Der Sozialmensch

23.8.2013 – von Roland Baader.

Roland Baader (1940 - 2012)

Der Sozialmensch ist der dominierende Typus des homo sapiens der westlichen Welt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Besonders vorherrschend und geradezu fächendeckend auftretend ist seine Gattung in Deutschland. Er lebt in einem sozialen Rechtsstaat mit sozialer Marktwirtschaft und einem inzwischen beträchtlich gewachsenen sozialverpflichteten Eigentum. Er hat ein halbes Dutzend Sozialversicherungen und genießt einen umfassenden Sozialschutz in einem feingeknüpften Netz. Im sozialen Notfall oder bei sozialen Schieflagen vertraut er auf das Sozialstaatsprinzip und auf die Sozialgesetzgebung, auf Sozialsystem und Sozialverbände, die ihm mit Sozialhilfe und verschiedenen Sozialtransfers und Sozialeinrichtungen unter die Arme greifen, um seinen sozialkulturellen Standard und sein soziales Existenzminimum zu garantieren. Als sozial eingestellter Bürger sehnt er sich nach sozialer Gerechtigkeit und sozialem Frieden – und setzt deshalb auf eine sozial ausgewogene Sozialpolitik der allesamt sozialdemokratischen Parteien.

Die Festlegung des Volumens an sozial notwendiger Arbeit und seines Arbeitsentgelts überläßt er den Sozialpartnern, von denen er sozialverträgliche und in sozialer Verantwortung getroffene Entscheidungen zur Durchsetzung seiner sozialen Ansprüche erwartet, aber auch die Wahrung der sozialen Rechte der sozial Schwächeren. Widrigenfalls pocht er auf das Sozialgesetzbuch und die soziale Rechtsprechung der Sozialgerichte, notfalls – bei sozial unausgewogenen oder gar sozialunverträglichen (weil die Sozialauswahl verletzenden) Entlassungen – auf Sozialentschädigung und So­zialabfindung. Der Sozialmensch denkt und empfindet sozial, lebt am liebsten in einer Sozialwohnung und wünscht sich einen sozial eingestellten Vermieter, sowie einen Arbeitgeber mit sozialem Gewissen.

Nichts fürchtet er mehr als soziale Blindheit, eine Kürzung des sozialstaatlichen Sozialbudgets, einen sozialen Umbau oder gar einen sozialen Kahlschlag in den Sozialwerken. Vielleicht weiß der einzelne Sozialmensch nicht, daß seine Regierung schon 1961 eine Europäische Sozialcharta unterzeichnet hat, deren Institutionen wie Sozialrat, Sozialkommissar und Sozialausschuss als Ziel eines europaweit sozial harmonierenden Sozialniveaus verfolgen, vielleicht kümmert er sich auch wenig um die neue Sozialcharta des Maastricht­ Vertrages mit ihren Ambitionen für einen sozialen Ausgleich der europäischen Sozialstandards, aber da er Markt und Wettbewerb ohnehin für unsozial hält, würde er die soziale Abfederung der  EU-Sozialmodelle gegen Sozialdumping und sozial schädliche Konkurrenz in einem sozialen Europa ohnehin begrüßen.

Der Sozialmensch des sozialdemokratischen Jahrhunderts ist sozial gewiefter als man gemeinhin annimmt, denn er kennt die Sozialdaten und seine sozialen Grundrechte, die Sozialversicherungsbeitragssätze, den Namen des Sozialministers und die Details in dessen Sozialreformen. Nur eines hat der Sozialmensch noch nicht wahrgenommen: Dass er, schon lange dem Sozialwahn verfallen, zum abhängigen Sozial-Sklaven der politischen Sozial-Funktionäre geworden ist, und dass das Wort >Sozial< nur die machtstrategisch getarnte Weichspüler-Vokabel für >sozialistisch< ist.

Bedenke, Sozialmensch: Nach den verheerenden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts haben die modernen westlichen Staaten ihre Rolle als Kriegsführer eingebüßt, und demgemäß auch ihre Funktion als Verteidiger gegen äußere Feinde. Spätestens nach dem Zusammenbruch der planwirtschaftlichen Systeme auf der gesamten Erde hat der Staat als Machtgebilde auch seine Legitimation als ökonomische Vater- und Führer-Figur verloren. Eine Entwicklung, die mit der sogenannten >Globalisierung< zusätzliche Schübe erfährt. Als letzte Haltestange für die Rechtfertigung seiner Existenz als Machtstaat (also über ein kulturell bestimmtes nationales Gebilde hinaus) ist ihm das >Soziale< geblieben, an das er sich in Form des geradezu wahnhaft-neuroti­schen >Sozialstaats< um so verbissener klammert. Hätte die politische und syndikalistische Kaste nicht den Vorwand »soziale Umverteilung« als legitimierende Begründung ihrer maßlosen Abzockerei, so könnte sie bei den Bürgern nicht mehr als 15 bis maximal 20 Prozent an Steuer- und Abgabenbelastung durchsetzen. Mehr würden sich die Wähler nicht gefallen lassen. Der absehbare Zusammenbruch der staatlichen Sozialsysteme und deren Unter­gang in einem Meer von Schulden  wird ihm aber auch diese Scheinlegiti­mation noch aus der Hand reißen.

Die Bürger müssen auf der Hut sein, da­mit die Funktionärskasten und  Polit-Cliquen des Gewaltmonopols >Staat< sich dann in ihrer Existenznot nicht auf die Funktion des Kriegsstaates zurückbesinnen und – mangels äußerer Feinde – nicht völlig neue Kriege auf dem Gebiet der Ökonomie und des >Sozialen< entfachen. Eine Art Neo-Mer­kantilismus nach außen und eine neue Art »rassistischer« Verfolgung (in Ge­stalt »der Reichen«) nach innen. Auch die Ökologie bietet sich angesichts des Niedergangs des christlichen Glaubens als Ersatzreligion und als Vehikel für eine Staatslegitimierung in Form eines säkularisierten Gottesgnadentums (nämlich des »Naturgnadentums«) an, in deren Namen man die Gewaltheiligung vergangener Zeiten wiederauskramen und Kreuzzüge gegen die Ökosünder führen kann.

Leviathan, das kälteste aller Ungeheuer, das die Menschheit seit Jahrtausenden drangsaliert, wird sich nicht ohne massive Gegenwehr entwaffnen, enttrohnen und seiner Krallen berauben lassen – auch dann nicht, wenn die Krallen in demokratischen Samtpfoten stecken. Leviathan wird alles daran setzen zu überleben und sich weiterhin zu mästen. Um jeden Preis. Darum gilt nicht nur im politischen oder sozio-ökonomischen Detail, sondern auch – und vor allem – ganz prinzipiell und ganz generell für die Bewahrung von Freiheit, Recht, Frieden und Zivilsation jener Satz des einstmals mächtigsten Mann der Erde, Ronald Reagan: „Der Staat löst keine Probleme, der Staat IST das Problem.“ Wache Sozialmensch!

Und noch eines, Sozialmensch, bedenke: Die Sozial-Vokabeln sind die Brenneisen, mit denen der Sozialismus in die Hirne und Herzen der Menschen eingebrannt wird. Wer sich die Brandzeichen aufdrücken lässt, gehört ab dato dem Staat, nicht mehr sich selber. „Sozialstaat“ bedeutet hierbei nichts anderes als Sozialismus mit eingezogenen Krallen, wobei das Katze-Maus-Verhältnis und das Schicksal der Mäuse gleichwohl unverändert tragisch bleiben.

Aus „Fauler Zauber – Schein und Wirklichkeit des Sozialstaats“ von Roland Baader, erschienen im RESCH-Verlag (1997), Seite 7 – 9.

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„Roland Baader war nicht nur ein profunder Kenner der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, sondern seine Schriften tragen vor allem auch unmissverständlich Mises‘ intellektuelles Erbe in sich. Eindringlich, beindruckend, wortgewaltig und immer gut verständlich sind seine Wortbeiträge, in denen er die Österreichische Schule auf die aktuellen gesellschaftlichen Probleme und Missstände anwednet. Roland Baader klärte seine Leser über den schleichenden Weg in den Sozialimus-Totalitarismus auf, der notwendigerweise im Ausbreiten des Wohlfahrts- und Umverteilungsstaats angelegt ist, und der aus einem schwindenden öffentlichen Verständnis für die Bedeutung des freien Marktsystems rührt.“ (Thorsten Polleit – aus „Freiheitsfunken II“ – Lichtschlag Buchverlag)

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