“Mises über die Unmöglichkeit des Sozialismus”

21.8.2013 – von Jesús Huerta de Soto.

Jesús Huerta de Soto

Wenn es einen Punkt gibt, auf den sich alle Beteiligten an der Debatte über die sozialistische Wirtschaftsrechnung einigen können, dann ist das die Tatsache, dass die Debatte offiziell mit Mises’ berühmtem Artikel aus dem Jahre 1920 begann: „Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen”. Dieser Artikel reproduziert den Inhalt einer Vorlesung, die Mises im Jahr zuvor vor der Nationalökonomischen Gesellschaft gehalten hatte. In dieser Vorlesung hatte er auf Neuraths Buch geantwortet, das im gleichen Jahr erschienen war. Es wäre schwierig, den gewaltigen Einfluss zu übertreiben, den Mises’ Artikel unter seinen ökonomischen Kollegen und unter sozialistischen Theoretikern ausübte. Seine kalte strikte Logik, die Klarheit seiner Erklärungen und sein provozierender Geist machten es unmöglich, seine Argumente zu übersehen, wie es den Argumenten der Theoretiker vor ihm erging. Otto Leichter betonte daher, dass es Mises’ Verdienst sei, als Erster die Aufmerksamkeit sozialistischer Theoretiker auf die Notwendigkeit gelenkt zu haben, das Problem der Wirtschaftsrechnung zu lösen. Der sozialistische Ökonom Oskar Lange, von dem wir später in extenso sprechen, schrieb ironischerweise, dass Mises der sozialistischen Theorie einen so großen Dienst erwiesen hätte, dass man zu seinen Ehren eine Statue von ihm im wichtigsten Raum der zentralen Planungsbehörde jedes sozialistischen Landes aufstellen sollte. Es wäre vielleicht keine Überraschung, wenn Langes sarkastische Bemerkung im Lichte der Erfahrungen der Ostblockstaaten auf ihn zurückfallen würde und viele Plätze in den Hauptstädten früherer kommunistischer Staaten das Aufstellen von Mises-Statuen anstelle der obsoleten, zerfallenen Darstellungen alter marxistischer Führer sehen würden.

Das Wesen und der grundsätzliche Inhalt von Mises’ Beitrag

Zum ersten Mal begrenzte Mises seinen Fokus auf die theoretische Analyse der Prozesse, durch die praktische Informationen geschaffen und übertragen werden – Prozesse, aus denen das Leben in der Gesellschaft besteht und die in den Kapiteln 2 und 3 erarbeitet wurde. Mises’ Gebrauch von Begriffen war noch recht verschoben. Und anstatt von verstreuter praktischer Information zu sprechen, bezog er sich auf eine bestimmte „intellektuelle Arbeitsteilung”, die seiner Meinung nach das Wesen des Marktes ausmache und die Informationen bereitstelle, die Wirtschaftsrechnung in allen unternehmerischen Entscheidungen benötigt. Mises führte insbesondere aus: „Die Verteilung der Verfügungsgewalt über die wirtschaftlichen Güter der arbeitsteilig wirtschaftenden Sozialwirtschaft auf viele Individuen bewirkt eine Art geistiger Arbeitsteilung, ohne die Produktionsrechnung und Wirtschaft nicht möglich wären.” Zwei Jahre später, im Jahr 1922, wiederholte Mises in seiner systematischen Abhandlung über den Sozialismus die gleiche Idee sogar noch expliziter: „In Gesellschaften, die auf Arbeitsteilung aufbauen, bedingt die Verteilung von Eigentumsrechten eine Art mentaler Arbeitsteilung, ohne die eine Ökonomie oder systematische Produktion nicht möglich wäre.” Fünf Jahre später, 1927 in seinem Werk „Liberalismus”, schlussfolgerte Mises ausdrücklich, dass seine Analyse auf der Unmöglichkeit beruhe, innerhalb eines sozialistischen Systems die praktischen Informationen in Form von Marktpreisen zu schaffen, die notwendig für die intellektuelle Arbeitsteilung sind und nur aus der kreativen Kapazität der unternehmerischen Funktion menschlicher Handlung entstehen: „Der entscheidende Einwand, den die Ökonomie gegen die Möglichkeit des Sozialismus einwendet, besteht darin, dass er auf die geistige Arbeitsteilung verzichten muss, die aus der Zusammenarbeit aller Unternehmer, Landbesitzer und Arbeiter sowohl als Produzenten als auch als Konsumenten bei der Bildung von Marktpreisen besteht.”

Ein anderer fundamentaler Beitrag von Mises war seine Entdeckung, dass die Informationen, die der Markt ständig generiert, aus der Ausübung der unternehmerischen Funktion entspringen und eng mit den besonderen Umständen von Ort und Zeit zusammenhängen, die nur von Individuen verstanden werden können, die in ihrem Kontext handeln. Praktisches unternehmerisches Wissen entsteht im Markt als ein Ergebnis der einzigartigen Stellung, die jeder einzelne Akteur im Produktionsprozess innehat. Wenn die freie Ausübung der unternehmerischen Funktion behindert ist und ein Versuch unternommen wird, die gesamte Gesellschaft zwangsweise von oben zu organisieren, werden Unternehmer unfähig sein, frei zu handeln, und damit aufhören, Unternehmer zu sein. Sie werden sich nicht einmal der Informationen bewusst sein, die sie zu schaffen und zu erkennen versäumen. Davon werden Unternehmer unabhängig von ihrem akademischen Erfolg und ihren Management- sowie beruflichen Qualifikationen betroffen sein. Mises stellt fest: „Das kaufmännische Denken und Arbeiten des Unternehmers entspringt seiner Stellung im Wirtschaftsprozess und geht mit ihr verloren. Wenn man einen erfolgreichen Unternehmer zum Leiter eines gesamtwirtschaftlichen Betriebes bestellt, dann mag er gewisse Erfahrungen aus seiner früheren Stellung im Wirtschaftsprozess mitbringen und eine Zeit lang noch routinemäßig verwerten können. Doch mit seinem Eintritt in die gemeinwirtschaftliche Tätigkeit hört er auf, Kaufmann zu sein und wird Bureaukrat wie jeder andere Angestellte des öffentlichen Dienstes. Nicht Kenntnis der Buchhaltung, der Betriebsorganisation und des kaufmännischen Briefstils, nicht die Absolvierung einer Handelshochschule machen den Kaufmann aus, sondern seine charakteristische Stellung im Produktionsprozess, die das Interesse des Unternehmens mit seinen eigenen Interessen zusammenfallen lässt.”

Mises entwickelt dieses Argument in seiner Abhandlung über den Sozialismus, in der er zu dem klaren Schluss kommt, dass „ein Unternehmer, der von seiner charakteristischen Rolle im ökonomischen Leben entbunden wurde, aufhört, ein Geschäftsmann zu sein. Egal wie viel Erfahrung und Routine er für seine neue Tätigkeit auch mitbringt, er wird doch wie ein Funktionär sein.”

In dem Ausmaße also, in dem der Sozialismus die freie Ausübung der unternehmerischen Funktion in dem grundsätzlichen Bereich der Produktionsfaktoren (Kapitalgüter und natürliche Ressourcen) gewaltsam verhindert, behindert der Sozialismus sowohl die Entstehung und Übertragung praktischer Informationen, die für eine passende Allokation dieser Faktoren durch eine zentrale Planungsbehörde notwendig wären. Da diese Informationen nicht entstehen, können sie auch nicht in der Wirtschaftsrechnung berücksichtigt werden, die jede rationale ökonomische Entscheidung begleiten muss. Die Personen der zentralen Regulierungsbehörde können daher noch nicht einmal sicher sein, ob sie nicht das Erreichen der Ziele verpassen, die selber als wünschenswerter erachten würden, während sie Entscheidungen treffen und handeln. Ökonomische Entscheidungen im Sozialismus sind daher willkürlich und werden unter größter Unsicherheit getroffen.

An diesem Punkt ist es sehr wichtig zu betonen, dass Mises’ Argument ein theoretisches ist. Es stellt auf den intellektuellen Fehler ab, der jede sozialistische Idee fehlleitet, weil es unmöglich ist, eine Gesellschaft über zwingende Befehle zu organisieren angesichts dessen, dass die überwachende Behörde unmöglich die dafür notwendigen Informationen erhalten kann. Mises’ theoretisches Argument bezieht sich auf die praktische Unmöglichkeit des Sozialismus. Es ist, anders ausgedrückt, das entscheidende theoretische Argument, da Theorie nur eine abstrakte, formale und qualitative Analyse der Realität darstellt – eine Analyse, die niemals ihre Verbindung mit der Realität verlieren darf und so relevant wie möglich für Situationen und Prozesse in der Wirklichkeit bleiben muss. Es wäre daher komplett falsch, wenn sich Mises mit der Unmöglichkeit des Sozialismus in Form eines formellen Gleichgewichtmodells oder der „reinen Logik der Wahl” beschäftigen würde, wie dies viele Autoren tun, die nicht fähig sind, zwischen Theorie und Gleichgewichtsanalyse zu unterscheiden. Tatsächlich war Mises bereits 1920 sehr daran gelegen, ausdrücklich auszuschließen, dass seine Analyse in einem Gleichgewichtsmodell angewendet werden könnte. Ein derartiges Modell setzt von Anfang an voraus, dass alle notwendigen Informationen vorhanden sind, und statuiert daher per definitionem, dass das fundamentale ökonomische Problem des Sozialismus bereits ab initio gelöst ist. Dies führt die Gleichgewichtstheoretiker deshalb dazu, das Problem zu übersehen. Momentan besteht das Problem des Sozialismus darin, dass die Autoritäten von Regulierungsbehörden, wenn sie einen Befehl oder eine Anweisung zum Vorteil oder Nachteil für einen ökonomischen Vorschlag herausgeben, nicht das notwendige Wissen haben, um feststellen zu können, ob sie korrekt handeln oder ob nicht. Daher können sie keinerlei Wirtschaftsrechnung durchführen. Wenn angenommen wird, dass die überwachende Behörde über alle notwendigen Informationen verfügt und außerdem keine Veränderungen auftreten, dann ist es offensichtlich, dass kein Problem in der Wirtschaftsrechnung auftritt, weil dieses von Anfang an als nicht existent verdrängt wird. Mises schreibt daher: „Die statische Wirtschaft vermag ohne Wirtschaftsrechnung auszukommen. Hier wiederholt sich im Wirtschaftlichen ja nur immer wieder dasselbe, und wenn wir annehmen, dass die erste Einrichtung der statischen sozialistischen Wirtschaft auf Grund der letzten Ergebnisse der freien Wirtschaft erfolgt, dann könnten wir uns ja allenfalls eine wirtschaftlich rational geleitete sozialistische Produktion vorstellen. Doch das ist eben nur in Gedanken möglich. Ganz abgesehen davon, dass es statische Wirtschaft im Leben nie geben kann, da sich die Daten immerfort verändern, so dass die Statik des Wirtschaftens nur eine [...] gedankliche Annahme ist, der im Leben kein Zustand entspricht.”

Mises’ Argument ist daher ein theoretisches, das auf die logische Unmöglichkeit des Sozialismus abhebt, aber ein Argument, das die Theorie der Logik des menschlichen Handelns in Betracht zieht. Es ist keine „Logik” oder „Theorie”, die auf mechanischen Handlungen aufbaut, die in der Umgebung eines perfekten Gleichgewichtes durch „allwissende” Wesen ausgeführt werden, die so übermenschlich sind, wie sie der Realität enthoben sind. Mises beschreibt das zwei Jahre später sogar noch klarer in seinem Buch über den Sozialismus: „Unter stationären Bedingungen existiert nicht mehr länger das Problem die Wirtschaftsrechnung zu lösen. Die wesentliche Funktion der Wirtschaftsrechnung wurde hypothetisch bereits ausgeführt. Es gibt keine Notwendigkeit für einen Rechenapparat. Um eine beliebte, aber nicht vollständig zufriedenstellende Terminologie zu benutzen können wir sagen, dass das Problem der Wirtschaftsrechnung eines der wirtschaftlichen Dynamik und kein Problem wirtschaftlicher Statik ist.”

Diese Stellungnahme von Mises passt hervorragend zu den Repräsentanten der österreichischen Tradition, wie sie von Carl Menger gegründet, danach von Böhm-Bawerk entwickelt und in der dritten Generation von Mises selbst unterstützt wurde. Tatsächlich ist nach Mises „das, was die Österreichische Schule unterscheidet und ihr den unsterblichen Ruhm verleiht, die Tatsache, dass sie eine Theorie der ökonomischen Handlung und nicht des ökonomischen Gleichgewichts oder der Nicht-Handlung erschaffen hat”. Im Gleichgewichtszustand ist keine Wirtschaftsrechnung nötig. Und so ist es nicht überraschend, das die Einzigen, die das Theorem der Unmöglichkeit sozialistischer Wirtschaftsrechnung entdecken konnten, die Förderer einer Schule waren, die wie die Österreichische Schule ihr wissenschaftliches Forschungsprogramm auf die theoretische Analyse realer, dynamischer Prozesse, wie sie im Markt ablaufen, fokussiert und nicht auf die Entwicklung partieller oder allgemeiner mechanistischer Gleichgewichtsmodelle.

Aus “Sozialismus, Wirtschaftsrechnung und unternehmerische Funktion” von Jesús Huerta de Soto, Seite 105 – 110 – erschienen im Verlag Lucius & Lucius.

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Jes Huerta de Soto ist Professor für Politische Ökonomie an der Universität Rey Juan Carlos in Madrid. Er errang die Doktorwürde der Volkswirtschaftslehre und der Rechtswissenschaften durch die Universität Complutense in Madrid. Im Jahr 1983 wurde er mit dem Internationalen “Rey Juan Carlos” Preis ausgezeichnet. Der “Adam Smith” Preis wurde ihm durch das C.N.E. in Brüssel (2005); der “Franz Cuhel Memorial Prize for Excellence in Economic Education” durch die Prager Wirtschaftsuniversität angetragen. Mehrere Universitäten verliehen ihm die Ehrendoktorwürde. Zu seinen zahlreichen Werken gehören: Socialism, Economic Calculation and Entrepreneurship; Money, Bank Credit and Economic Cycles (auch in Deutsch erschienen: Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen – Verlag Lucius u. Lucius), The Austrian School: Market Order and Entrepreneurial Creativity and The Theory of Dynamic Efficency.