Michael von Prollius: „Freiheit ist das beste Wohlfahrtsprogramm.“

14.9.2012 – Michael von Prollius im Interview mit Misesinfo.

Michael von Prollius

Herr von Prollius, wir wollen mit Ihnen über Ihr Buch „Die Pervertierung der Marktwirtschaft“ sprechen. Welche Kräfte sind es, die die Marktwirtschaft „pervertieren“?

Die Pervertierung der Marktwirtschaft ist die Folge von fahrlässiger Prinzipienlosigkeit und einem anmaßenden Mythos der Machbarkeit. So hat erstens die Politik ein Interesse an einer Zersetzung der Marktwirtschaft, da diese ihrer Gestaltungsmacht Grenzen setzt. Leistung und Erfolg machen hingegen unabhängig. Umverteilung und Regulierung schaffen hingegen Abhängigkeit. Zweitens unterstützen, ja fordern die Wähler eine Politik, in der der Staat die große Fiktion ist, nach der jedermann auf Kosten jedermanns zu leben können glaubt. Die Bevölkerung degradiert sich somit selbst zum Stimmvieh. Drittens entsteht aus dieser problematischen Gemengelage ein Schneeballsystem: das Verständnis für die Grundlagen und Funktionsbedingungen einer Marktwirtschaft schwindet im Umverteilungs- und Regulierungsgetümmel immer mehr. Schon unser perverses Steuersystem macht aus mündigen Bürgern bittstellende Schnäppchenjäger und Schieber. Für privates Unternehmertum bleiben immer weniger Anreize. Das gilt auch, wenn etwa im Mittelstand Risiko und Haftung nicht wie bei den Banken, bei denen das große Geld winkt, sozialisiert werden können.

Was würde denn Ludwig Erhard sagen, würde er sehen, was aus „seiner“ sozialen Marktwirtschaft geworden ist?

Vermutlich würde er die Leistungsfähigkeit der verbliebenen Marktwirtschaft und unternehmerisches Handeln herausstellen. Mit Kritik an der pervertierten Marktwirtschaft würde er nicht sparen. Zu den heute allgegenwärtigen Versuchen, das Leben der Menschen zu Normieren und in Schemata zu pressen, schrieb Erhard bereits im Dezember 1949: „In meinen Augen bedeuten alle diese Versuche eine Sünde wider den Geist des Lebens, dessen innerstes Wesen Wandlung, Bewegung und Entfaltung ist und sich deshalb den plumpen Mitteln der planwirtschaftlichen Regulierung und Stabilisierung versagt. Während Leben – und Wirtschaft ist Leben – ohne Risiken nicht denkbar ist, verlangen die Menschen immer mehr nach Sicherheit …“ Bekannter ist seine Haltung zu Europa, zeitlos seine Formel: „Soweit alle Bemühungen, zur Integration Europas zu gelangen, überhaupt auf einen Nenner gebracht werden können, so auf den: Verwirklicht die Freiheit in allen Lebensbereichen!“

Welche „ad-hoc-Maßnahmen“ würde er ergreifen, um die Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte zu korrigieren?

Erhard verkündete bekanntlich im Juni 1948 im Rundfunk die Aufhebung der Preiskontrollen. Mit dem knapp gehaltenen „Leitsätzegesetz“ begründete er die bundesdeutsche Marktwirtschaft. Eine ähnliche ordnungspolitische Revolution benötigen wir heute auch. Aus dem Regulierungsdickicht und der zentralistischen Gleichmacherei der EU entkommen wir absehbar nicht mit kleinen Schritten, sondern nur durch ein Zerschlagen des gordischen Knotens. Anschauungsmaterial für Reformen in seinem Sinne gibt es ja weltweit. Beispiele für ein gerechteres Steuersystem und eine Deregulierung der Arbeitsmärkte wie die Entbürokratisierung insgesamt, für den Abbau von Subventionen, die weitreichende Privatisierung der sozialen Sicherung, aber auch ein stabile Währung sind allesamt keine Geheimnisse, sondern Machtfragen.

Diese Maßnahmen würden dem Einzelnen wesentlich mehr Eigeninitiative abverlangen als es heute der Fall ist und ein nicht unwesentlicher Anteil der Gesellschaft hat es sich in diesem System sehr bequem gemacht. Sie selbst schreiben, dass „nur ordnungspolitische Fundamentalkorrekturen aus der Krise führen. Sie werden unpopulär, schmerzhaft und langwierig sein“. Wie verkaufen Sie das den Leuten?

Ich teile Ihre Ansicht: Eigeninitiative wird durch Bequemlichkeit und Bevormundung gebremst. Zugleich haben viele Menschen ein Gespür dafür, welche Entwicklungen positiv verlaufen und welche nicht und daher geändert werden müssen. Die derzeit versuchte EU- und Euro-Rettung betrifft eigentlich niemanden direkt. Dennoch hören Sie auf der Straße Unterhaltungen und Sprüche beispielsweise zu Inflation und Hyperinflation. Die Folgen der „Alternativlosigkeitspolitik“ stellen einer aktuellen Meinungsumfrage zufolge sogar die Hauptsorge der Bevölkerung dar.

Im Grunde geht es darum, vor allem den Meinungsführern, aber auch der normalen Bevölkerung im jeweiligen persönlichen Wirkungsumfeld zu verdeutlichen, dass eine Freiheitsbewegung eine Bewegung für die Armen und die ganz normalen Bürger ist. Von mehr Freiheit profitieren gerade nicht die organisierten Interessen, Großbanken und Konzerne oder aber zentralistische Politiker. Im Gegenteil, wie schon bei den Manchesterkapitalisten ist deren Entmachtung wesentlicher Bestandteil einer Ordnung der Freiheit. Cobden und Bright waren bekanntlich „Champion of the poor“. Für sie wurden Statuen errichtet. Den Armen geht es in freiheitlichen Gesellschaften nachgewiesener Maßen viel besser als denen in weniger freien. Freiheit ist das beste Wohlfahrtsprogramm.

Dass man sich in einer Umstellungsphase zunächst schwer tut, dürfte jedermann einleuchten. Ein untrainierter Sportler hat zunächst Muskelkater. Schon nach einigen „Freiübungen“ setzt allerdings Freude über wachsende Leistungsfähigkeit und ein besseres Körpergefühl ein. So ist es auch mit den ordnungspolitischen Fundamentalkorrekturen. Davon können Reformpolitiker bei Wahlen profitieren, wenn sie zu Beginn der Legislaturperiode die Veränderungen auf den Weg bringen.

Entscheidend sind jedoch für eine Freiheitsbewegung nicht die Politiker, sondern die „Intellektuellen“ und die den Meinungsmachern folgenden Massen. Die Jugend ist schon deshalb ganz im Sinne Hayeks die Zielgruppe, deren Begeisterung für die Freiheit gewonnen werden sollte. Wollen wir Freunde der Freiheit Erfolge erzielen, dann liegt der Schlüssel darin, gerade die Jugend von der Idee der persönlichen Freiheit und der daraus erwachsenden sozialen Verantwortung zu überzeugen. Und die Students of liberty sind beispielsweise eine Erfolgsgeschichte, die noch lange nicht zu Ende ist.

Lassen Sie uns über „Geld“ sprechen. Kommt dieses Thema bei all den Diskussionen zu „Marktwirtschaft“ oder „Eurokrise“ nicht zu kurz? Diskutieren wir nicht häufig nur Symptome?

„Geld allein macht nicht glücklich, man muss es auch besitzen.“ So lautet eine Volksweisheit. Und weil viele Menschen befürchten, dass ihr Geld bald weg ist, geben sie es aus, etwa um ihre Wohnsituation zu verbessern. Viele Menschen spüren, was die Geschichte zeigt, nämlich: Staatlich ausgegebenes Geld hat fast immer drastisch an Wert verloren. Allerdings werden Sie schnell als Sektierer abgestempelt, wenn Sie das staatliche Geldmonopol infrage stellen. Dabei ist es gerade die strukturelle Unfähigkeit einer Behörde wie der EZB, ein angemessenes Angebot auf die wechselnde Nachfrage nach Geld bereitzustellen, die regelmäßig Krisen verursacht. Ein Blick auf und in andere Bürokratien lässt das weniger sonderbar erscheinen. Unser Staatsgeldsystem ist von Geburt an unheilbar krank. „Krankes Geld – kranke Welt“, mit dem Titel für das lesenswerte Buch von Gregor Hochreiter hat Roland Baader die Lage auf den Punkt gebracht. Zugleich ist das, was vor der Finanzkrise als randständig galt, nun fast schon Mainstream oder zumindest breit thematisiert worden, denken sie an Vermögenspreisinflation, monetär bedingte Blasenbildung und ebensolche Konjunkturzyklen, Inflation / Hyperinflation zur Entschuldung, Zinsmanipulation, Goldstandard usw. Die Diskussion sollte nun in der Öffentlichkeit zu den tieferen Ursachen und Alternativen zum Geldsozialismus vordringen. Da mit dem Geldmonopol allerdings der Wohlfahrtsstaat steht und fällt, bleibt das eine große Herausforderung für uns. Zugleich haben es die Befürworter von Free Banking oder einem Goldstandard bisher einfach nicht geschafft, etwa etablierte Journalisten von ihrer Alternative zu überzeugen. Es liegt noch etwas Überzeugungsarbeit vor uns.

Will man sich nicht überzeugen lassen, weil man ökonomisch abhängig geworden ist vom Fiatgeldsystem und dessen Fortführung? Thorsten Polleit hat dies kürzlich als „kollektive Korruption“ bezeichnet.

„Kollektive Korruption“ ist eine treffende Alliteration. Warum sollen Menschen, die nichts anderes kennen als Geld, das vom Staat kommt, und die als Politiker und Bürokraten niemals unternehmerisch tätig waren, einen Anreiz haben, Wettbewerb beim Geld zuzulassen? Normale Menschen halten so eine Idee vermutlich für genauso abwegig wie früher der Wettbewerb zur Post als Telefonmonopolist undenkbar erscheinen musste. Natürlich ist der demokratische Wohlfahrtsstaat nur mit Geldsozialismus möglich. Es gibt aber noch einen gravierenden Grund, der Wissenschaft und Publizistik betrifft: Wir Freunde der Freiheit haben bislang noch nicht die schlagenden Argumente geliefert. Und die sind auch erforderlich, um eine wissenschaftliche Revolution zu bewirken. Die frohe Botschaft lautet: Wir sind zumindest publizistisch immerhin deutlich weiter als noch vor fünf Jahren.

Beschreiben Sie bitte, was die Menschen am Ende des Weges erwartet, der derzeit beschritten wird. Sie bezeichnen diesen Weg als Mischform zwischen Staats- und Marktwirtschaft und nennen ihn eine Sackgasse.

Nach der Euro-Krise werden die Staatsschulden drastisch höher, die Zentralisierung Europas vorangeschritten und die Wettbewerbsfähigkeit deutlich gesunken sein. Das vor der Krise alles bestimmende wirtschaftspolitische Thema, die Reform des Sozialstaates, hat inzwischen weiter an Dringlichkeit gewonnen, bei erheblich verschlechterten Rahmenbedingungen. Angesichts der nicht veränderbaren demographischen Trends und der beträchtlichen Geldentwertung bietet sich ein trauriges Bild, zumal wenn man sich die freiheitliche Alternative vor Augen führt. Allein das Staatsschulsystem entmutigt und benachteiligt so viele Menschen. Jeden Tag wird den Menschen in Europa ein weiteres Stück Freiheit genommen. Offen bleibt, ob eine ausreichende Zahl von Menschen erkennt, dass nach dem Scheitern des Sozialismus offenkundig auch der Wohlfahrtsstaat als wesensverwandtes System untauglich ist. Der Wohlfahrtsstaat ist unfinanzierbar, erdrückt mit seiner Bürokratie private und unternehmerische Initiative, schafft deprivierte Schichten und ist im Grunde nichts anderes als ein Schleichweg in die Knechtschaft. Mit Alexander Rüstow: „Der totale Wohlfahrtsstaat ist unvermeidlicherweise ein totalitärer Zwangsstaat, und wir würden damit letzten Endes, ob wir wollen oder nicht, auf die Staatssklaverei des Totalitarismus lossteuern.“

Auf der letzten Seite Ihres Buches schreiben Sie: “Der Staat muss die Menschen in den Wettbewerb zurückführen, nicht aber ihren Status sichern.“ Sehen Sie in der derzeitigen Parteienlandschaft Politiker, denen Sie das zutrauen?

Im Grunde hatte Ronald Reagan recht: „Politik ist nicht die Lösung, Politik ist das Problem.“ Die Bürger werden ihre Freiheit nur zurück erlangen und ein selbst bestimmteres, erfüllteres Leben führen, wenn sie sich diese Freiheit zurück erobern. Dafür ist Druck auf die Politik insgesamt erforderlich, unabhängig von derzeit agierenden Personen. Zugleich gibt es einige wenige Politiker, die Anstand und Gespür für die Grundlagen einer freien Gesellschaft mitbringen und sich für ein Leben in Freiheit einsetzen. Vielleicht gibt es sogar eine schweigende relative Mehrheit, die freiheitliche Reformen unterstützen würden. Es dürfte niemanden überraschen, wenn ich Frank Schäffler und den Liberalen Aufbruch nenne. Auch in der CDU gibt es eine große schweigende Gruppe, die zumindest für (mehr) Marktwirtschaft plädieren würde. Hinzu kommen Engagierte bei den Freien Wählern. Allerdings gilt: ein Wandel liegt an uns und er liegt in uns. Es kommt auf das beharrliche Bemühen der vielen Freiheitsfreunde an, die ihre Differenzen überwinden und sich organisieren sollten. Wir sollten nicht auf den großen Retter hoffen. Ein Leben in Freiheit wurde historisch stets errungen, nicht geschenkt. Die Zeit ist günstig. Ergreifen wir die Chance. Mischen wir uns noch stärker als bisher ein! Misesinfo ist dafür eine wichtige Stimme der Aufklärung. Mit Perikles: „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.“

Vielen Dank, Herr von Prollius.

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Dr. phil. Michael von Prollius ist Publizist und Gründer der Internetplattform Forum Ordnungspolitik, die für eine Renaissance ordnungspolitischen Denkens und eine freie Gesellschaft wirbt. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Geldsystem. Seine finanzwissenschaftlichen Beiträge und Rezensionen erscheinen zumeist in wissenschaftlichen Zeitschriften, aber auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Fuldaer Zeitung, der Neuen Zürcher Zeitung sowie in der Internetzeitung Die Freie Welt. Michael von Prollius ist Senior Experte beim Freiheitswerk, er verantwortet dort den Themenbereich Geld und Geldpolitik.

 

 

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