Nur gerechtes Handeln führt zu einem gerechten Zustand

16. Januar 2026 – von Burkhard Sievert

Anthony de Jasay (1925 – 2019) ist bekannt für seine Kombination aus analytischer Strenge und einer realistischen Herangehensweise an gesellschaftliche Phänomene. Er ist ein Ökonom mit einer soliden erkenntnistheoretischen Basis und vertritt einen „strikten Liberalismus”, da er davon ausgeht, dass der Einzelne grundsätzlich frei ist, eine bestimmte Handlung auszuführen, solange es keine gültigen Einwände gegen diese Handlung gibt. Die Beweislast liegt dabei bei denjenigen, die gültige Einwände geltend machen. Sein Konventionalismus betrachtet die auf vereinbarten oder natürlich gewachsenen Konventionen und Reputation basierende geordnete Anarchie als praktische Alternative zum Staat. Er ist Anarchist, verfällt jedoch nicht in einen utopischen Anarchismus, denn es geht ihm nicht darum, eine Anarchie zu erreichen, sondern diese in einer Welt von Staaten auch bewahren zu können. Anthony de Jasay bezeichnete sich nicht als „libertär“, da er den geistigen Gründervater, John Locke (1632 – 1704), als intellektuell schwach empfand. Auf schwachen Fundamenten lässt sich kein stabiles Haus errichten. David Hume (1711 – 1776) dagegen betrachtete er als intellektuellen Riesen.

Das Buch Gerechtigkeit und ihr Umfeld (*) enthält eine Sammlung pointierter Aufsätze Anthony de Jasays, die den Gerechtigkeitsbegriff neu definieren, die Grenze zwischen Gerechtigkeit und den damit verbundenen Themen aufzeigen, welche in sie hineinragen und fälschlicherweise mit ihr in Verbindung gebracht werden. Gerechtigkeit und ihr Umfeld diskutiert konkurrierende Vorstellungen, die Gerechtigkeit „als etwas anderes“ betrachten – als Fairness, Gleichheit oder moralische Intuition. Es sind Themen, die die sich bei Diskussionen über die Gerechtigkeit aufdrängen und die oft mit echter Gerechtigkeit verwechselt werden. Die Frage, ob staatliche Autorität notwendig, zweckmäßig oder beides nicht ist, und die Vorrangstellung von Konventionen und Verträgen gehören zu den zentralen Fragen, die Anthony de Jasay aufwirft. Das Buch ist in fünf Teile gegliedert: Der unnötige Staat, Umverteilung, Gerechtigkeit, Sozialismus und Freiheit. Anthony de Jasay bekräftigt Edmund Burkes (1729 – 1797) Diktum Politik an sich ist der Missbrauch. Er bezeichnet dies als das Prinzipal-Agent-Problem (Kurzgefasst: Die Politiker handeln als Agenten (Beauftragte) einer abstrakten Gesellschaft (Auftraggeber, Prinzipal), priorisieren jedoch aufgrund fehlender effektiver Kontrollmechanismen eigene Interessen, was zu Korruption, Ineffizienz und einer gigantischen Missbrauchsmöglichkeit führt). Daraus folgt die Maxime, dass die politische Sphäre so klein wie möglich gehalten werden muss.

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Das „Prinzipal-Agent-Problem“

Das Streben nach Klarheit

Anthony de Jasay behauptet mutig, dass „man der guten Gesellschaft einen größeren Dienst erweisen würde, indem man klares Denken fördert, als indem man gute Prinzipien fördert“ (S. 7). Bei ihm hat das „klare Denken“ stets seinen Ausgangspunkt im handelnden Subjekt, dessen Handlungsfreiheit nur durch objektiv überprüfbare Beweise eingeschränkt werden darf. Die „guten Prinzipien“ einer Gesinnungsethik sind nicht objektiv überprüfbar. Darauf aufbauende Gerechtigkeitsvorstellungen sind für Anthony de Jasay ein „Produkt ungeordneten Denkens“. Sein Ziel ist es, die Definitionskonfusion zu entwirren, auf dem einige der gängigsten Annahmen des politischen Denkens beruhen. Wenn „eine Sache das ist, was sie ist, und nicht etwas anderes”, dann, so erinnert er uns eindringlich, „ist Wohlstand Wohlstand und nicht Freiheit. […] Eine Freiheit ist eine Freiheit und kein Recht. […] Gerechtigkeit ist Gerechtigkeit und keine Fairness oder irgendeine Art von Gleichheit” (S. 7).

Dieses Streben nach Klarheit veranlasste Anthony de Jasay nicht nur, Theorien zu hinterfragen und zu widerlegen, die von Menschen entwickelt wurden, mit denen er grundlegend nicht übereinstimmt (wie John Rawls (1921 – 2002), um nur einen zu nennen), sondern auch die oft verwirrenden und unbefriedigenden theoretischen Optionen, die von Menschen vertreten werden, mit denen er eigentlich weitgehend übereinstimmen sollte (wie Friedrich August von Hayek, 1899 – 1992). Obwohl Jasay bereits ein Kapitel seines Buches Gegen Politik der Kritik einiger Mängel in Hayeks reifen politischen Schriften gewidmet hat (seinem Versuch einer Synthese des klassischen Liberalismus, wie er in Der Verfassung der Freiheit und Recht, Gesetz und Freiheit dargelegt ist), befasst er sich hier eingehend mit Hayeks Ansatz zur Umverteilung.

Kritik an der „Sozialversicherung“

Anthony de Jasay konzentriert sich auf Hayeks Einschätzungen zur Umverteilung und weist nachdrücklich darauf hin, dass „die intellektuelle Toleranz gegenüber Umverteilung, selbst in Kreisen, in denen man eine scharfe Verurteilung erwarten würde“ (zum Beispiel innerhalb der Grenzen jener Denktraditionen, die gemeinhin als „konservativ“ oder „klassisch liberal“ bezeichnet werden), „ein Phänomen ist, das eine genauere Analyse verdient“ (S. 125). Hayeks politisches Denken weist trotz seiner großartigen Leistungen als Ökonom merkwürdige Dichotomien auf, wie beispielsweise die zwischen Zwangsmaßnahmen und nicht-zwingenden Maßnahmen der Regierung (als ob jede von der Regierung durchgeführte Politik nicht auf einer zwangsweisen Umverteilung von Vermögen beruhen würde), die ihn zu einigen bizarren Aussagen verleiten. Eine davon ist die bekannte Annahme von Hayek, dass Steuern nicht als Zwangsmaßnahme der Regierung an sich zu betrachten sind. Eine weitere ist die Unterscheidung, die er zwischen zwei „Zusicherungsbegriffen“ trifft. Der eine ist „die Zusicherung eines gegebenen Existenzminimums für alle“ (S. 126), der andere „die Zusicherung eines bestimmten Lebensstandards“ (S. 126). Im Grunde genommen ist Letzteres die Art von Umverteilung, die Hayek ablehnt, während er Ersteres akzeptiert und lobt.

Dieses scheinbar kleine Zugeständnis an den Zeitgeist ist nach Jasays Ansicht tatsächlich das erste Glied einer Kette, an deren Ende Hayek ein System der Zwangsversicherung befürwortet.

Im Grunde versucht er, die Zwangsversicherung, und damit die Bereitstellung von Wohlfahrt im Allgemeinen, von der Umverteilung zu trennen, als ob Ersteres ohne Letzteres logisch denkbar und praktisch möglich wäre. (S. 128)

Jasay entlarvt diese naive Annahme auf kluge Weise und liefert damit ein Beispiel für fundierte Wissenschaft und rigoroses Denken:

Wer glaubt, dass der Sozialversicherungszwang zumindest potenziell nicht umverteilend ist […], verkennt wesentliche Merkmale einer Versicherung. Es ist eine Binsenweisheit, dass in jedem Versicherungspool die Prämien der einen ‚umverteilt’ werden, um die Ansprüche der anderen zu bezahlen. Dennoch besteht die starke Vermutung, dass die Teilnehmer an dem Versicherungspool, wenn sie sich aus freien Stücken zur Zahlung der Prämie bereit erklärt haben, die Versicherung mindestens so hoch bewertet haben müssen wie ihre Kosten. […] Beide Klassen von Versicherten – diejenigen, die einen Schaden geltend gemacht haben, und diejenigen, die keinen Schaden geltend gemacht haben – haben ein Pareto-verbesserndes Geschäft abgeschlossen. ‚Subjektiv‘ – und wie soll man die Sache sonst bewerten? – hat keine Umverteilung von den einen zu den anderen Klasse stattgefunden. (S. 130)

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Im krassen Gegensatz dazu ist „die Zwangsversicherung […] zwangsläufig umverteilend“ (S. 130), wie Jasay in einer prägnanten Analyse der Natur der Versicherung zeigt (siehe S. 130–133). Dies sind nur einige der Errungenschaften Jasays im zweiten Teil des Buches (der sich mit Umverteilung befasst), in dem seine Analyse der Ursachen und Auswirkungen von „Sozialversicherung” und Umverteilungspolitik mit der Demontage politischer Aberglauben verschmilzt, wie dem, dass „der Kapitalismus dadurch gerettet wurde, dass die Regierung neuartige Machtbefugnisse zur Regulierung des Kapitalismus einsetzte” (S. 149).

Der unnötige Staat

Teil 1 von Gerechtigkeit und ihr Umfeld (mit dem bezeichnenden Titel „Der unnötige Staat”) widmet sich hingegen allgemein dem Problem der gesellschaftlichen Ordnung. Die Aufsätze bauen weitgehend auf den Erkenntnissen aus Jasays Der Gesellschaftsvertrag und die Trittbrettfahrer auf, in dem er das Problem der öffentlichen Güter neu formulierte und zeigte, dass der Staat weder für die Bereitstellung öffentlicher Güter notwendig ist, noch das Produkt eines „Gesellschaftsvertrags” sein kann. Der Staat ist das Produkt der Unterwerfung einer Gruppe durch eine andere.

Laut Jasay „wird die Staatstheorie mit großer Zustimmung zu ihrer Autorität weiterhin auf der Grundlage eines Gefangenendilemmas reproduziert, dessen gesellschaftliche Bedeutung bei analytischer Betrachtung deutlich zu schrumpfen scheint“ (S. 80). Er argumentiert jedoch, dass Probleme der öffentlichen Güter im Allgemeinen besser als „Falke-und-Taube-Spiele“ verstanden werden können, die ganz andere Auszahlungsstrukturen und Anreize haben.

Anders als beim Gefangenendilemma kann die Auszahlungsstruktur in einer solchen Interaktion dazu führen, dass der gegenseitige Nichtbeitrag (d. h. das Scheitern der Produktion des öffentlichen Gutes überhaupt) am schlechtesten Platz steht, während die Auszahlung für den ‚Gelackmeierten‘ (d. h. Beitragen und anderen eine Trittbrettfahrt gewähren) vom schlechtesten zum drittbesten Platz aufsteigt. Die daraus resultierenden zwei ‚reinen‘ Strategien, der ‚Falke‘ und die ‚Taube‘, würden beide Gleichgewichte darstellen. Die Falken gehen die Chance einer Trittbrettfahrt ein, in der Annahme, dass genügend Tauben kommen werden, um das Gut zu produzieren, und die Tauben leisten einen einseitigen Beitrag, anstatt das Risiko einzugehen, dass das Gut nicht produziert wird. (S. 86)

Das Ergebnis ist, dass tatsächlich viele öffentliche Güter freiwillig bereitgestellt werden können. Von großer Relevanz sind auch die Schlussfolgerungen zu den inneren Widersprüchen der Vertragstheorien zur Staatsbegründung, die Jasay aus seinem spieltheoretischen Ansatz ableitet (siehe insbesondere 89-90).

Gerechtigkeit

Die Aufsätze zum Thema „Gerechtigkeit“ finden sich im dritten Teil des Buches. Jasay unterscheidet zwischen zwei Gerechtigkeitsbegriffen, die beide für das Funktionieren eines Gerechtigkeitssystems notwendig sind, aber keinesfalls ineinander übergreifen dürfen.

Die beiden Bereiche werden von zwei regulierenden Maximen beherrscht, ‚Jedem das Seine‘ (suum cuique)[1] und ‚Jedem nach …‘ (d. h. einer Referenzvariablen, z. B. ‚seinen Bedürfnissen‘). Im Bereich des suum cuiquelässt der Begriff der Gerechtigkeit wenig Raum für Urteile. Feststellungen erledigen fast die ganze Arbeit. Wo hingegen ‚Jedem nach …‘ die Hauptregel ist, kommt dem Urteil eine unverzichtbare Rolle zu. (S. 188)

In seinem Aufsatz „Gerechtigkeit“ schlägt Anthony de Jasay vor, den mehrdeutigen und vagen Gerechtigkeitsbegriff der Umgangssprache und Politik durch einen Begriff zu ersetzen, der sich besser als intellektuelles Instrument für rationale Diskussionen eignet. Da der umgangssprachliche Gebrauch von „Gerechtigkeit“ ein Musterbeispiel für den politischen Sprachgebrauch ist und daher entsprechend verwirrend ist, greift Anthony Jasay auf die philosophische Diskussion zurück. Dabei greift er auf den von Cicero (106 v. Chr. – 43 v. Chr.) aufgestellten Gerechtigkeitsgrundsatz „Jedem das Seine“ (suum cuique) zurück, der bereits im 5. Buch der Nikomachischen Ethik von Aristoteles (384 v. Chr. – 322 v. Chr.) zu finden ist.

Individuelle Handlungen werden anhand des Attributs „gerecht/ungerecht“ beurteilt. Dabei dienen zwei Prinzipien als Leitmotiv: das aristotelische „Jedem das Seine“ und „Gleiche Fälle gleich behandeln“. Im Vordergrund stehen der Zusammenhang zwischen Handlung und Folge (Belohnung oder Sanktion) sowie Handlungsfreiheit und Verantwortung. Der Handelnde ist für sein Tun verantwortlich. Das Prinzip „Jedem das Seine“ kommt beispielsweise zum Tragen, wenn wir fragen, ob der Vorstandsvorsitzende eines Unternehmens seine Vergütung auch wirklich „verdient“. Das zweite Prinzip ist für rationale Erwartungen und somit für die Stabilität einer Gesellschaft unverzichtbar. Doch was macht zwei Fälle „gleich“? Anthony de Jasay zeigt, dass das Problem darin besteht, die Kriterien für die Behauptung zu legitimieren, dass zwei Fälle im relevanten Rückblick gleich sind.

Der Aufsatz „Gerechtigkeit als etwas anderes“ räumt mit dem intellektuellen Durcheinander um den Gerechtigkeitsbegriff auf sowie den vielen Suggestivdefinitionen des Ausdrucks „gerecht“. Beispiele dafür sind Gerechtigkeit als „Fairness“ (nach John Rawls), Gerechtigkeit als Unabweisbarkeit (nach Thomas Scanlon) oder Gerechtigkeit als Unparteilichkeit (nach Brian Barry, 1936 – 2009). In Deutschland erfreut sich die Gerechtigkeitstheorie von Rawls insbesondere bei Hauptstromökonomen großer Beliebtheit. Ihr inhaltlicher Kern entspricht sozialdemokratischen Vorstellungen. Hayek widmete den Sozialdemokraten in allen Parteien sein Buch Der Weg zur Knechtschaft.

Die Rezeption der Gerechtigkeitstheorie von Rawls ist typisch für eine Vorstellung, in der „Gerechtigkeit“ im gesellschaftlichen Umfeld eine Rolle spielt. Der Ausdruck „gerecht“ wird nun nicht mehr auf Handlungen, sondern auf Zustände angewendet. Damit schleicht sich mit der materiellen Gleichheit ein völlig anderer Begriff als der ursprüngliche ein. Anthony de Jasay bezeichnet dies als den „Indischen Seiltrick“. Der Zustand einer Gesellschaft wird als „ungerecht“ bezeichnet, weil er nicht mit einem bestimmten, vorgefassten normativen Ideal übereinstimmt. Mit einer Rhetorik, die auf einer dieser „ganzheitlichen“ Interpretationen von Gerechtigkeit basiert, werden die umverteilende Tätigkeit des Staates und die Erhöhung von Steuern als Mittel dargestellt, mit denen sich Ungerechtigkeiten beseitigen ließen. Staatliche Eingriffe bedeuten in diesem Zusammenhang jedoch mehr Zwang und führen im Allgemeinen zu schlechten Ergebnissen, wenn beispielsweise die Mehrheit die Minderheit zwingt, Projekte mitzufinanzieren, welche die Mehrheit für wünschenswert hält. Zu dieser Thematik finden sich in dem Buch zwei Aufsätze: „Steuerzahler, Gelackmeierte und Trittbrettfahrer” sowie „Warum ‚soziale Gerechtigkeit‘ ungerecht ist“.

Anthony de Jasay erklärt, dass „was einer Person gehört, grundsätzlich eine Frage dessen ist, was sie im Rahmen der ihr realisierbaren Handlungen tun darf“ (S. 201). Die suum cuique-Form der Gerechtigkeit wird in zulässige und unzulässige Handlungen unterteilt („Der allgemeine Grund für die Unzulässigkeit ist die Verhinderung, Vereitelung oder Behinderung (ohne hinreichenden Grund) einer zulässigen Handlung eines anderen“ (204); daher befasst sich dieser Strang der Gerechtigkeit im Wesentlichen mit Freiheiten.

In der zeitgenössischen politischen Rhetorik ist von „sozialer Gerechtigkeit“ die Rede, ohne dass die Frage gestellt wird: Was macht eine bestimmte Art von Gerechtigkeit sozial? Und was macht die sogenannte soziale Gerechtigkeit zu einer Form der Gerechtigkeit? Der Ausdruck erweist sich als Leerformel, die von ideologischen Wegbereitern mit Inhalt gefüllt wird. Sozialdemokratische Politiker sprechen von einer „sozialen Gerechtigkeitslücke“ und fordern öffentliche Investitionen auf Basis einer „gerechten“ Besteuerung. Da Steuern auf Zwang beruhen und Gerechtigkeit auf freiwilliger Übereinkunft, kann es keine „gerechte“ Besteuerung geben. Die Floskel „soziale Gerechtigkeit“ dient der Rechtfertigung von unrechtmäßiger Enteignung. Kurz gesagt spielt „Gerechtigkeit“ eine wichtige Rolle in der pseudomoralischen Machtpolitik. Das Buch von Anthony de Jasay hilft allen, die in diesem Bereich klar denken möchten.

Besonders bemerkenswert ist hier die Verbindung, die Jasay zwischen Freiheit und Eigentum herstellt.

Wenn das Finden und Aneignen von Herrenlosem eine Freiheit ist, dann ist der Verzicht auf Verbrauch eine Freiheit und der freiwillige Tausch ist eine Freiheit, und dann ist Eigentum eine Freiheit. Nach dem Prinzip suum cuique ist das Eigentum einer Person ihr Eigentum, wenn und weil die Handlungen, die zu ihrem Besitz führten, ihre Freiheiten waren. (S. 209)

Die Legitimität des Eigentums leitet sich somit aus der Kette legitimer Handlungen ab, die einen Menschen in den Besitz einer Sache bringen.

Anthony de Jasays Buch Gerechtigkeit und ihr Umfeld ist eine Fundgrube aufschlussreicher Erkenntnisse, die, um in ihrer ganzen Tiefe untersucht zu werden, mehr als diese Rezension erfordern würden. Sein „letztes Wort“ zu den zeitgenössischen Gerechtigkeitstheorien muss jedoch zitiert werden:

Gerechtigkeit wird so weit wie möglich aufrechterhalten, wenn die Freiwilligkeit gewahrt bleibt. Es sind dann die gerechten Handlungen, die die Gerechtigkeit schaffen. Die Übereinstimmung eines Zustands mit einem gesellschaftlichen Selektionskriterium […] ist genau das, die Übereinstimmung mit dem postulierten Kriterium und nichts weiter. Dass das Kriterium die Verkörperung der Gerechtigkeit ist, beruht auf keinem objektiven Beweis, wie er durch tatsächliche (im Gegensatz zu hypothetischen) Vereinbarungen zur Schaffung oder Übertragung von Rechten erbracht wird. (S. 182 f.)

Für Freiheit

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[1] Die Nationalsozialisten verdrehten den antiken Gerechtigkeitsgrundsatz „suum cuique“ übrigens in zynischer, menschenverachtender Weise in sein Gegenteil, indem sie „Jedem das seine“ am Eingang eines Konzentrationslagers anbrachten und damit insinuierten, dass die Häftlinge ihre Misshandlung verdienten.

Verwendete Literatur

Anthony de Jasay: Justice and Its Surroundings, reviewed by Gerard Radnitzky, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. November 2003

Anthony de Jasay: Justice and Its Surroundings, reviewed by Alberto Mingardi, in: Markets and Morality, Volume 6, Number 1, Spring 2003

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Dieses ist der dritte Teil einer dreiteiligen Artikelserie über die politische Philosophie Anthony des Jasays. Den ersten Teil finden Sie HIER, den zweiten Teil HIER.

Burkhard Sievert  engagiert sich als Sektionsleiter in der Atlas Initiative. Von Anthony de Jasay übersetzte er zahlreiche Bücher, zuletzt Gerechtigkeit und ihr Umfeld (*). Von Ludwig von Mises brachte er das Buch Allmächtiger Staat (*) als deutsche Übersetzung heraus, von Wilhelm Röpke das Buch Die deutsche Frage (*) als Nachdruck.

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