Geldpolitik: Erinnerung an die Sowjetunion

24. September 2018 – von Vitaliy Katsenelson

Der Wachwechsel bei der Federal Reserve – das Ende der Amtszeit von Janet Yellen und der Beginn der Ära Jerome Powell – hat Erinnerungen in mir auferstehen lassen, wie es war, in der ehemaligen Sowjetunion aufzuwachsen.

Damals hatte unser örtliches Lebensmittelgeschäft zwei Sorten von Zucker: Der billigere kostete 96 Kopeken (russische Cents) pro Kilo und der teurere 104 Kopeken. Ich erinnere mich sehr genau an diese Preise, weil sie sich nämlich ein Jahrzehnt lang nicht verändert haben. Diese Preise wurden nicht durch Angebot von und die Nachfrage nach Zucker bestimmt, sondern von einem wohlmeinenden Bürokraten (der vielleicht sogar ein Ökonom war) in Tausend Kilometer Entfernung.

Hätten alle russischen Hausfrauen (und Hausmänner) beschlossen, sich auf eine Apfelkuchendiät einzulassen und mit dem Backen von Kuchen zum Frühstück, Mittag- und Abendessen begonnen, wäre die Zuckernachfrage gestiegen, aber die Preise wären dennoch immer bei 96 und 104 Kopeken gelegen. Infolgedessen hätte es einen Mangel an Zucker gegeben – ein häufiges Ereignis in der Sowjetzeit.

In einer kapitalistischen Wirtschaft spielt die „unsichtbare Hand“ eine sehr wichtige, aber unterschätzte Rolle: Es ist ein Signalmechanismus, der hilft, Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen. Eine hohe Nachfrage führt zu höheren Preisen und signalisiert den Lieferanten, dass sie mehr Geld verdienen werden, wenn sie zusätzliche Waren produzieren. Zusätzliches Angebot senkt die Preise und bringt sie in ein neues Gleichgewicht. So werden in der freien Marktwirtschaft täglich Preise für Millionen von Gütern weltweit festgelegt.

In der Kommandowirtschaft der Sowjetunion hatten die Güterpreise oft wenig mit Angebot und Nachfrage zu tun, sondern wurden typischerweise als politisches Instrument eingesetzt. Dies ist zum Teil der Grund, warum die sowjetische Wirtschaft versagt hat. Um gute Entscheidungen zu treffen, braucht man gute Informationen, wenn aber der Preis keine Informationen enthält, ist es schwierig, gute Geschäftsentscheidungen zu treffen.

Als ich 1991 das sowjetische Russland verließ, dachte ich, ich würde nie wieder eine Kommando- und Kontrollwirtschaft sehen. Ich habe mich geirrt. In den letzten zehn Jahren hat die Weltwirtschaft begonnen, einer solchen ähnlich zu werden, weil wohlmeinende Ökonomen, die Zentralbanken leiten, den Preis für das wichtigste Gut der Welt festgelegt haben: Geld.

Zinssätze sind der Preis des Geldes, und sie sollten durch die täglichen Entscheidungen von Milliarden von Menschen und ihren Unternehmen und Regierungen bestimmt werden. Wie der Zuckerpreis in Sowjetrussland haben die Zinssätze heute wenig mit Angebot und Nachfrage zu tun (und haben somit keinen Signalwert).

Wenn beispielsweise die US-Notenbank bis Ende 2014, als die US-Staatsverschuldung die 17-Billionen-Dollar-Marke überschritt, nicht über 2 Billionen Dollar an US-Schulden gekauft hätte, wären die Zinsen angestiegen. Unser Haushaltsdefizit wäre gestiegen und die Politiker gezwungen gewesen, die Staatsausgaben zu kürzen. Aber das Gegenteil ist passiert: Während unser Schuldenberg gewachsen ist, sind die Kosten der Regierung für die Kreditaufnahme gesunken.

Die Folgen, wenn wohlmeinende (aber nicht allzu bekannte) Ökonomen die Geldpreise festlegen, sind überall zu beobachten: Von der Inflation der Vermögenspreise bis hin zur Ermutigung von Unternehmen, in Projekte zu investieren, in die sie nicht investieren sollten. Aber wir kennen wirklich nicht die zweite, dritte und vierte Ableitung der Konsequenzen, die die Befehls- und Kontrollzinsen mit sich bringen werden. Wir wissen, dass höchstwahrscheinlich jeder Marktteilnehmer in den letzten Jahren gezwungen war, mehr Risiken einzugehen, aber wir wissen nicht, wie viel mehr, weil wir den Preis des Geldes nicht kennen.

Quantitative Easing: Diese beiden scheinbar harmlosen Worte haben die DNA der Weltwirtschaft verändert. Die Zinssätze beeinflussen die Wechselkurse stark. Die Erwartung von Quantitative Easing durch die Europäische Zentralbank ließ den Kurs des Schweizer Frankens im Januar 2015 an einem Tag um 15 % steigen, und die Schweizer Wirtschaft ist seitdem wie gelähmt.

Amerikaner haben ein gesundes Misstrauen gegenüber ihren Politikern. Wir gehen davon aus, dass unsere Politiker korrupt sind und wir verehren unsere politischen Führer nicht (nur die Toten). Die US-Verfassung ist voll von Kontrollmechanismen, um sicherzustellen, dass – sollte das Opium der Macht einem Politiker zu Kopf steigen – der Schaden, den er oder sie der Gesellschaft zufügen kann, begrenzt ist.

Leider haben wir nicht das gleiche Misstrauen gegenüber Ökonomen und Zentralbankern. Es ist schwer zu sagen, warum genau. Vielleicht haben wir Ehrfurcht vor ihren Doktorarbeiten. Oder vielleicht liegt es daran, dass sie wirklich intelligent klingen und uns gleichzeitig das Gefühl geben, dümmer als ein Toaster zu sein, wenn sie große Begriffe wie „gesamtwirtschaftliche Nachfrage“ verwenden. Aus welchem Grund auch immer, aber wir denken, sie verfügten über Voraussicht und die Kräfte der Marvel-Superhelden.

Warren Buffett – das Orakel von Omaha selbst – gab zu, dass er nicht wüsste, wie das QE-Experiment enden wird. Und wenn Sie denken, dass wohlmeinende Ökonomen, die die Zentralbanken leiten, es wissen, werden Sie eine böse Überraschung erleben.

Alan Greenspan – der Ex-Papst der Federal Reserve – sagte in einem Interview mit dem Wall Street Journal im Jahr 2013, dass er „sich immer mehr für einen Mathematiker als für einen Psychologen hielt“. Aber nach der Finanzkrise 2008/09 und der Kritik, die er für seinen Beitrag zur Immobilienblase erhielt, ging Greenspan zurück und studierte das Herdenverhalten, mit einigen überraschenden Ergebnissen. „Ich war eigentlich verblüfft“, gab er zu. „Es hat meine Ansicht darüber, wie die Welt funktioniert, verändert.“

So wie die wohlmeinenden Ökonomen der Sowjetunion nicht den richtigen Zuckerpreis kannten, so wissen auch die wohlmeinenden Ökonomen unserer globalen Zentralbanken nicht, wo die Zinsen liegen sollten. Und was noch wichtiger ist: Sie können die Folgen ihrer Handlungen nicht vorhersagen.

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Der Originalbeitrag mit dem Titel Central Planning Failed in the USSR, but Central Banks Have Revived It ist am 19.9.2018 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Vitaliy Katsenelson ist CEO bei Investment Management Associates.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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