Marshall-Plan: Fakten und Mythen

16. Januar 2019 – von Antony P. Mueller

Antony P. Mueller

Einige Mythen sterben nie. Dies gilt auch für die Behauptung, dass massive Finanztransfers dazu beigetragen hätten, Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufzubauen. Wann immer es ein internationales Problem gibt, wird jemand auftauchen und den Marshall-Plan als Argument für Finanztransfers heranziehen. Dies ist auch derzeit wieder der Fall, wenn zur Lösung der Migrationskrise ein neuer Marshall-Plan für die Länder in Mittelamerika, Afrika und dem Nahen Osten gefordert wird. Anders jedoch als in den Erklärungen, wonach die Erholung der europäischen Wirtschaft und das „Wirtschaftswunder“ Westdeutschlands das Ergebnis der Geldtransfers des Marshall-Plans waren, erzählen die Fakten eine andere Geschichte. Es ging nicht um die finanzielle Hilfe, sondern um die wirtschaftliche Liberalisierung, die mit dem Plan einherging.

Fakten

Der Marshall-Plan war nicht das gigantische Finanzprogramm, das oft als Beispiel für die Megafinanzierung bestimmter Projekte heraufbeschworen wird. Angesichts der Tatsache, dass weite Teile Europas zerstört waren und das Programm auf 16 europäische Länder verteilt war, erhielt jedes Land gerade genug, um seine Bevölkerung vor Hunger zu bewahren. Insgesamt wurden 12,7 Milliarden US-Dollar im Rahmen des Marshall-Plans (siehe Tabelle 1) ausgegeben, was derzeit etwa 170 Milliarden US-Dollar entsprechen würde. Davon entfiel der größte Teil auf das Vereinigte Königreich (26%) und Frankreich (18%).

Quelle: The Marshall Plan: Fifty Years After (Europe in Transition – The NYU European Studies Series) Palgrave Macmillan: London and New York 2001

Der Anteil von Westdeutschland betrug elf Prozent und konnte den Verlust aufgrund der Demontage von Fabriken und der Beschlagnahme von Patenten und der Konfiszierung von Urheberrechten und Markenzeichen nicht ausgleichen – ganz abgesehen vom Verlust der deutschen Ostgebiete. Die Summe, die Westdeutschland erhielt, betrug etwa drei Prozent des damaligen Bruttoinlandsprodukts. Für Westdeutschland belief sich der Marshall-Plan auf 1.448 Millionen US-Dollar, was in der heutigen Kaufkraft rund 20 Milliarden US-Dollar ausmachen würde.

Der Marshall-Plan in seiner administrativen Ausarbeitung als European Recovery Program (EPR), sah vor, dass jedes teilnehmende Land ein bilaterales Abkommen mit den Vereinigten Staaten unterzeichnen müsse, wonach das Empfangsland einen ausgeglichenen Staatshaushalt anstreben, die binnenwirtschaftliche Finanzkonsolidierung herstellen und den Wechselkurs auf einem „realistischem Niveau“ stabilisieren würde. Generell wurde staatlicher Interventionismus zurückgewiesen. Der Plan befürwortete ausdrücklich die europäische wirtschaftliche Integration und bereitete die Europäische Zahlungsunion von 1950 vor, die als Vorläufer der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft von 1957 gilt.

Am wichtigsten war jedoch, dass der Marshall-Plan den „umgekehrten Marshall-Plan“ der ersten Jahre nach Kriegsende beendete – zumindest für Westdeutschland.

Der „Umgekehrte Marshall Plan“

Die Sowjetunion wurde eingeladen, am Marshall-Plan-Programm teilzunehmen, lehnte jedoch die Teilnahme ab. Stattdessen installierten die Sowjets ihre eigene Art von „Umgekehrtem Marshall-Plan“. Die Sowjetunion entzog den Ländern unter ihrem Einflussbereich ungefähr den gleichen Betrag wie der Marshall-Plan Westeuropa zusprach. Nachdem Churchill und Roosevelt die ostdeutschen Gebiete und die anderen Länder jenseits der Westzonen Stalin zusprachen, wurde die ganze Region in den sowjetischen Herrschaftsbereich einbezogen. Polen wurde auf deutsches Territorium nach Westen geschoben, um im Osten Platz für die Sowjetunion zu machen.

Die deutschen Ostgebiete wurden ethnisch gereinigt, so dass Europa in der Zeit zwischen 1945 und 1950 die größte Episode von erzwungener Migration und vielleicht die größte Bevölkerungsbewegung der Menschheitsgeschichte erlebte, als zwischen 12 und 14 Millionen deutschsprachige Zivilisten (hauptsächlich Frauen, alte Menschen und Kinder) gewaltsam aus ihren Geburtsorten und ihrem jahrhundertealten Erbe vertrieben wurden. Die Polen, Tschechen, Rumänen und Ungarn und die anderen unter die Sowjetdiktatur gefallenen Menschen in Osteuropa erlebten anschließend ein halbes Jahrhundert lang ihr eigenes Elend unter der kommunistischen Sklaverei.

Bevor die Marshallplanhilfe anrollte, galt bis 15. Juli 1947 die Militärdirektive JCS 1067. Diese Richtlinie, die sich am sogenannten Morgenthau-Plan orientierte, der während der Präsidentschaft von Roosevelt im US-Finanzministerium ausgearbeitet wurde, sah eine nahezu vollständige Deindustrialisierung Deutschlands vor mit der Folge, rund 30 Millionen Menschen dem Hunger auszuliefern.

Mit dem Beginn der Planung für den Marshall-Plan zur Förderung einer europäischen wirtschaftlichen Erholung wurden die Beschränkungen des Besatzungsrechts gelockert. Die Direktive JCS 1067, deren wirtschaftlicher Teil jegliche „Schritte zur wirtschaftlichen Rehabilitation Deutschlands“ verboten hatte, die geeignet wären, „um die deutsche Wirtschaft aufrechtzuerhalten oder zu stärken“, wurde durch die neue Richtlinie  JCS 1779 ersetzt. Diese Direktive erklärte, dass „ein geordnetes, wohlhabendes Europa den wirtschaftlichen Beitrag eines stabilen und produktiven Deutschlands erfordert“.

Nachdem mit dem Beginn des Kalten Krieges die Vereinigten Staaten die Sowjetunion als ihren neuen Feind identifizierten, wurde akzeptiert, dass es ohne einen wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland keinen Wohlstand in Europa geben könne. Die USA erkannten, dass es ohne ein prosperierendes Westdeutschland nur eine Frage der Zeit wäre, bis auch ganz Westeuropa unter die Vorherrschaft der Sowjetunion fallen würde.

Wirtschaftliche Liberalisierung

Der finanzielle Teil des Marshall-Plans war nicht der entscheidende Faktor für die Erholung in Westeuropa. Es ging um wirtschaftliche Liberalisierung, relative monetäre und fiskalische Stabilität und die Förderung der wirtschaftlichen Integration. Entscheidend für den europäischen Aufschwung waren nicht die Finanzströme an sich, sondern die an den Marshall-Plan geknüpften Bedingungen: wirtschaftliche Liberalisierung, finanzielle Stabilität, europäische Integration und Freihandel.

Die Länder, die die meisten Hilfen erhielten, wuchsen nicht schneller als die Länder, die weniger Mittel erhielten, wie Westdeutschland. Die erste Lieferung von US-Gütern verhinderte einen Massenhunger, doch einige Hilfsmittel waren problematisch, wenn die USA beispielsweise anstelle von landwirtschaftlichen Geräten Tabak lieferten und Großbritannien und Frankreich dabei halfen, militärische Ausrüstung zu erwerben, um ihre Kolonialkriege gegen die Unabhängigkeitsbewegungen in Afrika und Asien fortzusetzen.

Der wesentliche Beitrag des Marshall-Plans bestand darin, die Ungewissheit über die Regierungsform und die wirtschaftliche Ordnung zu beseitigen. Wichtiger als finanzielle Hilfe war die Wiederherstellung des Vertrauens der Unternehmen. Es ging um die Überzeugung, dass Investitionen sich lohnen und dass angesichts der absoluten Armut und Zerstörung selbst geringe Investitionen hohe Erträge erwirtschaften würden.

Für das deutsche Volk beendete der Marshall-Plan die Befürchtung, für immer zur Armut verdammt zu sein. Der Marshall-Plan entzündete ein Licht der Hoffnung in dieser trostlosen Zeit. Mit anderen Worten: Die Konditionalitäten des Marshall-Plans in Kombination mit den internen Reformen des westdeutschen Wirtschaftsministers Ludwig Erhard befreiten den Unternehmergeist und lancierten das sogenannte „deutsche Wirtschaftswunder“.

Wichtiger als die Finanzhilfe per se war die Anweisung durch die amerikanische Regierung, dass der Erhalt der Marshallplanhilfe mit marktwirtschaftlichen Reformen in den Empfängerländern einhergehen müsse. Das gab dem damaligen Direktor der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebietes (Bizone) und späteren Wirtschaftsminister Ludwig Erhard grünes Licht, um 1948 eine Preisreform durchzuführen, also einen großen Teil der herrschenden Preiskontrollen abzuschaffen und Marktwirtschaft einzuführen.

Ebenfalls wichtiger als die bloße Höhe der Finanztransfers durch den Marshall-Plan war, dass die Güterlieferungen für die Empfänger keine Geschenke waren. Der Ablauf des Plans war so organisiert, dass der Fonds zwar die Bezahlung an die amerikanischen Lieferanten übernahm, die deutschen Warenempfänger aber die Lieferungen bezahlen mussten, wozu sie bei der am 18. November 1948 gegründeten Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Darlehen aufnehmen konnten.

Die Schatten der Vergangenheit wurden schließlich zumindest in finanzieller Hinsicht fast vollständig von Westdeutschland mit zwei weiteren Maßnahmen genommen:  Durch die Währungsreform vom 20. Juni 1948 mit der Einführung der Deutschen Mark kam es zu einer Entschuldung, die den deutschen Staat von seiner Inlandsverschuldung entlastete. Mit dem Londoner Schuldenabkommen vom 27. Februar 1953 geschah desgleichen eine weitgehende Entlastung von den Altlasten an deutschen Auslandsschulden einschließlich der Reparationsforderungen aus dem Versailler Vertrag.

Vor Anlaufen der Marshallplanhilfe setzten die USA bereits fest, dass im Zuge der Auszahlung der Gelder die anderen Gläubiger Deutschlands von finanziellen Ansprüchen gegenüber Westdeutschland absehen müssten.

Als offiziell die Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 entstand, wurde – obzwar juristisch noch Rechtsnachfolger des alten Reiches – in wirtschaftlicher Hinsicht ein neuer Staat geboren. Die Bundesrepublik Deutschland entstand mit einer neuen Währung, einer neuen marktwirtschaftlichen Ordnung und war, weitgehend schuldenfrei, im Genuss einer klaren Vorgabe seitens der amerikanischen Besatzungsmacht, die Prosperität Westdeutschlands mit aller Kraft zu fördern.

Lehren

Die Lektion des Marshall-Plans ist die wirtschaftliche Liberalisierung. Was den Marshall-Plan so effektiv machte, waren nicht die finanziellen Transfers, sondern die Bedingungen, unter denen die Mittel bereitgestellt wurden. Mit dem Beginn des Kalten Krieges haben die Vereinigten Staaten die Sowjetunion als ihren neuen Feind identifiziert und akzeptiert, dass es ohne einen wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland keinen Wohlstand in Europa geben würde. Die USA erkannten, dass es ohne Prosperität nur eine Frage der Zeit sei, bis auch Westeuropa unter die Vorherrschaft der Sowjetunion fallen würde.

Für die gegenwärtige Lage in Deutschland besagt die Lehre des Marshall-Plans, dass wirtschaftliche Prosperität auf den Säulen einer Marktwirtschaft ruht, die in einen Staat eingebettet ist, der Freihandel, fiskalische Disziplin and Geldwertstabilität gewährleistet.

Lehren aus dem Marshall-Plan zur Lösung der gegenwärtigen Migrationskrise besagen, dass die armen Länder inländische Wirtschaftsreformen umsetzen müssen. Nicht der Finanztransfer zählt, sondern dass es gelingt, staatliche Eingriffe, Korruption und Klientelismus abschaffen und die Wirtschaft vom Joch der Bürokratie und schweren Steuerlasten zu befreien.

Der Grund für die Migration liegt in der Produktivitätslücke. Wenn zum Beispiel ein Unternehmen aus einem Industrieland eine Fabrik in einer aufstrebenden Wirtschaft errichtet, wird seine Produktion nicht die gleiche Produktivität erreichen wie zu Hause. Wenn jedoch ein Arbeitnehmer aus einem Entwicklungsland beginnt, in einem entwickelten Land zu arbeiten, wird seine Produktivität fast über Nacht und sein Lohn ebenfalls steigen. Was für die Arbeitsproduktivität zählt, ist das Geschäftsumfeld, das viele Aspekte der guten Regierungsführung beinhaltet. Anstatt Transfers zu fordern, müssen die armen Länder die Geschäftstätigkeit erleichtern. Wenn dies der Fall wäre, würden die Kapitalströme aus privaten Quellen in diesen Ländern gutbezahlte Arbeitsplätze schaffen und die Notwendigkeit der Emigration würde nachlassen. 

Fazit

Westeuropa erhielt von 1948 bis 1952 amerikanische Hilfe aus dem Marshall-Plan. In diesen Jahren erfuhren viele Länder Westeuropas eine starke wirtschaftliche Erholung, insbesondere die Bundesrepublik, die das sogenannte „deutsche Wirtschaftswunder“ erlebte. Im Gegensatz zur Legende besteht die eigentliche Lehre aus dem Marshall-Plan nicht im Vorzug großer transnationaler Finanztransfers, sondern dass die wirtschaftliche Erholung aus Not und Katastrophen an marktwirtschaftliche Reformen geknüpft ist. Was den Marshall-Plan zu einem Erfolg machte, waren die damit verbundenen Bedingungen. Nur diese Länder konnten die Hilfe erhalten, die mit den Vereinigten Staaten einen Pakt schlossen, der die Konditionalitäten einer marktwirtschaftlichen Grundordnung, Währungs- und Finanzstabilität, wirtschaftliche Integration und den Freihandel einschloss.

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Antony P. Mueller hat jüngst bei Amazon die Taschenbücher „Kapitalismus ohne Wenn und Aber“ und „Feinde des Wohlstands“ veröffentlicht. Im Juli dieses Jahres ist eine erweiterte Ausgabe seines Traktats „Principles of Anarcho-Capitalism and Demarchy“ erschienen.

Dr. Antony P. Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Er ist Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA, des Mises Institut Brasilien und Senior Fellow des American Institute of Economic Research (AIER). Außerdem leitet er das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: aier.org

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