Die Österreichische Schule und ihre Bedeutung für die moderne Wirtschaftswissenschaft

5.6.2013 – In seinem Aufsatz „Die Österreichische Schule und ihre Bedeutung für die moderne Wissenschaft“ aus dem Jahr 1996 erklärt Professor Hans-Hermann Hoppe unter anderem die inhaltliche Entwicklung, die die Österreichische Schule seit Carl Menger (1840 – 1921) genommen hat. In den nachfolgend abgedruckten Abschnitten II und III seines Aufsatzes geht Hoppe auf die Unterscheidung der Denktraditionen innerhalb der Österreichischen Schule ein und erläutert, wie sich die von Menger über Eugen von Böhm-Bawerk (1850 – 1914) und Ludwig von Mises (1881 – 1973) bis zu Murray N. Rothbard (1926 – 1995) reichende Denktradition von den verschiedenen Seitenlinien – wie vor allem der von Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) geprägten – unterscheidet. Den vollständigen Aufsatz finden Sie am Ende des Textes im Pdf-Format zum Herunterladen.

Andreas Marquart

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II

Hans-Hermann Hoppe

Um zu einem angemessenen Urteil im Hinblick auf die Österreichische Schule zu gelangen — ganz unabhängig davon, wie immer man die Leistungen der einzelnen Repräsentanten der Schule bewerten mag – ist es unerlässlich, die äußeren und inneren Gründe für die Unterscheidung zwischen einer genealogischen Hauptlinie (Menger, Böhm-Bawerk, Mises, Rothbard) und diversen Seitenlinien (Wieser, Schumpeter, Hayek, Kirzner, Lachmanm) zu verstehen. Der äußere Grund hierfür besteht darin, dass diese Differenzierung auch der Selbstinterpretation der beteiligten Personen entspricht. Böhm-Bawerk betrachtete sich selbst als Nachfolger Mengers. Mises begriff sich als Weiterführer Böhm-Bawerks und Mengers. Und Rothbard sah sich als Fortführer Mises‘ und seiner Lehrer. Mehr noch, die Selbsteinschätzung des jeweiligen Nachfolgers stand durchaus im Einklang mit der entsprechenden Einschätzung durch den direkten Vorgänger. Ungeachtet einer ausgesprochen kritischen Distanz anerkannte Menger Böhm-Bawerk als seinen wichtigsten Schüler. Das gleiche gilt für Böhm-Bawerk im Verhältnis zu Mises, und ebenso für Mises und Rothbard. Umgekehrt dagegen, ungeachtet ihres Lehrer/Schüler-Verhältnisses und einer ausgesprochenen gegenseitigen Wertschätzung, betrachtete Böhm-Bawerk Schumpeter nicht als seinen Nachfolger, noch begriff sich Schumpeter selbst als solcher. Und ebenso anerkannte Mises Hayek nicht als seinen intellektuellen Erben, noch sah Hayek sich selbst in dieser Rolle. Man verstand sich vielmehr auch wechselseitig als »Abweichler«.

Darüber hinaus gibt es vor allem einen inneren – logischen – Grund für die Unterscheidung zwischen einer Hauptlinie und diversen Seitenlinien. Die von Menger über Böhm-Bawerk und Mises bis zu Rothbard reichende Linie ist durch eine einheitliche Denkmethode gekennzeichnet und unterscheidet sich hierin grundsätzlich von allen anderen Traditionslinien. Von Menger bis Rothbard bekennt man sich ausdrücklich als Rationalist und verwirft kategorisch alle Spielarten des sozialwissenschaftlichcn Relativismus (Historizismus, Positivismus, Falsifikationismus, Skeptizismus). Man ist nicht nur von der Existenz ökonomischer Gesetze überzeugt, sondern insbesondere davon, daß es sich bei diesen um »exakte« (Menger) oder »aprioristische« (Mises) Gesetze handelt. Im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Gesetzesaussagen, die immer und fortwährend an Erfahrungsdaten überprüft werden müssen und von daher nie mehr als eine »nur« hypothetische Gültigkeit (Bewährung) beanspruchen können, handelt es sich bei wirtschaftswissenschaftlichen Gesetzesaussagen um notwendige, also nicht-hypothetische Zusammenhänge und eine »apodiktische« Aussagengültigkeit. Alle grundlegenden ökonomischen Theoreme lassen sich aus ein paar einfachen und unbestreitbaren Erfahrungstatsachen (Menger) oder gar einem einzigen, nicht widerspruchsfrei bestreitbaren Axiom (Mises) deduktiv ableiten; und alle übrigen Aussagen können ihrerseits aus diesen Grundsätzen und einer Reihe empirischer (und empirisch überprüfbarer) Annahmen logisch hergeleitet werden. Dementsprechend, so ist man von Menger bis Rothbard überzeugt, ist es weder erforderlich noch möglich, die Gültigkeit wirtschaftswissenschaftlicher Aussagen an Erfahrungsdaten zu testen. Erfahrung kann die Gültigkeit ökonomischer Theoreme allenfalls illustrieren, aber Erfahrung kann ein Theorem niemals widerlegen (falsifizieren), denn die Gültigkeit eines Theorems beruht letztlich ausschließlich auf der Geltung unbestreitbarer Grundprinzipien und der Geltung (und korrekten Handhabung) der Regeln logischen Schließens. Und als Rationalist steht man darüber hinaus auf dem Boden eines erkenntnistheoretischen und methodologischen Individualismus. Nur Individuen handeln, und alle »sozialen« Phänomene müssen sich deshalb als das Resultat absichtsvoller individueller Handlungen erklären (rekonstruieren) lassen. Jede »holistische« oder »organizistische« Erklärung sozialer Phänomene wird demgegenüber kategorisch – als unwissenschaftliche Scheinerklärung – abgelehnt. Und ebenso, auch darin ist man sich von Menger bis Rothbard einig, ist jede mechanistische Erklärung sozialer Phänomene als unwissenschaftlich zu verwerfen. Menschliches Handeln ist Handeln unter Unsicherheit. Die Vorstellung einer sozialen Gleichgewichts-Mechanik ist nur insofern nützlich, als sie dazu dient, zu begreifen was Handeln nicht ist, und inwieweit dieses sich kategorisch von den Operationen eines Automaten unterscheidet.

III

Der Rationalismus der von Menger über Böhm-Bawerk und Mises bis hin zu Rothbard reichenden Tradition hatte eine zweifache Wirkung. Zum einen war es gerade der logisch-methodologische Rigorismus dieses Rationalismus, der dazu beitrug, dass die Denktradition der Österreichischen Schule ungeachtet aller ideologischen Verwerfungen im Verlauf der letzten hundert Jahre nie abriss. Während die Vertreter diverser Seitenlinien zeitweilig größeren Einfluss als ihre rationalistischen Verwandten ausübten, so vermochte doch keiner von ihnen eine dauerhafte Schule zu begründen. Sämtliche Abweichungen vom rationalistischen Programm erwiesen sich vielmehr als nur vorübergehende Modeerscheinungen. Allein die rationalistische Tradition innerhalb der Österreichischen Schule konnte bis auf den heutigen Tag immer wieder neue Generationen österreichischer Ökonomen anziehen.

Zum anderen war der kompromisslose Rationalismus aber auch dafür verantwortlich, dass der Einfluss der Österreichischen Schule auf den Gang der historischen Ereignisse im allgemeinen und die Entwicklung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften im besonderen lange Zeit hindurch in einem stetigen Abstieg begriffen war, um erst wieder seit Mitte der siebziger Jahre eine kraftvolle Erneuerung zu erfahren.

Was den Verlauf der äußeren Ereignisse betrifft, so war es das Schicksal der Österreichischen Schule, dass die sich aus ihren theoretischen Untersuchungen ergebenden praktisch-politischen Forderungen dem Zeitgeist des 20. Jahrhunderts vollständig zuwider liefen. Das 20. Jahrhundert war, und ist, das Zeitalter des Sozialismus: des Kommunismus, Faschismus, Nationalsozialismus und Sozialdemokratismus. Demgegenüber waren Menger, Böhm-Bawerk, Mises und Rothbard nicht nur entschiedene Liberale bzw. Libertäre, das heißt, Proponenten einer kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Mehr noch, die liberale, und anti-sozialistische, Position der Österreichischen Schule erfuhr eine ständig zunehmende Radikalisierung, und ihr Gegensatz zum sozialistischen Zeitgeist wurde im Verlauf der Zeit immer schärfer und unversöhnlicher. Während Menger und Böhm-Bawerk dem Staat eine nur sehr geringe Anzahl von Aufgaben zugestehen wollten, gab es für Mises nur eine legitime Staatsfunktion: die Durchsetzung und Aufrechterhaltung einer auf den Prinzipien des Privateigentums und der Vertragsfreiheit aufbauenden Privatrechtsordnung. Rothbard ging noch einen Schritt weiter und bestritt die ökonomische (und ethische) Rechtfertigung eines Staates überhaupt und befürwortete statt dessen das Gesellschaftsmodell einer geordneten Anarchie bzw. eines Privateigentumsanarchismus. Erst die Ereignisse der siebziger und achtziger Jahre brachten eine Wende. Nach fast hundert Jahren nahezu ununterbrochenen Staatswachstums und zunehmender Missachtung der Lehren der Österreichischen Schule zeigten sich seitdem erste unübersehbare Risse im Gefüge der sozialistisch-sozialdemokratischen Staatenwelt Europas und Nordamerikas. Anfang der siebziger Jahre kam es in den USA (wie in den meisten Ländern Westeuropas) erstmals zum Auftreten des Phänomens einer Stagflation – einer inflationären (anstatt, wie früher üblich: deflationären) Rezession. Der die amerikanische und westeuropäische Wirtschaftspolitik bis dahin – seit den dreißiger Jahren – fast unumschränkt bestimmende Keynesianismus war damit in seinen theoretischen Grundfesten erschüttert. Keynes zufolge hatte eine Stagflation als »unmöglich« zu gelten; seiner interventionistisch-inflationistischen Lehre entsprechend war gerade Inflation das Mittel um aus einer Rezession herauszukommen! Der Keynesianismus geriet damit in eine Krise, von der er sich bis heute nicht wieder erholt hat. 1974, ein Jahr nach Mises‘ Tod, erhielt dann Hayek – als erster Nicht-Keynesianer – den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seinen Beitrag zur Entwicklung der sogenannten Mises-Hayekschen Konjunkturtheorie, und aus dem Zusammenwirken dieser beiden Ereignisse ergab sich ein erstes Wiederaufflackern des Interesses an »Austrian Economics«.

Darüber hinaus wurde es seit Anfang der siebziger Jahre auch immer deutlicher, daß der allgemeine Lebensstandard nicht bloß in Westeuropa, sondern insbesondere auch im Land der Sieger beider Weltkriege, den USA, nicht mehr, wie bisher gewohnt, weiter anstieg, sondern stagnierte oder gar zu sinken begann. Angesichts dessen kam es nun auch zu einer Wiederentdeckung der Misesschen Theorie des Interventionismus. Zentrales Element dieser Theorie war die These von der Unmöglichkeit eines »dritten Weges« (neben Kapitalismus und Sozialismus). Alle interventionistischen Systeme, in denen Privateigentum und Unternehmertum zwar nominell beibehalten werden, aber dem Staat die Aufgabe zufällt, »korrigierend« in das Marktgeschehen einzugreifen, führen, nach Mises, entweder schrittweise zum Sozialismus oder zurück zum Kapitalismus. Denn jeder Markteingriff ist kontraproduktiv und erzeugt mehr desselben Problems, das zu korrigieren er bestimmt war. Eine staatliche Unterstützung, Einkornmensumverteilung zugunsten von Armen oder Arbeitslosen beispielsweise, führt unausweichlich zu vermehrter Armut und Arbeitslosigkeit. Im nächsten Schritt müssen darum die Zahlungen entweder wieder gekürzt oder eingestellt werden. Oder aber die Unterstützungszahlungen müssen erhöht werden, usw., bis es schließlich zu einer vollständigen Aufhebung des Privateigentums kommt. Es ist aber unmöglich, auf dem anfänglich gewählten Eingriffsniveau zu verharren. Und schließlich, Ende der achtziger Jahre, kam es dann zum spektakulären Zusammenbruch des Sozialismus in der Sowjetunion und den Ländern Osteuropas. Mises hatte die Unvermeidbarkeit eines solchen Zusammenbruchs von Anfang an vorausgesagt. Da im Sozialismus sämtliche Produktionsfaktoren, einschließlich Grund und Boden, im Gemeinbesitz befindlich sind und also weder ge- noch verkauft werden können, gibt es für sie keine ihre Knappheit anzeigenden Marktpreise. Aber ohne Marktpreise ist jede Kostenrechnung – der Vergleich von Kosten und Erlösen – unmöglich. Sozialismus bedeutet nicht »mehr« oder »bessere« Planung. Im Gegenteil, so Mises, Sozialismus bedeutet Chaos: die Abwesenheit jeden rationalen, rechnenden Planens und Handelns, und muss darum notwendig zu einer ständigen Fehlallokation von Produktionsfaktoren, zu Kapitalaufzehrung und einem unaufhaltbaren Niedergang des gesellschaftlichen Wohlstands führen. Angesichts der dramatischen Ereignisse in Osteuropa Ende der achtziger Jahre und der seitdem für jedermann offen zutage liegenden ökonomischen Verwüstungen des »realen Sozialismus« konnten nunmehr selbst viele eingefleischte Sozialisten nicht mehr umhin zuzugestehen, dass Mises Recht behalten habe.

Den Aufsatz in kompletter Länge können Sie hier herunterladen.

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Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe, Jahrgang 1949, ist einer der einflussreichsten Vertreter und konsequentesten Vordenker der libertären Lehre (Libertarians) der Österreichischen Schule in der Tradition von Ludwig von Mises (1881 – 1973) und Murray N. Rothbard (1926 – 1995). Er war von 1986 bis 2008 Professor für Volkswirtschaftslehre an der University of Nevada in Las Vegas. Hoppe ist Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama. Im Mai 2006 gründete er die Property and Freedom Society (http://propertyandfreedom.org/). Zu seinen Werken gehören unter anderem: A Theory of Socialism and Capitalism (Ludwig von Mises Institute, 1989), Demokratie. Der Gott, der keiner ist (Verlag Manuscriptum, 2003), Der Wettbewerb der Gauner: Über das Unwesen der Demokratie und den Ausweg in die Privatrechtsgesellschaft (Holzinger-Verlag, 2012). Zuletzt erschienen: The Great Fiction: Property, Economy, Society, and the Politics of Decline (Laissez Faire Books, 2012).

Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”.

Weitere Informationen zu und von Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe auch auf “HansHoppe.com

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