Die Lösung der Euro-Krise

10.10.2014 – von Christoph Braunschweig.

Christoph Braunschweig

Ein großer Nachteil des marktwirtschaftlich-kapitalistischen Systems besteht laut Ludwig von Mises darin, dass man es nur verstehen kann, wenn man über fundierte ökonomische Kenntnisse verfügt. Das gilt selbstverständlich auch für das Finanz- und Währungswesen. Naiv oder gleichgültig nahm die breite Masse der Bevölkerung die politische Überrumpelung der Euro-Einführung einfach hin und freute sich stattdessen, den Eisbecher am Strand von Jesolo jetzt in Euro bezahlen zu können. Dass ihr Realeinkommen und ihre Kaufkraft zu D-Mark-Zeiten deutlich höher waren, bemerkten die deutschen Strandurlauber nicht. Und die Lobbyisten der Industrie zeigten einmal mehr, warum Ludwig Erhard sie als seine ärgsten Widersacher empfunden hat. Sowohl Ludwig Erhard als auch Karl Schiller waren übrigens strikte Gegner einer  europäischen Währungsunion.

Inzwischen ist die Euro-Zone längst im Schuldensumpf und im Prokrustesbett des Euros gefangen. Diese Umverteilungs-Union wird durch die Umfunktionierung der Ersparnisse der Deutschen, Österreicher, Finnen und Niederländer künstlich am Leben gehalten, sozusagen mit allen nur erdenklichen Tricks und Kniffen, mit Adrenalinspritzen und Elektroschocks. Seit Ausbruch der Krise besteht die Politik Deutschlands darin, dem Drängen in Richtung Schulden- und Transferunion Stück für Stück, wenn auch mit spürbarem Widerstreben, immer weiter nachzugeben.

Die Euro-Befürworter sind Zukunftsatheisten bzw. Endsieg-Apologeten: Sie glauben nicht an das, was sie wissen, selbst wenn man ihnen stringent beweist, was kommen muss. Zur Realitätsverweigerung der Euro-Befürworter passt auch, dass Regierung und Bundestag monströse Verpflichtungen eingehen, obgleich sich dadurch in den Krisenländern nichts ändert. Der Euro verurteilt die Euro-Zone auf Dauer zu einer schamlosen Schulden- und Transferunion, die wachstumsschwach und subventionsgeplagt ihre Wettbewerbsfähigkeit verliert. Politischer Wille kann eben niemals die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten außer Kraft setzen. Die Erkenntnis, dass das Euro-Experiment gescheitert ist und abgebrochen werden muss, liegt jenseits des Horizonts der politisch-medialen Klasse, obwohl der europäische Einigungsprozess durch den Euro inzwischen ernsthaft gefährdet wird.

Sicher, ein plötzlicher Ausstieg Deutschlands aus der Währungsunion könnte zu einer Panik an den Finanzmärkten führen und wäre auch politisch nicht durchzuhalten. Es gibt aber durchaus Vorschläge, der Euro-Falle zu entkommen: „Parallelwährungskonzepte“ könnten zumindest als Übergangslösung zu einem neuen Währungssystem dienen, in welchem der Euro durchaus weiter existiert. Herbert Giersch hatte ein „Parallelwährungskonzept„ bereits im Vorfeld der EU-Währungsunion vorgeschlagen, weil er frühzeitig erkannte, dass derart unterschiedliche Volkswirtschaften wie z. B. Deutschland und Griechenland nicht die  gleiche Währung vertragen.

Parallelwährungen hat es in der Wirtschaftsgeschichte schon öfters gegeben. Beispiele sind die „Bancomark“ von 1619 und die „Goldmark“, die nach der großen Inflation 1923 allgemein als Recheneinheit verwendet wurde, obgleich sie physisch niemals existierte. Eine Parallelwährung muss also keineswegs alle Geldfunktionen gleichzeitig erfüllen. Es ist durchaus möglich, dass eine schwache Währung weiter als alleiniges Zahlungsmittel dient, während langfristige Spareinagen und Verträge in einer anderen, nur als Buchgeld existierenden Währung getätigt werden. Die Idee der Trennung von Geldfunktionen zum Schutz vor Kaufkraftverlust ist also nicht neu.

Bezüglich der Euro-Zone würde sich z. B. laut Ulrich van Suntum folgender Weg als praktikable Lösung ergeben: Es wird eine absolut wertstabile Parallelwährung („Hart-Euro“) als reine Buchwährung zusätzlich zum normalen Euro geschaffen. Das könnten die Überschussländer Deutschland, Österreich, Niederlande und Finnland Deutschland autonom tun, indem sie ihre jeweils neue Währung an die nationale Inflationsrate ausrichten. Der Umtauschkurs gegenüber dem Euro würde zu Beginn 1:1 betragen, im Zeitverlauf allerdings mit der jeweiligen Inflationsrate ansteigen. Der nationale „Hart-Euro“ wäre eine absolut wertstabile Index-Währung, die als Wertaufbewahrungsmittel und zunehmend auch als Recheneinheit z. B. für Tarifverträge und andere langfristige Geschäfte dienen würde. Indem in Deutschland die Bundesbank den jederzeitigen An- und Verkauf des Euro des „Hart-Euro“ zu diesem Kurs garantiert, legt sie auch den Kurs ihrer Hartwährung zu den entsprechenden Hartwährungen der anderen Überschussländer fest. Die Kurse der Hartwährungen würden automatisch den Inflationsdifferenzen (in Euro berechnet) entsprechen, ohne dass es diesbezüglich weiterer Absprachen bedürfte. Auch wäre ein starker Anstieg des Wechselkurses des „Hart-Euro“ mit entsprechenden Exporteinbrüchen, wie es im Falle der Einführung einer frei floatenden D-Mark befürchtet wird, kaum möglich. Im Notfall könnte die Bundesbank gegen entsprechende Übertreibungen am Devisenmarkt intervenieren, so wie sie es im europäischen Währungssystem vor Einführung des Euro getan hat.

Ein weiterer Vorteil würde darin bestehen, dass niemand zum Währungsumtausch oder zur Verwendung der neuen Währung gezwungen würde. Deshalb käme es auch nicht zur Kapitalflucht oder ungewollten Bilanzverlusten, wie es in anderen Lösungskonzepten der Fall wäre. Weil der Euro alleiniges Barzahlungsmittel in der gesamten Euro-Zone bliebe, würden auch kurzfristige Liquiditätsanlagen (Giro- und Termingelder) weiterhin auf Euro lauten. Längerfristige Sparanlagen könnten und würden jedoch überwiegend in nationale „Hart-Euro“ umgetauscht werden, um sich so vor Inflation und finanzieller Repression zu schützen. Der Hauptvorteil solcher nationaler “Hart-Euro-Parallelwährungen“ wäre, dass die Defizit-Länder im normalen Euro bleiben und diesen inflationieren könnten. Mit dieser Entwertung des Euro verbessert sich ihre Wettbewerbsposition, ohne dass sie den harten Weg der inneren Abwertung gehen müssen, der für die normale Bevölkerung unzumutbare soziale Härten mit sich bringt.

Zugleich steigt der Kurs der nationalen „Hart-Euro-Währungen“ entsprechend, so dass die darin angelegten Ersparnisse der Bürger wertstabil bleiben. Nach und nach würden die Gehälter und Löhne sowie längerfristige Verträge wie Mieten, Pachten und dergleichen in „Hart-Euro“ festgelegt werden, da sonst Einbußen im Realeinkommen  entstehen würden. Der nationale „Hart-Euro“ würde sich also dann auch als Vertragswährung durchsetzen. Das wäre hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft nicht problematisch, da ja die neue Währung immer nur im Ausmaß der Inflationsrate gegenüber dem normalen Euro aufwertet. Wenn die Krisenländer Nutzen aus der Inflationierung des normalen Euros ziehen wollen, müssen sie natürlich den damit verbundenen Realeinkommensverlust akzeptieren, denn sie dürfen keinesfalls ihre Löhne auf „Hart-Euro“ umstellen. Das ist immerhin leichter als im Falle – einer derzeit stattfindenden – inneren Abwertung, wie die katastrophale Situation der Arbeitsmärkte dieser Länder zeigt.

Die deutschen Sparer müssten sich keine Sorgen mehr über die Wertstabilität ihrer Geldanlage machen. Umgekehrt müssten sie allerdings entsprechende Verluste der Bundesbank akzeptieren. Denn diese tauscht ja wertstabile „Hart-Euro“ gegen wertinstabile Euro ein und muss daher im Laufe der Zeit entsprechende Abschreibungen in ihrer Bilanz vornehmen. Dennoch bliebe ein Nettovorteil, denn die Notenbankverluste werden nach dem Kapitalanteilsschlüssel der EZB auf alle Euroländer verteilt. Nachdem sich bisher die Krisenländer auf Kosten aller bereichert haben, würde nunmehr der Spieß umgedreht –  den Krisenländern aber die Möglichkeit  einer de facto-Währungsabwertung geboten.

Eine Ausweitung der Geldmenge findet nicht statt, denn die „Hart-Euro“ werden ja nur im Austausch gegen normale Euros herausgegeben. Im Prinzip könnte ein solches „Parallelwährungssystem“ dauerhaft bestehen bleiben. Es ist allerdings davon auszugehen, dass auf Dauer der Wunsch nach einem einheitlichen Landesgeld zunehmen wird. Im Laufe der Zeit würde sich der „Hart-Euro“ auch bei den Barzahlungen durchsetzen und somit den normalen Euro verdrängen. Die Krisenländer behielten dagegen den normalen Euro als schwächere Währung. Auch Frankreich könnte selbst entscheiden, ob es einen nationalen „Hart-Euro“ einführen will. Eine gemeinsame Zentralbank der „Hartwährungsländer“ ähnlich der EZB würde es nicht geben, ebenso wenig eine Ein- oder Austrittsproblematik. Vielmehr funktioniert der Wechselkursmechanismus in einem System inflationsindexierter Währungen automatisch – ähnlich wie im früheren Goldstandard. Die EZB verlöre wiederum ihren Einfluss auf die Hartwährungsländer, während diese untereinander als Währungsblock zusammenarbeiten würden. Dadurch würden sich auch die künstlich gedrückten Zinsen wieder marktgerecht bewegen und differenzieren können. Das Vertrauen der Anleger und Investoren würde wieder wachsen und somit die Investitionstätigkeit ansteigen. Entgegen aller pseudoreligiöser Erkenntnis von Politologen, Soziologen, Umwelt- und Klimarettern, Journalisten, Talkshow-Profis und sonstigen patentierten Alleswissern ist Wirtschaftswachstum per se unbegrenzt und eben wünschenswert.

Der politische Vorteil des Parallelwährungssystems liegt vor allem darin, dass es auch gegen den Willen der Krisenländer durchgesetzt werden kann. Denn für die Einführung einer inflationsgeschützten Geldanlage etwa durch die Bundesbank braucht diese nicht die Zustimmung der EZB oder der europäischen Finanzminister, ja nicht einmal der Bundesregierung. Es wäre damit die ökonomisch und politisch „niedrigschwelligste Möglichkeit“ (van Suntum), der Euro-Zone die dringend benötigte Flexibilität wiederzugeben, die sie durch die EU-Währungsunion verloren hat.

Quellen:

Wilhelm Hankel: Am besten D-Mark und Euro gleichzeitig, in: FAS vom 2.4.2013
Wilhelm Hankel: Die Euro Bombe wird entschärft, Tübingen 2013
Thomas Mayer und Hans-Werner Sinn: Eine Versicherung gegen den Weich-Euro, in: FAZ vom 26.9.2011, o.S.
Thomas Mayer: Europas unvollendete Währung, Weinheim 2013, S. 133 ff.
Thomas Mayer: Wir brauchen ein neues Geldsystem, in: FAS vom  5.10.2014, S. 30
Ulrich van Suntum: Wege aus der Eurofalle, in:: FAZ vom 3.1.2014, S. 12

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Christoph Braunschweig ist ehemaliger studentischer Hörer von Friedrich A. von Hayek und heute Professor der Staatlichen Wirtschaftsuniversität Jekaterinburg. Er ist Autor zahlreicher Fachbücher und war unter anderem als Geschäftsführer im Medien-Handelsbereich tätig.

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