Der Liberalismus hat immer das Wohl des Ganzen im Auge

19. Februar 2021 – von Ludwig von Mises

Ludwig von Mises (1881 – 1973)

Weit verbreitet ist die Meinung, der Liberalismus unterscheide sich von anderen politischen Richtungen dadurch, daß er die Interessen eines Teiles der Gesellschaft – der Besitzenden, der Kapitalisten, der Unternehmer – über die Interessen der anderen Schichten stelle und vertrete. Diese Behauptung ist ganz und gar verkehrt. Der Liberalismus hat immer das Wohl des Ganzen, nie das irgendwelcher Sondergruppen im Auge gehabt. Das wollte die berühmte Formel der englischen Utilitarier: .„Das größte Glück der größten Zahl“ in einer allerdings nicht sehr geschickten Weise ausdrücken.

Geschichtlich war der Liberalismus die erste politische Richtung, die dem Wohle aller, nicht dem besonderer Schichten dienen wollte. Vom Sozialismus, der ebenfalls vorgibt, das Wohl aller anzustreben, unterscheidet sich der Liberalismus nicht durch das Ziel, dem er zustrebt, sondern durch die Mittel, die er wählt, um dieses letzte Ziel zu erreichen.

Wenn jemand behauptet, daß der Erfolg liberaler Politik die Begünstigung von Sonderinteressen bestimmter Schichten der Gesellschaft sei oder sein müsse, so ist das eine Frage, über die sich immerhin sprechen läßt. Es ist eine der Aufgaben, die sich unsere Darstellung des liberalen Programms setzt, zu zeigen, daß dieser Vorwurf in keiner Weise gerechtfertigt ist. Aber man kann denjenigen, der ihn erhebt, nicht von vornherein der Illoyalität zeihen; es mag sein, daß er seine – unserer Auffassung nach unrichtige – Behauptung im besten Glauben aufstellt. In jedem Fall gibt, wer in dieser Weise gegen den Liberalismus auftritt, zu, daß die Absichten des Liberalismus lauter sind und daß er nichts anderes will, als das, was er zu wollen behauptet.

Ganz anders steht es mit jenen Kritikern des Liberalismus, die dem Liberalismus vorwerfen, daß er nicht der Allgemeinheit, sondern den Sonderinteressen einzelner Schichten dienen will. Sie sind illoyal und unwissend zugleich. Indem sie diese Kampfweise wählen, zeigen sie, daß sie sich innerlich der Schwäche ihrer eigenen Sache wohl bewußt sind. Sie greifen zu den vergifteten Waffen, weil sie anders keinen Erfolg erhoffen können.

Wenn der Arzt dem Kranken, der nach einer ihm schädlichen Speise begehrt, die Verkehrtheit seines Wunsches zeigt, wird niemand so töricht sein zu sagen: „Der Arzt will nicht das Wohl des Kranken; wer dem Kranken wohl will, muß ihm den Genuß der schmackhaften Speise vergönnen.“ Jedermann wird es verstehen, daß der Arzt dem Kranken empfiehlt, auf die Annehmlichkeit, die der Genuß der schädlichen Speise gewährt, zu verzichten, um die Schädigung des Körpers zu meiden.

Doch im gesellschaftlichen Leben will man es anders haben. Wenn der Liberale bestimmte volkstümliche Maßnahmen widerrät, weil er von ihnen schädliche Folgen erwartet, dann schilt man ihn volksfeindlich und preist den Demagogen, der ohne Rücksicht auf die späteren schädlichen Folgen das empfiehlt, was im Augenblick zu nützen scheint.

Das vernünftige Handeln unterscheidet sich vom unvernünftigen Handeln dadurch, daß es vorläufige Opfer bringt; diese vorläufigen Opfer sind nur Scheinopfer, da sie durch den Erfolg, der später eintritt, aufgewogen werden. Wer die wohlschmeckende, aber ungesunde Speise meidet, bringt bloß ein vorläufiges, ein scheinbares Opfer; der Erfolg – das Nichteintreten der Schädigung – zeigt, daß er nicht verloren, sondern gewonnen hat. Doch um so zu handeln, braucht es Einsicht in die Folgen des Handelns. Das macht sich der Demagoge zunutze. Er tritt dem Liberalen, der das vorläufige Scheinopfer fordert, entgegen, schilt ihn hartherzig und volksfeindlich. Sich selbst rühmt der Demagoge als Menschen- und Volksfreund. Er weiß die Herzen der Zuhörer zu Tränen zu rühren, wenn er seine Vorschläge durch den Hinweis auf Not und Elend empfiehlt.

Die antiliberale Politik ist Kapitalaufzehrungspolitik. Sie empfiehlt, die Gegenwart auf Kosten der Zukunft reichlicher zu versorgen. Das ist ganz dasselbe, was sich in dem Falle des Kranken, von dem wir gesprochen haben, begibt; in beiden Fällen steht einem reichlicheren Genuß im Augenblick schwerer Nachteil in der Zukunft gegenüber. Wenn man angesichts dieses Dilemmas davon spricht, daß Hartherzigkeit gegen Philanthropie steht, dann ist man unehrlich und verlogen. Dieser unser Vorwurf richtet sich nicht nur gegen die Politiker des Alltags und gegen die Presse der antiliberalen Parteien. Nahezu alle „sozialpolitischen“ Schriftsteller haben sich dieser unehrlichen Kampfweise bedient.

Daß es Not und Elend in der Welt gibt, ist kein Argument gegen den Liberalismus, wie die Beschränktheit des durchschnittlichen Zeitungslesers anzunehmen gewillt ist. Der Liberalismus will ja gerade Not und Elend beseitigen und hält die Mittel, die er vorschlägt, für die einzig tauglichen zur Erreichung dieses Zieles. Wer glaubt, daß er einen besseren oder auch nur einen anderen Weg zu diesem Ziele kennt, der möge es beweisen. Aber die Behauptung, daß die Liberalen nicht das Wohl aller Glieder der Gesellschaft, sondern das einer Sondergruppe anstreben, ersetzt diesen Beweis keineswegs.

Die Tatsache, daß es Not und Elend gibt, wäre selbst dann kein Beweis gegen den Liberalismus, wenn die Welt heute liberale Politik befolgen würde; noch immer bliebe ja die Frage offen, ob nicht bei anderer Politik mehr Not und Elend herrschen würden. Angesichts des Umstandes, daß heute überall durch antiliberale Politik das Funktionieren der Einrichtung des Sondereigentums gehemmt und behindert wird, ist es natürlich ganz verkehrt, daraus, daß in der Gegenwart nicht alles so ist, wie man es wünschen würde, irgendetwas gegen die Richtigkeit der liberalen Grundsätze schließen zu wollen. Was Liberalismus und Kapitalismus geleistet haben, erkennt man, wenn man die Gegenwart mit den Zuständen des Mittelalters oder der ersten Jahrhunderte der Neuzeit vergleicht. Was sie leisten könnten, wenn man sie nicht stören würde, kann man nur durch theoretische Überlegungen erschließen.

Entnommen aus „Liberalismus“ (1927).

Ludwig von Mises, geb. 1881 in Lemberg, war der wohl bedeutendste Ökonom und Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer hat er die (wissenschafts)theoretische Begründung für das System der freien Märkte, die auf unbedingter Achtung des Privateigentums aufgebaut sind, und gegen jede Form staatlicher Einmischung in das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben geliefert. Seine Werke sind Meilensteine der Politischen Ökonomie. Das 1922 erschienene “Die Gemeinwirtschaft” gilt als erster wissenschaftlicher und umfassender Beweis für die “Unmöglichkeit des Sozialismus”. Sein Werk “Human Action” (1949) hat bei amerikanischen Libertarians den Rang einer akademischen “Bibel”. Mises war Hochschullehrer an der Wiener Universität und Direktor der Österreichischen Handelskammer. Ab 1934 lehrte er am Institut des Hautes Etudes in Genf. 1940 Übersiedlung nach New York, wo er nach weiteren Jahrzehnten der Lehr- und Gelehrtentätigkeit 1973 im Alter von 92 Jahren starb.

 

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