Verstaatlichung des Kredits

10.4.2013 – Wie eine Branche auf die schiefe Bahn geriet.

von Jörg Guido Hülsmann.

Jörg Guido Hülsmann

Finanzzwischenhändler spielten bis ins 19. Jahrhundert eine untergeordnete wirtschaftliche Rolle. Sie vermittelten fast ausschließlich Verbraucherkredite, und zwar vor allem an die Fürstenhäu­ser und in sehr viel geringerem Maße auch an ärmere Bevölkerungskreise. Dagegen war die Unternehmensfinan­zierung von ihnen fast völlig unabhän­gig. Bankkredite an Unternehmen wa­ren vor dem 19. Jahrhundert praktisch unbekannt. Industrie, Handel und Ge­werbe finanzierten sich im Wesentlichen durch Eigenkapital und in gewissem Umfang auch durch Warenkredit (Stun­dung der Zahlung) seitens ihrer Liefe­ranten. Eine eigentliche Geldleihe zu Investitionszwecken gab es nicht. In der Hanse war selbst der Warenkredit ver­pönt. Alle Zahlungen unter ehrbaren Kaufleuten mussten hier bar erfolgen. Wer Schulden machte oder Kredite ge­währte, verwirkte sein Mitgliedsrecht. Daraus ergab sich zwangsläufig, dass die Banken — andere Finanzintermedi­äre waren vor dem 19. Jahrhundert praktisch unbekannt — ganz wesentlich im Dienst der Adelsfinanzierung stan­den. Mit dem Aufkommen republika­nischer und demokratischer Staatsfor­men wurde daraus die Staatsfinanzie­rung. Einzig zu diesem Zweck wurden Banken gegründet. In der bekannten Satzung der Bank von England wurde dieser Gründungszweck klipp und klar benannt: Verabreichung eines Kredits von 1,2 Millionen Pfund an die engli­sche Krone.

Heute beträgt dagegen die gesamte Bilanzsumme der deutschen Banken etwa 8,6 Billionen Euro (März 2012). Davon fallen auf die Kreditbanken 3,3 Billionen (38 Prozent), auf die Genossenschaftler 1,0 Billion (12 Prozent), auf die öffentlich-rechtlichen Banken 3,6 Billionen Euro (43 Prozent) und der Rest im Wesentlichen auf Pfandbrief­banken. Wie in allen anderen westlichen Ländern ist die Kreditwirtschaft – und insbesondere die Bankwirtschaft — in den letzten 100 Jahren stark gewach­sen. Im Jahr 1930, kurz nach dem Hö­hepunkt der blasenartigen Finanz­marktentwicklung der 1920er Jahre, betrug die Bilanzsumme aller deutschen Banken 67 Milliarden Reichsmark und das Volkseinkommen 65 Milliarden RM. Der Umfang der deutschen Bank­wirtschaft betrug zu diesem Zeitpunkt also 103 Prozent gemessen am Volks­einkommen. Der Zweite Weltkrieg führte dann zur völligen Zerrüttung der Kreditwirtschaft, doch in der Nach­kriegszeit nahm sie einen starken Auf­schwung. Schauen wir wiederum auf die Bankwirtschaft, so entwickelte sich ihr Umfang gemessen am Sozialprodukt beziehungsweise am Bruttoinlandsprodukt wie folgt: 44 Prozent (1952), 91 Prozent (1962), 127 Prozent (1972), 191 Prozent (1992), 300 Prozent (2002) und 329 Prozent (2011).

Der wesentliche Grund dieser Ent­wicklung liegt in den zeitgleichen Ver­änderungen des Währungssystems. Der Übergang von der Goldwährung zur immateriellen Zwangswährung, der sich zwischen 1871 und 1971 allmählich und mit einigen Unterbrechungen vollzog, brachte einerseits immer größere Er­leichterungen bei der Refinanzierung der Finanzintermediäre und erzeugte andererseits für Haushalte und Unter­nehmen geradezu die Notwendigkeit, mit diesen Finanzintermediären zusam­menzuarbeiten.

Die Finanzwirtschaft hat die Real­wirtschaft somit letztlich infolge der Währungspolitik überrundet. Nicht der freie Markt, sondern der staatliche In­terventionismus stand hier Pate. Als sichtbarste Folge ergab sich eine durch­greifende Politisierung und Bürokratisierung der Finanzintermediäre. Keine andere Branche der Wirtschaft hat eine solch frappierende Ähnlichkeit mit un­seren Einwohnermeldeämtern. Dies betrifft natürlich insbesondere die öf­fentlich-rechtlichen Banken. Aber auch die privaten Kreditbanken agieren nur in sehr begrenztem Umfang nach rein privatwirtschaftlichen Kriterien.

Zwei weitere Folgen sind weniger sichtbar, aber zumindest genauso schwerwiegend. Zum einen besteht in­folge der genannten Politisierung und Bürokratisierung eine starke Tendenz zur Verschwendung der vorhandenen Mittel. Diese erweist sich insbesondere darin, dass der größte Teil der von den Intermediären verwalteten Geldvermö­gen nicht produktiv in Unternehmen investiert wird, sondern für Kredite an den Staat, für Verbraucherkredite und zum Wohnungskauf verwendet wird. Die Geschäftsbanken der Eurozone hatten am Ende des Jahres 2011 nur 31 Prozent ihrer Bankkredite an nichtfinanzielle Unternehmen erteilt, und sogar nur 22 Prozent ihrer Anlagen ste­cken in nichtfinanziellen Unternehmen.

Zum anderen bestehen für die Fi­nanzintermediäre starke Anreize zu un­verantwortlichem Handeln. Banken und Versicherungen wissen, dass Staat und Zentralbank hinter ihnen stehen. Daher haben sie guten Grund, die ei­gene Risikovorsorge zu minimieren, in der berechtigten Hoffnung, im Ernst­fall durch billige Kredite der Zentral­bank und zur Not auch durch direkte Zuwendungen des Staates refinanziert zu werden. Genau in diesem Sinne ha­ben sie sich in den letzten 150 Jahren zunehmend verhalten, und zwar unter stillschweigender Duldung — und manchmal unter ausdrücklicher Ermu­tigung – der Zentralbanken und der staatlichen Regierungen. Das kann na­türlich nicht ewig gutgehen, und heute stehen wir vor dem Scherbenhaufen dieser Politik.

Dieser Beitrag erschien zuerst in „eigentümlich frei“, Ausgabe Aug./Sep.2012

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Jörg Guido Hülsmann ist Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich und Autor von «Ethik der Geldproduktion» (2007) und «Mises. The Last Knight of Liberalism» (2007). Er ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des „Ludwig von Mises Institut Deutschland“.

Seine Website ist guidohulsmann.com

 

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