-Foto: Adobe Stock

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