Schuldenbombe mit Langzeitzünder

12. Januar 2026 – von Thorsten Polleit

Die Kapitalmärkte gehen davon aus, dass die großen Zentralbanken der Welt im laufenden Jahr die Zinsen weiter absenken werden. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Von besonderer Bedeutung sind die allerorten anschwellenden Staatsschulden. Die Politiker drängen die Zentralbankräte, die Kreditkosten zu senken, um die Zinsrechnung zu reduzieren. Und die Zinskosten sind vielerorten bereits erdrückend hoch.

Beispielsweise beläuft sich in den USA die Zinslast auf die Staatsschuld von gut 38 Billionen Dollar bereits auf 1,2 Billionen US-Dollar, das ist mehr als Amerikas bisheriger Verteidigungshaushalt, Tendenz steigend.

Auch im Euroraum wird die Verschuldungslage der großen Staaten, insbesondere Frankreich und Italien, jüngst aber auch unter Einschluss von Deutschland, weitere Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank politisch erzwingen.

Dramatisch ist die Lage bereits in Japan. Bei einer Schuldenlast von etwa 235 Prozent des japanischen Bruttoinlandsproduktes beläuft sich hier die Zinsrechnung schon auf 1,8 Prozent der Wirtschaftsleistung. Damit liegen die jährlichen Zinskosten über der durchschnittlichen Wachstumsrate des Landes von etwa 1 Prozent pro Jahr. Anders gesagt: Die Zinskosten, die die Staatsschulden verursachen, fallen höher aus als der jährliche Einkommenszuwachs. Die Staatsschulden kosten den Japanern also mehr als sie „einbringen“.

Dies erinnert daran, was Ludwig von Mises (1881 bis 1773) bereits 1940 in seiner „Nationalökonomie“ (S. 216) schrieb:

Der Staat vermag aus dem Einkommen der Wirte Teile für die Bestreitung seiner Ausgaben herausziehen, er vermag für solche Verwendung auch Kapitalsteile zu enteignen oder zu leihen. Doch es ist unmöglich, dass er auf die Dauer für die Verzinsung der Schulden aufkommt.

Japan steht nicht alleine da. Nahezu alle großen Staaten des Westens weisen ein Primärdefizit aus. Das heißt, sie geben mehr aus als sie einnehmen, und das schon vor Bezahlung der Zinsrechnung. Anders gesagt: Die Zinskosten können nicht aus den laufenden Einnahmen bestritten werden, sondern erfordern die Aufnahme neuer Kredite. Man kann das auch als Ponzi-Spiel bezeichnen, benannt nach dem bekannten Betrüger Charles Ponzi (1882–1949), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Amerika sein Unwesen trieb, Gutgläubige um Millionen betrog.

Wie aber, so werden Sie fragen, kann es da sein, dass die Zinsen nach wie vor relativ niedrig sind? In den USA liegt die Rendite für 10-jährige Staatsanleihen bei 4,15 Prozent, in Deutschland bei 2,8 Prozent, in Frankreich bei 3,5 Prozent, in Italien bei 3,45 Prozent, in Großbritannien bei 4,4 Prozent, in Japan bei 2,1 Prozent.

Die Zinsen sind deshalb so niedrig, weil die Investoren erwarten, dass die Zentralbanken sie niedrig halten, dass diese die Zinsmärkte manipulieren. Durch Zinssenkungen, aber auch durch Anleihekäufe. Eine Zentralbank, die Anleihen aufkauft, hebt den Anleihekurs an, senkt dadurch die Anleiherendite ab.

Zentralbanken, als Geldproduktionsmonopolisten, haben dazu quasi die unbeschränkte Kaufkraft, so etwas dauerhaft zu praktizieren.

Solange also auf den Märkten erwartet wird, dass die Zentralbankräte, die im Dienst der Staaten stehen, die Zinsen niedrig halten, werden die Zinsen auch niedrig, eben heruntermanipuliert bleiben — Investoren werden nicht dagegen spekulieren.

Zudem sind vermutlich die meisten Investoren immer noch der Auffassung, die Volkswirtschaften werden irgendwie schon fertig werden mit den Staatsschulden, sie werden ihnen sprichwörtlich entwachsen können.

Es mag auch bei einigen Volkswirtschaften die Hoffnung geben, dass Regierende und Regierte sich besinnen, fortan nicht mehr so viele Schulden zu machen, und dass das Schuldenproblem so über die Zeitachse hinweg gesehen verschwindet.

Vermutlich rechnen auch einige Investoren damit, dass sie selbst, wenn die Sache doch zu heiß wird, ihre Anleihen noch rechtzeitig abstoßen können, weil ja die Märkte für Staatsanleihen besonders liquide sind. Bis auf weiteres ist aber das Halten von Staatsanleihen für sie attraktiv: Es gibt einen Zins, und auch die Tilgungszahlungen treffen pünktlich ein. Man macht also mit, solange die Musik noch spielt.

Doch das Ganze ist und bleibt explosiv. In Japan steigen nun die Renditen unbarmherzig an. Sie sind jetzt so hoch wie zuletzt 1997. Die Bank von Japan hat die Leitzinsen angehoben, und das hat auch den Langfristzins in die Höhe befördert. Aber es ist vermutlich vor allem auch die Befürchtung, dass Japan von der Zinslast erdrückt wird, die nun dafür sorgt, dass sich die Renditeforderungen der Investoren erhöhen.

Um den unheilvollen Trend zu stoppen, wäre es also nicht überraschend, wenn die Bank von Japan schon bald mit ihren Zinserhöhungen aufhört, sie sogar zurücknimmt, wieder beginnt japanische Staatsanleihen zu kaufen. Die Folge: Geldmengenvermehrung, Entwertung des Yen nach innen und nach außen.

Daraus kann ein Ansteckungseffekte für alle anderen Märkte für Staatsanleihen entstehen. Und im Bestreben, den Ausverkauf auf den Anleihemärkten aufzuhalten, könnten sich andere Zentralbanken gezwungen sehen, ebenfalls Anleihen zu kaufen, die Geldmenge auszuweiten, die Inflation in die Höhe zu treiben.

Für die meisten Anleger, vor allem für diejenigen, die Buy-and-Hold bevorzugen, lohnen sich die meisten Staatsanleihen schon heute nicht mehr, mit ihnen kann das Kapital nicht erhalten oder gar vermehrt werden. Dazu ein Beispiel: Die 10-jährige Rendite der deutschen Bundesanleihe liegt derzeit bei 2,8 Prozent pro Jahr. Auf den Zinsertrag muss der deutsche Anleger einen Steuersatz von 25 Prozent zahlen (zzgl. „Soli“ von 5,5 Prozent der Kapitalertragsteuer, der für diese Betrachtung außen vor bleibt). Nach Steuern beträgt die Rendite also 2,1 Prozent. Davon muss man nun aber die Inflation abziehen, so gelangt man zur realen, also inflationsbereinigten Rendite nach Steuern – das ist die wichtige Größe für den Anleger. Legt man die offizielle, vom Staat errechnete Inflation zugrunde, die in 2025 im Durchschnitt bei 2,2 Prozent lag, dann erkennt man: Die reale Rendite nach Steuern war für den Anleger negativ: – 0,1 Prozent. Und rechnet man mit der wahren, unverfälschten Inflation, die weit höher liegt als die offiziell ausgewiesene, dann sind natürlich die Kapitalverluste für den Anleger tatsächlich noch viel größer. Wer eine Bundesanleihe hält, der verringert sein Kapital in realer Rechnung, Bundesanleihen sind ein Verlustgeschäft.

Keine Frage: Die Zinsen sind von allergrößter Bedeutung für das Wirtschafts- und Finanzmarktgeschehen. Vor allem jetzt, da die Welt in einen großen Umbruch hineinläuft, es zu einer Neuordnung der US-amerikanischen Interessen kommt entlang der Trennlinie zwischen westlicher und östlicher Hemisphäre. Die Geschäftsmodelle vieler Staaten kommen dadurch vermutlich auf den Prüfstand, und damit auch ihre Schuldentragfähigkeit.

Die leidvolle Geschichte der staatlichen Schulden zeigt unumwunden, dass, vor die Wahl gestellt, einen Staatsbankrott hinzunehmen oder aber die Rechnung mit neu geschaffenem Geld zu bezahlen, Regierende und Regierte im Anwerfen der Notenpresse das vergleichsweise kleinste Übel ansehen.

Der britische Ökonom Adam Smith (1723 – 1790) formulierte es treffend bereits im Jahre 1776:

Wenn die öffentliche Schuld eine bestimmte Höhe überschritten hat, so gibt es, glaube ich, kein einziges Beispiel, wo es je gelungen wäre, sie auf gerechte Weise und vollständig zurückzuzahlen.

Staatsschulden werden nicht gemacht mit dem festen Willen, sie zurückzuzahlen, sondern fällige Schulden sollen vielmehr durch neue Schulden ersetzt werden. Und funktioniert das nicht mehr, werden sie nicht oder mit durch Inflation entwertetem Geld zurückgezahlt.

Aus den aufgelaufenen gewaltigen Schuldenlasten – vor allem auch im wirtschaftlich niedergehenden Europa – kann nur allzu leicht eine wahrhafte Schuldenbombe werden, und der Versuch, den Zins politisch in den Griff zu bekommen, kann eine heute noch ungeahnte Inflationswelle lostreten. Man sollte sich daher bewusst machen: Staatsschulden sind eine Schuldenbombe mit Langzeitzünder.

Professor Dr. Thorsten Polleit war als Ökonom 15 Jahre im internationalen Investment-Banking tätig und danach 12 Jahre im internationalen Edelmetallhandelsgeschäft. Er ist zudem seit 2014 Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. Thorsten Polleit ist Adjunct Scholar Mises Institute, Auburn, Alabama, Mitglied im Forschungsnetzwerk „ROME“ und Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Im Jahr 2012 erhielt er den The O.P. Alford III Prize In Political Economy. Thorsten Polleit ist Autor zahlreicher Aufsätze in referierten Journals, Magazinen und Zeitungen. Seine letzten Bücher sind: „Des Teufels Geld. Der faustische Fiatgeld-Pakt – wie wir ihn kündigen und zu gutem Geld zurückkehren“(*) (Oktober 2023), „The Global Currency Plot. How the Deep State Will Betray Your Freedom, and How to Prevent It“(*) (2023), „Ludwig von Mises. Der kompromisslose Liberale“(*) (2022) und „Der Weg zur Wahrheit. Eine Kritik der ökonomischen Vernunft“(*) (2022). Seit April 2024 gibt er Dr. Polleits BOOM & BUST REPORT heraus. Hier Thorsten Polleit auf Twitter folgen.

[(*) Mit * gekennzeichnete Links sind Partner-Links. Kommt über einen solchen Link ein Einkauf zustande, unterstützen Sie das Ludwig von Mises Institut Deutschland, das mit einer Provision beteiligt wird. Für Sie entstehen dabei keine Mehrkosten.]

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Das Ludwig von Mises Institut Deutschland e.V. setzt sich seit Jahren für die Verbreitung der Lehre der Österreichischen Schule der Nationalökonomie ein. Freiheit gibt es nicht geschenkt, sie muss stets neu errungen und erhalten werden. Bitte unterstützen Sie daher das Ludwig von Mises Institut Deutschland mit einer Spende, damit wir uns weiterhin für unser aller Freiheit einsetzen können!

Spendenkonto:

Ludwig von Mises Institut Deutschland e. V.

IBAN: DE68 7003 0400 0000 1061 78

BIC: MEFIDEMM

Merck Finck A Quintet Private Bank (Europe) S.A. branch

Verwendungszweck: Spende

Titelbild: Adobe Stock Fotos (bearbeitet)

Soziale Medien:
Kontaktieren Sie uns

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Beginnen Sie mit der Eingabe und drücken Sie Enter, um zu suchen