René Scheu: „Politiker und Lobbyisten führen das Kommando, die Bürger der europäischen Staaten haben dazu nichts zu sagen.“

30.8.2013 – Interview mit René Scheu, Herausgeber der Autorenzeitschrift „Schweizer Monat“.

Herr Scheu, wie fühlt man sich als Herausgeber einer liberalen Zeitschrift, die es bald 100 Jahre gibt, als Fels in der Brandung inmitten des übrigen sich immer ähnlicher werdenden medialen Einheitsbreies?

René Scheu

Ziemlich gut. Mit den Wölfen zu heulen, macht ja nicht wirklich glücklich, höchstens träge. Dazu muss man wissen: Der „Monat“ hat es nicht primär auf Provokation abgesehen – die Autoren versuchen bloss intellektuell redlich zu beschreiben, was eigentlich geschieht in dieser unseren verrückten Welt. Was sie eint, ist die Erkenntnis, dass die meisten der herrschenden Begriffe die real existierende Situation nicht angemessen zu fassen erlauben. Bei Staatsquoten von 50 Prozent von Turbokapitalismus zu reden, ist – gelinde gesagt – ziemlich vermessen. Wir leben, wenn schon, in einer „Mischwirtschaft“, im crony capitalism, im System des Interventionismus, in dem jeder staatliche Eingriff einen neuen gebiert, wie Mises gesagt hätte, oder moderner: im Semi-Sozialismus. Ein solcher Befund ändert die Sichtweise radikal – und plötzlich wird vieles klarer. Viele Bürger spüren ja, dass etwas faul ist im Staate – nur können sie es nicht fassen. Ich sehe meine Aufgabe darin,  ihnen hier zusammen mit unseren Autoren Vertiefungsangebote zu machen. Das Lesen können wir ihnen allerdings nicht abnehmen, da müssen sie schon was investieren.

Lässt sich der von Thorsten Polleit geprägte Begriff der kollektiven Korruption auch auf die Medienbranche anwenden?

„Korruption“ ist ein hartes Wort – es unterstellt, dass sich jemand bewusst bestechen liess. Dass die Journalisten bestechlicher sind als die Vertreter anderer Berufsgattungen, würde ich bestreiten. Wenn schon, würde ich eher von einer Art Selbstbetrug sprechen: Man betrügt sich selbst, indem man es sich zu leicht macht und seinen Bauchreflexen freien Lauf lässt. Aber es stimmt schon: Verstanden sich Journalisten einst als Wachhunde der Demokratie, als die Vertreter der Gegenmacht, sind sie längst selbst zu einem Machtfaktor geworden. Sie stellen tagtäglich die Synchronisierung der Gehirne der Medienkonsumenten her. Heute Redaktor, morgen Lobbyist, übermorgen Pressesprecher im Auftrag des Status Quo: Die Nähe zwischen Publizistik, Big Business und Big Government ist chronisch geworden. Auch die Journalisten handeln bloss wie die, die sie am liebsten kritisieren, auch wenn sie sich selbst gerne anders sehen und Moralapostel spielen: Sie halten sich alle Optionen offen und nehmen nun mal, was sie bekommen.

Ich will die Frage anders formulieren. Viele Printmedien stehen unter zunehmendem, wirtschaftlichen Druck. Kommt es da nicht zwangsläufig zu Interessenskonflikten? Statt „Tacheles zu reden“, verhalten sich die Redaktionen lieber politisch korrekt, um keine Anzeigenkunden zu verlieren?

Als Faustregel gilt auch in Zeiten schwindender Inserateneinnahmen, dass 60 Prozent des Ertrags der Zeitungen weiterhin aus Inseraten stammt. Der Konsument – also der Leser – bezahlt bloss etwas mehr als einen Drittel des Preises und profitiert mithin von Quersubventionierung. Das Problem ist, dass er dies nicht weiss – und nie im Leben bereit wäre, zwei- bis dreimal mehr für seine Zeitung zu bezahlen, selbst wenn er in Umfragen behauptet, die Lektüre sei für ihn unverzichtbar. Sie ist es nicht. Oder anders gesagt: ohne Werbung keine Zeitung, auch im Jahre 2013 nicht. Ich orte ein anderes Problem. Die wenigsten Journalisten und Redaktoren waren je unternehmerisch tätig. Sie sind milieufixiert und interessieren sich kaum für den Markt, in dem sie spielen. Den meisten ist nichts fremder als die Marktwirtschaft, und das gilt auch und gerade für Wirtschaftsjournalisten. Mir machen darum allfällige Interessenkonflikte weniger Sorgen als das real existierende Desinteresse – und potentielle moralische Überheblichkeit. Nichts ist leichter, als vom Redaktionsstuhl aus David Cameron die Leviten zu lesen – und sich dabei extrem gut, ja manchmal gar erhaben zu fühlen. Das Lob des Milieus ist jenen, die so handeln, gewiss.

Die Ökonomen und Vertreter der Österreichischen Schule gehören zu den Wenigen, die in der gegenwärtigen Finanz- und Eurokrise im Gegensatz zum Mainstream Klartext sprechen. Die Austrians haben im „Schweizer Monat“ schon immer eine Plattform bekommen. Wie erleben Sie das Revival der „Österreicher“?

Ich beobachte zuweilen mit Erstaunen, dass Hayek auch in der Tagespresse wieder vermehrt zitiert wird – und nicht mehr nur in polemischer Absicht. Allerdings bin ich Realist genug, um zu wissen, dass die Moden im Tagesgeschäft sehr kurzatmig sind. Es spielt sich gerade ein Streit um die ökonomische Deutungshoheit in der Frage der künftigen gesellschaftlich-wirtschaftlich-monetären Entwicklung ab. Auf der einen Seite stehen die Vertreter der Marktwirtschaft, die den real existierenden Semisozialismus der Gegenwart kritisieren, auf der anderen Seite stehen die Etatisten, die den Markt für alle Übel dieser Welt verantwortlich machen. Dass die neuen Vertreter der österreichischen Schule ein Argument auf ihrer Seite haben – sie haben die Finanzkrise als einzige treffsicher angekündigt –, hilft ihnen jedoch nur wenig. Denn viele Leute sind krisenmüde geworden. Sie wollen bloss hoffen, dass alles irgendwie schon gut kommt, schliesslich hat sich die Lage in kurzer Zeit wie von Wunderhand stabilisiert. Der Krisendiskurs steckt selbst in einer Krise. Dass es wirklich zu einer Neujustierung kommt und sich die Österreicher durchzusetzen vermögen, wage ich darum zu bezweifeln. Für mich persönlich ist es übrigens kein Revival – ich fand schon immer, dass die Österreicher zumindest den Commonsense auf ihrer Seite haben. Mit ihrem Denken kam ich schon vor vielen Jahren in Kontakt, über Roland Baader. Seine Bücher lagen bei uns immer im Haus herum, mein Vater war ein begeisterter Leser von Baaders Werken.

Was haben uns die Werke von Mises und Hayek gerade heute – sehr lange nach ihrem Erscheinen – zu sagen?

Sie sind Zeugen intellektueller Redlichkeit und Anstrengung, und sie zählen zweifellos zu den bisher besten Versuchen zu verstehen, was der Mensch eigentlich tut, wenn er unter dynamischen Knappheitsbedingungen handelt. Die österreichischen Ökonomen sind eben nicht nur Ökonomen, sondern Sozialphilosophen und begreifen den Menschen als freies, aus freien Stücken handelndes Wesen. Frei nach Hayek: Wer sich bloss mit Ökonomie beschäftigt, hat auch von Ökonomie nichts verstanden. All die beliebten ökonomischen Zerrbilder, also die Fiktion des homo oeconomicus, schöne Gleichgewichtsphantasmen und dergleichen – sie sind den Österreichern fremd. Sie haben den Realismus auf ihrer Seite.

In Zeiten der immer grösseren Zentralisierung und Staatsmachtkonzentration – siehe EU – kann man trotz Revival aus liberaler Sicht nicht getrost in die Zukunft blicken. Wie halten Sie es mit dem Optimismus?

Ich bin von Haus aus Philosoph – und als solcher fällt einem der Optimismus ohnehin nicht leicht. Aber Pessimismus wäre der falsche Weg, ebenso wie die nonchalante Verdrängung der Rolle des Staates. Ludwig von Mises hat in einem der interessantesten und wirrsten Jahre der letzten Jahrzehnte – 1968 – in einem Aufsatz für die „Monatshefte“ einige schöne, glasklare und programmatische Sätze geschrieben: „Ein Wirtschaftssystem auf Grund freiwilliger Vereinbarung kann nicht funktionieren ohne die Rückendeckung durch Straf- und Zwangsmaßnahmen gegen jene, die sich nicht an die Regeln des gemeinsamen Abkommens halten wollen. Die Wirtschaft benötigt also die Hilfe des Staates.“ Das klingt scheinbar nicht nach Mises…

…in Wahrheit aber ist es eben dies und nur dies die Aufgabe des Staates…

… genau. Der Staat setzt das Recht durch. Aber er soll darüber hinaus die Bürger machen lassen. Und er soll die Gesellschaft nicht (um)erziehen wollen. Mises begreift den Menschen als souveränes Wesen, das von sich aus eine Ordnung hervorbringt, deren Mechanismen es nicht bis ins letzte durchschaut. Das ist auch der Link zur Philosophie: Wir können nur mit Staunen beobachten, wie der Mensch durch sein Handeln ein kleines Wunder des Wohlstands und Fortschritts geschaffen hat, ohne dies jemals bewusst geplant zu haben – trotz all der Konflikte und Kriege, die das menschliche Zusammenleben immer wieder geprägt haben. Der Erfolg der Ordnung, wie auch immer sie im Detail aussieht, verdankt sich dem Handeln aus freien Stücken, der Freiwilligkeit, dem wohl höchsten Wert aller Liberalen. Mises ist Realist genug, um zu sagen: ohne Zwang geht es nicht. Doch ist der staatliche Zwang kein Selbstzweck. Mises skizziert in genanntem Aufsatz seine Konturen einer erfolgreichen, d.h. friedlichen und wohlhabenden Gesellschaft, die, wenn sie erfolgreich sein will, auf die reich vorhandenen Ressourcen der Freiwilligkeit angewiesen bleibt. Im real existierenden Etatismus der Gegenwart sind diese Ressourcen verschüttet.

So wie in der EU? So leicht kommen Sie um diese Frage nicht umhin.

Die EU ist die Kopfgeburt einiger technokratischer Politiker. Dabei sei ihnen zugestanden, dass sie nur die besten Absichten hegten und durch wirtschaftliche Verflechtung der Gefahr eines weiteren europäischen Bürgerkrieges vorbeugen wollten. Doch war schon das erste supranationale Gebilde, die Montanunion, ein problematisches, zumindest ein ambivalentes Konstrukt. Einerseits schaffte der neue Wirtschaftsverband unter den Mitgliedsstaaten die Zölle im Bereich der Kohle- und Stahlproduktion ab, was erfreulich war. Anderseits verschafften sich die Franzosen über die neue supranationale Zentralinstanz die Möglichkeit, die deutsche Stahlproduktion – und also Deutschland – zu kontrollieren. Zentralisierung und die Durchsetzung nationaler politischer Egoismen sind eine unheilige Allianz eingegangen, die bis heute den Europadiskurs dominiert und schwer durchschaubar macht.

Ein Geburtsfehler, sozusagen…

…der der EU bis heute anhaftet: Europa ist keine Freihandelszone, sondern vielmehr im Begriffe, in Form der EU zu einem europäischen Superstaat zu werden. Auch die Einheitswährung des Euro war hier nur Mittel zum Zweck der politischen Zentralisierung. Politiker und Lobbyisten führen das Kommando, die Bürger der europäischen Staaten haben dazu nichts zu sagen. Die Technokraten nähren die Doktrin, die EU so als Machfaktor im globalen Spiel der Weltpolitik zu etablieren. Ich halte dies für einen Irrtum. Die Stärke Europas liegt in seiner Vielfalt, in seiner Vielgestaltigkeit, im Wettbewerb der Lösungen, im Modus von Versuch und Irrtum. Die EU ist kein kleines Wunder, das auf der Basis freiwilliger Zusammenarbeit der Bürger zustande kam. Es ist eine Politikerphantasie, die am Ende den Wohlstand und den Frieden der Bürger Europas aufs Spiel setzt.

Die Schweiz bleibt von der Entwicklung in der EU nicht unbeeinflusst. Die Schweizer Notenbank lässt in der Krise den Franken zum Euro nicht aufwerten und geht dabei hohe finanzielle Risiken ein. Halten Sie diese Risiken für vertretbar?

Ordnungspolitisch war die Anbindung des Frankens an den Euro über die Festlegung einer Untergrenze zweifellos ein Sündenfall. Es gibt allerdings auch eine zynische Antwort auf Ihre Frage: In einer Welt, die von sündigenden Staaten bevölkert ist, gehört das Sündigen im richtigen Moment zu den grössten Tugenden einer Regierung oder Behörde. Die Schweizerische Nationalbank verfügt nun über ziemlich viele Devisen. Wenn schon sündigen, dann richtig, müsste man eigentlich sagen: Warum kauft sie mit ihren Euros nicht einige schöne Unternehmen in den Euro-Landen zusammen?

Die Schweizer Notenbank kommt als neue Spezies von „Heuschrecke“ ins Euroland? Ein interessanter Gedanke. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Scheu.

Das Interview wurde im August 2013 per e-mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

Fotos: Thomas Burla

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René Scheu, promovierter Philosoph, ist Herausgeber und Chefredaktor des liberalen Autorenmagazins „Schweizer Monats“. – Infos unter www.schweizermonat.ch. Die Zeitschrift wurde 1921 gegründet. Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek, Wilhelm Röpke, Ludwig Erhard, Roland Baader, Guido Hülsmann, Philipp Bagus, Niall Ferguson, Vernon Smith u.a. haben exklusive Beiträge für die Zeitschrift verfasst.

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