Krieg ist schlecht fürs Geschäft – es sei denn, Krieg ist das Geschäft

9. Januar 2026 – von Michael Wolf

Der Staat ist eine menschliche Institution, kein übermenschliches Wesen. Wer ‚Staat‘ sagt, meint Zwang und Gewalt. („Allmächtiger Staat“, 1944 (2023), S. 94)

Der Staat ist ein abstrakter Begriff, in dessen Namen lebendige Menschen – die Organe des Staates, die Regierung – handeln. Alle Staatstätigkeit ist menschliches Handeln, Übel von Menschen, Menschen zugefügt. („Liberalismus“, 1927, S. 51)

Ludwig von Mises (1881 – 1973)

Die Mafia steht in der öffentlichen Wahrnehmung für Gewalt, Einschüchterung und Verbrechen. Ihre Geschichte ist blutig, ihre Machtspiele sind oft tödlich. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Die Struktur und Logik mafiöser Organisationen ähnelt in mancher Hinsicht der Machtmechanik moderner Staaten. Ein entscheidender Unterschied bleibt: Während die Mafia von Stabilität profitiert, verdienen Staaten an Instabilität – manchmal sogar an Krieg. Der Unterschied liegt weniger im Ziel als in Größe, Selbstbild und gesellschaftlicher Legitimation.

Von Bauernschutz zu Schattenregierung

Die Ursprünge der sizilianischen Mafia im 19. Jahrhundert lagen nicht in der Unterwelt, sondern auf den Feldern. In einer Zeit, in der die italienische Zentralregierung in ländlichen Regionen kaum präsent war, organisierten sich lokale Gruppen, um Bauern und Vieh vor Dieben zu schützen.

Laut einer Untersuchung („Land Reform, the Market for Protection, and the Origins of the Sicilian Mafia: Theory and Evidence“, Bandiera 2003) wurde die Mafia in Sizilien zu einer Zeit aktiv, als der Staat kaum Schutz vor Banditentum bot und Grundstücke vielfach fragmentiert waren. In diesem Umfeld boten manche Akteure privaten Schutz gegen Vieh- oder Landraub an – und daraus entwickelte sich die Schutz- und Machtstruktur.

Diese „ehrenwerten Gesellschaften“ („uomini d’onore“) boten Schutz, Schlichtung und Sicherheit – Aufgaben, die der Staat nicht übernahm. Im Gegenzug forderten sie Loyalität, erzwangen Abgaben und verlangten Schweigen („omertà“).

Was als Ersatzjustiz in einem Machtvakuum begann, wurde über Jahrzehnte zu einem System: ein Privatstaat ohne Legitimation, der Gewalt nur als letztes Mittel einsetzte, um Ordnung im eigenen Gebiet zu wahren. Denn Chaos kostet die Mafia Geld – Frieden sichert ihr Einkommen. Je stabiler ihr Einflussbereich, desto verlässlicher die Einnahmen. Die Mafia war brutal, aber ihre Brutalität war meist nach innen gerichtet – gegen Abweichler, Verräter, Rivalen. Nach außen hin bemühte sie sich um Ruhe, Stabilität und Kontrolle.

Der Don und der Präsident

Der Staat unterwirft, kerkert ein und tötet. Die Menschen sind geneigt, das zu vergessen, weil der gesetzestreue Bürger sich der Ordnung der Obrigkeit klaglos unterordnet, um Bestrafung zu vermeiden. („Letztbegründung der Ökonomik“, 1962 (2016), S. 139 f.)

Ludwig von Mises

Ein Don regiert durch Nähe, Vertrauen und Furcht. Er kennt seine Leute, hört ihre Sorgen und entscheidet über Konflikte, Strafen und Belohnungen – seine Autorität beruht auf persönlicher Loyalität. Ein Präsident, Kanzler oder Ministerpräsident regiert hingegen durch Institutionen, Erlasse und Bürokratie. Seine Macht wird durch Distanz erzeugt – durch Symbole, Ämter und anonyme Verfahren.

Doch während der Don für seine Entscheidungen unmittelbar persönlich geradesteht, bleibt die Verantwortung des Regierungschefs oft aus. Wenn ein Don Gewalt anordnet, dann trägt er die Verantwortung direkt, und jede überflüssige Eskalation bedroht seine Position. Gewalt ist für ihn ein Risiko, kein Geschäftsmodell.

Für Staaten dagegen ist Gewalt oft genau das: ein lukratives Geschäftsmodell. Mit Gewalt wird Geld eingenommen, damit werden Industrien finanziert, das schafft Nachfrage und rechtfertigt Geldschöpfung. Bei der Mafia wird Gewalt nur eingesetzt, um Ordnung zu erhalten oder das eigene Territorium zu verteidigen. „War is bad for business“, wie die Mafiosi sagen.

Beim Staat liegt der Fall anders: Gewalt wird delegiert, anonymisiert, institutionalisiert. Wenn eine Regierung Krieg führt, dann betrifft das Millionen – doch niemand ist persönlich verantwortlich. Die Opfer sind Zahlen, die Verantwortung verteilt sich auf Gremien, Ministerien und „Sachzwänge“, bleibt im Unklaren. Die Gewalt wird dadurch pseudo-moralisiert – sie erscheint als Verwaltungsvorgang, nicht als Tat.

Warum die Mafia vor Kriegen zurückschreckt

Die Mafia ist dezentral organisiert – ein Netzwerk lokaler Familien, deren Macht auf persönlichen Beziehungen beruht. Diese Struktur macht sie widerstandsfähig, aber auch begrenzt. Eine Organisation, die auf gegenseitigem Vertrauen statt auf Massengehorsam beruht, kann keine Armee aufstellen und keinen offenen Krieg führen. Ein Don kann töten lassen, aber keine großen Fronten eröffnen. Er verteidigt in erster Linie, er expandiert nicht im großen Stile und systematisch, wie das Staaten tun.

Nationalstaaten dagegen handeln oft expansiv – nicht aus Notwehr, sondern aus ökonomischem Kalkül. Kriege sichern Währungsmonopole, Rohstoffe und Macht. Sie sind kein Unfall, sondern Bestandteil eines Systems, das von Inflation, Schulden und Kontrolle lebt. Die Geschichte ist voller solcher „wirtschaftlich motivierter“ Kriege, die mit Freiheit, Sicherheit oder Demokratie begründet werden, aber in Wahrheit ökonomische Machtkämpfe darstellten.

Steuern vs. Schutzgeld

Ähnlich verhält es sich mit Geld und Zwang. Sowohl Steuern als auch Schutzgeld beruhen auf dem gleichen Prinzip: Wer nicht zahlt, riskiert Strafe. Beim Schutzgeld ist die Gewalt direkt, sichtbar und persönlich. Beim Staat wird sie anonymisiert, legalisiert und bürokratisch vermittelt. In beiden Fällen wird die Zahlung von Geld erzwungen, um Schutz oder Ordnung zu garantieren – nur die Form der Legitimation unterscheidet sich.

Kann man Gewalt delegieren?

Demokratische Systeme beruhen auf dem Prinzip der Repräsentation: Bürger geben durch Wahlen ihre Stimme ab und damit – zumindest in der Theorie – das Mandat, in ihrem Namen zu handeln. Doch hier stellt sich eine grundlegende moralische Frage: Kann man ein Recht übertragen, das man selbst gar nicht besitzt?

Kein einzelner Mensch hat das moralische Recht, andere anzugreifen, auszurauben oder zu töten. Wenn also Millionen Menschen wählen gehen, dann entsteht daraus nicht plötzlich ein kollektives Recht, dieselben Handlungen im Namen des Staates zu begehen. Eine Wahl ändert nicht die Natur der Gewalt – sie verschiebt nur die Verantwortung. Statt „unrechtmäßig“ heißt sie dann „legitimiert“.

Der „Sicario“ und der Wähler

Wer bei einer Wahl seine Stimme abgibt, glaubt oft, moralisch einwandfrei zu handeln. Doch wenn diese Stimme Gewalt legitimiert – sei es durch Krieg, Sanktionen oder wirtschaftliche Ausbeutung – wird man zum Mittäter, ohne es direkt zu merken. Hannah Arendt (1906 – 1975) beschrieb mit Adolf Eichmann (1906 – 1962) den Fall des „Bürokratenmörders“: Ein Mensch, der Verbrechen begeht, ohne Sadismus oder persönliche Grausamkeit, einfach weil er Befehle ausführt oder Systeme bedient.

Ein freier Mensch muß es ertragen können, daß seine Mitmenschen anders handeln und anders leben, als er es für richtig hält, und muß sich abgewöhnen, sobald ihm etwas nicht gefällt, nach der Polizei zu rufen. („Liberalismus“, S. 48)

Ludwig von Mises

Der Mafioso dagegen kennt das Blut an seinen Händen, sieht die Konsequenzen und trifft Entscheidungen ohne Illusionen. Er handelt direkt, persönlich und „ehrlich“ – er spielt sich nicht als sauberer Bürger auf. Im Staat hat man die Gewalt  delegiert, an Menschen, die sie professionell und im großen Maßstab ausführen.

Hier entsteht ein paradoxes moralisches Bild: Der Mafiamörder, so grausam seine Tat auch ist, steht zu seiner Handlung. Er weiß, was er tut, er trägt das Risiko, er sieht das Blut an seinen Händen. Der Wähler dagegen kann dieselbe Gewalt aus der Ferne legitimieren (so meint er zumindest) – und sich dennoch für friedlich halten. Er delegiert, wo der Mafioso handelt. Er wäscht sich die Hände in Unschuld, so denkt er, während andere sie sich schmutzig machen. So wird Gewalt in Demokratien nicht abgeschafft, sondern verschleiert. Sie verliert ihr schreckliches Gesicht, nicht ihre Wirkung.

Drogen, Eigenverantwortung und indirektes Leid

Dieses Prinzip lässt sich auch auf andere Lebensbereiche übertragen. Nehmen wir den Konsum von Drogen: Wer sich selbst schadet, der fügt zunächst niemand anderem Leid zu – alles geschieht in Eigenverantwortung. Der Staat jedoch verbietet den Konsum und den Verkauf, macht daraus ein Geschäftsmodell aus Geldstrafen, Gefängnissen und Strafverfolgung. Durch diese Kriminalisierung entsteht indirektes Leid: Die illegale Struktur zwingt Anbieter dazu, Risiken durch Gewalt zu managen, etwa wenn ein Kunde nicht zahlt. Die Mafia hingegen kann keinen offiziellen Anwalt einschalten, kein offizielles Verfahren anstrengen – sie muss selbst handeln, direkt und kalkuliert.

Hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied: Wo der Staat Gewalt delegiert und profitiert, trägt die Mafia das Risiko persönlich. Die Eskalation der Gewalt entsteht also oft nicht durch den Konsumenten selbst, sondern durch das System, das die Handlung kriminalisiert. Der Mafioso mag töten, aber er tut es in einem direkten, greifbaren Kontext. Der Staat dagegen kann Gewalt anonymisieren, profitabel machen und gleichzeitig moralisch rein erscheinen.

Der ökonomische Mechanismus der Gewalt

Staaten führen nicht nur Kriege – sie profitieren auch davon. Ein Krieg schafft für Regierungen einen Grund, sich zu verschulden, Geld zu schöpfen und Ressourcen umzuleiten. Über Zentralbanken wird neues Geld in Umlauf gebracht, lange bevor es die Bevölkerung erreicht. Diejenigen, die zuerst Zugang zu diesem neuen Geld haben – Regierungen, Rüstungsunternehmen, Großbanken – profitieren vom sogenannten Cantillon-Effekt: Das Geld verliert erst später an Wert, wenn es in der realen Wirtschaft ankommt. Inflation trifft die Bevölkerung, während die politischen und finanziellen Zentren profitieren.

So wird Gewalt – im Gegensatz zur Mafia – für Staaten ökonomisch lohnend. Für den Staat ist Krieg ein Konjunkturprogramm. Für die Mafia wäre er eine Katastrophe. Der eine braucht Zerstörung, um sich zu bereichern – der andere braucht Ordnung, um bestehen zu können. Gewalt kann als Mittel dienen, Schulden zu rechtfertigen, Industrien zu stimulieren und politische Macht zu sichern.

Was für den Don „bad for business“ ist, wird für den Staat ein Geschäftsmodell.

Sorgt der Staat für Ordnung – oder zerstört er sie?

Der Staat beansprucht das Monopol auf Gewalt, weil er Ordnung schaffen will. Doch Ordnung für wen? Für seine Bürger, seine Eliten, seine Wirtschaftspartner?

Manchmal entsteht der Eindruck, dass der Staat jene Sicherheit zerstört, die er zu garantieren vorgibt – durch Kriege im Namen der Demokratie, durch Überwachung im Namen der Freiheit, durch Geldpolitik im Namen der Stabilität. Dabei ist dieses scheinbare Paradox kein Versehen, sondern Systemlogik: Instabilität schafft Abhängigkeit, Abhängigkeit schafft Macht.

Die Mafia, so paradox es klingt, entstand aus dem Versuch, Ordnung von unten zu schaffen, während der Staat oft Unordnung von oben produziert.

Der Unterschied liegt weniger im moralischen Anspruch als in der Rechtfertigung:

Die Mafia spricht von Ehre.

Der Staat spricht von Recht.

Beide wollen Kontrolle – und beide riskieren, jene Gerechtigkeit zu zerstören, auf die sie sich berufen.

Dieser Vergleich soll nicht die Mafia rechtfertigen oder den Staat verurteilen, sondern zeigen, wie ähnlich ihre Dynamiken im Kern sein können. Sowohl Don als auch Regierungschef sind Verwalter der Macht – der eine persönlich, der andere institutionell.

Doch während der Don für seine Entscheidungen geradestehen muss und Gewalt tendenziell vermeiden muss, weil sie sein Geschäft gefährdet, profitiert der Staat systemisch von ihr. Der eine braucht Frieden, um zu überleben – der andere braucht Feinde, um zu existieren.

Der Mafioso mag ein Verbrecher sein – doch er weiß, dass er einer ist.

Der Bürger, der Gewalt an den Staat delegiert, nennt sie „Recht“.

Die Frage lautet nicht, wer moralischer handelt, sondern: Wer täuscht sich mehr über das, was er tatsächlich tut?

Die größte Gefahr der modernen Welt liegt nicht in der Bösartigkeit, sondern in der Gedankenlosigkeit.

(Pseudozitat, das häufig Hannah Arendt zugeschrieben wird, das ihre Idee der „Banalität des Bösen“ zusammenfassen soll.)

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Michael Wolf ist Inhaber von bitcoinlighthouse.de. Seit 2021 gibt er Vorträge, Workshops und veranstaltet Meetups zu Bitcoin. Er ist Autor von «Der Bitcoin-Ratgeber für Einsteiger und Aussteiger» (*) und mehreren Publikationen auf verschiedenen Online-Portalen. Sein Ziel ist es, den Menschen zu vermitteln, dass Bitcoin nicht nur ein spekulatives Finanzinstrument ist, sondern vielmehr die bedeutendste Erfindung seit dem Internet.

[(*) Mit * gekennzeichnete Links sind Partner-Links. Kommt über einen solchen Link ein Einkauf zustande, unterstützen Sie das Ludwig von Mises Institut Deutschland, das mit einer Provision beteiligt wird. Für Sie entstehen dabei keine Mehrkosten.]

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Das Ludwig von Mises Institut Deutschland e.V. setzt sich seit Jahren für die Verbreitung der Lehre der Österreichischen Schule der Nationalökonomie ein. Freiheit gibt es nicht geschenkt, sie muss stets neu errungen und erhalten werden. Bitte unterstützen Sie daher das Ludwig von Mises Institut Deutschland mit einer Spende, damit wir uns weiterhin für unser aller Freiheit einsetzen können!

Spendenkonto:

Ludwig von Mises Institut Deutschland e. V.

IBAN: DE68 7003 0400 0000 1061 78

BIC: MEFIDEMM

Merck Finck A Quintet Private Bank (Europe) S.A. branch

Verwendungszweck: Spende

Titel-Foto: Adobe Stock – bearbeitet

Soziale Medien:
Kontaktieren Sie uns

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Beginnen Sie mit der Eingabe und drücken Sie Enter, um zu suchen