Ja, die Nationalsozialisten waren Sozialisten

13. November 2020 – von David Gordon

David Gordon

Heute möchte ich gerne meine Diskussion, die ich kürzlich über Scott Sehon’s Artikel Nein, die Nationalsozialisten waren keine Sozialisten begonnen hatte, fortsetzen. Am Ende meines Artikels hatte ich Sehon gescholten, weil er sagte, das Adjektiv „sozialistisch“ im Namen der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter Partei) würde nicht beweisen, dass die Nationalsozialisten tatsächlich Sozialisten waren. Ich hatte beklagt, dass «Sehon Recht hat, dass das Wort „sozialistisch“ alleine uns nicht viel sagt. Aber leider kommt es ihm nicht in den Sinn, nachzuforschen, was die Nationalsozialisten damit gemeint und warum sie es verwendet haben.» Sehon könnte mir fairerweise begegnen, dass ich das auch nicht getan hatte und daher werde ich das nun in diesem Artikel nachholen.

Sehon macht einen nützlichen Vorschlag, der uns zu verstehen hilft, was die Nationalsozialisten mit „Sozialismus“ meinten. Richtigerweise bezieht er sich dabei auf das 25-Punkte Programm der Nationalsozialisten aus dem Jahr 1921. Dieses, so Sehon, sei kein Aufruf zur Nationalisierung der industriellen Produktion, sondern ein größtenteils vorteilhafter Plan für Großindustrielle, der sich gegen die Juden richte: „Als die Nationalsozialisten über Enteignung sprachen, meinten sie damit die Arisierung jüdischen Eigentums. Sie sprachen sich sehr für das Privateigentum für alle anderen aus.“

Wenn wir uns das Programm der Nationalsozialisten durchlesen, kommt jedoch etwas gänzlich Anderes zum Vorschein. Sein Hauptthema ist, dass das deutsche Volk zu einer kollektiven Einheit zusammengeführt werden muss: Das Allgemeinwohl muss über dem des Individuums stehen. Klassen- und Vermögensunterschiede müssen sich streng dem gesamten Wohl des Deutschen Volkes unterordnen. Die Punkte 10 und 11 des Programmes beinhalten folgendes:

10. Erste Pflicht jeden Staatsbürgers muss sein, geistig oder körperlich zu schaffen. Die Tätigkeit des Einzelnen darf nicht gegen die Interessen der Allgemeinheit verstoßen, sondern muss im Rahmen des Gesamten und zum Nutzen aller erfolgen. Daher fordern wir:

11. Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens. Brechung der Zinsknechtschaft!

Punkt 14 heißt: «Wir fordern Gewinnbeteiligung an Großbetrieben.»

Entscheidend ist Punkt 24:

Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen. Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden. Sie bekämpft den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns und ist überzeugt, daß eine dauernde Genesung unseres Volkes nur erfolgen kann von innen heraus auf der Grundlage:

Gemeinnutz vor Eigennutz

Der großartige österreichische Historiker Erik von Kuehnelt-Leddihn hat die beste Analyse über Hitler und sein NSDAP-Programm in seinem Buch Leftism geliefert. Er betont darin Hitlers Abscheu für die traditionelle deutsche Gesellschaft:

[Hitler] wollte Deutschland in einer kompletten Monotonie aufgehen sehen, in der lokale Traditionen eliminiert, regionale Selbstverwaltung zerstört, die Flaggen der Bundesländer streng verboten, die Differenzen zwischen den christlichen Glaubensrichtungen ausgelöscht, die Kirchen zuerst lahm- und dann gewaltsam zusammengelegt worden sind. Er wollte die Deutschen uniformer gestalten, selbst körperlich, mit gezielten Zuchtprogrammen und der Zerstörung, Sterilisation oder Deportation derjenigen, die von der Norm abwichen. Die Stämme sollten aufhören, zu existieren.

Entgegen dem Eindruck, den Sehon erweckt, sah sich Hitler nicht als ein Fürsprecher der Industrie. In einem Gespräch mit Carl J. Burckhardt, dem Hochkommissar des Völkerbundes in Danzig, nannte sich Hitler einen „Proletarier“.

Sehons Antwort darauf ist, dass Hitler an der Macht kein Radikaler war. Es gab Sozialisten in der NSDAP wie Gregor Strasser, aber Hitler hat sie hinausgeworfen und in vielen Fällen getötet. Er ergab sich dem Großkapital, um an die Macht zu gelangen. Er verstaatlichte nicht die wichtigsten Industrien Deutschlands. Er war kein Sozialist, sondern bevorzugte Privateigentum und Unternehmertum.

Als Antwort auf Sehon erwähnte ich die entscheidende Unterscheidung von Ludwig von Mises zwischen den zwei Arten von Sozialismus. In der einen Art besitzt der Staat die Produktionsmittel. In der anderen gibt es immer noch Privateigentum, aber der Staat sagt den Eigentümern, was zu tun ist. Dies ist eine Form von zentraler Planung und gilt immer noch als Sozialismus, und genau das haben die Nationalsozialisten in die Praxis umgesetzt.

Sehon sagt darauf, dass dies keine genaue Darstellung der nationalsozialistischen Wirtschaft ist, und zitiert einen Artikel von Christoph Buchheim und Jonas Scherner, um seine Behauptung zu untermauern, dass das private Unternehmertum im Dritten Reich eine beträchtliche Autonomie genossen habe. Dank Paul McElroy habe ich jetzt Zugang zu diesem Artikel.

Bevor ich diesen Artikel diskutiere, muss ich jedoch eine weitere wichtige Erkenntnis von Mises erwähnen. Wie sich der Leser vielleicht erinnern wird, hat Mises in seinem berühmten Werk „Wirtschaftsrechnung im Sozialismus“ bewiesen, dass eine vollständig sozialistische Wirtschaft im Chaos zusammenbrechen würde. Wenn dies richtig ist, wie können dann angeblich sozialistische Volkswirtschaften wie Sowjetrussland überhaupt existieren? Als Antwort sagte Mises, dass diese Volkswirtschaften nicht vollständig sozialistisch seien, da sie einen gewissen Spielraum für private Unternehmen zuließen, wenn auch von begrenzter Art. Der Punkt von Mises gilt also sowohl für die deutsche Form des Sozialismus als auch für die russische.

Somit widerlegt das Argument von Buchheim und Scherner, auch wenn wir es akzeptieren würden, die Behauptung von Mises, die nationalsozialistische Wirtschaft sei eine Form des Sozialismus, nicht. Die nationalsozialistische Kontrolle über die Wirtschaft war nicht vollständig, aber die sowjetische Wirtschaft war auch nicht völlig sozialistisch.

Aber sollten wir das Argument von Buchheim und Scherner akzeptieren? Nein, das sollten wir nicht. Es ist eine Antwort auf eine Reihe von Wirtschaftshistorikern, die eine Analyse der nationalsozialistischen Wirtschaft wie die von Mises akzeptieren. Diese Autoren kritisieren insbesondere den Artikel des berühmten MIT-Ökonomen Peter Temin „Soviet and Nazi economic planning in the 1930s“, der hier ab Seite 15 verfügbar ist.

Meiner Meinung nach hat Temin das bessere Argument auf seiner Seite. Buchheim und Scherner erkennen an, dass

Das NS-Regime keine Bedenken hatte, Gewalt und Terror anzuwenden, wenn dies zur Erreichung seiner Ziele als nützlich erachtet wurde. Und in der Wirtschaftspolitik wurde nicht auf zahlreiche Vorschriften und Eingriffe in die Märkte verzichtet, um die Wiederbewaffnung und Autarkie so weit wie möglich voranzutreiben. Indem das Regime 1934 Schachts sogenannten „Neuen Plan“ verkündete, verstärkte es seinen Einfluss auf die Devisen- und Rohstoffzuteilung erheblich, um die staatlichen Prioritäten durchzusetzen. Die Lohnfestsetzung wurde zu einer Aufgabe der Beamten, der Kapitalmarkt war der staatlichen Nachfrage vorbehalten, 1936 wurde ein allgemeiner Preisstopp beschlossen. Außerdem nahm die staatliche Nachfrage beispiellos zu. Zwischen 1932 und 1938 stieg sie mit einer durchschnittlichen Jahresrate von 26 Prozent; ihr Anteil am BSP explodierte in diesen Jahren von 13,6 auf 30,5 Prozent. Infolgedessen waren sowohl der private Konsum als auch die Exporte weitgehend verdrängt.

Aber sie sagen, das sei nicht die gesamte Geschichte:

1. Trotz der weit verbreiteten Rationierung von Mitteln hatten die Unternehmen normalerweise noch genügend Spielraum, um ihre eigenen Produktionspläne zu befolgen. 2. Investitionsentscheidungen in der Industrie wurden durch staatliche Regulierung beeinflusst, aber die Initiative blieb im Allgemeinen bei den Unternehmen. Es gab keine zentrale Planung des Niveaus oder der Zusammensetzung der Investitionen. 3. Selbst in Bezug auf seine eigenen kriegsbedingten Investitionsprojekte setzte der Staat normalerweise keine Macht ein, um die bedingungslose Unterstützung der Industrie sicherzustellen. Vielmehr wurde die Vertragsfreiheit respektiert. Der Staat versuchte jedoch, die Unternehmen dazu zu bewegen, sich gemäß seinen Plänen zu engagieren, indem er ihnen ein ganzes Bündel von Vertragsoptionen zur Auswahl anbot.

Ich denke, dass ihre Vorbehalte ins Leere laufen, wenn man sie im Lichte des Arguments von Mises liest, nämlich, dass eine sozialistische Wirtschaft Raum für private Unternehmen bieten muss. Somit bleibt die Darstellung der nationalsozialistischen Wirtschaft von Mises intakt. In diesem Zusammenhang ist ein Vorfall, den Temin erwähnt, vielsagend:

Im Jahr 1939, auf dem Zenit ihres Einflusses, war Terror immer noch eine potentielle Realität für I.G. Farben. Der Leiter einer der drei Sparten der Firma soll einer Besuchergruppe von Parteibeamten gesagt haben, dass Hitler und Göring „nicht kompetent genug seien, um so etwas beurteilen zu können …“. Der Farben-Direktor wurde dann bei der Gestapo denunziert und ihm wurde mit einem Gerichtsverfahren und einer möglichen Haftstrafe gedroht. Er wurde im Gestapo-Büro langen Verhören unterzogen und musste den örtlichen Nazi-Kreisleiter um Erlaubnis bitten, ihn anrufen zu dürfen, um sich bei ihm zu entschuldigen. Der Nazi-Gauleiter tadelte ihn und sagte, er könne ihn nicht noch einmal vor schwerwiegenderen Konsequenzen schützen.

Sehon argumentiert auch damit, dass die Nationalsozialisten die kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien unterdrückten und viele ihrer Mitglieder in Konzentrationslager schickten und deshalb keine Sozialisten gewesen sein können. Ich schlage vor, dass er nachschaut, was Stalin den Menschewiki und widersprechenden Bolschewiki angetan hat. Sozialisten töten oft ihresgleichen, ein Punkt, an den sich Sehon gut erinnern sollte.

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Aus dem Englischen übersetzt von Mathias Nuding. Der Originalbeitrag mit dem Titel Yes, the Nazis Were Socialists ist am 23.10.2020 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

David Gordon ist Senior Fellow des Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama. Er ist Autor von Resurrecting Marx und An Introduction to Economic Reasoning, sowie Herausgeber zahlreicher Bücher, unter anderem The Essential Rothbard.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: www.br.de

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