Wie eine falsche Volkswirtschaftslehre den Antikapitalismus befördert

14.9.2015 – von Per Bylund.

Per Bylund

Die Wirtschaftslehre ist tot und die Ökonomen haben sie getötet.

In den vergangenen 80 Jahren durchlebten wir einen systematischen Abbau dessen, was die Wirtschaftswissenschaften zu unserem Verständnis des gemeinschaftlichen Lebens beigetragen haben. Was auch immer die Ursache dafür ist, bei der modernen Wirtschaftslehre handelt es sich um nichts mehr als nur formale mathematische Modellierung, verkleidet in ökonomisch klingendem Jargon. In diesem Sinne ist die Wirtschaftslehre als Wissenschaft tot – vorausgesetzt, sie war jemals am Leben. Die Wirtschaftslehre in mathematischer Form kann ihre Versprechen nicht halten. Weder ihre wissenschaftliche Literatur noch ihre wissenschaftliche Bildung fördern Erkenntnisse zu Tage, die im täglichen Leben, bei der Arbeit, oder in der Politik anwendbar oder nützlich sind.

Aber anscheinend kann Totes erneut getötet werden. Zumindest scheint dies das Ziel der Linken zu sein, die zurzeit fordern, dass die Wirtschaftslehre von unten nach oben neu strukturiert werden muss. Warum? Der wahre Grund ist bestimmt kein anderer als die häufig anzutreffende Furcht der Linken vor den Erkenntnissen über die Wirtschaft und die Welt, die die Wirtschaftswissenschaften ans Licht bringen. Daher hört man linke Ideologen oft sagen: Wirtschaftswissenschaft „ist Ideologie“. Angeblich sei das offensichtlich, sobald man mit „wissenschaftlichem Marxismus“ an die Sache herangeht.

Der in den momentanen Diskussionen genannte Grund ist jedoch ein anderer. Wir müssen die Wirtschaftslehre neu strukturieren (wenn nicht sogar abschaffen) weil sie, so sagt man uns, versagt hat. Warum? Weil die Wirtschaftslehre die Finanzkrise von 2008 nicht vorhersagen konnte.

Diese Wirtschaftskritiker nutzen jede Krise als Beweis für das marxistische Dogma über Widersprüche im Markt. Dieses mal glauben sie, dass diese Krise auch noch als Grund dafür genutzt werden sollte, sämtliche Wirtschaftswissenschaften neu zu durchdenken. Es ist natürlich allgemein bekannt, dass die Ökonomen die Krise nicht vorausgesehen und  ihre Lösungsvorschläge offensichtlich auch nicht zur Genesung der Wirtschaft beigetragen haben.

Für dieses rhetorische Magnum Opus haben die Linken an dieser Stelle einen kräftigen Applaus verdient. Jahrzehnte lang kämpften sie für den Untergang der Ökonomie als allgemein angesehene Wissenschaft, die den Weg zu ihren marktfeindlichen und egalitären Maßnahmen fest und unbeweglich versperrte, das Wachstum einer allmächtigen Regierung begrenzte und überall Hindernisse gegen alles, was die Linken gut finden, aufstellte. Die Finanzkrise ist genau das, worauf die Linken gewartet haben – ein richtiger „Slam Dunk“: Die Regierungsmacht wächst, der Keynesianismus wird wiederbelebt, und die Wirtschaftswissenschaften sind für all unsere Probleme verantwortlich.

Im Bildungswesen können wir es nun beobachten: Studenten und Schüler fordern, dass ihnen eine „praxisrelevantere“ Wirtschaftslehre beigebracht wird (und Professoren und Lehrer fordern nach einer Erlaubnis, diese zu unterrichten). Praxisrelevanz wird anscheinend dadurch erreicht, dass man die Wirtschaftslehre mit den schlimmsten Arten von Soziologie, Postmodernismus und vorsichtig strukturierten Diskussionen, die uns von unseren neoliberalen Neigungen befreien, verdünnt. Und es stellt sich heraus, dass wir ebenfalls keynesianische Ideen über die Rettung der Marktwirtschaft durch den Staat verbreiten müssen.

Wir sehen es auch bei wissenschaftlichen Konferenzen, in denen es zurzeit recht häufig passiert, dass Stimmen (oder, so meine Erfahrung, Keynote-Ansprachen) verkünden, dass jetzt die Zeit für ein anderes Paradigma „gekommen sei“: „Post“-Wirtschaftslehre. Der Grund ist immer, dass die Wirtschaftslehre „versagt hat“.

Wäre die Situation nicht so ernst wie sie nun einmal ist, wäre es eigentlich amüsant, dass das Versagen von keynesianischer Makroökonomik (sei sie formal gesehen Keynes‘ Theorie oder post-keynesianisch, neukeynesianisch, neokeynesianisch, monetaristisch, etc.) als Grund dafür verwendet wird, gute mikroökonomische Theorie zu verachten und sie durch keynesianische und andere marktfeindliche Ideen zu ersetzen. Leider ist es nicht zum Lachen. Wenn man den meisten Diskussionen Glauben schenkt, ist das Versagen der Zentralplanung ein Grund für mehr Zentralplanung, genau wie Sozialismus ein Grund für Sozialismus ist. Die Erfolge des Marktes sind jedoch keine Gründe für den Markt.

Es ist daher nicht überraschend, dass die Wirtschaftslehre nach Jahrzehnten ungebetener Mathematisierung und auf haarsträubenden Vermutungen basierender formaler Modellierung endlich irrelevant wurde. Diese verkehrte Art von pseudo-ökonomischer Analyse verdient es wirklich nicht anders. Für die gesellschaftliche Welt kann man keine Maxima berechnen; es ist, wie es Ludwig von Mises (1881 – 1973) vor fast einem Jahrhundert belegte, unmöglich. Wenn die mathematische Wirtschaftslehre endlich tot ist, ist das in erster Linie ein Schritt in die richtige Richtung.

Der Tod der mathematischen Wirtschaftslehre sollte allerdings nicht bedeuten, dass man die Wirtschaftslehre an sich ablehnen sollte. Vielmehr sollte er als Anstoß für eine Rückkehr zur angemessenen und guten wirtschaftlichen Analyse genutzt werden – zum Zustand der Wirtschaftslehre vor den „Beiträgen“ von Keynes, Samuelson und den anderen. Die mathematische Wirtschaftslehre mag ein Versager sein, aber die Wirtschaftslehre an sich bleibt weiterhin die Königsdisziplin der Gesellschaftswissenschaften. Und zwar aus gutem Grund: Die Wirtschaftslehre stützt sich auf unwiderlegbare Axiome über die echte Welt, aus denen logisch stringente und eindeutige Rückschlüsse abgeleitet werden. Das Forschungsobjekt ist die chaotische und manchmal mehrdeutige gesellschaftliche Welt, aber das soll keinesfalls bedeuten, dass die Wissenschaft ebenfalls chaotisch und mehrdeutig sein muss. Ganz im Gegenteil: Mit ihrer Fähigkeit, ein angemessenes und erleuchtendes Verständnis über das Funktionieren einer Wirtschaft zu bieten, ist die Wirtschaftslehre konkurrenzlos. Sie ist weder chaotisch noch mehrdeutig. Sie bringt Klarheit in die Prozesse, die den Markt bestimmen.

Das ist der Grund, warum die Linken alles verabscheuen, was mit Wirtschaftslehre zu tun hat. Sie zeigt nämlich, dass die Erschaffung einer besseren Welt durch Zentralplanung, Gelddrucken und politischer Manipulation unmöglich ist. Der Markt ist weder perfekt noch effizient, aber er ist besser als jede verfügbare Alternative. Tatsächlich ist der ungehinderte Markt das einzig verfügbare Mittel für die Menschheit, das kein Null- oder Negativsummenspiel ist. Der Weg des Marktes ist in der Tat der einzige, der zum Fortschritt führt; alles andere ist ein Schritt zurück.

Aber der Markt ist auch unkontrollierbar und scheint zumindest dem Nicht-Ökonomen unberechenbar und ohne Intuition zu sein. Daher wird er von den Linken gehasst und von den Rechten geächtet.

Die Linken wissen ganz genau, dass sie gegen eine „wirkliche“ Wirtschaftslehre keine Chance haben; ihre Ideologie wird im Kampf gegen die Wirtschaftswissenschaften immer versagen. Allerdings können sie gegen eine mathematische Wirtschaftslehre gewinnen, da sie der Tradition des „Lange-Lerner“-Marktsozialismus folgt und fundamentale Fehler aufweist. Und sie haben endlich gewonnen. Jetzt nutzen sie ihren Sieg als Grund dafür, die Wirtschaftslehre erneut zu töten. Lasst uns für die Menschheit hoffen, dass ihre Versuche scheitern.

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Aus dem Englischen übersetzt von Vincent Steinberg. Der Originalbeitrag mit dem Titel Economics Is Dead, and It Is Being Killed Again ist am 22.8.2015 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Per Bylund ist Professor an der Hankammer School of Business, Baylor University. Seine website ist www.perbylund.com.

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