Vollgeld?

10.11.2014 – von Jörg Guido Hülsmann.

Jörg Guido Hülsmann

Mehr als je zuvor wird die Schweiz heute dafür beneidet, dass hier die Bürger direkt auf die Gesetzgebung einwirken können. Die politische Seuche unserer Zeit ist die pseudo-demokratische Herrschaft eines wildgewordenen Etatismus, dessen man sich durch die Wahl der Volksvertreter kaum noch entledigen kann. Man kann schließlich nur diejenigen wählen, die sich zur Wahl stellen, und die meisten Kandidaten wollen uns leider bevormunden. Sie wollen nicht einfach nur das Volk vertreten, sondern auch (und häufig in erster Linie) die Macht des Staates nutzen, um ihre eigenen Vorstellungen von gutem Leben und guter Gesellschaft durchzusetzen, notfalls auch gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit. Natürlich gibt es auch Abgeordnete, die von Hause aus nicht so gepolt sind. Aber diese werden schnell kooptiert, außer wenn sie von sehr tiefen religiösen, moralischen oder politischen Überzeugungen durchdrungen sind. Sobald sie ein Mandat haben, sind sie ja auf die Mitwirkung der Etatisten angewiesen, wenn sie ihre Ziele verwirklichen wollen. Somit ergibt sich ein ständiger, schwelender Konflikt zwischen den Volksvertretern und dem Volk, in dem das Volk stets den Kürzeren zieht – außer in der Schweiz. Denn hier besteht durch Volksinitiativen u.ä. die Möglichkeit, die Politintermediäre zu umgehen und einzelne Gesetze direkt einzubringen bzw. abzulehnen. Dadurch können gerade auch solche Änderungen vorgenommen werden, die den Interessen der Politintermediäre und ihrer Verbündeten in Wirtschaft und Staat zuwiderlaufen.

Die Vollgeld-Initiative, die z.Zt. vom Verein Monetäre Modernisierung betrieben wird, ist genau ein solcher Fall. Sie hat breitgefächerte Unterstützer im gesamten politischen Spektrum, und dennoch ist es unwahrscheinlich, dass sie jemals auf dem normalen parlamentarischen Weg in die Gesetzgebung einfließen würde, da sie mächtige und politisch gut vernetzte Interessen bedroht. Aber daraus kann natürlich nicht ohne weiteres geschlossen werden, dass Vollgeld auch wirklich im Interesse der Gesamtbevölkerung ist. Im folgenden wollen wir daher die Argumente der Vollgeld-Initiative näher prüfen.

Die Grundidee des Vollgelds

Die Grundidee des Vollgelds besteht darin, die Geldschöpfung durch private Geschäftsbanken zu verbieten, so dass (1) nur noch der Staat bzw. seine Dienststeller (Zentralbanken) Geld produzieren können und (2) die Geschäftsbanken nicht mehr selber auf die Einlagen ihrer Kunden zurückgreifen können.

Heute ist das anders. In den meisten Ländern wird das meiste Geld von Geschäftsbanken in Form von Buchgeld (die allseits bekannten Sichtguthaben) produziert, während die Zentralbanken quantitativ gesehen eine untergeordnete Rolle spielen. Die Geschäftsbanken wiederum nutzen die Einlagen ihrer Kunden, um Bankkredite und andere Investitionen zu finanzieren. Zur Veranschaulichung die entsprechenden Zahlen aus dem Euroraum: Hier haben die Zentralbanken des Eurosystems bislang (Ende August 2014) 2.013 Milliarden Euro produziert, während die Geschäftsbanken 3.634 Milliarden € in Umlauf gebracht haben. Die beiden Ziffern addieren sich übrigens zum M1-Geldmengenaggregat, welches also 5.647 Milliarden € betrug. Mit anderen Worten haben Geschäftsbanken im Euroraum also 3.634 Milliarden € geschöpft, und sie verwenden diese Summe größtenteils zur Finanzierung eines Teiles (etwa 10 Prozent) ihrer Investitionen.

Nach der Vollgeld-Initiative soll das von den Geschäftsbanken produzierte Geld durch das Geld der Nationalbank ersetzt werden. Die Geschäftsbanken würden dann weiterhin als Finanzintermediäre tätig sein, aber sie dürften nur noch jene Summen verleihen bzw. investieren, die andere Kunden ihnen ausdrücklich geliehen hätten. Grundsätzlich wäre es auch möglich (jedoch nicht die bevorzugte Lösung der Vollgeld-Initiative), dass die Geschäftsbanken ihren Kunden weiterhin Sichtkonten anbieten und den Zahlungsverkehr abwickeln. Aber im Gegensatz zur heutigen Regelung dürften sie jedenfalls nicht mehr selber über das auf diesen Sichtguthaben verbuchte Geld verfügen. Vielmehr müssten sie dafür sorgen, dass jeder Betrag, der auf der Habenseite eines Sichtguthaben verbucht ist, auch von einem entsprechenden Betrag Zentralbankgeld gedeckt ist, welches entweder in Form von Noten oder Münzen in den Tresoren der betreffenden Geschäftsbank oder in Form von Buchgeld auf einem Konto der Zentralbank liegt (letzteres wird von der Vollgeld-Initiative bevorzugt). Dieses Zentralbankgeld dürften die Geschäftsbanken wie gesagt nicht mehr, wie bisher, für eigene Zwecke verwenden. Das den Kunden gehörende Zentralbankgeld und die Summen auf ihren Sichtguthaben würden somit überhaupt nicht mehr in der Bilanz der betreffen Geschäftsbank erscheinen, genauso wenig wie der Betreiber eines Parkhauses die Fahrzeuge bilanziert, die am 31.12. bei ihm stehen. Die Geschäftsbanken wären reine Dienstleister rund ums Geld ihrer Kunden, hätten aber selber keine Verfügungsmacht mehr darüber.

Hauptmotive der Vollgeld-Initiative

Warum das Ganze? Schicken wir vorweg, dass die Kritik der Geldschöpfung bis zum 17. Jahrhundert zurückreicht und immer wieder zu entsprechenden, z.T. auch erfolgreichen Gesetzesinitiativen geführt hat. Einige der größten Ökonomen des 20. Jahrhunderts haben sich gegen die Geldschöpfung durch Geschäftsbanken ausgesprochen, z.B. Ludwig von Mises, Irving Fisher, Murray Rothbard, Maurice Allais und Jesus Huerta de Soto. Auch der Autor dieser Zeilen hat seit etwa zwanzig Jahren in diesem Sinne argumentiert, und somit steht er der Vollgeld-Initiative grundsätzlich offen gegenüber.

Die Auseinandersetzung mit der Vollgeld-Idee ist also bereits sehr intensiv geführt worden und hat auch zahlreiche Facetten, die in der heutigen Debatte in der Schweiz keine oder zumindest keine große Rolle spielen. Zur Vereinfachung wollen wir uns daher auf die Hauptargumente der Schweizer Vollgeld-Initiative konzentrieren. Insbesondere werden dort drei Argumente zugunsten der geplanten Reform genannt:

Erstens könnten die Bürger nicht mehr zu Opfern von Bankenkrisen werden. In der Tat besteht grundsätzlich die Gefahr, dass die Banken das Geld ihrer Kunden nicht jederzeit auszahlen können, da die entsprechenden Summen ja größtenteils verliehen wurden. Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist die Liquiditätskrise der englischen Bank Northern Rock.

Zweitens gäbe es weniger Bankenkrisen. Zum einen können die Geschäftsbanken nicht mehr ohne weiteres in die Verlegenheit eines massiven Liquiditätsengpasses kommen, da sie die Sichtguthaben ihrer Kunden nicht mehr selber verwenden. Zum anderen wird nun die Geldmenge einzig und allein von der Zentralbank gesteuert, und somit kann insbesondere verhindert werden, dass es durch ein unbotmäßiges Wachstum der Geldmenge zur Bildung von Finanzblasen kommt. Dies scheint das Hauptargument der Vollgeld-Initiatoren zu sein.

Drittens würde die Reform die Finanzierung von Bürgern, Wirtschaft und Staat erleichtern. Das kann sehr weit gehen. Technisch und betriebswirtschaftlich gesehen besteht noch nicht einmal die Notwendigkeit, dass die Zentralbank das von ihr produzierte Geld überhaupt verleiht. Sie kann es auch einfach verschenken. Dadurch kann ggf. die Staatsverschuldung abgebaut bzw. von vorneherein vermieden werden. Es wäre auch möglich, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch Überweisungen auf die persönlichen Konten der Bürger anzukurbeln.

Was ist von diesen Argumenten nun zu halten?

Kritische Anmerkungen

Das o.g. erste Argument ist durchaus berechtigt, aber in der Praxis nicht sehr bedeutsam. In entwickelten Ländern kommt es nur selten vor, dass Sichtguthaben nicht ausgezahlt werden können. Das liegt daran, dass die Zentralbanken den Geschäftsbanken stets unter die Arme greifen, um eben solche Liquiditätsengpässen zu vermeiden. Es ist richtig, dass durch solche Rettungsaktionen die Geldmenge tendenziell steigt und somit die Knappheit des Geldes verwässert wird. Doch sie steigt eben nur marginal und keinesfalls in voller Höhe der bei der Rettung eingesetzten Summe. Denn wenn die Kunden sich ihr Guthaben in Noten der Zentralbank auszahlen lassen, dann wird vor allem das private Buchgeld durch die Noten ersetzt, ohne dass hierbei zwangsläufig die Geldmenge insgesamt steigen müsste.

Das zweite Argument (weniger Krisen) ist noch weniger berechtigt. Sicherlich hätten die Geschäftsbanken unter Vollgeld weniger Liquiditätsprobleme. Aber gerade solche Probleme können wie gesagt ohnehin relativ leicht durch Liquiditätsspritzen der Zentralbank behoben werden. Die ständige Not der Geschäftsbanken, die seit einigen Jahren den Staat und die Zentralbanken zu immer neuen Interventionen auf Kosten des Steuerzahlers veranlasst, hat ganz andere Gründe. Sie ergibt sich vordergründig aus der extrem schwachen Kapitaldecke der Geschäftsbanken, und letztlich ist sie auf die Vollkaskoversicherung der Geschäftsbanken durch den Staat zurückzuführen.

Vor der gegenwärtigen Krise lag die Eigenkapitalquote der größeren Institute typischerweise unter 5 Prozent. Heute liegt sie ein klein wenig höher, aber immer noch typischerweise unter 10 Prozent. Das gleicht dem sprichwörtlichen Pulverfass, das nur auf einen Funken wartet. Die entscheidende Frage lautet somit: Warum wird gerade im Bankensektor solch eine Schuldenwirtschaft betrieben? Die Antwort ist zweigliedrig und lautet: (1) weil Schuldenmachen sich in einem preisinflationären Umfeld lohnen kann, wenn man nur bereit ist, das Risiko der Insolvenz einzugehen; und (2) weil die Banken damit rechnen können, dass ihnen Zentralbank und Staat die Insolvenzrisiken notfalls auf Kosten der anderen Bürger abnehmen. Warum aber können die Banken so sicher sein, dass die Preise immer weiter steigen und dass der Staat ihnen die Insolvenzrisiken abnimmt? Weil er all dies aus ureigenem Interesse will, und weil er auch die nötigen Mittel hat.

Wille: Der Staat kann sich einen Kollaps des Bankensystems nicht leisten. Erstens ist er selber der größte Kunde der Geschäftsbanken und auf ihre Dienste angewiesen. Zweitens würde ein Zusammenbruch der Banken praktisch einen Zusammenbruch der Kreditwirtschaft bedeuten und somit die gesamte Realwirtschaft mit sich reißen, gefolgt von einem Zusammenbruch der Steuerbasis.

Mittel: Die staatlich lizensierten Zentralbanken können grundsätzlich unbegrenzte Mengen an Geld schöpfen. Sie können alles und jeden refinanzieren, solange die Marktteilnehmer zur Annahme ihrer Noten verpflichtet sind.

Diese Sachlage ist den Geschäftsbanken natürlich gut bekannt. Sie wissen, dass ihre Risiken durch eine implizite staatliche Vollkaskoversicherung abgedeckt werden. Also können sie sich voll und ganz aufs Geldmachen konzentrieren. Sie verschulden sich so stark wie möglich, um den Ertrag ihrer Investitionen zu „hebeln“. Die Risiken dieser Strategie werden per Zentralbank und Staat auf die anderen Bürger übergewälzt.

Was bedeutet das nun für die Vollgeld-Initiative? Sie würde nur eine relativ unbedeutende Krisenursache ausmerzen. Die Hauptursache würde weiterhin fortbestehen. Die Initiative will ja gar nicht die Geldschöpfung an und für sich beseitigen. Sie will lediglich der privaten Geldschöpfung an den Kragen, und zwar mit dem ausdrücklichen Ziel, das Feld für die staatliche Geldschöpfung frei zu machen. Sie will nichts an der Politik der Nationalbank ändern, die auf eine ständige, wenn auch moderate Preisinflation abzielt. Dann aber bestünden die Anreize, die bereits zur gegenwärtigen Krise geführt haben, weiterhin fort. Die atemberaubende Schuldenwirtschaft der Geschäftsbanken beruht keineswegs nur – oder auch nur in erster Linie – auf der privaten Geldschöpfung. Sie beruht vielmehr auf der unbegrenzt möglichen Geldschöpfung durch die Zentralbanken dieser Welt (darunter die Nationalbank) und darauf, dass die Nationalbank (wie auch die anderen Zentralbanken) eine ständig positive Preisinflationsrate anstrebt.

Nun kann man allerdings noch anders argumentieren, wie es auch im o.g. dritten Hauptargument der Vollgeld-Initiative anklingt. Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass ohnehin keine grundsätzliche Notwendigkeit zur Kreditfinanzierung und vor allem nicht zur Zinswirtschaft besteht. Die Nationalbank kann unbegrenzte Mengen an Geld schöpfen. Weder aus technischen, noch aus betriebswirtschaftlichen Gründen ist sie darauf angewiesen, dabei irgendwelche Gewinne zu erwirtschaften. Sie kann also zinsfreie Kredite erteilen (Eurosystem und Fed sind heute ja ohnehin schon fast an diesem Punkt angelangt), und sie kann ihr Geld sogar verschenken. Haushalte, Unternehmen und Staat könnten sich somit zinsfrei und sogar schuldenfrei finanzieren.

Dazu ist zunächst einmal anzumerken, dass in diesem Fall die Vollgeld-Reform u.U. völlig überflüssig wäre. Wenn die Nationalbank sich ernsthaft anschickte, an jedermann zinsfreie Kredite zu erteilen, oder allen Bürger direkte Geldgeschenke machte, dann würden die Geschäftsbanken in Rekordzeit untergehen. Eine freie und unbegrenzte Kreditvergabe bzw. Geldgeschenke direkt aus der Notenpresse würden ihnen das Wasser abgraben, und sie würden zunächst einmal vom Markt gedrängt. Der nächste Erfolg wäre dann in der Tat, dass es keine Schuldenwirtschaft und hochgehebelte Investitionen mehr gäbe. Finanzkrisen, so wie wir sie heute kennen, wären dann erst einmal ein Ding der Vergangenheit.

Allerdings wären wir damit auch zu einem Geld- und Finanzsystem gelangt, das im großen und ganzen der (freiherzigen) Konzeption von Pierre-Joseph Proudhon aus dem Jahre 1848 entspricht bzw. dem (totalitären) Kommunistischen Manifest aus dem gleichen Jahr. Unterstreichen wir diesen zentralen Punkt: Entweder beseitigt die Vollgeld-Reform nur die Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken, ohne dass es zu einer Änderung der Nationalbankpolitik kommt. Dann wird die Schuldenwirtschaft auch künftig fortgesetzt werden und das Ziel der Reformer (weniger Krisen) kann nicht erreicht werden. Oder aber die Vollgeld-Reform wird von einer radikalen Wende der Nationalbankpolitik begleitet. Dann gelangt man in kürzester Zeit zum völligen Geldsozialismus, und die Vollgeld-Reform an sich wird gänzlich überflüssig.

Es ist wahrscheinlich nicht notwendig, an dieser Stelle den Geldsozialismus à la Proudhon, Marx und Engels im einzelnen zu besprechen. Zwei geldsozialistische Irrtümer sollen jedoch kurz hervorgehoben werden.

Erstens bedeutet der Geldsozialismus auf mittlere bis lange Sicht keineswegs eine leichtere Finanzierung von Wirtschaft und Staat, sondern genau das Gegenteil. „Finanzierung“ bedeutet letztlich die Ausstattung mit realen Mitteln, mit Rohstoffen, Werkzeugen, Arbeitskräften usw. Geld und Finanzmärkte sind bei den eigentlich realen Finanzierungsvorgängen nur zwischengeschaltet. Indem die Geldproduktion zentralisiert wird, kommt es somit keinesfalls zu einer gesamtwirtschaftlichen Verbesserung der realen Finanzierungsmöglichkeiten. Vielmehr drohen lediglich größere Korruption, Verschwendung, Abhängigkeit und die vollkommene Politisierung aller Lebensbereiche.

Zweitens ließe sich die völlig freie und unbegrenzte Finanzierung aus der Notenpresse nicht lange aufrechterhalten. Die Nationalbank würde mit Anträgen auf zinsfreie Kredite bzw. auf Geldgeschenke überhäuft werden. Wenn sie all dem entspräche, dann würde die Geldmenge so schnell wachsen, dass es bald zu einer Hyperinflation käme und somit zur völligen Zerrüttung von Währung und Wirtschaft. Um dies zu verhindern, muss die Nationalbank also weiterhin selektiv vorgehen. Sie darf nicht allen Finanzierungsanträgen entsprechen, sondern muss häufig auch nein sagen. Dann aber wird sich unweigerlich ein Kreditmarkt entwickeln. Diejenigen, die von der Nationalbank abgewiesen werden, suchen sich dann eben andere Geldgeber, die ihnen gegen Entgelt (Zins) bei der Finanzierung ihrer Vorhaben helfen. Somit wäre man also schnell wieder bei der Schuldenwirtschaft und den entsprechenden Krisen.

Natürlich kann man sich auch hier auf den Standpunkt stellen, dass der Staat dann eben noch weitergehen und jegliche private Kreditvergabe schlicht und einfach verbieten muss. Es dürfte offensichtlich sein, dass auf diese Weise das Kind mit dem Bade ausgeschüttet würde. Dieses Verbot ließe sich nur durch ein umfassendes System staatlicher Kontrollen aka Sozialismus bzw. Totalitarismus verwirklichen. Dann gäbe es zwar keine Schuldenkrisen mehr (die gab es auch nicht in der Sowjetunion), aber das wäre nur ein kleiner Trost angesichts der noch viel größeren politischen und wirtschaftlichen Probleme, die dann entstünden.

Schlussfolgerungen

Unsere Überlegungen führen zu dem Schluss, dass sich das wichtigste Ziel der Vollgeld-Initiative, nämlich die Krisenbekämpfung, nicht auf dem geplanten Weg verwirklichen lässt. Vollgeld wäre mitnichten geeignet, um Finanzblasen und Schuldenkrisen heutigen Zuschnitts einzudämmen, geschweige denn zu beenden. Auch mit Vollgeld würden uns diese Probleme weiterhin plagen, da ihre Ursachen gerade in jener Art Geldschöpfung zu finden sind, die die Vollgeld-Initiative ausdrücklich ausspart und die sie sogar ausbauen will, nämlich in der Geldschöpfung der Zentralbank.

Das bedeutet nicht, dass man Vollgeld nicht auch aus anderen Gründen empfehlen kann. Die Initiatoren der Vollgeld-Initiative weisen m.E. sehr richtig darauf hin, dass die vertragliche Grundlage, auf der Geschäftsbanken das Geld ihrer Kunden nutzen, alles andere als wasserdicht ist. Michael Köhler, ein emeritierter Strafrechts-Professor der Universität Hamburg hat vor kurzem sehr eindringlich und überzeugend argumentiert, dass die „Geldschöpfung der Banken als Vermögensrechtsverletzung“ (Titel seines Aufsatzes) anzusehen ist. Ähnlich argumentiert auch Jesus Huerta de Soto.

Ein abschließendes Wort zur Krisenbekämpfung. Der Hauptfehler in der Gedankenkette der Vollgeld-Initiatoren besteht darin, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Sie wollen die Schöpfung einlöslicher Sichtguthaben (die auf Verlangen in Grundgeld ausgezahlt werden) unterbinden, ohne an die Schöpfung von uneinlöslichen Noten, Münzen und Sichtguthaben zu rühren. Aus den o.g. Gründen ist dieses Unterfangen zum Scheitern verurteilt, zumindest was die Krisenbekämpfung anbelangt. Man darf sich den Weg zu dieser Einsicht nicht durch ideologische Scheuklappen verbauen, etwa indem man argumentiert, es müsse zunächst die „private“ Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken ausgemerzt werden, bevor man über die „öffentliche“ Geldschöpfung durch die Zentralbanken nachdenkt. Die Unterscheidung zwischen privat und öffentlich ist hier völlig zweitrangig. In jedem Fall muss zunächst und in erster Linie die Schöpfung von uneinlöslichem Grundgeld unterbunden werden, bevor es sich lohnt, auch an die Schöpfung der einlöslichen Sichtguthaben u.ä. zu denken. Auch wenn die Zentralbank privat geführt würde, müsste zuerst und zuvorderst ihre Grundgeldschöpfung abgestellt werden. Auch wenn staatliche Institutionen einlösliche Sichtguthaben schöpften, wären diese erst in zweiter Linie von Belang.

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Jörg Guido Hülsmann ist Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich und Senior Fellow des Ludwig von Mises Instituts in Auburn, Alabama. Er ist Mitglied der Europäischen Akademie für Wissenschaften und Künste sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Zu seinen umfangreichen Interessen- und Forschungsgebieten zählen Geld-, Kapital- und Wachstumstheorie. Er ist Autor von «Ethik der Geldproduktion» (2007) und «Mises: The Last Knight of Liberalism» (2007). Zuletzt erschienen «Krise der Inflationskultur» (2013).

Seine Website ist guidohulsmann.com

 

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