Früher oder später muss es zutage treten, dass die Konjunktur auf Sand gebaut war

1.5.2013 – Die seit Jahren alles beherrschende Finanzkrise ist ein Beispiel par excellence für die monetäre Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Der folgende Beitrag “Der Konjunkturwechsel” ist einem Vortrag mit dem Titel “Die Ursachen der Wirtschaftskrise” von Ludwig von Mises (1881 – 1973) aus dem Jahr 1931 entnommen. Mises beschreibt, dass der durch Kreditausweitung geschaffene Aufschwung nicht Blüte, sondern Scheinblüte ist und letztendlich zur Depression führen muss.

Andreas Marquart

——————————————————————————————————————————————————————————-

Der Konjunkturwechsel

Ludwig von Mises

In unserer Wirtschaft pflegen in einer gewissen Regelmäßigkeit Zeiten guten Geschäftsganges mit Zeiten schlechten Geschäftsganges abzuwechseln. Auf wirtschaftlichen Aufschwung folgt Niedergang, auf den Niedergang wieder Aufschwung und so fort. Das Problem des Konjunkturwechsels hat begreiflicherweise die Aufmerksamkeit der nationalökonomischen Theorie in besonders hohem Maße erweckt. Man hat zunächst verschiedene Hypothesen aufgestellt, die einer kritischen Prüfung nicht standzuhalten vermochten. Schließlich gelangte man dazu, eine Theorie der Konjunkturschwankungen auszuarbeiten, die den Anforderungen, die wir an die wissenschaftliche Lösung des Problems zu stellen berechtigt sind, entspricht: die Zirkulationskredittheorie, die man gewöhnlich als die monetäre Konjunkturtheorie bezeichnet. Sie ist von der Wissenschaft allgemein anerkannt und alle konjunkturpolitischen Maßnahmen, die ernst zu nehmen sind, gehen von den Gedankengängen aus, die ihr zugrunde liegen.

Die Zirkulationskredittheorie (monetäre Konjunkturtheorie) sieht die Wurzel der zyklischen Konjunkturveränderungen in dem Bestreben, durch bankpolitische Maßnahmen – Erweiterung des Bankkredits durch Schaffung und Ausgabe von zusätzlichen Umlaufsmitteln (d. s. nicht durch Gold gedeckte Banknoten und Kassenführungsguthaben) – den Zinsfuß der Darlehen künstlich zu ermäßigen. Auf dem durch das Eingreifen solcher – man könnte sagen: inflationistischer – Bankpolitik nicht gestörten Markte bildet sich ein Zinssatz, bei dem alle jene Geschäfte betrieben und alle jene Anlagen errichtet werden, für die die Mittel in der Wirtschaft vorhanden sind. Wir nennen diesen Zinssatz den natürlichen oder statischen Zins. Würde an diesem Zinssatz festgehalten werden, dann würde die wirtschaftliche Entwicklung – von dem Einfluss von Elementarkatastrophen oder politischer Aktionen (Krieg, Revolution u. dgl.) abgesehen – sich gradlinig vollziehen. Dass sie wellenförmig verläuft, ist dem Eingreifen der Zinsfußpolitik der Banken zuzuschreiben.

Unter dem Einflusse der allgemein die Politiker, die Geschäftsleute, die Presse und die öffentliche Meinung beherrschenden Auffassung, die in der Herabdrückung des durch die Marktlage gegebenen Zinssatzes ein anstrebenswertes Ziel der Wirtschaftspolitik erblickt und meint, dass man dieses Ziel am einfachsten durch Erweiterung des Bankkredits erreichen könne, wird der Versuch, einen Konjunkturaufschwung durch die Gewährung von zusätzlichen Darlehen anzufachen, immer wieder von neuem unternommen, Das Ergebnis solcher Kreditexpansion entspricht nun wohl zunächst den Erwartungen; das Geschäft wird belebt, es kommt zum Aufschwung. Doch die von der Krediterweiterung ausgehende anregende Wirkung kann nicht ewig währen; die Konjunktur, die so geschaffen wurde, muss früher oder später zusammenbrechen.

Bei dem Zinssatze, der sich auf dem Markte vor dem Eingreifen der zusätzlichen Zirkulationskredit schaffenden Banken gebildet hatte, konnten nur solche Unternehmungen und Geschäfte rentabel erscheinen, für die die erforderlichen Produktionsmittel in der Volkswirtschaft verfügbar waren. Durch die Erweiterung des Kredits wird der Zinssatz ermäßigt, und nun erscheinen auch Geschäfte, die früher unrentabel schienen, rentabel; dass auch diese Geschäfte nun unternommen werden, ist es gerade, was den Aufschwung auslöst. Doch für sie ist die Volkswirtschaft nicht reich genug. Die Mittel, die sie beanspruchen, sind nicht verfügbar und müssen erst anderen Geschäften entzogen werden; wären sie verfügbar gewesen, dann hätte es nicht erst der Krediterweiterung bedurft, um Neues zu ermöglichen. Die Krediterweiterung kann den Sachgütervorrat nicht mehren; was sie bewirkt, ist nur eine andere Verfügung über ihn. Sie lenkt die Kapitalinvestition von der Richtung ab, die ihr der Stand des gesellschaftlichen Reichtums und die Lage des Marktes vorschreiben; sie läßt die Produktion Wege gehen, die sie nur hätte beschreiten dürfen, wenn der Wirtschaft ein Mehr an materiellen Gütern zugewachsen wäre. Der Aufschwung entbehrt mithin der festen Grundlage; er ist nicht Blüte, sondern Scheinblüte; er ist nicht durch Anwachsen des gesellschaftlichen Wohlstands entstanden, sondern dadurch, dass die Krediterweiterung dieses Anwachsen vortäuscht. Früher oder später muss es zutage treten, dass die Konjunktur auf Sand gebaut war.

Denn früher oder später muss die Krediterweiterung durch Schaffung zusätzlicher Umlaufsmittel zum Stillstand kommen. Die Banken könnten, auch wenn sie wollten oder durch den stärksten Druck von außen dazu gezwungen würden, diese Politik nicht endlos fortsetzen. Die fortschreitende Vergrößerung der Umlaufsmittelmenge führt zu fortschreitenden Preissteigerungen. Inflation kann jedoch nur solange fortgehen, als die Meinung besteht, dass sie doch in absehbarer Zeit aufhören wird. Hat aber einmal die Überzeugung sich festgesetzt, dass die Inflation nicht mehr zum Stillstand kommen wird, dann bricht eine Panik aus. Das Publikum nimmt in der Bewertung des Geldes und der Waren die erwarteten Preissteigerungen schon voraus in Rechnung, so dass die Preise sprunghaft über alles Maß hinaufschnellen, es wendet sich von dem Gebrauch des durch die Umlaufsmittelvermehrung kompromittierten Geldes ab, flüchtet zum ausländischen Geld, zum Barrenmetall, zu den »Sachwerten«, zum Tauschhandel, kurz die Währung bricht zusammen.

Die Rücksichtnahme auf die Gestaltung der Handelsbeziehungen zum Auslande und vor allem auch die Erfahrungen, die in vergangenen Krisenzeiten gemacht wurden und vielfach ihren Niederschlag in gesetzlichen Beschränkungen des Notenausgaberechtes und der Kreditgewährung der Zentralbanken gefunden haben, führen dazu, dass die Politik der Krediterweiterung in der Regel schon lange bevor dieser kritische Punkt erreicht ist, aufgegeben wird. Doch einmal müsste die Politik der Krediterweiterung ans Ende gelangen, wenn nicht schon früher durch eine Umkehr der Banken, so doch später in einem katastrophalen Zusammenbruch. Je früher die Krediterweiterungspolitik abgebremst wird, desto geringer ist der Schaden, den sie durch Fehlleitung der Unternehmungstätigkeit angerichtet hat, desto milder ist die Krise, desto kürzer die folgende Periode des Geschäftsstillstandes und der allgemeinen Entmutigung.

Das Auftreten der periodisch wiederkehrenden Wirtschaftskrisen ist die notwendige Folge der immer wieder erneuten Versuche, durch Mittel der Bankpolitik den natürlichen Zinsfuß des Marktes herabzudrücken. Sie werden nicht eher verschwinden, bis man nicht gelernt haben wird, auf alle derartige Ankurbelung zu verzichten, weil doch die künstlich angeregte Hausse unabwendbar zur Krise und zur Depression führen muss.