Iran 1953, 1979 und 2026 – ein Erfahrungs- und Hintergrundbericht
23. Februar 2026 – von Andreas Tögel
Es hat bemerkenswert lange gedauert, bis die Hauptstrommedien bemerkten, dass sich seit Ende Dezember 2025 im Iran etwas tut. Während viele ihrer Redakteure hochsensibel zu reagieren pflegen, wenn ein Hamas-Aktivist vom israelischen Militär etwas härter angefasst wird, sind die Opfer muslimischer Gewalttäter, wie sie gegenwärtig im Iran massenhaft zu beklagen sind, für sie – wie es scheint –, nicht von Bedeutung. Immerhin – mit einiger Verzögerung haben auch die öffentlich-rechtlichen Medien erkannt, dass in Persien etwas im Busch ist, was nicht komplett ignoriert werden kann.
Als ich im Jahr 1976 zur Feier meiner bestandenen Reifeprüfung kreuz quer durch Persien reiste und dabei die Route Täbris-Teheran-Isfahan-Shiraz-Hamadan-Kermanschah befuhr, wirkte das Land auf mich durchaus modern. So befanden sich etwa die Straßen in einem wesentlich besseren Zustand als die in der Türkei. In den Städten flanierten nach westlicher Mode gekleidete und geschminkte Frauen, von denen keine ein Kopftuch trug. Auf dem flachen Lande dagegen bot sich ein anders Bild: Auf Straßen und Plätzen waren fast ausschließlich Männer zu sehen. Es schien keine Frauen zu geben. Der Kontrast zwischen Stadt und Land war gewaltig.
Egal welches Geschäft oder Gastronomielokal ich betrat – in jedem prangten Bilder von Schah Reza Pahlavi mit oder ohne seine Familie. Irgendwelche Hinweise auf eine allgemeine Unzufriedenheit oder gar die Bereitschaft zur Revolution im Lande waren nicht zu erkennen – jedenfalls nicht für mich. Damals war ich daher felsenfest davon überzeugt, dass der Schah sicher auf seinem Thron sitzt und sein Regime zu meinen Lebzeiten dauerhaften Bestand haben wird. Drei Jahre später – 1979 – war der Schah gestürzt und außer Landes. So kann man sich irren!
Zur Vorgeschichte der aktuellen Protestbewegung: Im Jahr 1951 verstaatlichte der im selben Jahr auf rechtlich einwandfreie Art ins Amt gekommene (die Verfassung sah eine Wahl des Premierministers durch das Parlament vor) Mohammed Mossadegh die Ölindustrie, was die Eigentümer – die Anglo‑Iranian Oil Company (AIOC, später in BP umbenannt) – und die britische Öffentlichkeit empörte.
Zudem wurde von der amerikanischen Regierung wegen der linken Gesinnung Mossadeghs die Gefahr eines wachsenden Einflusses der UdSSR im Lande gesehen. Daraufhin kam es im Jahr 1953 zur sorgfältig geplanten „Operation Ajax“, einem vom britischen MI6 und der CIA orchestrierten Staatsstreich gegen Mossadegh. Lange Zeit wurde die Verwicklung der beiden westlichen Geheimdienste in den Putsch als Verschwörungstheorie abgetan. Inzwischen hat die CIA ihre Beteiligung an dem Coup allerdings bestätigt. Der zunächst ins Ausland geflohene Schah kehrte nach dem erfolgreichen Putsch ins Land zurück und war danach bis zu seinem Sturz stark auf die Unterstützung durch die USA angewiesen, die in ihm den Garanten für einen prowestlichen Kurs des Landes sahen. Darüber, ob der Schah von seinen Kritikern zurecht als „Marionette“ der USA bezeichnet wurde, herrscht bis heute Uneinigkeit.
Fest steht, dass der Aufbau des von Regimegegnern gefürchteten Geheimdienstes SAVAK, auf den der Schah sein autoritäres Regime stützte, von den USA unterstützt wurde. Pahlavis „Weiße Revolution“ sollte dem Land einen Modernisierungsschub verschaffen. Allerdings profitierten davon hauptsächlich die westlich orientierten Eliten in den Städten, während sich für die rund 52 Prozent auf dem Lande lebenden Menschen kaum etwas zum Besseren wendete. Immerhin: Im Jahr 1950 hatte der Anteil der Landbewohner noch bei 70 Prozent gelegen und die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Menschen ging bis 1979 dramatisch zurück.
Die vom Schah angeordnete und vorangetriebene Modernisierung des Landes fand bei einem großen Teil der Bevölkerung keine Zustimmung. „Eine dauerhafte Regierungsmacht“, so Ludwig von Mises (1881 – 1973), könne aber „nur eine Gruppe aufrichten, die auf die Zustimmung der Beherrschten rechnen kann. Wer die Welt nach seinem Sinne regiert sehen will, muß trachten, die Herrschaft über die Geister zu erlangen. Es ist unmöglich, die Menschen gegen ihren Willen auf die Dauer einem System untertan zu machen, das sie ablehnen.“ (Liberalismus, 1927, S. 41) Zudem wurde die intellektuelle linke Opposition durch das Regime mit harter Hand unterdrückt. Die oppositionellen Intellektuellen versprachen sich von einem Regimewechsel – von wem auch immer er herbeigeführt werden möge – eine Verbesserung ihrer Lebensumstände.
Der schließlich aus dem französischen Exil ins Land gekommene Revolutionsführer Ajatollah Khomeini verstand es sehr geschickt, die Linke für seine Ziele zu instrumentalisieren, um sie nach der Konsolidierung seiner Herrschaft aus allen relevanten Positionen zu drängen und schließlich sogar gewaltsam zu unterdrücken. Khomeini etablierte ein theokratisches Regime, das keinerlei politische Opposition duldete. Im Westen leben heute viele Iraner, die in zwei Wellen ihr Land verlassen hatten: Die erste wegen der Gewalt der SAVAK, die zweite wegen der Gewalt der schiitischen Revolutionsgarden.
Der 1980 vom Irak gegen den Iran vom Zaun gebrochene „Erste Golfkrieg“ dauerte acht lange Jahre und kostete auf beiden Seiten – je nach Datenquelle – bis zu einer Million Menschenleben (die Mehrzahl davon auf Seiten des Iran). Dieser Krieg und zahlreiche von den UN, den USA und der EU gegen den Iran verhängte Wirtschaftssanktionen führten – zusammen mit der planwirtschaftlich orientierten Wirtschaftspolitik, einem teuren Atomprogramm und der kostspieligen Förderung von Gotteskriegern im Libanon, in Gaza und im Jemen – zur Verarmung großer Teile der Bevölkerung. Galoppierende Inflation, Frustration über die Korruption der herrschenden Nomenklatura sowie Engpässe bei der Lebensmittel-, Energie- und Konsumgüterversorgung, führten – zusammen mit der von unerschrockenen Frauen getragenen Auflehnung gegen die islamischen Bekleidungsvorschriften – schon seit vielen Jahren zu wiederkehrenden politischen Unruhen. 2019 übertrafen die „Benzinpreis-Proteste“ die vorangegangenen deutlich an Intensität. Sie forderten, angesichts der brutalen Repression durch die Revolutionsgarden (Pasdaran) hunderte Todesopfer.
Was die gegenwärtige Protestbewegung von jenen in der Vergangenheit unterscheidet, ist, dass sie in der Person des Thronprätendenten Reza Pahlavi (dem Sohn des 1979 entmachteten Schah Pahlavi) über eine Führungsfigur verfügt. Der in den USA lebende Pahlavi ermuntert die Demonstranten und bringt sich als möglicher neuer Staatspräsident nach einem Sturz des Mullah-Regimes ins Spiel.
Was von den Unterstützungszusagen des US-Präsidenten Donald Trump für die Protestbewegung zu halten ist, lässt sich schwer einschätzen. Während der Proteste ist die angekündigte Unterstützung jedenfalls ausgeblieben. Zwar sind die Drohungen des US-Präsidenten, der für den bereits eingetretenen Fall bewaffneter Ausschreitungen gegen die Protestierenden eine militärische Intervention durch amerikanische Streitkräfte in Aussicht stellte, für das herrschende Regime nicht zu ignorieren, scheinen aber auch nicht ernstgenommen worden zu sein. Jedenfalls zeigt der Einsatz brutaler Gewalt (die schwer zu überprüfenden Quellen berichten von bislang 3.000 bis 6.000 Toten) offenbar Wirkung. Die Proteste dürften anscheinend erfolgreich unterdrückt oder zumindest weitgehend eingedämmt worden sein. Zurzeit erfolgt Berichten zur Folge ein US-Truppenaufbau von Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen in der Nähe des Irans. Wie sich die Situation entwickeln wird, kann derzeit noch nicht abgesehen werden.
Noch ist es auch für die Einschätzung zu früh, ob das Regime Ajatollah Khameineis die Protestbewegungen mit weitreichenden Zugeständnissen an die Opposition beschwichtigen kann (was eher nicht der Fall sein wird), oder ob es weiterhin auf den Einsatz von Gewalt setzen wird. Im Moment sieht es so aus, als ob der Regimewechsel mittels Gewalteinsatzes gegen die Opposition abgewendet werden könnte.
Ob sich das seit nunmehr 47 Jahren herrschende Regime ohne Rückhalt in weiten Teilen der Bevölkerung auch zukünftig wird halten können, steht dahin. Das gilt allerdings nicht nur für die Herrschaft über den Iran, sondern für jede Regierung auf dieser Welt. Wie zahlreiche historische Beispiele zeigen, reicht Gewalt alleine zum Herrschafterhalt auf Dauer nicht aus.
Ludwig von Mises schrieb:
Wer es mit Gewalt versucht, wird schließlich scheitern und durch die Kämpfe, die sein Beginnen hervorruft, mehr Unheil stiften, als eine noch so schlechte Regierung, die sich auf die Zustimmung der Regierten stützt, anrichten kann. (Liberalismus, S. 41)
Auf Dauer entscheidend wird also sein, wer die „Herrschaft über die Geister“ in der Bevölkerung zu erlangen vermag, wie Mises schrieb.
Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist gelernter Maschinenbauer, ausübender kaufmännischer Unternehmer und überzeugter ‚Austrian‘. Ende März 2022 ist sein Buch Inflation: Warum das Leben immer teurer wird (*) erschienen.
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