Mehr Pluralismus in der Volkswirtschaftslehre: Chance und Gefahr zugleich

2. Oktober 2020 – Interview mit Dr. Karl-Friedrich Israel, Assistenzprofessor an der Katholischen Universität des Westens in Angers, Frankreich.

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Herr Israel, Sie haben unter anderem Volkswirtschaftslehre studiert und sind Assistenzprofessor an der Katholischen Universität des Westens in Angers, Frankreich. Wie sehen Sie die Diskussionen der letzten Jahre, die geprägt sind von der Forderung nach mehr Pluralismus in der Ökonomik?

Karl-Friedrich Israel

Als Anhänger der Österreichischen Schule, die ja nun selbst eine heterodoxe und unterrepräsentierte Strömung in den Wirtschaftswissenschaften ist, kann ich die Forderung nach Pluralismus grundsätzlich begrüßen. Meine Hoffnung wäre, dass diese Forderung auch der Österreichischen Schule wieder ein größeres Fenster öffnet. Außerdem lebt jede Disziplin vom Austausch der Ideen und Argumente. Wenn man es also schafft, die von vielen liebgewonnenen, aber unbegründeten Vorurteile der modernen Ökonomik mit der Forderung nach Pluralismus wieder einer kritischen Diskussion zu unterziehen, so wäre das schon ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings besteht auch die Gefahr, dass man sich mit dem Ruf nach Pluralismus der Diskussion entzieht, statt sich ihr zu stellen.

Sich mit der Forderung nach Pluralismus der Diskussion zu entziehen, das klingt widersprüchlich…

Es klingt in der Tat widersprüchlich, ist es aber nicht. Die Vertreter der herrschenden Meinung entziehen sich gelegentlich der Diskussion mit dem Verweis darauf, dass die anderen Positionen nur von Außenseitern vertreten werden. Der Ruf nach Pluralismus kann dabei helfen, diese Form der Diskussionsverweigerung aufzubrechen. Allerdings ist Pluralismus an sich nicht immer wünschenswert. Die Forderung nach Pluralismus führt manchmal auch dazu, dass man vergisst, dass es für viele Fragen eine richtige und viele falsche Antworten gibt – auch wenn es uns nicht immer gelingt, richtig von falsch sauber zu trennen. Man sollte die vielen falschen Antworten dann nicht einfach im Namen des Pluralismus tolerieren, sondern mit Argumenten entkräften. Aber gerade diesen Argumenten kann sich dann auch ein Vertreter der Außenseitermeinung unter dem Deckmantel des Pluralismus entziehen, indem er sagt: „Das ist halt meine Position. Wir haben Pluralismus …“

Gibt es im Rahmen dieser Diskussionen Anzeichen dafür, dass die Methodologie der herrschenden Volkswirtschaftslehre infrage gestellt wird?

Ja die gibt es. Die gesamte Diskussion um den Pluralismus ist eng mit der Tatsache verbunden, dass die herrschende Volkswirtschaftslehre 2007/2008 einmal mehr im Blindflug in eine große Wirtschaftskrise gesegelt ist. Da hat sich die Frage nach alternativen Ansätzen aufgedrängt und insbesondere die Frage nach alternativen Forschungsmethoden. Es hat sich gezeigt, dass hinter dem aufwändig gemessenen Datenmaterial einiges im Verborgenen bleibt, und dass Krisen auch dann überraschend ausbrechen können, wenn die meisten gängigen makroökonomischen Indikatoren noch keine Warnung vermelden. Die Reaktion ist allerdings zweigeteilt. Viele Ökonomen fordern schlichtweg bessere und genauere empirische Verfahren sowie eine sorgfältige empirische Überprüfung der herrschenden Theorien. Andere wiederum stellen die Empirie grundsätzlich infrage, wenn es darum geht wirtschaftspolitische Entscheidungen zu treffen. Zu letzteren gehören auch die Vertreter der Österreichischen Schule.

Würden Sie unseren Leserinnen und Lesern den markantesten Unterschied beschreiben, der Österreicher und die herrschende Volkswirtschaftslehre trennt?

Mit den Arbeiten von Ludwig von Mises hat sich die Österreichische Schule explizit einem methodologischen Dualismus verschrieben. Dieser steht im Gegensatz zum weitverbreiteten methodologischen Monismus, welcher davon ausgeht, dass die Methoden der Naturwissenschaften, also die empirische Hypothesenbildung und Falsifizierung, prinzipiell auch in den Sozialwissenschaften anwendbar sind. Das hat Mises abgelehnt. Zumindest sah er es als eine praktische Notwendigkeit an, dass wir in den Sozialwissenschaften und insbesondere der Ökonomik anders vorgehen. Er war der Ansicht, dass sich viele der entscheidenden Variablen in der Ökonomik nicht messen und beobachten ließen. Und noch viel weniger könne man sie konstant halten, um bestimmte Effekte zu isolieren und empirisch zu prüfen. Mathematisch-empirisch orientierte Ökonomen stellen oft mit Bedauern fest, dass es einfach zu viele Variablen gibt, die sich ständig ändern. Das Wirtschaftssystem ist komplex. Es gäbe zu wenig konstante Größen und das erschwere das naturwissenschaftliche Vorgehen, mache es aber nicht grundsätzlich unmöglich. Mises behauptete hingegen, dass es im Wirtschaftsleben überhaupt keine konstanten Größen gebe. Es gäbe nur variable Größen und sich ständig ändernde Verhältnisse. Alle relevanten empirischen Messungen liefern lediglich historische Informationen, also Informationen über die spezifischen Verhältnisse in der Vergangenheit. Sie können aber nicht zur Prüfung von allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten herangezogen werden.

Was lässt sich auf Basis von Mises‘ Erkenntnissen über die Prognosemodelle der ‚mathematisch-empirisch orientierten Ökonomen‘ aussagen?  

Die wesentliche Erkenntnis ist, dass gute Prognoseergebnisse eines Modells über einen gewissen Zeitraum unter bestimmten Voraussetzungen keinerlei Sicherheit darüber geben, ob die gute Performance des Modells auch in der Zukunft und unter anderen Voraussetzungen weiterhin Bestand haben wird. Man sollte also nicht zu viel Vertrauen in ein Modell stecken, nur weil es über einen bestimmten Zeitraum zuverlässige Prognosen abgegeben hat. Außerdem kann es auch sein, dass ein Modell mit schlechten Prognoseergebnissen in der Vergangenheit verworfen wird, obwohl es vielleicht einen wahren Kern enthält und die Wirtschaftspolitik in der Zukunft sehr viel besser leiten würde als andere Modelle. Es besteht also eine doppelte Gefahr. Schlechte Modelle können an Bedeutung gewinnen, nur weil sie über einen gewissen Zeitraum genaue Prognosen geliefert haben. Und gute Modelle können verworfen werden, wenn sie untauglich sind, genaue empirische Prognosen abzugeben. Das Vertrauen, das man in die Modelle mit guten Prognoseergebnissen legt, wird aber regelmäßig enttäuscht.

Die Gefahr des Modellversagens in der Zukunft wird umso größer, je expliziter und genauer ein Modell versucht, umfassende empirische Prognosen über die Wirkung politischer Eingriffe in den Wirtschaftskreislauf zu machen, d.h. je politikrelevanter es vorgibt zu sein. Früher oder später wird es sowohl Ökonomen als auch die Entscheider der Wirtschaftspolitik in die Irre führen. Dann werden Politikeingriffe durchgeführt, die früher und unter anderen Bedingungen noch gegriffen haben, deren Effekte heute aber unerwartete Nebenwirkungen zeitigen.

Welche Rolle spielt hier jetzt der Mensch, der steht bei Mises ja absolut im Mittelpunkt?

Das geschilderte Problem tritt genau deswegen zutage, weil diese Modelle versuchen, Phänomene oder Variablen vorherzusagen, deren Ursache der Mensch bzw. sein Handeln ist. Das menschliche Handeln und Entscheiden verursacht all das Wesentliche, was in einer Wirtschaft geschieht und gemessen werden kann, also etwa Variablen wie das BIP oder die Preisinflation. Aber das Handeln und Entscheiden der Menschen ist selbst nicht deterministisch bestimmbar bzw. naturwissenschaftlich greifbar, zumindest noch nicht. Mises lässt die große philosophische Frage nach der Willensfreiheit eigentlich offen. Nach gegenwärtigem Stand des Wissens bleibt uns aber nach Mises nichts anderes übrig, als das Handeln des Menschen als eine Ursache in sich zu sehen, die nicht selbst vollständig durch äußere Faktoren bestimmt wird. Dem Handeln unterliegt gewissermaßen eine nicht vorhersehbare Spontanität und diese überträgt sich natürlich auf die messbaren Effekte des menschlichen Handelns, also zum Beispiel auf die besagten Variablen des BIP und der Preisinflation. Deswegen können wir diese Variablen niemals zuverlässig vorhersagen. 

Was heißt das in der Praxis? Kann man daraus schließen, dass der Ansatz des methodologischen Monismus zu immer mehr Interventionismus führt?

Ja, in der Tendenz ist es so, dass viele Staatseingriffe auf Basis dieses Ansatzes gerechtfertigt werden. Man macht sich dann gewissermaßen das Prestige der Naturwissenschaften zunutze und suggeriert, dass man mit harter empirischer Evidenz genauso gut den Konjunkturzyklus glätten könne wie ein Physiker den Gleichstrom. Das Problem an diesem Ansatz ist also, dass er oft dazu verleitet, sich zu viel Wissen anzumaßen. Er verführt deshalb zum Staatsinterventionismus.

Die Frage, die sich nun stellt, ist: wie findet der Dualismus Einzug in die herrschende Volkswirtschaftslehre? In einem Artikel kürzlich schrieben Sie, die Ablehnung des methodologischen Monismus durch Mises hätte viele Ökonomen nicht überzeugt. Und seine Rechtfertigung sei wohl auch nicht ausreichend gewesen …

Das kann letztendlich nur über bessere Argumente geschehen. Mises hat sicherlich bahnbrechendes geleistet, auch und insbesondere in seinem Spätwerk „Theorie und Geschichte“ und „Die Letztbegründung der Ökonomik“ zur Erkenntnistheorie und Methodologie der Wirtschaftswissenschaften. Aber vielleicht war sein Argument gegen den Monismus einfach nicht überzeugend genug. Warum genau gibt es keine Konstanten im menschlichen Handeln? Wenn man es genau nimmt, hat Mises seine Behauptung nicht weiter begründet. Er hat lediglich darauf beharrt, dass wir aus praktischen Erwägungen davon ausgehen müssen, dass es so ist. Genau hier aber knüpfen die Arbeiten Hans-Herrmann Hoppes an. Mit ihnen wurde das Mises’sche Argument auf ein solideres Fundament gesetzt.

Würden Sie das bitte näher ausführen? Was hat Hans-Hermann Hoppe der Argumentation von Mises hinzugefügt?

Professor Hoppe hat Mises‘ Position systematisch rekonstruiert und gezeigt, dass die notwendigen Voraussetzungen für den naturwissenschaftlichen Forschungsansatz von empirischer Hypothesenbildung und -Falsifizierung in der Ökonomik nicht erfüllt sind. Die notwendige Voraussetzung ist die Konstanz zwischen empirisch messbaren Ursachen und empirisch messbaren Wirkungen. Wann immer die gleiche Konstellation von ursächlichen Faktoren vorliegt, müssen die gleichen Effekte auftreten, und wann immer unterschiedliche Effekte zu verzeichnen sind, muss es auch einen Unterschied in den messbaren ursächlichen Faktoren gegeben haben. Nur wenn dieses Prinzip – das sogenannte Konstanzprinzip – erfüllt ist, kann man sich über das Falsifizieren von Hypothesen sukzessive der Wahrheit annähern, genau so wie es der naturwissenschaftliche Ansatz verspricht. Dieses Prinzip ist aber nicht erfüllt, wenn wir die möglichen Ursachen und Wirkungen menschlichen Handelns ins Auge fassen. Warum? Weil der Mensch lernfähig ist.

Hoppe hat eine Idee Karl Poppers aufgegriffen, der mit der Lernfähigkeit des Menschen die Positionen von Oswald Spengler und Karl Marx widerlegte, die davon ausgingen, dass es möglich sei, auf wissenschaftliche Art und Weise den Lauf der Geschichte vorherzusagen. Das geht nicht, weil der Lauf der Geschichte vom zukünftigen menschlichen Wissen abhängt, man das zukünftige menschliche Wissen aber selbst nicht vorhersagen kann. Wenn man das könnte, müsste man ja heute schon wissen, was der Mensch in der Zukunft „lernen“ wird – und dann würde der Mensch es nicht erst lernen, sondern wüsste es schon. Man kann also nicht vorhersagen, was man lernen wird.

Hoppe erkannte, dass sich dieses Argument auch auf die Methodologie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften anwenden lässt. Der monistische Ansatz in diesen Forschungsgebieten versucht ja, die messbaren Effekte menschlichen Handelns – beispielsweise BIP Wachstum, Preisinflation etc. – vorherzusagen. Diese aber hängen vom menschlichen Wissen ab, dass nicht vorhergesagt werden kann, weil der Mensch lernfähig – und natürlich auch verlernfähig ist. Das Konstanzprinzip wird also durch die nicht vorhersagbare Veränderung menschlichen Wissens aufgehoben. Insbesondere lässt sich ja auch nicht vorhersagen, was die Forschungsbemühungen der Ökonomen zutage fördern, und welche Rückkopplungseffekte deren richtige und falsche Thesen auf das Wirtschaftssystem haben.

Das werden die meisten Ökonomen gar nicht gerne hören …

Nun, es scheint nicht so zu sein, als würde es sie aus der Bahn werfen. Die typische Reaktion auf diese Argumentation ist: „Das ist ja alles schön und gut. Dann gilt das Konstanzprinzip halt nicht in diesem absoluten Sinne. Aber empirische Forschung ist trotzdem das einzige, was uns weiterbringen kann … “

Die Frage ist dann natürlich: weiterbringen, bei was genau? Wenn es um den unbefangenen Erkenntnisgewinn geht, dann haben uns die Arbeiten von Mises und Hoppe sehr wohl weitergebracht. Wenn es darum geht Wirtschaftspolitik zu machen, dann tragen derlei methodologische und erkenntnistheoretische Erwägungen zumindest nicht unmittelbar dazu bei. Politik macht sich besser mit Statistiken als mit abstrakten Argumenten. Aber in der Statistik, genau wie in der Politik, wird die Wahrheit manchmal verfälscht. Vielleicht passen sie deshalb so gut zusammen.

Vielen Dank, Herr Israel.

Das Interview wurde per e-mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

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Nachfolgend sehen Sie einen Vortrag von Dr. Karl-Friedrich Israel im Rahmen des Ludwig von Mises Seminar 2020 am 13. und 14. März 2020 in der Stadthalle Kronberg/Taunus. Der Vortrag behandelt das Buch „Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung“ von Hans-Hermann Hoppe aus dem Jahr 1983. Das Thema des Seminars lautete: „Die Österreichische Schule der Nationalökonomie – 12 Vorlesungen über bahnbrechende Bücher und Ihre Bedeutung“.

 

Dr. Karl-Friedrich Israel ist Assistenzprofessor an der Katholischen Universität des Westens in Angers, Frankreich. Er hat Volkswirtschaftslehre, Angewandte Mathematik und Statistik an der Humboldt-Universität zu Berlin, der ENSAE ParisTech und der Universität Oxford studiert. Er wurde 2017 an der Universität Angers bei Professor Dr. Jörg Guido Hülsmann promoviert und unterrichtete dort an der Fakultät für Recht und Volkswirtschaftslehre von 2016 bis 2018 als Dozent. Von 2018 bis 2020 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Adobe Stock

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