Wie kann die Wirtschaftskrise nach dem Lockdown überwunden werden?

10. Juni 2020 – von Antony P. Mueller  

Antony P. Mueller

Während es relativ einfach ist vorauszusehen, dass die „Post-Corona“-Wirtschaft zumindest über einen längeren Zeitraum unter hoher Arbeitslosigkeit leiden wird, sind die Aussichten für die Preisinflation nicht so sicher. Einerseits wird es hohe Staatsdefizite und mehr Staatsverschuldung geben, andererseits könnten Verbraucher und Unternehmen angesichts einer schwachen Wirtschaft davon absehen, neue Schulden aufzunehmen und anfangen, ihre Schuldenlast eher zu senken.

Geldpolitische Expansionspolitik am Ende

Im Unterschied zum gängigen Sprachgebrauch bezeichnet „Inflation“ in der Perspektive der Österreichischen Schule der Nationalökonomie die  Aufblähung der Geldmenge. Steigende Preise sind nicht Ursache, sondern die Folge der Geldmengenerhöhung. Allerdings verwandelt sich nicht jede monetäre Expansion unmittelbar in eine Preisinflation. Es kann vorkommen, dass das sogenannte „Preisniveau“ zwar stabil bleibt, es jedoch zu drastischen Verschiebungen innerhalb des Warenkorbs an Gütern und Dienstleistungen kommt.

Aufgrund der immensen Störungen durch das Herunterfahren der Wirtschaft und der Anweisung zur sozialen Distanzierung („Lockdown“) stehen große Strukturveränderung im Wirtschaftsleben an, wovon auch die Nachfrage nicht unberührt bleibt.  Aus dem statistischen Warenkorb werden mehr Güter und Dienstleistungen als gewöhnlich herausgenommen, und für diejenigen Produkte, die im Warenkorb verbleiben, können die Preise stark voneinander abweichen. Bei einigen Gütern und Dienstleistungen werden extreme Preiserhöhungen auftreten, während bei anderen die Preise eher fallen.

Mehr noch als schon in der Vergangenheit wird die Statistik des Preisindex falsche Signale über das Ausmaß der Preisinflation liefern. Wenn die Preise für einige Waren exorbitant steigen und dementsprechend weniger nachgefragt werden, gehen sie in den statistischen Warenkorb mit einem geringeren Gewicht ein und können ganz wegfallen, weil sie für den Normalverbraucher zu teuer geworden sind. Noch mehr als in der Vergangenheit wird die Preisinflation, gemessen am statistischen Preisindex, kein verlässlicher Leitfaden für die Geldpolitik mehr sein – falls dies jemals der Fall war.

Mehr als in der Vergangenheit wird jeder einzelne, je nach seiner persönlichen Nachfragestruktur, eine von anderen Nachfragern abweichende Rate der Preisinflation haben. Verschiedene gesellschaftliche Gruppen werden nicht nur von der Arbeitslosigkeit unterschiedlich betroffen sein, sondern auch von den Preisveränderungen. Als Indikator für die Geldpolitik wird die Richtlinie der sogenannten „Preisstabilität“ immer weniger aussagefähig. Dasselbe gilt für die offizielle Arbeitslosigkeit. Die Verwerfungen, die der Lockdown mit sich gebracht hat, treffen die Segmente des Arbeitsmarktes in sehr unterschiedlicher Weise.

Zur Abfederung der Folgen des Herunterfahrens der Wirtschaft und der sozialen Isolierung haben die Währungsbehörden einen riesigen Geldbetrag in Form von Zentralbankgeld freigesetzt. Eine solche Politik wurde in der Vergangenheit bereits als Reaktion auf die Finanzkrise von 2008 durchgeführt und als sogenannte „quantitative Lockerung“ praktiziert.

Als Antwort auf die Krise von 2008 stieg die Aktivseite der US-Notenbank (FED) von rund 0,8 Billionen US-Dollar bis 2014 auf über vier Billionen US-Dollar.  Als Reaktion auf die Folgen des Lockdowns von 2020 hat die amerikanische Notenbank erneut ein monetäres Feuerwerk gezündet, so dass die Gesamtbilanz der amerikanischen Zentralbank zu Beginn des Juni 2020 auf über sieben Billionen US-Dollar gestiegen ist. Desgleichen erreichten für den Euroraum die Aktiva der Europäischen Zentralbank (EZB)  im April 2020 5,3 Billionen Euro.

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Die Wirtschaftskrise in der Folge der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie hat nun diese Politik der Ausweitung der Zentralbankgeldmenge noch mehr beschleunigt. Der Lockdown brachte die Wirtschaft fast in der ganzen Welt zum Erliegen und beeinträchtigt massiv die Produktion in vielen Unternehmensbereichen. Derzeit erwartet der Internationale Währungsfonds, dass die weltweite Produktion im Jahr 2020 um drei Prozent schrumpfen wird.  Mit der Begründung, dass die Aussichten zu unsicher seien, hat die amerikanische Regierung von der Veröffentlichung einer eigenen Prognose zur weiteren Wirtschaftsentwicklung abgesehen. Man fürchtet wohl, dass die Daten zum Wirtschaftswachstum und zur Beschäftigung Schockwellen auslösen würden.

Die Zentralbank erweitert ihre Aktivseite, wenn sie Kredite an Geschäftsbanken vergibt oder Vermögenswerte kauft. In der Vergangenheit beschränkte sich die sogenannte Offenmarktpolitik auf Staatsanleihen. Mit dem Kauf von staatlichen Schuldtiteln finanziert die Notenbank so indirekt die öffentlichen Haushalte.

Wenn die Zentralbank Kredite an Geschäftsbanken gibt, bedeutet dies jedoch nicht notwendigerweise, dass dieses neu geschaffene Geld in die Hände von Unternehmen und Verbrauchern gelangt. Wenn die Nachfrage nach Krediten gering ist und die Geschäftsbanken ein erhöhtes Ausfallrisiko annehmen oder weil sie sich bereits schon in einem prekären Zustand befinden, werden sie das von der Zentralbank angebotene Geld als Polster verwenden und statt der Kreditvergabe dient dieses Geld von der Zentralbank dann als Geldkissen der Geschäftsbank. Auf diese Weise besteht die Kreditvergabekapazität der Geschäftsbank nur als Potenzial und wird nicht tatsächlich genutzt.

Dieses Phänomen der Kreditzurückhaltung tauchte schon in der Zeit nach der Krise von 2008 auf. Trotz massiver geldpolitischer Impulse durch die Notenbanken ist eine weltweite Preisinflation ausgeblieben. Das Geld floss nicht in die Produktionswirtschaft und Güternachfrage, sondern verblieb großenteils im Finanzsektor und hat als Reserve der Geschäftsbanken gedient und darüber hinaus zu den Preissteigerungen bei Anleihen und Aktien beigetragen sowie die Immobilienmärkte angetrieben.

Auch in der Zeit nach dem Lockdown werden wohl über einen längeren Zeitraum die Auswirkungen der Schaffung von Basisgeld durch die Zentralbank möglicherweise nicht als Kreditvergabe und in Bezug auf die Gesamtnachfrage in Erscheinung treten. Die derzeitige geldpolitische Expansionspolitik birgt jedoch die Gefahr, dass das, was bislang noch als bloßes Potenzial besteht, gleichsam über Nacht zu einer Lawine werden kann, die sich auf die reale Wirtschaft plötzlich niederwälzt. Bis es zum Dammbruch kommt, mag es für den oberflächlichen Beobachter und für große Teile der Bevölkerung so erscheinen, als ob nichts zu befürchten wäre und die Leiter der Notenbanken die Sachlage unter Kontrolle hätten.

Der andere Weg, wie Geld in die Volkswirtschaft gelangt, ist der Kauf von Vermögenswerten durch die Zentralbanken. Während in der Vergangenheit das Spektrum der Vermögenswerte, die die Zentralbanken kaufen konnten, auf Staatsanleihen beschränkt war, hat sich das Spektrum erweitert und man ist dabei, es auf private Schuldtitel auszuweiten – ganz zu schweigen von der Möglichkeit einer direkten Finanzierung der Staatsausgaben. Die sogenannte Moderne Geldtheorie (MMT) liefert explizit die Rechtfertigung zur direkten Staatsfinanzierung mittels eigener Gelschöpfung durch die Regierung. Es muss nicht lange erklärt werden, dass die Befolgung dieser Theorie der Misswirtschaft Tür und Tor öffnet.

Es wäre katastrophal, die zur Überwindung der Finanzkrise von 2008 eingeführten Maßnahmen fortzusetzen und sogar noch zu verstärken. In der Vergangenheit hat sich diese Politik nicht günstig auf das Wirtschaftswachstum ausgewirkt. Während die Reallöhne kaum zunahmen, katapultierte der Niedrigzins die Preise für finanzielle Vermögenswerte auf ein neues Niveau. Nicht der Kapitalismus ist für die daraus resultierende steigende Vermögensungleichheit verantwortlich, sondern schuldig ist die Geldpolitik der FED und der Europäischen Zentralbank (EZB).

Die Alternative der Österreichischen Schule

Bevor die Lawine losbricht, wird die Geldschöpfung der Zentralbank weder die Realwirtschaft in Bezug auf die Produktion noch die Geldwirtschaft in Bezug auf die Preise merklich beeinflussen. Nach dem Leitmodell der modernen Zentralbanken kommt es darauf an, dass „Preisstabilität“ in dem Sinne besteht, dass der Preisindex sich im vorgegebenen Kanal der inflationären Zielsetzung bewegt. Die monetäre Akkumulation als Potenzial wird nicht beachtet und dementsprechend ignoriert, dass eine Hyperinflation als allgegenwärtige Möglichkeit besteht und sich jederzeit realisieren kann. Dabei ist aber das monetäre Potenzial der Preisinflation, das sich in den letzten zwölf Jahren angesammelt hat, so groß, dass eine Kontrolle unerreichbar geworden ist, wenn die Lawine einmal ins Rollen kommt.

Unabhängig von den Unterschieden in ihren Details sind die politisch einflussreichen makroökonomischen Schulen interventionistisch ausgerichtet. Diese Lehrmeinungen sind deshalb für die Politik so attraktiv, weil sie davon ausgehen, dass die Marktwirtschaft permanent auf Staatslenkung angewiesen sei. Für diese Ökonomen braucht die Wirtschaft immer Führung, Kontrolle und Lenkung. Indem sie die Marktwirtschaft für dauerhaft krank erklären, rücken sich die interventionistischen Ökonomen in die Rolle des wissenschaftlich ausgewiesenen Retters. Bei den Notenbanken und in den diversen Ministerien und Regulierungsstellen finden diese Sozialingenieure dann ihre begehrten und hochbezahlten Arbeitsplätze.

Die Menge an nationalen und internationalen Einrichtungen, denen die heimische und globale Wirtschaftslenkung obliegt, stellen gleichsam die Kliniken dar, in denen die Ökonomen als Heilsbringer tätig sind. Sie rechtfertigen ihr Tun mit dem Mantra, dass die Volkswirtschaft laufend an schweren Krankheiten leidet und immer dem Risiko des plötzlichen Todes ausgesetzt sei, so dass nur eine ständige Beobachtung des Patienten und aktive Eingriffe das wirtschaftliche Leben erhalten.

Die österreichische Wirtschaftslehre hat eine andere Perspektive. Für diese Denker ist die Wirtschaft dynamisch selbstregulierend. Die Verbraucher sind bestrebt, ihre Situation zu verbessern, und die Unternehmer sind wachsam, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. In einem wettbewerbsorientierten Markt bietet das Preissystem die Kontrolle und nötige Orientierung, und umfassende Eingriffe durch die Regierung und ihre Zentralbanken ist nicht nur nicht notwendig, sondern schädlich für den Wohlstand.

In dieser Perspektive ist Innovation der Schlüssel zur Prosperität. Der technische Fortschritt steigert die Produktivität und bildet die Grundlage für steigende Löhne und mehr Freizeit. Über Sparen werden die Mittel bereitgestellt, die der Kapitalakkumulation dienen, den Menschen von mühsamer Arbeit immer mehr befreien und mittels der Umwegproduktion den Arbeitsertrag erhöhen.

Der wirtschaftliche Fortschritt hat jedoch den Preis, dass die „kreative Zerstörung“ in Kauf genommen werden muss. Dies bedeutet, dass Produktionsstätten und Fertigkeiten obsolet werden und vom Markt ausgeschieden werden, um dem besseren Neuen Platz zu machen. Die große Herausforderung des Kapitalismus besteht darin, dass fast jeder die Vorteile des technologischen Fortschritts genießen möchte, ein großer Teil der Gesellschaft jedoch die Kosten des Fortschritts vermeiden will und sich dem Wandel zugunsten des Status quo widersetzt. Wenn diese Gruppen politischen Einfluss und Macht erlangen, ist die Wirtschaft zur Stagnation verdammt. Wenn einmal die Abwärtsspirale von Intervention und sich verschlechternder Wirtschaftsleistung in Gang gekommen ist, ist der Sturz in die Verarmung kaum noch aufzuhalten.

Fazit

Das Herunterfahren der Wirtschaft und der Zwang zur sozialen Isolierung hat zu wirtschaftlichen Zerstörungen in großem Ausmaß geführt. Nicht nur sind Arbeitsplätze vernichtet worden, auch eine Aufzehrung des Kapitals hat stattgefunden und die politischen Maßnahmen haben zu vielen Rissen in der filigranen Vernetzung des arbeitsteiligen Wirtschaftens geführt.

Nach dem großen Irrtum, der mit dem unwirksamen Lockdown begangen wurde, ist man – nicht nur in Deutschland – nun dabei, einen weiteren Fehler zu begehen. Mehr Staatsausgaben und noch niedrigere Zinssätze werden den Aufschwung nicht beschleunigen, sondern nach einem kurzen Strohfeuer die Antriebskräfte lähmen.

Die bevorstehende Herausforderung erfordert den Wiederaufbau der Kapitalstruktur und die Wiederherstellung der globalen Zusammenarbeit. Diese Zielsetzung erfordert nicht mehr Verbrauch, wie es die Regierungen derzeit anreizen, sondern mehr Sparen und neue Investitionen.

Um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Lockdowns zu überwinden, empfiehlt die österreichische Schule der Nationalökonomie das Gegenteil der heute geltenden offiziellen Wirtschaftspolitik. Anstatt mit dem vergeblichen Mittel von niedrigen oder negativen Zinssätzen zu versuchen, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, sollte die Wirtschaftspolitik ein politisches Umfeld bieten, das Ersparnisse fördert, zu Innovationen anreizt und der Privatinitiative Raum gibt.

Die Geldpolitik sollte aufhören, den Zinssatz von einem zentralem Planungsausschuss festlegen zu lassen, und es stattdessen dem Markt überlassen, den richtigen Zinssatz zu finden. Die Finanzpolitik muss die Praxis der Defizitausgaben stoppen. Mehr Staatsverschuldung bringt nicht mehr Wirtschaftswachstum, sondern Stagnation, weil sie Ersparnisse und Investitionen behindert. Statt mehr Intervention ist mehr Laissez-Faire die Antwort auf die Krise.

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Antony P. Mueller hat jüngst bei Amazon die Taschenbücher „Kapitalismus ohne Wenn und Aber“ und „Feinde des Wohlstands“ veröffentlicht. Im Juli dieses Jahres ist eine erweiterte Ausgabe seines Traktats „Principles of Anarcho-Capitalism and Demarchy“ erschienen.

Dr. Antony P. Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Er ist Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA, des Mises Institut Brasilien und Senior Fellow des American Institute of Economic Research (AIER). Außerdem leitet er das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Adobe Stock

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