Schädliches Geldmonopol

10.6.2013 – von Thorsten Polleit.

Thorsten Polleit

Im Jahr 1912 entwickelte Ludwig von Mises (1881 – 1973) die monetäre Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Mit ihr konnte er zeigen, dass die Ausgabe von neuem, durch Bankkredite geschaffenem Geld zwar zunächst einen Aufschwung („Boom“) auslöst. Solch ein Boom ist aber nur ein „Strohfeuer“, ein „Scheinaufschwung“, und mündet früher oder später in einen Abschwung („Bust“).

Der Grund dafür ist, dass die Ausgabe von Kreditgeld eine Reichtumsillusion verursacht, Unternehmen zu Fehlinvestitionen verleitet, und dass Finanzsystem und Wirtschaft letztlich unter einer übermäßigen Verschuldung zusammenbrechen lässt. Seine monetäre Konjunkturtheorie ließ Mises bereits 1924 vom Herannahen einer „großen Krise“ sprechen. Die gab es dann tatsächlich, als nämlich 1929 die „Große Depression“ erst die Vereinigten Staaten von Amerika und nachfolgend die Weltwirtschaft heimsuchte.

Heute ist Mises‘ Theorie – die vor allem von seinem bekanntesten Schüler, Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) weiterentwickelt wurde – mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Das erklärt wohl auch, warum das Absenken der Zinsen und das Ausweiten der Geldmengen durch die staatlichen Zentralbanken, die heutzutage das Geldmonopol halten, nicht als Ursache der Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern als Krisenheilmittel gesehen werden. Aus Sicht der Österreichischen Schule der Nationalökonomie ist das ein geradezu tragischer Fehlschluss.

Denn diese Zentralbankpolitiken verhindern nicht nur, dass die Kapitalfehllenkungen, die durch den „Kreditgeldboom“ verursacht wurden, korrigiert werden, sondern sie verschlimmern sie noch. Vor allem die Verschuldungslasten steigen dabei immer weiter an. Dass die Volkswirtschaften auf diese Weise in eine immer instabilere Situation gebracht werden, dass die Krisen immer dramatischer werden, wird jedoch meist durch die Geldmengenflut, begleitet von Rekordtiefzinsen, vernebelt, lässt sich aus offiziellen Statistiken meist nicht ohne weiteres ablesen.

Die Abfolge von „Boom-und-Bust“ und der damit einhergehende chronische Geldwertschwund zerstören die Marktwirtschaft. Aus dieser Entwicklung gibt es nur einen Ausweg: Das staatliche Geldmonopol und mit ihm die Zentralbanken müssen abgeschafft werden. Solch einer Politinitiative hat der ehemalige amerikanische Kongressabgeordnete Ron Paul im Jahr 2009 besonderen Schwung verliehen. In den Vereinigten Staaten lautet sie: „End the Fed“. Nach Pauls Vorschlag soll die amerikanische Federal Reserve ihr Geldmonopol verlieren, und die freien Märkte sollen über Art und Qualität des amerikanischen Geldes entscheiden.

Der Vorschlag, nicht auf staatliche Zentralbanken, sondern auch auf die produktiven Kräfte des freien Marktes zu setzen, um „gutes Geld“ zu erlangen, mag für viele noch zu unvertraut klingen, ja sogar Argwohn auslösen, als dass daraus unmittelbar ein politischer Gestaltungselan entstehen könnte.

Doch wenn das Zentralbankwesen weitergeführt wird, werden die Menschen seine schädliche Wirkungen noch stärker als bisher zu spüren kriegen: in Form von schweren Wirtschaftskrisen und Enteignung der Ersparnisse durch Inflation. Spätestens aber dann, wenn viele die wirkliche Ursache der Misere erkennen und zu spüren bekommen – dass also das Zentralbankwesen die Übelstände verursacht und nicht das System der freien Märkte –, könnte auch im Euroraum ein Ruf laut werden, der lautet: „End the ECB“.

Mises hatte übrigens bereits vor mehr als einhundert Jahren vor der Wirkung des durch Bankkreditvergabe geschaffenen Papiergeldes (das er als „Umlaufsmittel“ bezeichnete) gewarnt. Er sah, dass es die marktwirtschaftliche Ordnung zerstören könne: „Es wäre ein Irrtum, wollte man annehmen, daß der Bestand der modernen Organisation des Tauschverkehres für die Zukunft gesichert sei. Sie trägt in ihrem Innern bereits den Keim der Zerstörung. Die Entwicklung des Umlaufsmittels muss notwendigerweise zu ihrem Zusammenbruche führen.“[1]

Mises sprach in diesem Zusammenhang gerade auch eine Warnung vor dem Zentralbankwesen aus – und das zu einer Zeit, als weltweit Gold noch das Geld war. Er hatte die Gefahr einer Kartellierung, Zentralisierung der nationalen Zentralbankpolitiken, mit schlimmen Folgen, vor Augen: „Die einzige Weltmittelumlaufsbank oder das Weltkartell der Umlaufsmittelbanken werden es in der Hand haben, die Umlaufsmittelzirkulation schrankenlos zu vermehren.“[2]

Im Zuge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise haben die großen Zentralbanken der Welt begonnen, im Gleichschritt zu agieren. Sie haben ihre Geldpolitiken im Grunde vereinheitlicht, aufeinander abgestimmt und damit das letzte bisschen Wettbewerb zwischen den Papiergeldwährungen, das noch den Missbrauch mit der elektronischen Notenpresse disziplinieren könnte, de facto ausgeschaltet. Braucht es noch mehr Beweise, um die Schädlichkeit des Geldmonopols zu erkennen?

Dieser Beitrag wurde in ähnlicher Form am 11. März 2013 in der F.A.Z. veröffentlicht.

[1] Ludwig von Mises (1924, 1912,) Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, Duncker & Humblot, München und Leipzig, S. 472.

[2] Ebenda, S. 475 – 476.

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Thorsten Polleit, 45, ist seit April 2012 Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH. Zuvor war er 12 Jahre als Ökonom im internationalen Investment-Banking in London, Amsterdam und Frankfurt tätig. Seit 2003 ist Thorsten Polleit Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance, Frankfurt, Interessen- und Forschungsschwerpunkt Kapitalmarkttheorie, Geldpolitik und –theorie und insbesondere auf die „Österreichische Schule der Nationalökonomie“. Er ist zudem Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, und Mitglied im Forschungsnetzwerk „Research On money In The Economy“ (ROME). Seit Oktober 2012 ist Thorsten Polleit Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Er ist Gründungsmitglied und Partner von „Polleit & Riechert Investment Management LLP“. Die private Website von Thorsten Polleit ist: www.thorsten-polleit.com. Hier Thorsten Polleit auf Twitter folgen.

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