Rand Paul liegt richtig, den Nationalsozialismus als Sozialismus zu bezeichnen

26. Oktober 2020 – von David Gordon

In dem in Jacobin online erschienenen Artikel „Nein, die Nationalsozialisten waren keine Sozialisten“ stellt der Philosoph Scott Sehon eine überraschende Behauptung auf. Im Zuge der Kritik einiger Bemerkungen des US-Senators Rand Paul schreibt Sehon:

Paul scheint den Ökonomen Ludwig von Mises zu zitieren:

‚Im Nationalsozialismus gab es, wie Mises behauptet, „ein oberflächliches System des Privateigentums … [sic] aber die Nationalsozialisten behielten sich die zentrale Kontrolle über alle Wirtschaftsentscheidungen vor“. Da Gewinn und Produktion vom Staat kontrolliert wurden, funktionierte die Wirtschaft genau so, als ob der Staat sämtliche Produktionsmittel beschlagnahmt hätte – wirtschaftliche Vorhersagen und Kostenrechnung waren unmöglich. …‘

Es stellt sich heraus, dass Pauls klarste Behauptung über die nationalsozialistische Kontrolle der Wirtschaft anscheinend von ihm selbst erfunden und fälschlich Ludwig von Mises untergeschoben wurde. (Zitatauslassungen und Klammern von Sehon)

Hätte Sehon Mises‘ Ansichten etwas genauer untersucht, hätte er festgestellt, dass Mises tatsächlich der Meinung war, dass Nationalsozialismus eine Form des Sozialismus ist, dessen Merkmal die staatliche Kontrolle der Wirtschaft anstatt des Gemeineigentums ist. So sagt Mises in Im Namen des Staates oder Die Gefahren des Kollektivismus (Seite 56):

Das deutsche und das russische System des Sozialismus haben gemeinsam, dass der Staat die vollständige Kontrolle über die Produktionsmittel ausübt. Er entscheidet, was produziert werden soll und wie. Er teilt jedem Einzelnen einen Anteil der Konsumgüter zur persönlichen Verfügung zu. … Das deutsche System unterscheidet sich vom russischen darin, dass (scheinbar und nominell) die Produktionsmittel in Privatbesitz bleiben, und der Anschein normaler Preise, Löhne und Märkte gewahrt wird. Es gibt jedoch keine Unternehmer mehr, sondern nur noch Betriebsführer. … Der Staat und nicht die Konsumenten bestimmen, was hergestellt wird. Dabei handelt es sich um Sozialismus getarnt als Kapitalismus. Einige äußere Merkmale der kapitalistischen Marktwirtschaft werden erhalten, aber ihre Bedeutung ist eine komplett andere als in einer echten Marktwirtschaft.

David Gordon

Sehon behauptet, diese Ansicht sei falsch und zitiert einen Artikel, zu dem ich noch keinen Zugang erhalten habe, in dem behauptet wird, dass die Wirtschaft im Nationalsozialismus viel Freiheit hatte. Aber in seinem vielgelobten Buch The Wages of Destruction (2007) schreibt der Historiker Adam Tooze folgendes: „Die deutsche Wirtschaft kam wie jede andere moderne Wirtschaft nicht ohne Lebensmittel- und Rohstoffimporte aus. Um dafür zu bezahlen, waren Exporte nötig. Wenn dieser Güterfluss durch Protektionismus und Währungsabwertungen gestört wurde, blieb Deutschland keine andere Wahl, als auf noch mehr staatliche Kontrolle über Im- und Exporte zurückzugreifen, was wiederum noch mehr Eingriffe nötig machten (Seite 113).“ Dies ist genau Mises‘ Argument. Eingriffe in den freien Markt wie Preiskontrollen erreichen nie ihr Ziel. Deshalb führen sie stets zu noch mehr Eingriffen, mit denen der Staat die Situation in den Griff bekommen will, was letztendlich zum Sozialismus führt.

Genau das ist unter den Nationalsozialisten geschehen. Firmen, die den Plänen der neuen Machthaber nur zögerlich folgten, mussten auf Linie gebracht werden. Ein Gesetz erlaubte dem Staat die Errichtung von Zwangskartellen. 1936 hatte der Vierjahresplan unter der Leitung von Hermann Göring die deutsche Wirtschaft komplett verwandelt. „Am 18. Oktober [1936] ernannte Hitler Göring formell zum Generalbevollmächtigten für den Vierjahresplan. In den folgenden Tagen erließ Göring Dekrete, die ihm die Verantwortung für fast jeden wirtschaftspolitischen Bereich übertrugen, inklusive der Kontrolle der Wirtschaftspresse.“ (Tooze 2007, Seite 223 – 224)

Sehon sagt, es gab Sozialisten in der NSDAP – im wesentlichen Gregor Strasser und desen Bruder Otto – , aber ihr Einfluss wurde mit den Säuberungen dieses Parteiflügels in der Nacht der langen Messer 1934 beendet. (Tatsächlich war Otto eher ein Sozialist als sein Bruder Gregor, und letzterer verwarf die Ansichten seines Bruders als zu radikal.) Dies ist nicht ganz richtig. Er ignoriert, dass Joseph Goebbels, der einflussreiche Propagandaminister, stark sozialistische Ansichten pflegte – trotz seiner Abneigung gegen Strasser.

So schreibt George Watson:

Am 16. Juni 1941, fünf Tage vor Hitlers Überfall auf die Sowjetunion, ließ sich Goebbels in seinem privaten Tagebuch über den Sieg über den Bolschewismus aus, der bald folgen würde. Der Zar würde nach der Eroberung Russlands nicht wieder eingesetzt, aber der jüdische Bolschewismus würde durch ‚echten Sozialismus‘ ersetzt werden. Goebbels log vermutlich oft, aber sicher nicht in seinem privaten Tagebuch. Und bis zum Ende war er überzeugt, der Nationalsozialismus sei der echte Sozialismus.

In seinem Artikel kritisiert Sehon Watson ausführlich dafür, dass er sich auf ein Buch Otto Wageners beruft, eines Nationalsozialisten, der 1932 seiner Ämter enthoben wurde, aber er erwähnt nicht Watsons Zitat aus Goebbels‘ Tagebuch.

Goebbels war unter den Nationalsozialisten in Machtpositionen mit seinen radikalen Ansichten sicher nicht allein. Ferdinand Zimmermann, ein wichtiger nationalsozialistischer Wirtschaftsplaner, schrieb vor der Machtergreifung unter dem Pseudonym Ferdinand Fried für das Magazin Die Tat, deren Herausgeber Hans Zehrer war – ein führendes Mitglied einer Gruppe nationalistischer Intellektueller, bekannt als Tatkreis. Fried war ein entschiedener Gegner des Kapitalismus und beschrieb diesen mit fast marxistischen Begriffen.

Wilhelm Roepke schrieb eine vernichtende zeitgenössische Kritik Frieds, die unter dem Namen Against the Tide (Regnery, 1969) erhältlich ist. Eine der besten wissenschaftlichen Darstellungen der Ansichten von Fried, einschließlich der Beschreibung einiger seiner Aktivitäten im Nationalsozialismus, findet man in Walter Struves Elites against Democracy: Leadership Ideals in Bourgeois Political Thought in Germany, 1890 – 1933 (Princeton University Press, 1973). 

Sehon stellt in seinem Artikel eine weitere falsche Behauptung auf:

Paul schließt von der unleugbaren Tatsache, dass die Nationalsozialisten den Sozialismus im Parteinamen führten, darauf, dass sie tatsächlich Sozialisten waren. Damit dieser Schluss stimmt, ist ein Zwischenschluss nötig: Wenn eine Organisation ein Adjektiv im Namen führt, so beschreibt dieses Adjektiv sie korrekt.

Wenn Senator Paul das wirklich glaubt, müsste er auch das ehemalige Ostdeutschland und Nordkorea als Demokratien anerkennen, weil die Deutsche Demokratische Republik und die Demokratische Volksrepublik Nordkorea beide das Adjektiv ‚demokratisch‘ im Namen führen.

Sehon hat recht, dass das Wort „sozialistisch“ alleine uns nicht viel sagt. Aber leider kommt es ihm nicht in den Sinn, nachzuforschen, was die Nationalsozialisten damit gemeint und warum sie es verwendet haben.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel Rand Paul Is Right about the Nazis and Socialism ist am 16.10.2020 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

David Gordon ist Senior Fellow des Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama. Er ist Autor von Resurrecting Marx und An Introduction to Economic Reasoning, sowie Herausgeber zahlreicher Bücher, unter anderem The Essential Rothbard.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: youtube

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