“Grundsätzlich ist es unmöglich, aus unserer gegenwärtigen Lage schmerzfrei herauszukommen.”

24.5.2013 – Interview mit Professor Jörg Guido Hülsmann anlässlich des Erscheinens seines neuen Buches “Krise der Inflationskultur”.

Herr Professor Hülsmann, zunächst möchten wir unserer Freude Ausdruck verleihen, dass das Interview, das wir vor einem Jahr mit Ihnen geführt haben, sich in Ihrem neuen Buch “Krise der Inflationskultur” wiederfindet. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Situation in der Eurozone seitdem? Die Investoren werden schon wieder risikofreudiger und Stimmen aus der Politik zufolge ist das Schlimmste ja überstanden.

Jörg Guido Hülsmann

Die Lage in der Eurozone hat sich deutlich verschlechtert. Italien und die Niederlande sind in einer Rezession, ebenso steht es in Frankreich, und auch in Deutschland könnte die Konjunktur noch in diesem Jahr einbrechen. Schlimmer noch sind die institutionellen Veränderungen seit unserem letzten Gespräch, insbesondere die Einführung des sogenannten Europäischen Stabilitätsmechanismus. Diese Neuerung belastet die Marktwirtschaft, da die finanzielle Verantwortung der Regierungen noch weiter untergraben wird. Aber früher oder später belastet sie auch die bürgerlichen Freiheiten in allen EU-Ländern. Diejenigen Stimmen, die nun Entwarnung rufen, gehören fast ausnahmslos den Berufsoptimisten in der Politik und in der Finanzwirtschaft. Die gegenwärtige Hausse ist das ausschließliche Produkt der lockeren Geldpolitik und steht daher auf sehr wackeligen Beinen.

Die Sparanstrengungen der Regierungen lassen schon wieder nach. Dabei bezeichnen Sie die eingeleiteten Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise ohnehin nur als “fadenscheinige und kosmetische Reparaturen an den Symptomen”. Wie groß ist die Angst der Politik vor einer deflationären Bereinigung des zurückliegenden Kreditgeldbooms und wie hätte man sich diese Bereinigung vorzustellen?

Eine deflationäre Bereinigung würde nicht nur zu massenhaften Konkursen von überschuldeten Firmen und Haushalten führen; sie würde nicht nur die Arbeitslosigkeit zumindest zeitweilig auf momentan unvorstellbare Höhen emporschnellen lassen; sondern sie würde auch die Finanzierungsmöglichkeiten des Staates mit einem Hieb dramatisch einschränken. Dadurch aber wäre der Wohlfahrtsstaat und unser gesamtes politisches und gesellschaftliches System in Frage gestellt. Das wäre ein psychologischer Schock, auf den heute nur wenige Leute vorbereitet sind. Es käme sehr wahrscheinlich zu revolutionären Ausbrüchen, auch im behäbigen Deutschland.

Das erklärt, warum von parteipolitischer Seite alles getan werden wird, um eine solche Bereinigung zu verhindern. Kurz- und mittelfristig ist das weiterhin möglich. In unserem gegenwärtigen Währungssystem haben die Zentralbanken die Mittel, einen Einbruch der Geldmenge und auch einen Einbruch des Preisniveaus zu verhindern. Zuweilen müssen zu diesem Zweck neue rechtliche Wege beschritten werden — wie zuletzt mit der Einführung der endgültigen Offenmarktgeschäfte (Outright Monetary Transactions) — aber grundsätzlich bereitet die Bekämpfung der Deflation keine Schwierigkeiten.

Das eigentliche Problem aus Sicht der Politik sind die zahlreichen und z.T. enormen Fehlinvestitionen, die unter dem Einfluss der inflationären Kredithausse erfolgt sind. Normalerweise müssten diese Investitionen abgeschrieben werden, aber das würde in der gegenwärtigen Lage zum sofortigen Zusammenbruch praktisch aller Banken und Versicherungen führen. Also müssen die permanenten Verluste immer wieder gegenfinanziert werden, und das erfolgt heute zunehmend durch die Notenpresse. Dieser Vorgang kann jedoch außer Kontrolle geraten. Wenn die Geldpreise zu stark steigen, kommt es früher oder später zu einer Flucht aus dem Geld und aus allen festverzinslichen Anlagen. Dann ist die Finanzierung des Staates bedroht und letztlich auch Stellung der Zentralbanken.

Das staatliche Geldsystem scheint also an seine Grenzen zu gelangen. Wenn wir  nach vorne blicken – wie könnte denn ein Übergang zu “gutem Geld” aussehen? Ist es vorstellbar, die von Ihnen beschriebenen Szenarien zu vermeiden oder abzumildern?

Grundsätzlich ist es unmöglich, aus unserer gegenwärtigen Lage schmerzfrei herauszukommen. Eine Reform der Währungsordnung, so notwendig sie auch auf lange Sicht ist, führt unweigerlich zu harten Änderungen und zumindest kurzfristig auch zu einer starken Verringerung des Lebensstandards. Psychologisch ist ein solcher Übergang für die meisten Menschen nur dann hinnehmbar, wenn sie die langfristige Notwendigkeit erkennen. Aber selbst das reicht nicht immer. Thorsten Polleit hat sehr richtig auf die “kollektive Korruption” hingewiesen, die durch das heutige Währungssystem entsteht. Auch wenn dieses System aus gesamtwirtschaftlicher Sicht eindeutig schädlich ist, hoffen doch die meisten Haushalte und Betriebe, dass ihnen selber durch Kredite per Geldschöpfung einzelwirtschaftliche Vorteile entstehen könnten. Von dieser trügerischen Hoffnung getrieben führen sie ein Leben als willige Teilzeitknechte der Finanzindustrie und des Staates. Auch diesen, aus christlicher Sicht sehr traurigen Sachverhalt habe ich in meinem Buch beleuchtet.

Sie widmen in Ihrem Buch ein ganzes Kapitel dem „Sparen“. Was entgegnen Sie einem Politiker, der wieder einmal den Konsum ankurbeln will?

Dass er wieder einmal dabei ist, an einem kalten Wintertag die Möbel zu verheizen.

Gute und präzise Antwort, er wird aber nicht wissen, was Sie meinen. Jetzt wirklich, bitte klären Sie ihn auf.

Solche Politiker meinen, sie würden im Interesse des Gemeinwohls handeln, wenn sie Konsumausgaben subventionieren oder steuerlich fördern. Aber mit dieser Auffassung liegen sie vollkommen falsch, auch wenn die keynesianisch inspirierten Ökonomen ihnen beipflichten.

Der Grundirrtum liegt darin, in den Konsumausgaben so eine Art Motor der Investitionen zu erblicken. Wenn die Konsumausgaben steigen, so die Überlegung, dann steigen somit die Erlöse der Firmen, und die Firmen können somit ihrerseits mehr investieren. Jede Einschränkung der Konsumausgaben führe dagegen zu verringerten Investitionen. Wie bereits die klassischen Ökonomen wussten, stellt diese Sicht der Dinge die Wirklichkeit auf den Kopf. John Stuart Mill fasste dies in dem berühmten Satz zusammen, dass die Nachfrage nach Konsumwaren nicht mit der Nachfrage nach Arbeitsleistungen gleichzusetzen sei. Allgemeiner gesagt können Konsumausgaben und Investitionen einander genau entgegenlaufen. Eine Verringerung der Konsumausgaben kann durchaus mit einer Erhöhung der Investitionen einhergehen. Das ist insbesondere immer dann der Fall, wenn das Wirtschaftswachstum aus erhöhter Spartätigkeit resultiert.

Diese Zusammenhänge werden leider heute nur noch an wenigen Universitäten gelehrt. Ich habe sie daher in aller gebotenen Kürze im ersten Kapitel meines Buches für die heutigen Leser dargelegt.

Sparen erscheint den Menschen beim gegenwärtigen Zinsniveau wahrscheinlich kaum noch lohnenswert – eine der Folgen des geldpolitischen Interventionismus. Dieser Interventionismus hat aber auch Auswirkungen auf die Vermögensmärkte. Sie haben sich damit beschäftigt, eingangs erwähnten Sie ja bereits die Hausse an den Aktienmärkten. Zu welchen Erkenntnissen sind Sie gelangt?

Das ist in der Tat das zentrale Thema meines Buches. Um die Auswirkungen des geldpolitischen Interventionismus auf die Vermögensmärkte (vor allem auf die Finanzmärkte) zu verstehen, muss man sich zunächst vor Augen halten, welche Rolle diese Märkte in einer hypothetischen freien Wirtschaft spielen würden und welchen Begrenzungen sie dort unterworfen wären. Dabei ist insbesondere hervorzuheben, dass das Halten von Bargeld (das schnöde “Geldhorten”) letztlich die gleiche Funktion wie die Finanzmärkte erfüllt, nämlich die Koordination zwischen Sparern und den Verwendern ihrer Ersparnisse. Auch das Sparen in Form von Geldhorten kommt immer irgendwelchen anderen Menschen zugute, genau wie der Kauf von Aktien und Schatzbriefen. Dieser Punkt wurde lange Zeit völlig verkannt, und unter dem Einfluss der keynesianischen Wirtschaftsphilosophie ist die genau entgegengesetzte Auffassung zum offiziellen Dogma geworden. Heute wird fast überall gelehrt und geglaubt, dass es ohne Finanzmärkte unmöglich ist, die Ersparnisse einer Person A irgendwelchen anderen Personen B, C und D nutzbar zu machen. Nach dieser Auffassung sind Finanzmärkte also geradezu unentbehrlich. Ohne sie würde das gehortete Geld einfach brachliegen. Es würde nicht genügend Geld ausgegeben werden, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wäre entsprechend gering, und es käme mithin zu Arbeitslosigkeit und Wachstumseinbussen. Ich zeige dagegen, dass der eigentliche Nutzen der Finanzmärkte aus gesamtwirtschaftlicher Sicht darin liegt, Anreize zu vermehrtem Sparen zu schaffen.

Durch den geldpolitischen Interventionismus werden die Finanzmärkte dagegen künstlich aufgebläht. Es kommt zu jenem überproportionalem und krisengeplagten Wachstum, das allen Fachleuten, aber auch nicht-professionellen Beobachtern der Finanzmärkte wohlbekannt ist. Insbesondere wachsen die Vermögensmärkte stärker als die Faktor- und Konsumgütermärkte. Man muss somit immer länger arbeiten, um ein Haus oder ein Stück Land zu erwerben. Außerdem kommt es zu einer stärkeren Konzentration der Vermögensverteilung.

Im zweiten Teil meines Buches setze ich diese Zusammenhänge der Blasenwirtschaft näher auseinander. Drei Mechanismen stehen dabei im Mittelpunkt. Erstens kommt es zu einem blasenartigen Wachstum der Finanzmärkte schon aus dem einfachen Grund, dass die Geldschöpfung auf dem Kreditweg erfolgt. Zweitens wird die Geldschöpfung so weit getrieben, dass es zu einer ständigen schleichenden Preisinflation kommt; aber dadurch wird es irrational, Geld zu horten und somit entstehen starke Anreize zum Erwerb von Finanzprodukten. Drittens wird die Geldschöpfung zum Vorteil bestimmter Gruppen betrieben wird, welche daher zu unverantwortlichem Handeln (moral hazard) verführt werden. Es kommt somit zu einer Überdehnung des Gesamtsystems, das mit den vorhandenen Ressourcen nicht dauerhaft erhalten werden kann. Dieser Zusammenhang wird durch eine Politik der Preisniveaustabilisierung sogar noch verstärkt.

Das Halten von Bargeld erfüllt die gleiche Funktion wie die Finanzmärkte? Würden Sie das bitte noch detaillierter erklären?

Durch das Halten von Bargeld wird ein Druck auf die Geldpreise ausgeübt, denn es verbleiben sozusagen weniger Geldeinheiten im Umlauf. Das Geld verknappt sich relativ zu den anderen Waren, und somit verändern sich die Tauschrelationen: weniger Geld per Gütermenge. Das aber bedeutet nichts anderes, als dass die im Umlauf verbliebenen Geldeinheiten nun eine höhere Kaufkraft haben. Diejenigen, die Bargeld sparen, vergrößern sozusagen die Kaufkraft der Geldeinheiten, die von den anderen Marktteilnehmern ausgegeben werden. Es ist, also ob sie die Projekte der anderen über den Finanzmarkt finanziert hätten — aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wird hier genau die gleiche Funktion erfüllt. Natürlich gibt es auch einige bedeutende Unterschiede, welche ebenfalls im ersten Teil meines Buches besprochen werden, aber das ändert nichts an der genannten Tatsache.

Lassen Sie uns zum Schluss noch einen Blick in die Zukunft werfen. Bankkunden wird es seit dem Zypern-Deal ganz langsam klar, dass ihre Einlagen bei Banken nicht verwahrt werden, sondern verliehen sind. Könnte diese Erkenntnis – sollte sie sich noch stärker verbreiten – der Anfang vom Ende des heutigen Teilreserve-Banksystems sein?

Das glaube ich nicht. Es könnte allenfalls zu einer kurzfristigen Bankenkrise kommen, aber wenn der entsprechende politische Wille vorhanden ist, lassen sich solche Unfälle immer mit Kapitalspritzen aus der Notenpresse beheben. Es gibt keinen Grund zu der Hoffnung, dass die Beseitigung dieses Systems in absehbarer Zukunft durch irgendwelche Naturereignisse oder zwangsläufige Entwicklungen herbeigeführt werden wird. Selbst wenn es zu einem wirklich großen Einbruch der Märkte käme, würde sofort danach nicht nur von politischer Seite, sondern auch von den wirtschaftlichen Verbänden und Interessenvertretungen alles daran gesetzt werden, so schnell wie möglich wieder von vorne anzufangen. Die große Mehrheit unserer Mitbürger sind völlig befangen in dem Irrtum, dass die einzelwirtschaftlichen Vorteile, die das Teilreserve-System ihren Unternehmen und Privathaushalten unter Umständen verschaffen kann, auch gesamtwirtschaftliche Vorteile sind, die es unbedingt zu bewahren gilt. Solange sich dieser Irrtum behauptet, ist keine nachhaltige Besserung zu erwarten. Daher ist auch die Arbeit des Mises Institut Deutschland so wichtig, da hier die Lehren der klassischen und österreichischen Ökonomie verbreitet werden.

Vielen Dank, Herr Professor Hülsmann.

Das Gespräch mit Professor Hülsmann führte Andreas Marquart im Mai 2013 per E-Mail.

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Jörg Guido Hülsmann ist Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich und Autor von «Ethik der Geldproduktion» (2007) und «Mises. The Last Knight of Liberalism» (2007). Er ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”.

Seine Website ist guidohulsmann.com