Repräsentation in den Krieg zurückbringen: Gute Gründe für den Zweikampf

4. September 2026 – von Kevin Rosenhoff

Wesentliches Merkmal des modernen liberalen Staates ist das Prinzip der Repräsentation. Politiker machen Gesetze für uns, Behörden setzen sie durch und Gerichte sprechen in unserem Namen Recht. Im Krieg findet dieses Prinzip jedoch oft ein jähes Ende: Plötzlich sollen die Bürger selbst kämpfen und sterben. Das ist bemerkenswert, denn gerade der begrenzte Stellvertreterkampf galt einst als moralisch bessere Alternative zum Massenkrieg. Warum also wurde diese Form des Kampfes trotz ihrer offensichtlichen Vorteile aufgegeben – und sollten wir zu ihr zurückkehren?

Sterben müsst ihr schon selbst

Weite Teile unseres Lebens im modernen liberalen Staat sind vom Prinzip der Repräsentation geprägt. Politiker machen Gesetze für Millionen von Menschen – Gesetze, denen sich jeder Einzelne unter Gewaltandrohung zu fügen hat. Behörden sorgen mit unterschiedlichen Formen des Zwangs für ihre Befolgung, während Gerichte über mutmaßliche Verstöße entscheiden. Der Einzelne hingegen bleibt weitgehend Objekt dieses Geschehens. Er kann zwar wählen, doch am politischen Ergebnis ändert seine Stimme nichts. Wie es der Philosoph Jason Brennan in seinem Buch Against Democracy auf den Punkt bringt:

Egal, ob wir uns entschließen, wählen zu gehen oder auf unser Wahlrecht zu verzichten, und egal, für welche Partei wir uns entscheiden, das Wahlergebnis wird dasselbe sein. Wir können ebenso gut entscheiden, den Mond lila zu machen.

Das vom Liberalismus verheißene souveräne Selbst wurde in der Folge unter Schichten der Repräsentation begraben. Individuelle Autonomie wird im modernen liberalen Staat kanalisiert, zersplittert und verwässert, bis das vermeintlich repräsentierte Subjekt kaum noch wiederzuerkennen ist. Statt wie Caspar David Friedrichs Wanderer auf die Welt hinabzuschauen, blickt der Einzelne nun aus dem Abgrund der repräsentativen Demokratie empor – klein, machtlos und den Massen und ihren Repräsentanten ausgeliefert. Mit dem libertären Philosophen Robert Nozick könnte man sich sogar fragen: Was genau unterscheidet die moderne Demokratie eigentlich von der Geschichte eines Sklaven?

Diese Ähnlichkeit zeigt sich am deutlichsten in Kriegszeiten, wenn Menschen zum Dienst an der Waffe gezwungen werden. Die vermeintlich liberale Ukraine liefert dafür ein anschauliches Beispiel: Etliche Videos dokumentieren, wie Militärangehörige Männer auf offener Straße verfolgen und festsetzen. An diesem Punkt tritt das konkrete Individuum plötzlich wieder unter den abstrakten Schichten politischer Repräsentation hervor – ungefiltert und unvermittelt. Tatsächlich ist es der Staat, der den Einzelnen gewaltsam in die politische Realität zurückzerrt und unmittelbare Beteiligung und persönliches Opfer verlangt. Der bequeme Schleier der Repräsentation und Delegation wird zur Seite gerissen und es zeigt sich, wo die souveräne Macht letztlich liegt – und wo nicht. Wie Carl Schmitt bekanntlich schrieb:

Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.

Der Einzelne ist nun ohne jede Stellvertretung unmittelbar selbst einbezogen und doch bleibt er dabei genauso wenig souverän wie zuvor.

Weniger ist mehr: Die vergessene Idee des begrenzten Kampfes 

Massenkrieg bringt massenhaft Tod und Zerstörung. Dabei gab es einst eine moralisch vorzugswürdige Alternative, die merkwürdigerweise in Vergessenheit geraten ist: der Einzelkampf. „Warum stellt ihr euch zur Schlacht auf? Ich stehe für die Philister, und ihr steht für Saul. Wählt doch einen aus, der gegen mich antritt“, ruft Goliat den Israeliten zu. Einsatz: die Unterwerfung der Verlierer. Indem David die Herausforderung annimmt, verhindert er das unmittelbare Aufeinandertreffen der beiden Heere und bewahrt die Soldaten – zumindest für den Augenblick – „vor der Hölle des Krieges“, wie es der Philosoph Michael Walzer ausdrückt. Der repräsentative Einzelkampf war jedoch keineswegs bloß eine biblische Idee. Unter Rückgriff auf griechische, römische, fränkische und andere historische oder mythologische Beispiele verteidigte der einflussreiche Theoretiker des gerechten Krieges Hugo Grotius den Einzelkampf und andere Formen des streng begrenzten Kampfes als potenziell geringeres Übel gegenüber dem Massenkrieg. Die Logik dahinter ist einfach. Um es mit den fränkischen Kriegern zu formulieren:

Besser einer fällt als das ganze Heer.

Trotz der offensichtlichen Vorteile ist die Idee des begrenzten Kampfes aus der Mode geraten und gilt heute eher als historische Kuriosität. Als Elon Musk Wladimir Putin zum Einzelkampf um die Ukraine herausforderte, lachten einige, während andere darin nur einen weiteren Beleg für Musks Verrücktheit sahen. Noch lächerlicher und verrückter erscheint jedoch unsere Bereitschaft, das gegenseitige Töten Tausender von Männern hinzunehmen, statt zwei Einzelne ihren Streit selbst austragen zu lassen. Aus moralischer Sicht ist die derzeitige Praxis mit ihrem enormen Blutzoll jedenfalls eindeutig befremdlich und falsch. Aber auch aus demokratischer Perspektive mutet es merkwürdig an, dass das für den modernen liberalen Staat prägende Prinzip der Repräsentation für all jene abrupt endet, die gezwungen werden, die Kriege ihres Staates selbst auszufechten. Selbst dort, wo Staaten ausschließlich auf Freiwilligenarmeen setzen, wirkt das massenhafte Kämpfen und Sterben auf dem Schlachtfeld wie eine Verzerrung der repräsentativen Logik, die in anderen Bereichen vorherrscht. Warum also akzeptieren wir dies als normal? Warum akzeptieren wir es als normal, dass Staaten ihre Konflikte durch Massenkrieg austragen, anstatt einige ausgewählte Vertreter in den Ring zu schicken? Tatsächlich erscheint der begrenzte repräsentative Kampf nicht nur moralisch attraktiver, sondern auch besser mit der repräsentativen Logik der modernen Demokratie vereinbar. Umso drängender ist die aufgeworfene Frage.

Was der Krieg uns über Repräsentation verrät

Eine Antwort auf die aufgeworfene Frage könnte sein, dass Repräsentation nicht bloß ein Mittel ist, um praktische Probleme zu lösen. Sie ist zugleich Macht- und Herrschaftsinstrument. Warum sonst sollte die Logik der Repräsentation ausgerechnet im Krieg plötzlich aufgegeben oder zumindest stark verzerrt werden? Im politischen Alltag ermöglicht Repräsentation einer relativ kleinen Gruppe, Macht über große Teile der Bevölkerung auszuüben. Im Krieg lässt sich dieses Prinzip jedoch nicht mehr vollständig aufrechterhalten, denn dann müssten womöglich die Machthaber und die für die Konflikte maßgeblich Verantwortlichen selbst das Schlachtfeld betreten und kämpfen.

In diesem Sinne hatte Carl von Clausewitz recht, den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln zu verstehen, während Michel Foucault genauso recht hatte, diese Maxime umzukehren und Politik als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln zu begreifen.

Zusammengenommen legen beide Perspektiven nahe, dass politisches Leben und Krieg durch dasselbe asymmetrische Machtverhältnis zwischen Individuum und Staat geprägt sind. So wie der Staat den Einzelnen im Alltag durch Steuern und zahllose Gesetze als ausbeutbare und steuerbare Ressource behandelt, übt er im Krieg dieselbe Macht oft in ihrer rücksichtslosesten Form aus: Indem er den Einzelnen dazu benutzt, zu töten und zu sterben. Der Krieg treibt also lediglich auf die Spitze, was bereits vorhanden ist.

Repräsentation trägt dazu bei, dieses Verhältnis zu akzeptieren, indem sie vor aller Augen verbirgt, was uns andernfalls erschaudern ließe. In Kriegszeiten lässt sich die zugrunde liegende Machtstruktur jedoch schwerer verbergen. Dann wird der Einzelne, der politisch ansonsten kaum eine Rolle spielt, plötzlich unverzichtbar.

Eine englischsprachige Fassung dieses Artikels erschien zuerst beim Libertarian Institute unter dem Titel „A Libertarian Argument for Single Combat” Englischsprachige Zitate wurden vom Autor übersetzt oder einer verfügbaren deutschsprachigen Übersetzung entnommen.

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Kevin Rosenhoff lehrt und forscht zur Ethik des Krieges und der Selbstverteidigung. Er hat einen Master in Ethik sowie politischer, ökonomischer und Rechtsphilosophie von der Ruhr-Universität Bochum und der Universität Graz.

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