Carl Mengers Theorie des Gutes (Teil 1)

11. August 2021 – von Antony P. Mueller  

Antony P. Mueller

[Hier können Sie diesen Beitrag als Podcast hören.]

Dieses Jahr jährt sich zum 150. Mal die Veröffentlichung der „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“ von Carl Menger, dem Standardwerk der Österreichischen Schule. Dies ist ein Grund, sich näher mit diesem Buch zu beschäftigen. In seinen „Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre“ aus dem Jahr 1871 legte Carl Menger (1840-1921) nicht nur den Grundstein zur Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Sein Beitrag ist auch über die österreichische Volkswirtschaftslehre hinaus bekannt, weil sich in den „Grundsätzen“ zentrale Erkenntnisse zur subjektiven Werttheorie und der Marginalanalyse finden, die heute noch einen festen Bestandteil der Volkswirtschaftslehre bilden.

Wie Carl Menger in den „Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre“ erklärt, erlangen Güter ihren Wert durch die subjektive Nutzenschätzung des Einzelnen.  Für das menschliche Handeln sind die Grenznutzen und Grenzkosten leitend.  Nicht der Total- oder Durchschnittsnutzen bestimmen die Nachfrage, wie die Klassiker der Nationalökonomie seit Adam Smith meinten, sondern der Grenznutzen. Mit der subjektiven Wertlehre und der Marginalanalyse widerlegt Menger auch die Ausbeutungstheorie von Karl Marx.

Aber der Inhalt von Mengers Schrift reicht weiter. Es hat nichts von seiner Anziehungskraft verloren, da es immer noch eines der besten Werke ist, um zu lernen, wie Wirtschaft funktioniert.

Der vorliegende Artikel ist der erste in einer Reihe, die Carl Mengers bahnbrechenden Beitrag behandelt. In enger Anlehnung an das Original bietet der folgende Text Interpretationen, die das Werk dem heutigen Leser zugänglich machen sollen. Um die Lektüre zu erleichtern, wird bei den direkten Zitaten aus Mengers Werk die moderne Schreibweise benutzt.

Der erste Beitrag behandelt den Begriff des „Gutes“. Die folgenden Teile der Reihe beschäftigen sich mit Mengers Darstellung der Funktion der Wirtschaft und seiner Wert- und Tauschtheorie sowie zu seiner Analyse der Preisbildung.

Carl Mengers Theorie der Güter

Begriff des „Gutes“

Die Gesamtheit der Güter lässt sich in zwei Kategorien einteilen: materielle Güter (einschließlich Naturkräfte, sofern sie Güter sind) und nützliche menschliche Handlungen (oder Unterlassungen), von denen die wichtigste die Arbeit ist. Um als Gut zu gelten, ist es notwendig, dass die Sache ein menschliches Bedürfnis befriedigen kann, aber auch verfügbar ist und dass der kausale Zusammenhang zwischen den Eigenschaften dieser Sache und der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse bekannt ist. „Gut“ in diesem Sinne umfasst auch nützliche Handlungen und Unterlassungen. Um als „Gut“ zu gelten, müssen sich Dinge und Handlungen auf den Menschen beziehen.

Damit eine Sache die Güterqualität erlange, bedarf es des Zusammentreffens folgender vier Voraussetzungen:

  1. Ein menschliches Bedürfnis.
  2. Solche Eigenschaften der Sache, welche es tauglich machen, in ursächlichen Zusammenhang mit der Befriedigung dieses Bedürfnisses gesetzt zu werden.
  3. Die Erkenntnis dieses kausalen Zusammenhanges durch den Menschen.
  4. Die Verfügung über dieses Ding, und zwar so, dass es zur Befriedigung des Bedürfnisses tatsächlich herangezogen werden kann. (S. 3)

Zu beachten ist hier, dass Knappheit nicht eine Bedingung dafür ist, dass eine Sache die Gutsqualität erfüllt. „Knappheit“ kennzeichnet nicht das Gut an sich, sondern die sogenannten „wirtschaftlichen Güter“. Durch den Staatseingriff gibt es aber auch Güter, die für den Verbraucher als freie erscheinen, obwohl sie es nicht sind. Dies geschieht beispielsweise bei der Wasserversorgung, wenn Behörden ein Wirtschaftsgut scheinbar in ein nicht-wirtschaftliches Gut oder teilweise in ein freies Gut umwandeln. Aber auch das Gegenteil kann eintreten, wenn staatliche Stellen den Konsum einer Ware, die den Menschen natürlicherweise zur Verfügung steht, in einer Menge einschränken, die ihren Bedarf übersteigt. Diese Güter, obwohl grundsätzlich freie Güter, erwerben dann teilweise den Charakter von Wirtschaftsgütern. (S. 64)

Carl Menger (1840-1921)

Dass etwas ein Gut ist, haftet nicht der Sache selbst an, sondern hängt von der Beziehung zur menschlichen Wertschätzung ab. Carl Menger weist darauf hin, dass die Güterqualität nichts den Gütern Anhaftendes ist, nicht eine Gütereigenschaft, sondern sich als Beziehung darstellt, in welcher sich bestimmte Gegenstände und Dienste zu den Menschen befinden. Mit dem Verschwinden dieser Beziehung hört diese Sache entsprechend auf, ein Gut zu sein.

Diese Beziehung zwischen einer Sache und der menschlichen Bedürfnisbefriedigung ist jedoch nicht frei von Irrtümern. Tatsächlich lässt sich ein eigentümlicher Zusammenhang beobachten, wo Dinge, die keinen kausalen Nexus mit der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse haben, als Güter behandelt werden.

„Dieses Ergebnis tritt ein, wenn fälschlicherweise Eigenschaften und damit Wirkungen Dingen zugeordnet werden, die ihnen nicht wirklich gehören oder menschliche Bedürfnisse fälschlicherweise angenommen werden und nicht wirklich vorhanden sind.“ (S. 4)

Menger nennt diese Sachen „imaginäre Güter“, die zwar als Bewertung kausal angesehen werden, es aber in Wirklichkeit nicht sind. Das sind Dinge, die ihre Qualität als Gut nur aus ihren eingebildeten Eigenschaften oder aus den imaginären Bedürfnissen der Menschen beziehen. Beispiele hierfür sind Medikamente, die bestehende Krankheiten nicht heilen und Medikamente für nicht existierende Krankheiten.

In jedem Fall ist es unser Urteil bzw. unsere Meinung, die die Qualität eines Gutes in einer Sache festlegt.

Güter erster und zweiter Ordnung

Als „Güter erster Ordnung“ definiert Menger solche, die unsere Wünsche unmittelbar zu erfüllen vermögen. Dies sind Güter, die unser Wohlergehen zu steigern vermögen und von denen wir ebenfalls wissen, dass zwischen den Eigenschaften dieses Gutes und unserem Wohlbefinden eine Kausalität besteht.

„Güter zweiter Ordnung“, generell als die „höherer Ordnung“ gekennzeichnet, sind solche Sachen, die nicht in einer unmittelbaren kausalen Verbindung mit der Erfüllung unserer Begehren stehen. Dennoch besitzen sie die Qualität eines Gutes, weil sie einen „indirekten Kausalzusammenhang“ zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse haben. Während Güter zweiter Ordnung nicht in der Lage sind, unsere Bedürfnisse direkt zu befriedigen, sind sie nützlich, um Güter erster Ordnung zu produzieren. Güter erster Ordnung befinden sich in einem direkten kausalen Zusammenhang mit menschlichen Bedürfnissen, während Güter zweiter Ordnung in einem indirekten kausalen Zusammenhang zu diesen stehen. Als Produktionsgüter sind die Güter höherer Ordnung untauglich, menschliche Bedürfnisse in unmittelbarer Weise zu befriedigen, sie tragen aber dazu bei, Güter der ersten Ordnung hervorzubringen.

“Verfügen wir über Güter erster Ordnung, so liegt es in unserer Macht, dieselben unmittelbar zur Befriedigung unserer Bedürfnisse zu verwenden. Verfügen wir über die entsprechenden Güter zweiter Ordnung, so liegt es in unserer Macht, dieselben in Güter erster Ordnung umzugestalten, und in so vermittelter Weise der Befriedigung unserer Bedürfnisse zuzuführen. Verfügen wir aber auch nur über Güter dritter Ordnung, so haben wir es in unserer Macht, dieselben in die entsprechenden Güter zweiter Ordnung, diese aber wieder in die entsprechenden Güter erster Ordnung umzugestalten, und so die Güter dritter Ordnung, allerdings in einer mehrfach vermittelten Weise, zur Befriedigung unserer Bedürfnisse heranzuziehen. In gleicher Weise verhält es sich nun mit allen Gütern höherer Ordnung, und wir können an ihrer Güterqualität nicht zweifeln, wofern wir es nur in unserer Macht haben, dieselben der Befriedigung unserer Bedürfnisse tatsächlich zuzuführen.“ (p. 11)

Die Gesamtheit der Güter besitzt eine kausale Struktur, die sich nach dem Endverbrauch richtet. So kann man am Brot als Beispiel eines Konsumgutes zum Gut zweiter Ordnung kommen, also zu Mehl. Als nächstes wäre dann Weizen das Gut dritter Ordnung und der Acker, auf dem Weizen wächst, kann man als Gut vierter Ordnung identifizieren. Bei all diesen Stufen ist auch die entsprechende Arbeitsleistung in diese Ordnung eingeschlossen. Ware erster Ordnung dient direkt der Befriedigung der Bedürfnisse. Güter zweiter Ordnung bedürfen der Umwandlung. Produktion ist Transformation, und die gesamte Wirtschaft demnach ein System von Transformierungen, in dem Güter höherer Ordnung modifiziert werden, um in Güter erster Ordnung verwandelt zu werden.

Komplementärgüter

Menger entwickelt auf dieser Grundlage das Konzept der temporalen Produktionsstruktur, denn damit ein höherwertiges Gut die Qualität eines Gutes hat, müssen uns die entsprechenden Komplementärgüter zur Verfügung stehen. Um die kategorische Forderung zu erfüllen, ein Gut höherer Ordnung zu sein, muss für dieses Gut höherer Ordnung stets auch das notwendige Komplementärgut vorhanden sein, sonst verliert diese Sache ihre Gutsqualität. Die Qualität der Güter höherer Ordnung hängt von der Fähigkeit ab, sie zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte zu nutzen.

Güter höherer Ordnung (über die erster Ordnung hinausgehend) erfordern die Verwendung von komplementären Gütern höherer Ordnung. Dies ist eine Einschränkung von großer Bedeutung, weil es keineswegs in unserer Macht steht, ein einzelnes Gut höherer Ordnung zur Befriedigung unserer Bedürfnisse zu verwenden, wenn wir nicht über die erforderlichen komplementären Güter höherer Ordnung verfügen.

Kann ein vorhandenes Gut zweiter Ordnung nicht mehr verwendet werden, weil eines oder mehrere seiner komplementären Güter fehlen, verliert dieses spezifische Gut zweiter Ordnung seine Qualität als Gut. Bei einem Mangel an komplementären Gütern besitzt das entsprechende Gut nicht mehr die Fähigkeit, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, und damit würde eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Qualität der Güter entfallen. Daraus folgt, dass die Qualität eines Gutes zweiter Ordnung von der Verfügbarkeit der notwendigen komplementären Güter derselben Ordnung in Bezug auf die Produktion des Gutes erster Ordnung abhängt.

*****

Jetzt anmelden zur

Ludwig von Mises Institut Deutschland Konferenz 2021

Alle Informationen hier!

*****

Für komplementäre Güter als Gesamtheit der Güter, welche erforderlich sind, um ein Gut höherer Ordnung hervorzubringen, welches der Herstellung eines Gutes erster Ordnung dient, gilt der „allgemeine Grundsatz, dass die Güterqualität der Güter höherer Ordnung dadurch bedingt ist, dass wir über deren komplementäre Güter im obigen Sinne des Wortes zu verfügen vermögen.“ (S. 15)

Menger illustriert diese Argumentation mit einer Reihe von Beispielen aus dem amerikanischen Sezessionskrieg, als das fehlende Baumwollangebot aus den Südstaaten eine vorübergehende Baumwollknappheit verursachte. Dadurch wurden die spezialisierten Textilmaschinen in Europa zusammen mit den qualifizierten Arbeitskräften in dieser Branche nutzlos und verloren ihre Güterqualität. Die Unterbrechung von Lieferketten betrifft auch die Waren, die noch vorhanden sind, sowie die verfügbare Arbeitskraft. Obwohl die Maschinen dieselben sind und die Arbeiter nichts von ihrer Qualifikation verloren haben, nimmt ihre Güterqualität aufgrund des Fehlens der Komplementärgüter ab und geht unter Umständen ganz verloren.

Diese Betrachtung hat im Jahre 2021 eine überraschende Aktualität erlangt, wenn man die derzeitigen Probleme mit den Lieferketten betrachtet. Was lange Zeit als selbstverständlich angesehen wurde, ist nicht mehr der Fall. Aus Sicht der Gütertheorie von Carl Menger zeigt sich der enorme Wertverlust, der mit dem Fehlen von auch nur wenigen Komplementärgütern einhergeht.

Dieser Abschnitt in den „Grundsätzen“ zeigt gleichfalls die Fehldeutung des Kapitalbegriffs, der in der modernen Wachstumstheorie vorhanden ist, indem diese eine homogene Kapitalstruktur annimmt. Menger hingegen macht deutlich, dass die Produktionsstruktur sowohl eine zeitliche Dimension hat als auch die einzelnen Kapitalgüter in wechselseitiger Abhängigkeit stehen. „Kapital“ in diesem Sinne hat eine zeitliche und interdependente Struktur.

Interdependenz der Güter

Um als Gut höherer Ordnung zu gelten, ist die jeweilige kausale Beziehung zu den entsprechenden Gütern niedrigerer Ordnung die Voraussetzung. (S. 17) Mit der Veränderung der Befriedigung von Gütern erster Ordnung verändern die Güter höherer Ordnung ihre spezifische Gütereigenschaft. Waren höherer Ordnung verlieren somit ihre Qualität als Gut, wenn die Bedürfnisse, deren Befriedigung sie vorher dienten, verschwinden. Mit dem Wegfall der entsprechenden Bedürfnisse bröckelt die ganze Grundlage des Verhältnisses zwischen den Gütern und dem, was die Eigenschaft einer Sache als Gut ausmacht.

„Steht es nun fest, dass das Vorhandensein zu befriedigender menschlicher Bedürfnisse die Voraussetzung aller und jeder Güterqualität ist, so ist damit zugleich der Grundsatz dargetan, dass die Güter, ob sie nun unmittelbar in ursächlichen Zusammenhang mit der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse gesetzt werden können, oder ihre Güterqualität aus einem mehr oder minder vermittelten Kausalnexus mit der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse herleiten, doch ihre Güterqualität sofort einbüßen, wenn die Bedürfnisse, zu deren Befriedigung sie bisher dienten, insgesamt verschwinden. Es ist nämlich klar, dass mit den entsprechenden Bedürfnissen die ganze Grundlage jenes Verhältnisses entfällt, das, wie wir sahen, die Güterqualität der Dinge begründet.“ (S. 18)

Aus diesen Erwägungen folgt das Gesetz, dass die Güterqualität der Güter höherer Ordnung durch die Eigenschaft, Güter erster Ordnung hervorzubringen, bedingt ist.

„Nicht als eine das Wesen des obigen Grundsatzes berührende Modifikation, sondern lediglich als eine konkretere Form desselben, ist das Gesetz zu betrachten, dass die Güter höherer Ordnung in Rücksicht auf ihre Güterqualität durch jene der Güter niederer Ordnung bedingt sind, zu deren Hervorbringung sie dienen.“ (S. 21)

Produktion ist ein Prozess, durch welchen die Güter höherer Ordnung stufenweise in solche niederer Ordnung umgestaltet werden und diese schließlich der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zugeführt werden.

„Dieser Prozess ist …. kein regelloser, sondern steht gleich allen übrigen Wandlungsprozessen unter den Gesetzen der Kausalität. Die Idee der Kausalität ist nun aber unzertrennlich von der Idee der Zeit. Ein jeder Wandlungsprozess bedeutet ein Entstehen, ein Werden, ein solches ist jedoch nur denkbar in der Zeit.“ (S. 21)

Sämtliche der einem Wirtschaftssubjekt verfügbaren Güter sind in ihrer Güterqualität gegenseitig bedingt. Jedes Einzelne dieser Güter vermag den Gesamtzweck des Wirtschaftens, nämlich der Erhaltung des Lebens und der Wohlfahrt zu dienen, nicht für sich allein verwirklichen, sondern nur im Zusammenwirken mit den übrigen Gütern. (S. 30)

Unsicherheit

Die ursächlichen Zusammenhänge eines isolierten Produktionsprozesses mögen zwar klar sein, repräsentieren aber nicht die Gesamtheit des Transformationsprozesses. Neben den zur Güterwelt gehörenden Faktoren enthält der Produktionsprozess Faktoren, deren kausaler Zusammenhang mit dem menschlichen Wohlergehen bislang nicht erkannt oder deren Beherrschung noch nicht verfügbar ist.

Dies ergibt sich aus der Eigenschaft, dass die Güter höherer Ordnung ihre Güterqualität nicht im Hinblick auf die Bedürfnisse der unmittelbaren Gegenwart, sondern nur im Hinblick auf die menschlichen Bedürfnisse in der Zukunft erwerben und erhalten. Diese Werte sind nur durch menschliche Voraussicht vorhersehbar, aber in der Gegenwart noch nicht bekannt, da sie erst mit Abschluss des Produktionsprozesses gültig werden. (S. 23)

Der Umwandlungsprozess von Gütern von der höheren in die niedrigere Ordnung folgt streng den Gesetzen der Kausalität und geschieht in der Zeit. Nach ihren kausalen Gesetzmäßigkeiten werden die Güter der höheren Ordnung zu den Gütern der nächstniedrigeren und so weiter transformiert, bis sie zu Gütern erster Ordnung werden und schließlich der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dienen.

Neben der Zeit kommt hier auch die Unsicherheit ins Spiel. Je mehr Elemente im Produktionsprozess mitwirken, umso größer ist die menschliche Unsicherheit über die Qualität und Quantität des Produktes des ganzen Kausalprozesses hin zu den Gütern erster Ordnung. Mit zunehmender Komplexität des Wirtschaftsprozesses gibt es Elemente in diesem Kausalprozess,

 „die wir nicht kennen, oder über die wir, wofern wir sie kennen, nicht zu verfügen vermögen, das ist, eine je größere Anzahl dieser Elemente keine Güterqualität besitzt, umso größer ist auch die menschliche Unsicherheit über die Qualität und Quantität des Produktes des ganzen Kausalprozesses, nämlich der entsprechenden Güter niederer Ordnung. Diese Unsicherheit ist nun eines der wesentlichsten Momente der ökonomischen Unsicherheit der Menschen und … von der größten praktischen Bedeutung für die menschliche Wirtschaft.“ S. 26

Carl Menger ergänzt Adam Smiths Theorie zur Vermögensbildung und nimmt damit Grundeinsichten der modernen Wachstumstheorie vorweg, indem er auf Kapitalbildung und technologischen Fortschritt implizit verweist. Wirtschaftliche Entwicklung heißt, die Produktion Schritt für Schritt in den Bereich der höherwertigen Güter auszudehnen. Nach Menger besteht der Schlüssel zur Schaffung von Wohlstand neben Arbeit und Handel in der Produktion von Gütern höherer Ordnung, der Sachkapitalbildung. Wirtschaftlicher Fortschritt geht zudem einher mit der Einsicht in die Kausalitäten des Produktionsprozesses, also mit technologischem Wissen. Wirtschaftliche Entwicklung und ein wachsender Wissensstand gehen Hand in Hand.

Schlussbemerkung

Ausgangspunkt und Ziel des menschlichen Wirtschaftens ist, dass der Mensch über die Mittel verfügt, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Zur Sättigung der unmittelbaren Bedürfnisse strebt der Mensch nach Gütern erster Ordnung. Mit der Befriedigung der unmittelbaren Bedürfnisse, die das Überleben sichern, wendet sich das menschliche Interesse jenen Gütern zu, deren verfügbare Menge geringer ist als der Bedarf dafür. Wirtschaftliche Aktivität beginnt damit, dass Menschen Güter zweiter Ordnung herstellen, um Güter erster Ordnung zu produzieren. Das allgemeine Prinzip ihrer Verbindung besagt, dass der wirtschaftliche Charakter der Güter höherer Ordnung durch den der Güter niedrigerer Ordnung bedingt ist. Kein Gut höherer Ordnung kann seinen wirtschaftlichen Charakter erlangen oder erhalten, wenn es nicht für die Produktion von Wirtschaftsgütern niedrigerer Ordnung geeignet ist.

Antony P. Mueller ist promovierter und habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor für Volkswirtschaftslehre an der brasilianischen Bundesuniversität UFS. Er unterhält das Webportal Continental Economics und eine Autorenseite bei Facebook. Soeben ist sein jüngstes Buch unter dem Titel „Kapitalismus, Sozialismus und Anarchie: Chancen einer Gesellschaftsordnung jenseits von Staat und Politik“ bei Amazon Deutschland als E-book erschienen. Eine Print Version ist in Vorbereitung.

*****

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Titel-Foto: Adobe Stock

Kontaktieren Sie uns

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Not readable? Change text. captcha txt

Start typing and press Enter to search