„Der Euro ist gescheitert“ – ein Interview mit Karl-Friedrich Israel

19.8.2015 – Das folgende Interview mit Karl-Friedrich Israel ist eine adaptierte Version der Mises Weekends Ausgabe vom 17. Juli. Eine Aufnahme des Interviews in englischer Sprache ist hier verfügbar.

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Jeff Deist (Präsident des Mises Institute Auburn): Sie haben die Funktionsweise von Zentralbanken in verschiedenen Ländern ausgiebig studiert. Bevor wir tiefer in die Materie eintauchen, würde mich Ihre Meinung als Deutscher zur fortlaufenden Krise in Griechenland interessieren.

Karl-Friedrich Israel

Karl-Friedrich Israel: Ein führender deutscher Ökonom hat die Situation in Griechenland kürzlich mit der sogenannten holländischen Krankheit verglichen. In den 1960er Jahren haben die Holländer große natürliche Gasreserven entdeckt. Durch die Ausbeutung dieser Reserven konnten Preise und Löhne schneller steigen als die eigentliche Produktivität. Als die Gasproduktion nach einiger Zeit wieder zurückging, wurde das Land in eine tiefe Rezession gestürzt. Ein schmerzvoller Anpassungsprozess war nötig, in dem Preise und Löhne fielen. Heute ist Holland eine stabile Volkswirtschaft innerhalb Europas. Die Situation in Griechenland ist in gewisser Weise vergleichbar mit der Hollands von vor 40 Jahren, nur dass Griechenland beileibe keine natürliche Ressource ausgebeutet hat, sondern eine ganz und gar unnatürliche – nämlich den Euro, ein von Zentralbanken kontrolliertes Fiatgeld. Nach Einführung des Euros flossen große Mengen an Liquidität in Form von Krediten in die griechische Volkswirtschaft, wodurch Preise, Löhne und Sozialausgaben über das Produktivitätsniveau hinaus angehoben werden konnten. Aus diesem Grund sind die Griechen heutzutage nicht konkurrenzfähig auf den internationalen Märkten und haben solch gravierenden Probleme.

JD: Das ist äußerst interessant. Dennoch gibt es neben den bloßen Mechanismen der Überschuldung Griechenlands auch die politisch-gesellschaftliche Komponente, die mitschwingt. Ich habe gerade heute in der Washington Post über die Rückkehr der kaltherzigen Deutschen gelesen. In der Tat ist die EZB ein politisches Projekt, das unglücklicherweise nachkriegsähnliche Spannungen zwischen den Nord- und Südstaaten Europas entfacht.

KFI: Ja, das ist wohl richtig. Es gibt einige hochinteressante Fakten, aufgrund derer man sich nicht wundern muss, dass Deutsche unzufrieden sind mit der Lage in Griechenland und dass Griechen einen Groll gegen die Deutschen hegen. Die Griechen mögen die deutschen Bedingungen natürlich nicht, die an die Rettungsgelder gekoppelt sind. Wie erwähnt, sind die Löhne in Griechenland inflationiert. Lassen Sie mich ein paar Beispiele nennen. In der verarbeitenden Industrie ist der durchschnittliche Stundenlohn eines Arbeiters in Griechenland doppelt so hoch wie in Polen. Dabei ist anzumerken, dass Polen natürlich nicht Teil der Eurozone ist. Es gibt weitere Beispiele. Pensionszahlungen sind in Griechenland durchschnittlich höher als in Deutschland. Es ist also verständlich, dass diese Faktenlage bei den Deutschen Unverständnis und Argwohn auslöst. Warum bekommen die Griechen höhere Renten als wir in Deutschland, und warum müssen wir gleichzeitig all diese Hilfskredite für sie bereitstellen? Das große Projekt der europäischen Integration entpuppt sich an dieser Stelle als kontraproduktiv.

JD: In mancher Hinsicht verstärkt es nationalistische Ressentiments.

KFI: Das ist völlig richtig.

JD: Lassen Sie uns zurückgehen zur Gründung der Eurozone und der EZB. War es bereits zu dieser Zeit abzusehen, dass es verrückt ist, eine Einheitswährung zwischen diesen Nationen einzuführen, die es ihnen weiterhin erlaubte, über ihre eigenen nationalen Zentralbanken öffentliche Schulden zu akkumulieren?

KFI: Es ist natürlich nicht verrückt, eine Einheitswährung einzuführen. Es ist allerdings verrückt, eine Einheitswährung zu implementieren, die von einzelnen nationalen Zentralbanken ausgebeutet werden kann. Das ist genau das, was Griechenland gemacht hat, zum Beispiel über den Emergency Liquidity Assistance (ELA) Mechanismus. Den Griechen war es im Grunde möglich, sich selbst Kredite zu gewähren, denn um sie daran zu hindern, wäre eine Zweidrittelmehrheit im EZB-Rat vonnöten gewesen. Aber in 2012 hatten die sechs am stärksten gebeutelten Krisenländer Spanien, Portugal, Italien, Irland, Zypern und Griechenland mehr als ein Drittel aller Stimmen im Rat. Es war also sehr schwer, diese Länder daran zu hindern, sich selbst weiter mit Krediten zu versorgen. Das hat sich geändert mit dem Eurobeitritt Lettlands und Litauens in 2014 und 2015. Es ist nun einfacher, dem einen Riegel vorzuschieben.

JD: Das bekräftigt Philipp Bagus‘ Argument, dass der Euro eher wie ein politisches Projekt funktioniert, und nicht wie eine Währung.

KFI: Ganz genau so ist es.

JD: Wie ist Ihre Meinung als Deutscher? Fühlt sich der hart arbeitende Deutsche, oder Holländer, oder Belgier durch die Eurozone benachteiligt? Oder anders gesagt, fühlen sie sich, als würden sie weniger produktive Länder subventionieren, wie die PIGS, Portugal, Italien, Griechenland, und Spanien?

KFI: Ja ich denke das ist der Fall. Tatsächlich gab es nie eine Mehrheit für den Euro, zumindest nicht in Deutschland. Es gab also innerhalb Deutschlands schon immer eine gewisse Skepsis gegenüber der Eurozone und gegenüber der Integration Europas durch diese monetären Werkzeuge. Und das Wissen um die teilweise höheren Sozialleistungen in Griechenland stärkt nun das Gefühl einiger Deutscher, dass wir die Griechen gewissermaßen subventionieren. Wir müssen sie mit neuen Krediten versorgen, aber sie scheinen nicht bereit zu sein, ihren Lebensstandard zu senken. Natürlich möchte das auch niemand, aber leider Gottes ist es notwendig.

JD: Sie haben sich in Ihrer Arbeit über den Sommer hier am Mises Institute der Analyse und Kritik der vorherrschenden Argumente für Zentralbanken gewidmet. Könnten sie für uns, als Advocatus Diaboli, einige dieser Argumente erläutern? Wie versuchen sie diese zu entkräften?

KFI: Ich denke von Anfang an war das Argument der Preisstabilität am bedeutendsten. Dem Argument liegt die Idee zugrunde, dass wir ein flexibles Fiatgeld unter Zentralbankkontrolle benötigen, damit die Geldmenge entsprechend des realen wirtschaftlichen Wachstums vergrößert werden kann, sodass Preise oder Preisindizes stabil bleiben. Dieses Argument scheint auch heute noch Gewicht zu haben. Als die EZB anfing Staatsanleihen von Krisenländern direkt aufzukaufen, bildete sich eine Opposition in Deutschland und es wurde vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die EZB geklagt. Es wurde darauf hingewiesen, dass diese Staatsanleihekäufe gegen herrschendes europäisches Recht verstoßen, denn die direkte Staatsfinanzierung durch Zentralbanken ist untersagt. Aber natürlich hat sich der Europäische Gerichtshof in Luxemburg zugunsten der EZB-Maßnahmen ausgesprochen. Man behauptete ganz einfach, diese Maßnahmen fielen unter die rechtlichen Befugnisse der EZB, da es sich dabei um eine Art der Geldpolitik handele. Es hieß, diese Maßnahmen dienten der Stabilisierung der Kaufkraft der Währung. Dieses Argument wird also auch heute noch in entscheidenden Situationen bemüht. Dem ist entgegenzuhalten, dass das gegenwärtige Verständnis von Preisstabilität im Grunde nichts mit Preisstabilität zu tun hat. Das ist schon aus der formalen Definition der EZB ersichtlich. Preisstabilität im Sinne der EZB entspricht einer Inflationsrate von etwa 2%.

JD: Genau wie in den USA. Die Zielinflationsrate der Fed beträgt 2%.

KFI: Korrekt. Das bedeutet, dass die Währung in 35 Jahren durchschnittlich die Hälfte ihrer Kaufkraft verlieren würde.

JD: Ja und das interessante ist, dass diese Entwertung gewollt ist. Und wir müssen dafür bezahlen.

KFI:  Richtig.

JD: Es ist also nicht die Folge einer fehlgeleiteten Politik, sondern es ist ausdrücklich gewollte Politik.

KFI: So ist es.

JD: Aus Ihrer Sicht, waren die EZB und die Fed erfolgreich bei der Gewährleistung von Preisstabilität?

KFI: Nein, das waren sie nicht. Seit der Einführung der Fed hat der amerikanische Dollar, nach offiziellen Angaben, etwa 96% seiner Kaufkraft verloren. Und in anderen Ländern ist die Entwicklung sehr ähnlich. Wir beobachten ähnliche Abwertungstendenzen in der Eurozone und es gab die gleichen Entwicklungen auch unter der Deutschen Mark. Die Deutsche Mark wirkte relativ stabil im Vergleich zum französischen Franc und der italienischen Lira, die stärker inflationiert wurden. Aber auch die Deutsche Mark wurde inflationiert und ein großer Teil ihrer Kaufkraft ging unter der Politik der Bundesbank verloren.

JD: Hat die EZB ein Mandat zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, so wie die Fed?

KFI: Hier gibt es einen Unterschied. Die Fed operiert auf Basis eines sogenannten Doppelmandates. Sie versucht gleichermaßen Preisstabilität zu gewährleisten, sowie Beschäftigung und Wirtschaftswachstum zu fördern. In dieser Hinsicht ist die Fed von ihrer Anlage her inflationistischer als die EZB, welcher ein hierarchisches Mandat zugrunde liegt. An erster Stelle steht Preisstabilität, und erst dann kommen reale ökonomische Zielgrößen wie Beschäftigung und Wachstum.

JD: Bei der Frage nach dem Ende des Euros gibt es einige, die einen möglichen Austritt Griechenlands für den Tropfen halten, der das Fass zum überlaufen bringen könnte. Glauben Sie, dass diese Befürchtung gerechtfertigt ist, oder glauben Sie, dass der Euro gekommen ist um zu bleiben?

KFI: Es erscheint mir so als wären die führenden Nationen gewillt, die Währungsunion um fast jeden Preis aufrecht zu erhalten. Sie wollen Griechenland nicht aus dem Euro austreten lassen. Angela Merkel betreibt im Moment Lobbyarbeit für neue Rettungskredite, um Griechenland in der Union zu halten. Einer der führenden deutschen Ökonomen rät zu einem Austritt Griechenlands. Man solle die Drachme wieder einführen und diese dann gegen den Euro abwerten lassen, sodass Griechenland wieder konkurrenzfähig wird. Ich bin mir nicht sicher, ob das die beste Lösung wäre. Aber es ist ziemlich klar, dass ein Preis- und Lohnanpassungsprozess notwendig ist – welcher Natur auch immer. Preise und Löhne in Griechenland müssen fallen im Vergleich zu anderen Ländern.

JD: Ja, viele Leute, unter anderem Nigel Farage, befürworten eine Neueinführung der Drachme. Aber natürlich würde eine Entwertung der Drachme an sich keinen neuen Wohlstand schaffen. Sie würde lediglich zu einer Umverteilung von Sparern zu griechischen Exporteuren führen. Ein flexibler Wechselkurs zwischen Drachme und Euro an sich würde die Griechen nicht reicher machen. Aber es würde ihnen mehr Souveränität und Kontrolle über ihre eigene Zukunft verschaffen.

KFI: Das ist sicherlich richtig. Sie hätten wieder mehr Souveränität und sie hätten wieder eine unabhängige Zentralbank, die die eigene Geldmenge nach Gutdünken inflationieren könnte, aber ich bin mir wirklich nicht sicher, ob das die beste Lösung wäre. Die griechische Polit-Elite scheint sich neomerkantilistischen und keynesianischen Politikempfehlungen verschrieben zu haben. Ich weiß nicht, ob das griechische Volk und das Land mit einer unabhängigen Zentralbank und einer eigenen Währung wirklich besser dran wäre.

JD: Können Sie etwas mehr über Ihre Arbeit und Ihre Schlussfolgerungen sprechen? Wenn Sie ein Argument vortragen könnten über den Wahnwitz des Zentralbankwesens, welches wäre es?

KFI: Ich studiere die ökonomischen Argumente für und gegen das Zentralbankwesen, insbesondere unter Fiatgeld, denn nur unter einem solchen Geld sind die einschlägigen Argumente für Zentralbanken überhaupt praktisch relevant. Die Menge eines Fiatgeldes kann willkürlich nach politischen Willen festgelegt und verändert werden. Sie kann beinahe zu Nullkosten ausgeweitet werden, und darin liegt auch schon die größte Gefahr. Man legt den Zentralbanken ein überaus mächtiges Werkzeug in die Hand, welches die Menschen nach allen historischen Erfahrungen korrumpiert.[1]

JD: Darauf weist auch Ihr Mentor, Guido Hülsmann, in seinem Buch zur Ethik der Geldproduktion hin. Fiatgeld hat nicht nur rein ökonomische Konsequenzen, sondern auch tiefgreifende kulturelle Implikationen. Zum Beispiel agieren Menschen generell unter einer höheren Zeitpräferenz und sparen nicht mehr so viel für die Zukunft.

KFI: Ja ich denke, dass nicht nur die Ökonomik wichtig ist, um die Dynamiken des Zentralbankwesens unter Fiatgeld zu verstehen. In meiner Forschungsarbeit konzentriere ich mich hauptsächlich auf die ökonomischen Aspekte, aber ich erkenne sehr wohl, dass zahlreiche andere Argumente aus anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen und der Ethik ebenfalls von Bedeutung sind. Ich frage mich oft, welches wohl das stärkere Argument gegen Zentralbanken ist – das ökonomische oder das ethische? Und zuweilen denke ich, dass das ethische Argument mehr Überzeugungskraft hat.

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[1] Der interessierte Leser sei hier auch auf Thorsten Polleits Artikel Fiat Money and Collective Corruption, erschienen im Quarterly Journal of Austrian Economics, verwiesen.

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Karl-Friedrich Israel, 26, hat Volkswirtschaftslehre, Angewandte Mathematik und Statistik an der Humboldt-Universität zu Berlin, der ENSAE ParisTech und der Universität Oxford studiert. Zur Zeit absolviert er ein Doktorstudium an der Universität Angers in Frankreich.

 

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