Bescheidene Denker

9.7.2014 – von Roland Baader.

Roland Baader (1940 – 2012)

Vor einiger Zeit fielen mir zufällig Unterrichtskopien der Klasse 12 eines Gymnasiums in die Hände. Bei einem Dutzend der Blätter handelte es sich um Auszüge aus den Werken von Hobbes, Comte, Marx und konstruktivistischen Konsorten. Nur ein einziges Blatt gab einen Text von Adam Smith wieder. Auf meine ironische Bemerkung: „Ach, zu einer ganzen Seite von Adam Smith habt ihr‘ gebracht!“ kam prompt die Antwort des Schülers: „Dem seinen Mist kann man sowieso den Hasen füttern. Man sieht’s ja in den USA, wo es immer mehr Arme gibt, was daraus geworden ist. Jedenfalls hat das unsere Geschichtslehrerin gesagt.”

Nun, auch wenn Frau Geschichtslehrerin es sicher anders formuliert hat, so gab doch diese Aussage sinngemäß Kunde vom Stand ihrer Erleuchtung. Wird man mit einer derartigen Ballung von Ignoranz und Indoktrination konfrontiert, dann hängt man zunächst einmal sprachlos und ausgeknockt in den Seilen der Wissenschaft. Es bleibt einem nur die mühselige Wahl, entweder zu schweigen – oder zu versuchen, vermittels einer mehrstündigen Vorlesung – beginnend bei Adam und Eva – den geistigen Kehricht aus dem vernagelten Hirn des Gegenübers auszuräumen. Das ganze könnte man als kleine Episode belächeln, wäre es nicht symptomatisch für das, was in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts gelehrt und geglaubt wird.

Adam Smith, der große schottische Moralphilosoph des 18. Jahrhunderts, eines der wenigen herausragenden und umfassend gebildeten Genies der gesamten Menschheits- und Wissenschaftsgeschichte, der erste Denker, der Entstehung und Wirkungsweise spontaner Ordnungen entdeckt und erkannt hat, und dessen evolutionstheoretische Erkenntnisse sogar die Grundlagen für die Charles Darwin zugesprochenen Theorien geliefert haben, hätte gewiß besseres verdient als im Geschichtsunterricht der gymnasialen Oberstufe als geistesgeschichtlicher Blindgänger diffamiert zu werden.

Wenn die Menschen und Regierungen dieser Erde die Smith’schen Erkenntnisse und Lehren zur Grundlage ihrer politisch-ökonomischen Systeme gemacht hätten, dann wäre nicht die Mehrheit der Erdbevölkerung wesentlich ärmer als die Ärmsten der Armen in den Vereinigten Staaten. Und wenn die politischökonomische Ordnung der USA nicht in den Grundzügen dem entsprechen würde, was Adam Smith als den „Ursprung des Reichtums der Nationen” erkannt hat, dann könnte es sich diese Nation nicht leisten, eine Bevölkerungsgruppe statistisch den Armen zuzurechnen, die immer noch um ein zwanzigfaches reicher ist als Milliarden von wirklich Armen auf der Welt.

Die englisch-schottischen Denker des 17. und 18. Jahrhunderts – allen voran Adam Smith – waren bescheidene Männer; bescheiden in dem Sinne, daß sie nicht an geistigem Hochmut litten. Sie wollten die Welt nicht aus den Angeln heben, um sie neu zu erschaffen, sondern sie wollten sie verändern, mißliche Zustände verbessern. Hierzu wollten sie ihre Entwicklungsprinzipien erforschen, um evolutorisch an den Geschehnissen mitwirken zu können – oder um einfach herauszufinden, warum die Welt so ist wie sie ist. Was sie herausfanden und in einem großen Ideengebäude formulierten, läßt sich zusammenfassen unter der Überschrift „Klassischer Liberalismus”.

Der Liberalismus hat zwar einige Wurzeln in der Antike und in der italienischen Renaissance, aber seine eigentliche Kinderstube steht im England des 17. Jahrhunderts. Die politischen Kämpfe dieses Säkulums haben in zähem Ringen die eigentlichen Freiheitsideen hervorgebracht. Die Partei der „Whigs” hatte in der „Glorreichen Revolution” von 1688/89 am erfolgreichsten ihren Widerstand gegen monarchische Willkür durchgesetzt und blieb rund hundert Jahre lang (also bis zur Französischen Revolution) Träger der liberalen politischen Idee. Die Überzeugung der Whigs kristallisierten sich um die Staatstheorie von John Locke (1632-1704), dem Begründer der „anderen” – der britischen – Form der Aufklärung; später (im 18. Jahrhundert) um die Werke der schottischen Moralphilosophen, allen voran: Adam Smith (1723-90), David Hume (1711-76) und Adam Ferguson (1723-1816).

Die Whig-Ideale waren

  1. Meinungsfreiheit (woraus sich nach und nach die präziseren Forderungen nach Religions-, Gewissens-, Presse-, Rede-, Versammlungs- und Lehrfreiheit konkretisierten).
  2. Herrschaft des Gesetzes (Rule of Law). Was darunter zu verstehen ist, kann niemand besser formulieren als Professor Hayek: „Das Wesentliche sind hier strenge Bindungen aller Gewaltausübung und feste, jede Willkür ausschließende Regeln – Regeln, die sowohl in gleicher Weise auf alle Mitglieder der Gesellschaft Anwendung finden als auch im Einzelfall die Regierungen nicht weniger binden als die Regierten. Das Ziel des Grundsatzes [Rule of Law, D. V.] ist die Beseitigung aller von der Rechtsordnung geschaffenen Privilegien, d. h. die formelle Gleichheit vor dem Gesetz, und zugleich, wie das schon John Locke mit aller Deutlichkeit ausdrückte, die allgemeine Verminderung der Macht, die Menschen über Menschen ausüben. Zugrunde liegt ihm der Wunsch, den Bereich der Entscheidungsfreiheit des Individuums so sehr wie möglich zu erweitern, die Eingriffe der Staatsgewalt durch die Bindungen an feste Regeln so weit wie möglich voraussehbar zu machen und zugleich auf solche Fälle zu beschränken, in denen sie nicht bestimmt sind, bekannte Personen zu begünstigen, sondern für alle günstigere Gelegenheiten zu bieten, es jedoch dem einzelnen zu überlassen, welchen Gebrauch er davonmacht. Nicht immer wird erkannt, daß dieses zunächst rein formelle Prinzip tatsächlich eine sehr weitgehende materielle Beschränkung des Umfanges der zulässigen Staatstätigkeit in sich schließt: Wenn der Staat verschiedene Menschen trotz verschiedener Veranlagung und Position gleich behandeln muß, muß das Ergebnis ungleich sein; und um z. B. in ihren Fähigkeiten ungleichen Personen die gleichen Chancen zu sichern, müßte er sie ungleich behandeln. Gerade das aber schließt der Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz aus.”
  3. Sondereigentum (Privateigentum, insbesondere an den Produktionsmitteln). „Tatsächlich hängt die Eigentums- und Vertragsfreiheit auf das innigste mit der Herrschaft des Gesetzes zusammen: die eine ist ohne die andere nicht möglich. Bewußt wurde die Forderung nach Wirtschaftsfreiheit aber eigentlich erst erhoben, nachdem ihre weitgehende tatsächliche Verwirklichung ihre Vorteile gezeigt hatte. Der Kampf gegen Privilegien und um die Einschränkung der Macht des Königs war zunächst im Interesse der Gleichberechtigung der Staatsbürger geführt worden; und es war eine Folge davon, daß der Einfluß der Verwaltung auf die Wirtschaft auf ein Minimum herabgesetzt wurde. Adam Smith hatte im Grunde nur noch für die Ausdehnung eines im Inland weitgehend geltenden und erfolgreichen Prinzips auf den Außenhandel zu plädieren und dazu zu zeigen, warum sich die wirtschaftliche Freiheit als so erfolgreich erwiesen hatte.”

Der englische Liberalismus hatte weder das Hyperrationalistische noch das Antireligiöse noch das Abstrakte der französischen Variante. Er vertraute auf die schöpferische Kraft der sozioökonomischen Evolution (und nicht auf die Macht eines vernunftgeborenen Plans). Seine Sorge galt der Beschränkung jeglicher Gewalt (und nicht der Suche nach einem mächtigen, von der „unfehlbaren Weisheit der Mehrheit” legitimierten Souverän). Ihr Bemühen galt der Gleichheit vor dem Gesetz (und nicht der Gleichheit der Einkommen und Lebensumstände). Je mehr jedoch die Ideen und der trügerische Freiheitsbegriff der Französischen Revolution auf England übergriff, desto schwächer wurde auch dort die Position der Klassisch-Liberalen. Die Whig-Partei spaltete sich – grob gesprochen: in Anhänger und Gegner der Französischen Revolution. Letztere sammelten sich um den genialen Edmund Burke; erstere entwickelten jene Spielart des „Liberalismus”, die noch heute überall auf der Welt einen schillernden Liberalitätsbegriff vertritt, der mehr mit den Ideen des Sozialismus zu tun hat als mit denen der „Old Whigs”. (Es ist deshalb heute – und schon lange – für einen Klassisch-Liberalen nicht mehr möglich, sich einfach als einen Liberalen zu bezeichnen. Es wird darunter alles mögliche verstanden, nur nicht das, was er sich selbst unter seiner Position vorstellt.) Letztendlich beruht der falsche Liberalismus auf dem Irrglauben, daß es politische Freiheit ohne wirtschaftliche Freiheit geben könne. Beide bilden jedoch eine unabdingbare Einheit. „Ein Kind ohne Kopf bleibt ein Krüppel zeitlebens” sagt ein alter Fastnachtsspruch der Stadt Singen am Hohentwiel. Analog können wir festhalten: Demokratie ohne Marktwirtschaft bleibt ein totgeborenes Kind. Sie kann niemals funktionieren. Sie ist wie ein Auto ohne Motor. Man kann sich zwar hineinsetzen und diskutieren bis man schwarz wird; aber es fährt nicht. Demokratie ist nur eine Methode der Begrenzung von Regierungsmacht, nicht Freiheit per se. Die Essenz der Freiheit ist arbeitsteiliges Wirtschaften in der spontanen Ordnung der Großen Gesellschaft. Und das ist nur in einer freien Wirtschaftsordnung möglich, wo man den Menschen nicht alles vorschreiben will, was sie zu tun und zu lassen haben, und das heißt: wo auch politische und individuelle Freiheit erhalten bleiben. „Liberale”, die den Markt und jenen Mann nicht verstehen, der ihn erstmalig umfassend  erforscht und erklärt hat (Adam Smith), sind nur Scharlatane einer unverstandenen Wirklichkeit. (Das gewinnt derzeit wieder höchste Aktualität bei der Rückwärts-Revolution der Völker Osteuropas. Wenn die Menschen und Verantwortlichen nicht begreifen, daß Freiheit nur auf den Fundamenten einer freien Marktwirtschaft errichtet werden kann, werden sie dort landen, wo sie begonnen haben: in Not und Knechtschaft.)

Damit die Dinge nicht verwechselt werden: Der englische Liberalismus des 17. und 18. Jahrhunderts (Freihandel; nur minimale Staatsinterventionen ins Wirtschaftsgeschehen) ist NICHT DAS ERGEBNIS des Wirkens der liberalen Denker und Philosophen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Der Interventionismus (außerhalb Englands) ist ein Kind des Absolutismus. Die absolutistischen Herrscher des Kontinents mußten ihre Kriege und ihren Feudal-Luxus mit einer Vielzahl von Steuern, Zöllen und Import- /Export-Regulierungen finanzieren (Merkantilismus!) und griffen deshalb überall ins Wirtschaftsgeschehen ein. In England dagegen scheiterte der Versuch, eine absolutistische Regierung zu installieren. Es kam zum Bürgerkrieg. Aus dieser Erfahrung rührte die Empfindlichkeit und Wachsamkeit der Bürger und Parlamente gegen zu viel Macht in der Hand des Königs bzw. der Regierung. Selbst als 1660 die Monarchie restauriert wurde, blieb die Beschränkung der Macht das vorherrschende Ziel der Politik. Das Mißtrauen gegen wirtschaftspolitische Eingriffe der Regierung war lediglich eine Begleiterscheinung des Mißtrauens gegen alle politische Macht. Interventionen wurden also nicht abgelehnt, weil man den Wirtschaftsliberalismus als Programm gehabt hätte, sondern weil man sie als Machtmittel der Regierung ansah. Das Ergebnis dieser Abstinenz des Staates von der Wirtschaft war dann ein außergewöhnlicher Aufstieg Englands. Im Rückblick auf dieses erstaunliche Geschehen entwickelten sodann die Moralphilosophen (vor allem Adam Smith) ihre Theorien des wirtschaftlichen Liberalismus. Auch der Liberalismus ist keine Erfindung, sondern eine Entdeckung.

Aus dieser Erfahrung – aus dem Staunen darüber, was gewissermaßen „von alleine” (spontan) geschehen war – resultiert denn auch die bescheidene Einstellung der englischen Denker zur Ratio. Sie wußten, daß keine menschliche Institution und kein Vordenker die Mechanismen des wirtschaftlichen Aufschwungs entworfen oder auch nur vorausgeahnt hatte, und lernten deshalb, ihren Verstand INTERPRETIEREND zu gebrauchen ohne ihn KONSTRUIEREND zu mißbrauchen. Auf dem Kontinent hingegen – vor allem in Frankreich –, wo die Macht des absolutistischen Staates total war und wo dieser Staat in alles Wirtschaftsgeschehen geldscheffelnd und bürgerschröpfend eingriff, schienen Feudalgesellschaft und Wirtschaft das Ergebnis eines ausbeuterischen Plans des ebenfalls geplanten Machtapparates zu sein, eine ORGANISATION also, die man für austauschbar hielt.

Aus der Illusion, Staat, Gesellschaft und Wirtschaft seien nichts anderes als der Organisationsentwurf einer Feudalclique, erwuchs der Wunsch, diese vermeintliche Konstruktion insgesamt beseitigen und durch eine bessere ersetzen zu wollen. Dieser Wahn und Irrtum ist der Ursprung aller sozialistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle.

aus „Kreide für den Wolf – Die tödliche Illusion vom besiegten Sozialismus“ von Roland Baader.

Das Freiheitswerk hat in Zusammenarbeit mit der Familie Baader die Originalausgabe von “Kreide für den Wolf” aufgearbeitet und stellt diese als E-Book kostenlos zur Verfügung. Die nicht mehr erhältliche gebundene Ausgabe erschien 1991 im Anita-Tykve-Verlag.

Im Anschluss sind weiterhin eine hochwertige überarbeitete Druckausgabe von Kreide für den Wolf und die Wiederveröffentlichung des ebenfalls vergriffenen Werkes “Die Euro-Katastrophe” geplant.

Weitere Informationen finden Sie beim „Freiheitswerk“.

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“Roland Baader war nicht nur ein profunder Kenner der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, sondern seine Schriften tragen vor allem auch unmissverständlich Mises’ intellektuelles Erbe in sich. Eindringlich, beindruckend, wortgewaltig und immer gut verständlich sind seine Wortbeiträge, in denen er die Österreichische Schule auf die aktuellen gesellschaftlichen Probleme und Missstände anwednet. Roland Baader klärte seine Leser über den schleichenden Weg in den Sozialimus-Totalitarismus auf, der notwendigerweise im Ausbreiten des Wohlfahrts- und Umverteilungsstaats angelegt ist, und der aus einem schwindenden öffentlichen Verständnis für die Bedeutung des freien Marktsystems rührt.” (Thorsten Polleit – aus “Freiheitsfunken II” – Lichtschlag Buchverlag)

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