Umlaufsmittelzirkulation und Wirtschaftskrisen

22.5.2013 – In seiner Habilitationsschrift Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel aus dem Jahr 1912 (eine zweite Auflage erschien 1924) hatte Ludwig von Mises (1881 – 1973) die monetäre Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule der Nationalökonomie bereits ausführlich erarbeitet. Er identifizierte das Absenken des Marktzinses durch künstliche Bankkreditvergabe als Kernursache der Wirtschafts- und Konjunkturstörungen – eine „zeitlose“ Erklärung, wie die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise nur zu deutlich zeigt. Zu den Begriffen des folgenden Auszugs: Als „Umlaufsmittel“ bezeichnet Mises ungedecktes Geld, das Banken durch „Zirkulationskredite“ – gemeint sind Kredite, denen keine Ersparnis gegenübersteht – schaffen.

Thorsten Polleit

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Umlaufsmittelzirkulation und Wirtschaftskrisen

Ludwig von Mises

(…) Die wissenschaftliche Erörterung des Krisenproblems hat schwer darunter gelitten, dass man die einzelnen Krisenarten und ihre Ursachen nicht streng genug gesondert hat. Wir wollen diesen Fehler vermeiden. Unsere knappen Ausführungen sollen lediglich der einen Krisenursache gelten, die wir in der den Banken gebotenen Möglichkeit erblicken, den durch die Verhältnisse des Kapitalmarktes gegebenen Satz des Kapitalzinses durch Vermehrung ihrer Umlaufsmittelzirkulation zu unterbieten.

Es ist wichtig zu beachten, dass es sich hier nur um eine Krisenursache handelt, die neben anderen wirksam ist, vielleicht in der Regel an Bedeutung hinter jenen zurücktritt. Ja es ist als sehr wahrscheinlich zu bezeichnen, dass in der gegenwärtig herrschenden Ordnung des Wirtschaftslebens und der Wirtschaftspolitik der erste Anstoß zur Hausse nicht von dem Vorgehen der  Umlaufsmittelbanken kommt, sondern anderswo entsteht, und dass erst im weiteren Verlaufe der Haussebewegung auch die Zirkulationskreditpolitik als treibendes Moment mit hinzutritt. Die Umlaufsmittelbanken sind in dem Gebrauche der ihnen zustehenden Macht, durch Erweiterung der Umlaufsmittelemissionen den Kapitalzinssatz zu unterbieten, heute in erster Linie — wenn man von den gesetzlichen Vorschriften, die in der Regel nur für die Notenausgabe gelten, absieht — durch die Anschauungen der Geschäftswelt über das Zulässige einer Erweiterung der Umlaufsmittelzirkulation gebunden.

Die öffentliche Meinung verdammt eine ungewöhnliche Erweiterung der Umlaufsmittelzirkulation, und die Leiter der soliden Bankinstitute, deren Hauptmaxime das Festhalten an der Routine, die Beobachtung konservativer Grundsätze ist, sind ängstlich bedacht, behutsam vorzugehen, um nicht die Kritik ihres Tuns und deren unliebsame Folgen herauszufordern. Gegen diese scheue Zurückhaltung der alten angesehenen Institute ist die kühne Neuerungssucht einzelner tatkräftiger und wagemutiger Persönlichkeiten gänzlich machtlos. Niemals kann eine einzelne Bank oder eine Vereinigung mehrerer Banken eine abweichende Politik einzuschlagen wagen. Eine Herabsetzung des Zinssatzes unter das Niveau des von anderen Instituten verlangten würde ihnen zwar sofort zahlreiche Kunden zuführen. Aber diese werden die von ihr empfangenen Umlaufsmittel sofort zur Einlösung zu präsentieren suchen, um mit dem Gelde, das sie dafür empfangen, die bei den anderen Banken und deren Kunden aufgenommenen Darlehen zurückzuzahlen.

Erst in der Hausseperiode, wenn der Aufschwung selbst die Kühlen mitreißt, wird es anders. Wenn der Kapitalzins steigt — das Hauptsymptom der aufsteigenden Konjunktur — dann ertönt von allen Seiten der Ruf nach billigem Geld, und die Banken setzen dieser Forderung nur mehr schwachen Widerstand entgegen. Sie geben nach, wenn auch nur zögernd und nicht in jenem Maße, in dem die kreditbedürftige Menge es wünscht. Dann aber kommt der Punkt, wo sie nicht länger mitgehen wollen, wo es ihnen nicht mehr rätlich erscheint, mit weiteren Neuemissionen vorzugehen, weil sie das Ende der aus anderen Ursachen vor sich gehenden Haussespekulation herannahen fühlen. Indem sie anfangen, Zurückhaltung zu üben, beschleunigen sie nur den Zusammenbruch.

Nur in solcher Weise dürfen wir uns die Wirkung der aus den Verhältnissen der Zirkulationskreditpolitik entspringenden Krisenursachen in der Gegenwart vorstellen; sie treten nie allein, stets nur als Begleitung von anderen Ursachen auf. Damit finden wir auch die Erklärung für manchen Widerspruch, in dem sich unsere Ausführungen zu den Tatsachen zu befinden scheinen. Wir fanden als Symptom des aufsteigenden Astes der Konjunktur sinkenden Darlehenszinsfuß, als Symptom des absteigenden Astes steigenden Darlehenszinsfuß und steigende Preise der Konsumgüter; man wird leicht geneigt sein, diese Behauptungen als völlig unrichtig zu bezeichnen. Da muss nun zur Vermeidung von Missverständnissen festgestellt werden, dass wir nicht von den absoluten Bewegungen des Kapitalzinses sprechen, sondern vom Verhältnis zwischen dem natürlichen Kapitalzins und dem Darlehenszins des Marktes, wie sich dieser unter dem Einflusse der Kreditpolitik der Umlaufsmittelbanken bildet.

Es ist ganz gut denkbar, dass der Darlehenszins gerade in einer Periode aufsteigenden Kapitalzinses hinter diesem zurückbleibt und umgekehrt, sich ihm in einer Periode, in der dieser sinkt, nähert. Zum Konservatismus der Banken passt es recht gut, dass sie den Darlehenszinsfuß nicht in dem Maße zu erhöhen geneigt sind, in dem der natürliche Kapitalzins steigt, und bei Sinken des natürlichen Kapitalzinses die Spanne zwischen diesem und dem Darlehenszinsfuß kleiner werden lassen. Weiters ist festzustellen, dass das Steigen der Preise der Konsumgüter nur im Verhältnisse zu der Preisbewegung der Produktivgüter zu verstehen ist, so dass etwa bei einem Preisrückgang dieser letzteren schon dann von einer relativen Verteuerung der Konsumgüter gesprochen werden kann, wenn sie zwar im Preise zurückgehen, aber doch in einem langsameren Tempo als die Güter höherer Ordnung. Es ist bekannt, das der allgemeine Rückgang der Warenpreise ebenso wie der der Rate des Zinses ein Symptom der Depression ist. Dies lässt eben schlechterdings keine andere Deutung zu als die, dass die Preise der Konsumgüter langsamer sinken als die der Produktivgüter.

Aus dem Gesagten könnte vielleicht jemand die Folgerung ziehen, dass es denn doch richtig sei, die Einschränkung der Zirkulationskredite als die Ursache oder wenigstens als den unmittelbaren Anstoß der Wirtschaftskrisen zu bezeichnen. Die Banken müssten nur immer fortfahren, den Zinsfuß ihrer Zirkulationskreditgeschäfte zu ermäßigen, um den Zusammenbruch der Haussespekulation hinauszuschieben. Legt man auf dieses letzte Wort, auf das Hinausschieben, Gewicht, dann kann dieser Argumentation ohne weiteres zugestimmt werden. Den Zusammenbruch hinauszuschieben, wären die Banken allerdings in der Lage, aber schließlich muss dann doch, wie oben gezeigt wurde, einmal der Augenblick kommen, in dem eine weitere Ausdehnung der Umlaufsmittelzirkulation nicht mehr möglich ist. Dann muss die Katastrophe eintreten, und ihre Folgen sind umso schwerer, die Reaktion gegen die Auswüchse der Haussespekulation umso stärker, je länger der Zeitraum gewesen ist, in dem die Rate des Darlehenszinses sich unter dem Niveau der des natürlichen Kapitalzinses befunden hat, und je mehr durch die Lage des Kapitalsmarktes nicht gerechtfertigte Produktionsumwege eingeschlagen wurden.

aus Ludwig von Mises, Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, 1912, S. 433 bis S. 436.

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