Kein Lockdown: Die schreckliche Polio-Pandemie 1949-1952

13. Mai 2020 – von Jeffrey Tucker

Jeffrey Tucker

Der Zweite Weltkrieg war vier Jahre zuvor zu Ende gegangen und die USA versuchten, zu Frieden und Wohlstand zurückzukehren. Preiskontrollen und Rationierungen wurden beendet. Der Handel erholte sich. Das normale Leben nahm wieder Einzug. Die Wirtschaft begann anzulaufen. Die Menschen blickten zuversichtlich in die Zukunft. Harry Truman wurde zum Symbol einer neuen Normalität. Nach Depression und Krieg war die Gesellschaft auf dem Weg der Besserung.

Wie um daran zu erinnern, dass immer noch Bedrohungen für Leben und Freiheit vorhanden waren, erschien ein alter Feind: Polio. Es ist eine Krankheit, die die Menschheit schon lange mit ihrer schrecklichsten Wirkung, der Lähmung der unteren Gliedmaßen, heimsucht. Sie verstümmelte Kinder, tötete Erwachsene und versetzte jeden in große Angst.

Polio ist auch ein Beispiel dafür, dass in der Vergangenheit gezielte und lokal begrenzte politische Maßnahmen erfolgreich ergriffen wurden, aber das Herunterfahren aller gesellschaftlichen Aktivitäten noch nie zuvor angewendet wurde. Es wurde nicht einmal als Option in Betracht gezogen.

Polio war keine unbekannte Krankheit: Ihr grausamer Ruf war mehr als verdient. Bei dem Ausbruch von 1916 gab es in den USA 27.000 Erkrankte und mehr als 6.000 Todesfälle aufgrund von Polio, 2.000 davon in New York City. Nach dem Zweiten Krieg hatten die Menschen noch lebhafte Erinnerungen an dieses Grauen. Die Menschen waren es auch gewohnt, ihr Verhalten anzupassen. 1918 verließen die Menschen Städte, um in abgelegenere Gebiete zu ziehen, Kinos wurden wegen Besuchermangels geschlossen, Zusammenkünfte wurden abgesagt und öffentliche Versammlungen gingen zurück. Kinder mieden Schwimmbäder und öffentliche Springbrunnen, weil sie befürchteten, dass die Krankheit durch Wasser übertragen wird. Was auch immer der tatsächliche therapeutische Wert davon war, diese Handlungen erforderten keinen Zwang. Es geschah, weil die Menschen ihr Bestes tun, um sich an Risiken anzupassen und vorsichtig zu sein.

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1949 kam es zu einer neuen Polio-Epidemie. Sie fegte durch unterschiedliche Ballungsgebiete und hinterließ ihr tragischstes Zeichen: Kinder in Rollstühlen, mit Krücken, Beinstützen und deformierten Gliedmaßen. Ende der 1940er Jahre verursachte die Krankheit in einem von 1.000 Fällen bei 5- bis 9 -Jährigen mit einer Polio-Erkrankung eine Lähmung. Der Rest hatte nur leichte Symptome und entwickelte eine Immunität. In der Polio-Saison von 1952 starben von den 57.628 gemeldeten Fällen 3.145 und schockierende 21.269 Personen wurden gelähmt. Während die Infektions-, Todes- und Lähmungsraten im Vergleich zur Spanischen Grippe von 1918 „niedrig“ erscheinen, wurden die psychologischen Auswirkungen dieser Krankheit zu ihrem wichtigsten Merkmal.

Die „Eiserne Lunge“, die in den 1930er Jahren flächendeckend verfügbar wurde, stoppte das Ersticken von Polio-Opfern, und sie war ein Triumph des Fortschritts: Sie ermöglichte eine dramatische Senkung der Todesrate. Schließlich wurde 1954 ein Impfstoff entwickelt (von privaten Laboren mit sehr geringen staatlichen Subventionen), und die Krankheit wurde in den USA zwanzig Jahre später weitgehend ausgerottet. Es wurde zu einer Glanzleistung der medizinischen Industrie und das Aushängeschild für das Impfen selbst.

Hier sind die Daten zu Infektionszahlen und Todesfällen.

Im ganzen Land wurde die Quarantäne der Kranken in begrenztem Umfang als eine medizinische Reaktion eingesetzt. Das gesellschaftliche Leben und die Wirtschaft wurden an einigen Stellen heruntergefahren. Die CDC, die US-amerkanischen Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention, vermerkten, dass „Reisen und Handel zwischen betroffenen Städten manchmal [von örtlichen Beamten] eingeschränkt wurden. Mitarbeiter der örtlichen Gesundheitsämter verhängten Quarantänen (die dazu dienten, die Bewegung von gesunden Menschen, die möglicherweise einer ansteckenden Krankheit ausgesetzt waren, zu unterbinden und einzuschränken, um zu sehen, ob sie erkranken) in Häusern und Städten, in denen Polio-Fälle diagnostiziert wurden.“

Präsident Harry Truman sprach häufig über die Notwendigkeit einer nationalen Mobilmachung gegen Polio. Damit meinte er jedoch, die Menschen dazu zu bringen, vorsichtig zu sein, medizinischen Richtlinien zu folgen, die Infizierten zu isolieren und die medizinische Fachwelt dazu zu veranlassen, Mittel zur Behandlung und Heilung zu finden.

Obwohl es keine Heilung und keinen Impfstoff gab, die Inkubationszeit lange andauerte, bevor sich Symptome zeigten, und es große Verwirrung darüber gab, wie die Krankheit übertragen wurde, war der Gedanke, einen ganzen Bundesstaat, ein Land oder die Welt abzuriegeln, unvorstellbar. Das Konzept einer vollkommenen „Einschließung in der Wohnung“ war nirgends vorstellbar. Die Bemühungen, „Social Distancing“-Maßnahmen einzuführen, waren punktuell und freiwillig.

Bei einem früheren Ausbruch von 1937 in Chicago beispielsweise schloss der Schulleiter (nicht der Bürgermeister oder Gouverneur) die öffentlichen Schulen für drei Wochen und ermutigte zum Heimunterricht. In vielen Gegenden wurden Kegelbahnen und Kinos bei einem Ausbruch abhängig von dem Grad der örtlichen Verunsicherung geschlossen, jedoch nicht aufgrund staatlichen Zwangs. Gottesdienste wurden sporadisch abgesagt, jedoch nicht aufgrund staatlichen Zwangs. Die Kirchen selbst wurden nie geschlossen.

In Minnesota warnte die bundesstaatliche Gesundheitsbehörde 1948 davor, Volksfeste durchzuführen. Sie wurden abgesagt. 1950 warnte James Magrath, Präsident des Gesundheitsamtes von Minnesota, vor großen Versammlungen und bedauerte, wie viele Menschen an Versammlungen mit Kindern festhielten, fügte jedoch hinzu: „Niemand kann das Zusammenkommen von Menschen in Gemeinschaften beenden… Uns bleibt nur zu sagen: ‚Tun Sie, was immer Sie für richtig halten, aber seien Sie vernünftig dabei.‘ Man kann nicht alles schließen…“

Nach einem Ausbruch in San Angelo, Texas (mein Vater erinnert sich daran), stimmte (!) der Stadtrat im Mai 1949 laut dem wunderbaren Buch Polio: An American Story von David M Oshinsky dafür, alle Treffen in geschlossenen Räumen für genau und ausschließlich eine Woche abzusagen.

Aber der lokale Ausbruch ging nicht so schnell vorbei und bis Juni waren die Krankenhäuser mit Patienten gefüllt. Der Tourismus brach ein, weil die Leute nicht mehr reisen wollten. Reinigungsfanatismus war das Gebot der Stunde. Die meisten Theater und Kegelbahnen blieben geschlossen, nur weil die Leute Angst hatten (es gibt keine Hinweise auf eine Strafverfolgung bei Zuwiderhandlungen). Am Ende schreibt Oshinsky: „In San Angelo kam es zu 420 Fällen, einen pro 124 Einwohner, von denen 84 dauerhaft gelähmt waren und 28 starben.“

Und im August war Polio wieder verschwunden. Das Leben in San Angelo normalisierte sich allmählich wieder.

Diese Erfahrung wiederholte sich an den meisten Orten im Land, an denen es zu Ausbrüchen kam. Die Stadträte ermutigten dazu, die Richtlinien der Nationalen Stiftung für Kinderlähmung (später March of Dimes) zu befolgen, die eine Liste von „Vorsichtsmaßnahmen gegen Kinderlähmung“ verteilten, denen die Eltern folgen sollten. Einige Städte in den Vereinigten Staaten versuchten, die Ausbreitung von Polio zu verhindern, indem sie vorübergehend Schwimmbäder, Bibliotheken und Kinos (keine Restaurants oder Friseurläden) schlossen, jedoch größtenteils in einer Weise, die der herrschenden ängstlichen Verunsicherung in der öffentlichen Stimmung entsprach.

Die einzigen Proteste gegen die Behörden in einem halben Jahrhundert der Polio-Wirren fanden in New York statt, als der Anschein entstand, als würden die Behörden in den 1910er Jahren Einwandererkinder die beschwerliche Vorgabe auferlegen, poliofrei zu sein, bevor sie in die örtliche Gemeinde aufgenommen werden konnten. „Wenn Sie dem Gesundheitsamt noch mehr unserer Kinder melden“, schrieb ein italienischer Erpresser einschüchternd, „werden wir Sie töten.“

Was angesichts der nahezu globalen Zwangsabriegelung bei COVID-19 bemerkenswert ist, ist, wie die grauenhafte Krankheit der Kinderlähmung fast ausschließlich von einem privaten und freiwilligen System aus Angehörigen der Gesundheitsberufe, Vordenkern, elterlicher Verantwortung, lokaler Vorsicht und, wo nötig, individuellem Willen und Vorsicht gehandhabt wurde. Es war ein unvollkommenes System, weil das Virus so bösartig, grausam und zufällig war. Aber gerade weil es kein gesamtstaatliches Herunterfahren gab – und nur sehr begrenzte lokale Schließungen, die größtenteils im Einklang mit der Angst der Bürger vorgenommen wurden –, blieb das System an sich ändernde Bedingungen anpassungsfähig.

Währenddessen erschienen „Guys and Dolls“ und „Der König und ich“ am Broadway, „Endstation Sehnsucht“ und „African Queen“ eroberten die Kinosäle, die Stahlwerke wummerten wie nie zuvor, die Ölindustrie boomte, In- und Auslandsreisen florierten weiter und wurden für alle erschwinglich, die Bürgerrechtsbewegung wurde geboren und das „goldene Zeitalter des amerikanischen Kapitalismus“ schlug Wurzeln, alles mitten in einer schrecklichen Krankheit.

Dies war eine Zeit, bei der selbst für diese schreckliche Krankheit, bei der unschuldige kleine Kinder verstümmelt wurden, verstanden wurde, dass die Lösung medizinischer Probleme mit medizinischen und nicht politischen Mitteln erfolgen muss.

Ja, es gab klare politische Reaktionen auf diese vergangenen Pandemien, aber sie richteten sich gegen die am meisten gefährdeten Bevölkerungsgruppen, um sie zu schützen, während alle anderen in Ruhe gelassen wurden. Polio war besonders schlimm für Schulkinder, aber das bedeutete, dass sie die Schulen in Zusammenarbeit mit den Eltern und der Gemeinde vorübergehend schlossen.

Die derzeitige Pandemie ist anders, da wir uns nicht auf die schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen konzentriert haben, sondern eine gesellschaftsumfassende Einheitslösung von nahezu nationalem und globalem Ausmaß gewählt haben. Das ist nie zuvor passiert – nicht bei Polio, nicht bei der Spanischen Grippe, der Grippe von 1957, der Grippe von 1968 oder bei irgendetwas anderem.

Wie das obige Zitat des Gesundheitsbeamten über die Polio-Epidemie sagte: „Niemand kann den zwischenmenschlichen Umgang in Gemeinschaften stilllegen.“ Unsere Grundrechte haben überlebt. So auch die menschliche Freiheit, das freie Unternehmertum, die Zusatzartikel in der amerikanischen Verfassung, Arbeitsplätze und die amerikanische Lebensweise. Und dann wurde Polio schließlich ausgerottet.

Der Slogan für die Ausrottung der Kinderlähmung – „Tun Sie, was immer Sie für richtig halten, aber seien Sie vernünftig dabei“ – scheint eine gute Faustregel für die Handhabung künftiger Pandemien zu sein.

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Aus dem Englischen übersetzt von Arno Stöcker. Der Originalbeitrag mit dem Titel No Lockdowns: The Terrifying Polio Pandemic of 1949-52 ist am 10.5.2020 auf der website des American Institute for Economic Research erschienen.

Jeffrey A. Tucker ist Redaktionsleiter des Amerikanischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Er ist Autor von vielen tausend Artikeln in der wissenschaftlichen und populären Presse und acht Büchern in 5 Sprachen, zuletzt The Market Loves You. Außerdem ist er Herausgeber von The Best of Mises. Er hält zahlreiche Vorträge zu Themen der Wirtschaft, Technologie, Sozialphilosophie und Kultur.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Adobe Stock

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